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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Proditio
Eingestellt am 16. 10. 2009 23:21


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Siam
Autorenanwärter
Registriert: Oct 2009

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Ich klingle. Das tiefe Gong schallt mir bis nach drauĂźen entgegen, und ich sehe durch das Milchglas verschwommen seine weiĂźe Gestalt durch den Flur auf mich zu eilen.

Die Tür wird aufgerissen, und sein Enthusiasmus schwappt mir in Form eines glücklichen Lächelns entgegen. Er malt. Wie immer.

Seine Gestalt ist komplett in Weiß gehüllt, hier und da zieren grüne und rote Farbtupfer Gesicht und Hände. „Komm rein!“ Bei Anderen freundliche Bitte, ist es bei ihm ein Befehl. Ich wusste nicht, dass es so glückliche Befehle gibt, aber es gibt so viel, das ich nicht wusste und auch immer noch nicht weiß.

Ich leiste Folge, stelle mich ins Wohnzimmer und betrachte das Bild, einen rotgrĂĽnen Farbenwirbel, der an mir zerrt und mich irritiert. Kontraste zerspringen innerhalb von bitteren Formen.

„Stell dich hierhin!“ Ganz das aufgeregte Kleinkind, dirigiert er mich vor sein Gemälde – „Dichter! Ganz nahe daran! Bleib still stehen!“ Was kann ich anderes tun, als zu gehorchen? Ich sehe ihn an, ganz ruhig, ein Gegenpol, der nötig ist, um jede seiner Bewegungen einzufangen. „Mach die Augen zu und rühr dich nicht!“

Ich schließe die Augen widerwillig, und neben tröstendem Schwarz empfängt mich das grüne Negativ seines erwartungsvollen Gesichts. Ich muss lächeln und warte geduldig darauf, dass er anfängt mit was auch immer er vorhat. Ich spüre einen leisen Lufthauch, als er um mich herum huscht, sehe ihn vor mir, an mir herum zupfend, stets unzufrieden...

„Zieh das Hemd aus!“ Neutral. Ich gehorche, weil ich keinen Unterton finde, mit geschlossenen Augen, das kühle, teilweise noch nicht trockene Bild im Rücken. Ich registriere einen minimalen Lufthauch nahe meinem Gesicht und stelle mir vor, wie seine Haare fliegen, während er begeistert nickt. Und wieder das leise Rascheln seiner Kleidung, als er mich umrundet. Er spricht jetzt leiser, mehr zu sich als zu irgendjemand sonst.

„Genau so…“ Seine Fingerspitzen huschen über meinen Oberkörper, völlig ohne Hintergedanken, nur abtasten wollend, aber Himmel… ich fühle mich wie gefangen in einem Käfig voller Schmetterlinge, die mich mit ihren Flügeln streifen. Sein Atem ist warm an meiner Schulter, die Kuppen seiner Finger auf meinen Augenlidern, Wangen, Stirn… Und ich zucke zusammen, als er beginnt, mit dem kalten Pinsel meine Umrisse auf sein Gemälde zu übertragen, dabei immer wieder meine Schultern streifend, dann meinen Hals, Brustkorb, Taille…

Ich stehe ganz still, den Gegensatz seiner warmen Fingerspitzen zu dem kühlen Metall des Pinsels genießend. Zerstreut zeichnen seine Finger Muster auf meine Haut – Wenn ich nur still halte, kann ich den Moment einfangen, damit er nicht vergeht.

Doch Wunschdenken hilft nicht, und er entfernt sich leise; ich kann das zufriedene Künstlerlächeln in seiner Stimme hören, als er sagt: „Okay. Du kannst die Augen aufmachen und weggehen.“

Die Umrisse meines Oberkörpers haben dem Bild gefehlt. Ich nicke ihm zu, um zu zeigen, dass ich seiner Meinung bin, und ziehe das Hemd über grüne und rote Farbreste, die das Gemälde mir aufgedrängt hat. Ganz kurz sieht es so aus, als wüsste er nicht, was er davon halten soll, doch dann ist der Augenblick vorbei und sein Gesicht ist wie immer, wenn er ein Bild vollendet hat.

„Verkaufst du es mir?“ Ich frage, bevor ich mich davon abhalten kann.

Sein verwunderter, blassblauer Blick streift mich und heftet sich sekundenlang an meinen Augen fest. Ich habe das GefĂĽhl, dass alles, was ich je gedacht und gefĂĽhlt habe, offen vor ihm liegt, und mĂĽhe mich, ruhig zu bleiben. Dann nickt er wie in Zeitlupe, die braunen Haare fallen in sein Gesicht und lassen ihn noch mehr wie einen sonderbaren KĂĽnstler wirken.

„Was kostet es?“, frage ich leise.

Seine Stimme klingt rauer und leiser als sonst, sein Blick ist undefinierbar, als er antwortet.

„Dein Hemd.“

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