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Präzise aber ohne Herz – Bedingungslos
Eingestellt am 30. 01. 2009 10:06


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jon
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Dies ist eine Rezension zu einer Überraschungepremiere

Präzise aber ohne Herz
„Bedingungslos“ – Gesehen am 29. Januar 2009


Ich hasse es, wenn eine Geschichte mit Rästelraten beginnt. Als „Gag am Anfang“ kann das ja sogar mal funktionieren, aber wenn es 10 Minuten oder länger dauert, werde ich sauer. Kein guter Start für „Bedingungslos“.

Das Ganze geht also so los: Ein Mann liegt verblutend im Regen und kommentiert das Bild als „Erzählstimme aus dem Off“. Sieht schick aus und macht klar, wie der Film enden wird. Jetzt eine Szene, in der eine Frau offenbar in Absprache einen Mann, dem sie noch versichert, ihn zu lieben, erschießt. Dann erzählt der Off-Mann etwas über eine Julia, die auf der Flucht war und was ganz besonderes ist und überhaupt – und dazu sieht man in Großaufnahme eine Frau am Steuer, sichtbar im tiefsten Lebens-Tal und offenbar gerade ein Unfall erleidend oder provozierend oder was auch immer. Und noch mal dieser Blick in das verzerrte Gesicht beim Unfall. Zwischendrin Rückblicke auf die völlig verwahrloste und seelisch extrem desolate Julia, die auf irgendeinem Flughafen ein Handy-Gespräch mit ihrer Mutter führt. Und noch mal der Crash, ein bisschen anders diesmal– ein anderer Unfall? Und noch mal. Dann wieder das Telefonat, das einem fett ins Gesicht schmiert, wie schlecht es Julia geht, ohne Hinweis darauf, warum. Wieder der Unfall. Und noch mal. Und … Ich beschloss, zu gehen. Keine Ahnung, warum ich es nicht tat. Vielleicht wegen des Eintrittsgelds.

Dann begann die Geschichte: Ein Mann namens Jonas – Tatort- oder besser Leichen-Fotoraf für die Polizei – hat ein normales Leben. Frau, zwei Kinder, neue Wohnung, altes Auto, Kollegen, die sowas ähnliches wie Freunde sind. Und manchmal träumt er sich in die Ferne, in ein weniger normales Leben. Eines Tages bleibt sein Auto mal wieder mitten auf der Straße liegen, ein Auto naht von hinten – wir sehen wieder Julia – und fährt voll Karacho auf und dann auf das nächste und überschlägt sich und … na jedenfalls ein richtig fieser Unfall mit scheußlich zertrümmerten Fahrzeugen und Toten. Jonas stellt im Vorbeigehen fest, dass denen da nicht mehr zu helfen ist, und wendet sich Julia zu, die aus ihrem Auto geschleudert worden war, stark verletzt ist, aber noch lebt. Im Hintergrund macht sich Entsetzen über die „Verwüstung mit Leiche“ breit und jemand schreit hysterisch. Ein Arzt kommt, Julia zu retten, Jonas geht zu seiner unverletzten Familie zurück und Schnitt.

Die Geschichte geht damit weiter, dass Jonas das dringende Bedürfnis hat, zu erfahren, wie es Julia geht – den Namen und dass es rästelhaft ist, wie Julia auf diese Straße kam, hat er dank seiner Polizei-Kontakte schnell raus. „Ist sie schön?“, fragt sein Kollegen-Freund Frank und orakelt: „Schöne Frauen und ein Mysterium …“ Um Julia zu sehen, gibt sich Jonas im Krankenhaus als ihr Freund aus – kaum gesagt, tritt jemand an ihn heran und fragt „Du bist Sebastian?“ und lässt Jonas praktisch keinen Raum, zu verneinen. Die ganze Familie, die sich an Julias Koma-Bett versammelt hat, lässt diesen Raum nicht. Jonas fordert ihn auch nicht ein. Und so kommt, was kommen muss – als Julia erwacht, praktisch blind und ihres Gedächtnisses beraubt, nimmt Jonas Sebastians Platz ein. Frank bekommt heraus, was der Zuschauer schon weiß, nämlich dass der echte Sebastian in Fernost erschossen wurde. Zumindest diese Sorge ist Jonas also los. Vorerst zumindest …

Was schon als Komödien-Stoff herhalten musste, wird hier zum Thriller ausgebaut. Die nasskalten Bilder, die sparsame Sprache und gewöhnungsbedürftige Mimik, die Großaufnahmen der Gesichter, ungeschönte Leichen in der Pathologie … Regisseur Ole Bornedal, der auch das Drehbuch schrieb, gibt sich viel Mühe, das Leben als latent grausam und trostlos zu zeigen. Vielleicht nimmt das der sich nach und nach enthüllenden „wahren Geschichte von Julia und Sebastian“ ihre Erschütterungskraft. Immerhin ist sie spannend genug, um mich im Kino gehalten zu haben, aber überraschend kommt da nichts.

Zugegeben: Das Ganze ist präzise gebaut – bis hin zu dem, was im Szenen-Hintergrund passiert. Aber man merkt das auch jeder einzelnen Szene an. Dabei scheinen alle krampfhaft Distanz zu halten – die Macher, die wohl fürchten, man könnte ihnen sonst Hollywood-Kitsch vorwerfen, die Schauspieler, die die Rolle darstellen statt in sie zu schlüpfen, ja sogar das Set, das aussieht, als hätte es sich nicht getraut, einfach nur zu sein. Gefühle werden da nicht gefühlt, sondern gezeigt, wie es wahrscheinlich aussähe, wenn man sie fühlen würde. Schade, denn eigentlich ist der Film ziemlich gut darin, Gefühlsmechanismen zu entlarven: Könnte man da als Zuschauer auch mit dem Herzen dabei sein, wäre das eine inspirierende Erfahrung von Verstehen. So ist es nur ein sorgfältig gebautes Spielwerk.



Filmografisches: „Bedingungslos“ (Kærlighed på film); Drama/Thriller - Dänemark 2007; Kinostart in Deutschland: 09.04.2009; Jonas: Anders Wodskou Berthelsen; Julia: Rebecka Hemse; Regie & Drehbuch: Ole Bornedal

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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Version vom 30. 01. 2009 10:06
Version vom 05. 04. 2009 11:58
Version vom 09. 04. 2009 14:18

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