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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 01. 04. 2001 20:16


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kira
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2001

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Ich betrete die Welt. Es ist dunkel und eng. Ich kann nichts sehen, nur riechen und h├Âren. Es stinkt und es ist laut. Um mich herum gellende Schreie. Ich bin eines dieser schreienden Wesen.

Meine erste Empfindung ist die Angst.

Meine Mutter ist niemals f├╝r mich da. Ich kenne sie nicht. Meinen Vater habe ich nie erlebt. Ich lerne trotzdem. Lerne, dass ich um mich treten, bei├čen muss, um meinen Platz zu finden. Lerne, mich auf meinen Geruchsinn zu verlassen, auf mein Geh├Âr. Die Ger├Ąusche sind mir vertraut. Schritte bringen Nahrung und mehr. Meine Augen brauche ich nicht. Sie nutzen mir nicht. Was sind schon Farben. Was sind Farben?

Meine zweite Empfindung ist der Schmerz.

Meine Haut ist entz├╝ndet. Es ist zu eng. Bisswunden eitern. Wir hassen uns, aber wir haben nur uns. Ich liege, wenn die Ersch├Âpfung das Stehen nicht mehr zul├Ąsst. Die anderen treten auf meinen Bauch, meine Beine, meinen Kopf. Sie k├Ânnen nichts daf├╝r, es ist eng. Ich hasse sie trotzdem. Ich brauche sie. Ich habe Angst.

Bei neuen Ger├Ąuschen heulen wir. Neue Ger├Ąusche bringen mehr Schmerz.
Ich blute. Dort, wo einmal ein Teil meines K├Ârpers war, ist nun nichts mehr. Aber ich brauche den Schwanz nicht. Einige von uns haben ihn durch die Bisse anderer schon fr├╝her verloren.

Ich stehe in meinem Kot, in dem Kot der anderen. Manches f├Ąllt durch Ritzen nach unten. Aber nicht alles. Ich sehe ihn nicht, aber ich rieche ihn. Immer. Manchmal versuche ich, mich am Metall zu reiben. Dann ├Âffnen sich verschorfte Wunden, aber meine Haut juckt eine Weile nicht mehr.

Das st├Ąndige Schnaufen und Scharren um mich herum treibt mich in den Wahnsinn. Die st├Ąndige Ber├╝hrung mit den anderen l├Ąsst mich vergessen, dass meine Angriffe, mein Streben nach Platz, nur neue Wunden bringen. Ich lerne auch das. Lerne, dass m├Âglichst wenig Bewegung die Qual mindert. Irgendwann ist die Zeit ein Flie├čen. Wir essen. Wir schlafen. Wir versuchen, unsere K├Ârper voreinander zu sch├╝tzen.

Als ich laufen soll, habe ich keine Kraft. Meine Beine knicken fort, ich habe Angst. Pl├Âtzlich verbrennen meine Augen. Ich habe nicht gewusst, dass diese Form des Schmerzes existiert. Etwas trifft mich. Meine Haut platzt auf. Ich versuche, mit den anderen Schritt zu halten. Ich sehe nichts. Ich bin das gew├Âhnt. An die neuen Schmerzen werde ich mich auch gew├Âhnen. Ich falle. Vor mir liegt etwas weiches. Die neue Angst, den neuen Schmerz, nicht alle von uns k├Ânnen das ertragen. Ich sp├╝re wieder Schl├Ąge, weiche aus, werde durch einen Tritt gegen den Kopf in die vorgegebene Richtung gedr├Ąngt. Ein kurze Steigung, dann gibt es kein Weiterkommen.

Ich h├Âre die anderen, rieche sie, f├╝hle sie. Wir erzittern, als der Boden unter unseren F├╝├čen bebt. Wind schneidet in unsere tr├Ąnenden Augen. Manche von uns verlieren das Bewusstsein. Aber sie st├╝rzen nicht. Es ist zu eng.
Die Zeit steht still. Ich habe Durst. Die weiche Seite eines Anderen reibt an meiner Schnauze. Ich bei├če hinein. Er soll weggehen. Der andere r├╝hrt sich nicht, er heult. Blut l├Ąuft an meiner Kehle entlang. Er soll weggehen. Warum geht er nicht weg? Ich kann nicht atmen. Meine Augen tun weh.

Die Erde h├Ârt auf zu beben. Alles schiebt sich in eine Richtung. Es ist m├╝hsam, ├╝ber die leblosen K├Ârper der anderen zu steigen. Wir laufen gemeinsam, bis Dunkelheit uns umf├Ąngt.

Schmerzen weisen meinen neuen Weg. Die Trennung von den anderen ist schlimm. Ich kann sie noch h├Âren, aber nicht mehr ber├╝hren. Statt dessen f├╝hle ich Metall an meinem Kopf. Eine Zange presst sich gegen meine Schl├Ąfen. Ich wehre mich, will zu den anderen. Wo sind die anderen? Die Zange rutscht ab, etwas tritt gegen meinen Bauch. Ich sp├╝re wieder das Metall an meinem Kopf, dann einen scharfen Schmerz.
Sechs Monate, nachdem ich die Welt betreten habe, sterbe ich.

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

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Hallo kira,

h├Âchst eindrucksvoll, wie Du das kurze, aber an Qualen viel zu lange Leben dieses Tieres (ich vermute, da├č es sich um ein Schwein handelt) beschreibst. Wenn ich mal so einen Tiertransport sehe, wird mir spei├╝bel. Nicht vor Ekel, sondern vor Wut.
Kuhherden einschlie├člich ihrer K├Ąlber auf gro├čen Weiden, Schweine in hellen und gut durchl├╝fteten St├Ąllen mit Auslaufm├Âglichkeiten - ich begegne solcher Tierhaltung nicht selten. Ich nehme es als Beweis daf├╝r, da├č es auch anders geht, als von dir beschrieben. Ist es wirklich so schwer, diese Tierqu├Ąlerei zu unterbinden? Ich f├╝rchte - ja. Die Freiheit des r├╝cksichtslosen Geldverdienens - das ist die einzige (weil heilige) Kuh, die mit gr├Â├čter Liebe geh├Ątschelt wird. Und daran wird sich so schnell nichts ├Ąndern --f├╝rchte ich.

Nach dem Lesen habe ich mir ├╝berlegt, ob die Szene im Schlachthof nicht etwas kurz gekommen ist. Aber dann dachte ich: Es reicht auch so, um dem Leser das Leid dieser Tiere vor Augen zu halten. Nur den letzten Satz h├Ątte ich gestrichen. Er ist meiner Meinung schlicht ├╝berfl├╝ssig.

Gru├č Ralph

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kira
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2001

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Hallo Ralph

Auch ich hatte mir erst ├╝berlegt, die Szene im Schlachthof zu strecken. W├Ąre von den Fakten her kein Problem gewesen, schlie├člich versagt die Elektrozange nicht gerade selten, weil die Stromdosis zu niedrig gegeben wird, um das Fleisch nicht zu verderben. Tiere, die dann beim Ausbluten noch Schmerzen empfinden, sind nicht unbedingt die Ausnahme der Regel. Allerdings wollte ich nicht unn├Âtig ins Splatterige gehen - und dazu w├Ąre es zwangsl├Ąufig gekommen.

Der letzte Satz kn├╝pft an den ersten an. Das Tier wird geboren, es wird get├Âtet; es "betritt die Welt", es "stirbt". In meinen Augen ist er notwendig, um den Text zu schlie├čen. Die Angabe des Zeitraums ist vielleicht nicht notwendig, ich denke dar├╝ber nach.

Viele Gr├╝├če an dich - Kira

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Ole
Manchmal gelesener Autor
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Hallo kira,

um an den Schlu├č anzukn├╝pfen,
ich glaube der letzte Satz, und
gerade die Zeitangabe war sehr wertvoll.
Ich habe nicht viel Ahnung von der
Tierhaltung, sind es echt nur 6 Monate?!
Dein Text beschreibt so gef├╝hlvoll
das grausame Leben der Tiere.
Da kann einem die Galle hochkommen,
was "wir" so alles anstellen, nur damit
die Regale stets voll sind! eckelhaft!
und dann wird die H├Ąlfte doch nur
weggeschmissen, oder eben verf├╝ttert!
Wo sind wir nur hingekommen!
Gut, da├č es uns hier noch einmal sehr
deutlich vor Augen gef├╝hrt wird!

Viele Gr├╝├če
Ole.


__________________
"...Wir sitzen mit unsern Gef├╝hlen
meistens zwischen zwei St├╝hlen --
und was bleibt, ist des Herzens Ironie..."

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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
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Hallo Kira,
vielleicht solltest Du f├╝r diese aufw├╝hlende Geschichte einen anderen Titel w├Ąhlen. Zumindest in einem Forum, "Produkt" klingt so nichtssagend, obwohl ich genau verstehe was Du meinst.
Einen richtig guten Vorschlag habe ich auch nicht, h├Âchstens dass man Tiere ja inzwischen nicht mehr t├Âtet sondern "keult".
Keulung w├Ąre zu direkt, ich habe nur Bedenken dass Dein toller Text so ├╝bersehen wird.
Es geht ja um Qual, ein Leben voller Qual und einen qualvollen Tod.

das ist nur eine recht unwichtiger Vorschlag.....

Liebe Gr├╝├če

Kyra

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Jasmin
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Sep 2000

Werke: 141
Kommentare: 1135
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Sehr gut!

Hallo Kira!

Wirklich beeindruckend. Auch ich wollte zu dem Thema einen Text schreiben, allerdings ein Gedicht, habe mich aber nicht getraut.
Ich finde deinen Text wirklich gelungen, vor allem die einfache Sprache "passt" zu der eines Tieres...Den Titel wuerde ich auf jeden Fall aendern. Der gefaellt mir nicht so, obwohl er ja durchaus richtig ist.

Beeindruckte Gruesse

Jasmin


__________________
Jasmin

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