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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Profanation
Eingestellt am 20. 08. 2017 00:29


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Val Sidal
???
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Lars kannte die Bilder: die in Kirchen aufgeschlagenen Zelte, Matratzenlager, Wäscheleinen, die kreuz und quer durch das Kirchenschiff gezogen, den Raum zerschnitten, wie Hochspannungsleitungen und vergiftete Kondensstreifen den Himmel kreuzten. Die dunklen Gestalten, wie sie grinsend, oder das Leiden des Bettlers und Hausierers heuchelnd, ins Land, in die Städte strömten. Die schwarze Haut, wie sie auf den Selfies glänzte – vor allem die Haut. Und den vergeistigten Ausdruck in Mutters Gesicht bei den Reportagen von guten Menschen, die dem Teufel mit offenen Armen entgegenrannten.

Er stimmte Vater zu, wenn er daraufhin Mutter als komplett verblödete Kuh bezeichnete. „Wie krank muss man sein, die Horden von notgeilen Testosteronbomben herein zu lassen? Du würdest dir am liebsten auch ein paar ins Haus holen, wie?! Die Beine breitmachen! Fotze!" In Vaters Augen haben alles die Weiber verschuldet. Sie hätten keinen Sinn für die Realität. Für Fakten. „Die Welt ist kein Sandkasten! Und das Land, kein Garten Eden. In der Welt herrscht nun mal der Kampf ums Überleben. Schonungslos. Unfair. Heimtückisch und brutal. Ihr Weiber seid zu einfach strukturiert, um es zu kapieren!" Solche Ausbrüche fand Lars Mutter gegenüber unfair. So sei sie halt, sie könne auch nicht aus ihrer Haut. Manchmal hätte er sie gerne verteidigt.

Mit heftigem Druck in der Stirn und in den Augen lauschte er heute seinem Herzschlag, beobachtete den Pumprhythmus und das Pochen der Halsschlagader – rasend oder normal? Regelmäßig oder mit Aussetzer? Er hörte sich leben. Dann brach das Glockengeläut der nahegelegenen Kirche durch das Fenster ein, und er zuckte zusammen. Das Kribbeln in den Armen, in den tauben Fingern hörte sich unter der Haut wie der Gesang von tausend Ameisen an. Wach sein ist anders.

Lars wusste, dass seine Eltern schon längst die Kirchbank drückten, wie jeden Sonntag – die Ärsche, dachte er. Dass sie schon lange weder von der Kirche, noch von Gott irgendwas erwarteten, war ihm klar. Es war nur wegen der Leute. Mutter, und das Gerede, als vor zehn Jahren Lars sich geweigert hatte, jemals wieder eine Kirche zu betreten ... „Sag du auch mal was", hatte sie ihren Mann angefleht, ihn verzweifelt angebrüllt. „Hat keinen Zweck", raunte er genervt, „es ist deine Schuld, deine Erziehung", und – „der Versager ist nicht normal. Deine schlechten Gene! Lässt sich bemuttern, sich alles in den Arsch schieben … „Der wird's nie zu etwas bringen." Vater sprach über Lars gerne in der dritten Person, würdigte ihn aber dabei keines Blickes.

Der Druck auf seine Blase nahm zu, und Lars öffnete die Augen, stieg aus dem Bett, stand auf, sank aber gleich wieder auf die Bettkante, weil es ihm schwarz vor den Augen wurde – wie jeden Morgen. Es liege am Sauerstoffmangel, oder am niedrigen Blutdruck – sie sollten sich mal untersuchen lassen, hatte die Psychotherapeutin empfohlen. Geerbt, hatte Lars gesagt – meine Mutter hat das auch. Pech gehabt!

Wie oft musste er von seinem Vater hören, dass die Gene seiner Mutter es schuld seien, und dass er halt Pech gehabt hätte. In einer Sitzung hatte die Psychotherapeutin erklärt, dass er mit seinen Eltern wirklich Pech gehabt habe. „Es ist nicht Ihre schuld!“, sagte sie, „Wiederholen Sie: Es ist nicht meine Schuld!“

qui pro nobis sanguinem sudavit
– wiederholte Lars: qui pro nobis sanguinem sudavit …

Pech war das Schwarze Loch, das sein Selbstbewusstsein – mehr noch: sein Selbst und sein Bewusstsein verschlang. Er fühlte es. Materiell, heiß und zäh. Manchmal füllte es seinen Schädel ganz aus. Dann wurde es ihm schwarz vor den Augen und er verlor sich im Tumult seiner Stimmen.
Pech, und – das Unaussprechliche. Das Teuflische.

Es ist wie ein Möbius-Band. Tag und Nacht, dieselbe Seite, nur verschiedene Schleifen, hatte Lars einmal der Therapeutin gesagt. Wenn Mutter – unbeobachtet, wie sie glaubte – mit zitternder Hand, wieder das Cognac-Glas füllte, dann war es Vormittag. Wenn Vater durch die Tür kam, sich aufs Sofa stürzte und die geöffnete Flasche Bier entgegennahm, dann war es Nachmittag. Wenn es im Haus dunkel wurde, und in seinem Kopfkino Vater und Mutter sich in der Wirtschaft vergnügten, wie es Erwachsene tun, dann brach die Nacht ein – die Zeit des Wartens und der Stimmen.

Irgendwann half auch das Fernsehen nicht mehr. Wenn er im Treppenhaus saß und auf der letzten Stufe mit automatischen Rhythmen die bösen Geister mit den Füßen verscheuchen versuchte, dann nahte die Zeit der Panik, und er wünschte, dass seine Eltern sich auf dem Heimweg nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen, dass sie bald die Tür aufschließen und grölend in die Diele torkeln würden.
Wenn die Glocken läuteten, dann war es Sonntag.

Seine Eltern beteten wohl gerade das letzte Vater-Unser, dachte Lars: Die Entweihung der Kirche stand unmittelbar bevor. Der zuständige Bischof hatte beschlossen, dass die Profanation der Saint-Bernadette Kirche im Rahmen einer letzten Heiligen Messe vollzogen wird. Die Kirche gilt nach der Profanierung nicht mehr als geheiligter Raum, sondern als gewöhnliches Gebäude, hatte Vater erklärt, aber Lars wusste, dass sie bereits entweiht wurde, als der Teufel in die Kirche einzog. Eine ritualisierte Zerstörung des Kirchengebäudes und des Altars war nicht vorgesehen – das würde in ein-zwei Jahren der Riesenbagger des Braunkohletagebaus ganz profan erledigen, scherzte Vater – das Problem würde sich von selbst lösen.

Ob er eine Freundin oder Freunde habe, hatte sich die Therapeutin erkundigt. Seine Freunde stünden zu ihm, hatte Lars beteuert – allesamt Klassenkammeraden –, sie hätten ihn immer auf Schalke mitgenommen – solange er es noch schaffte, das Haus zu verlassen.

Auch gestern musste er sich überwinden, um nach mehreren Anläufen auf die Straße zu gelangen. Der nasse Bürgersteig reflektierte verschwommen die Lichter der Straßenbeleuchtung. Obwohl der Wagen wochenlang ungenutzt auf dem Parkplatz gestanden hatte, sprang der Motor sofort an. Lars lächelte zufrieden, und fuhr die paar hundert Meter zur Tankstelle mit Tempo 30. Bloß nicht auffallen! Nachdem er den Benzinkanister gefüllt und auf dem Boden vor dem Beifahrersitz abgestellt hatte, blieb er noch eine Weile sitzen und hörte zufrieden seine Lieblingsband im Autoradio.

Lars wusste, dass die Profanierung mit einer letzten Prozession mit dem Allerheiligsten, den Reliquien und Heiligenbildern vollzogen wird. Man wird das Haus einfach dem Teufel ĂĽberlassen, dachte Lars. Viele, die an der Prozession teilnehmen werden, kannte Lars gut. Die meisten waren Vaters Meinung. Aber sie reden nur ...

Das Haus nicht verlassen zu können – heute war das seine einzige Sorge. Normale Menschen können sich das nicht vorstellen, wie es ist, wenn schon der Gedanke daran das Herz zum Rasen bringt, die Knie zu zittern beginnen, und … Ja – mehr hatte die Therapeutin dazu nicht zu sagen. Lars öffnete die Sporttasche, warf einen Blick hinein und zog zufrieden den Reißverschluss wieder zu. Es beruhigte ihn etwas. Ich werde es heute schaffen! Ich muss!

Die Therapeutin hielt das Bild von Lars in Stichpunkten fest – mehr war nicht nötig.
Lars sei nun erwachsen und wenn er wieder auf die Beine kommen wollte, müsse er für sich Verantwortung übernehmen, in eine eigene Wohnung ziehen – er solle unbedingt aus dem elterlichen Haus ausziehen! Lars entgegnete erregt, dass er doch in seiner eigenen Wohnung lebe – die Einliegerwohnung unterm Dach, zwei Zimmer, Küche, Diele, Bad, war extra für ihn ausgebaut und eingerichtet worden. Und ja, er sei für sich verantwortlich, habe seit zwei Jahren ein eigenes Konto, einen gut bezahlten Job in der Firma seines Vaters, einer kleinen Druckerei, wo er aus seinem Home-Office für den Netzwerk-Support zuständig ist, er zahle Miete und … Die Therapeutin unterbrach ihn mit der Frage, wie oft er im Betrieb anwesend sein müsse. Seine zögerliche Antwort – Nie … – schien sie erwartet zu haben, dennoch rutschte ihr die Bemerkung aus: das ist krank! Deswegen bin ich ja hier, hätte Lars gerne gesagt, aber er bekam keinen Ton heraus.

Wie er auch sprachlos war, als sie wissen wollte, ob er seinen Vater liebe. Ich bewundere ihn, hatte er geantwortet, weil er so vielseitig interessiert und so erfolgreich sei. Und so viel weiß. Lars erzählte von Vaters Vorträgen über Klimawandel, Finanzkrise, Steuern und über den Tod von Flüchtlingen. Von seinem Hass auf die Kirche, weil sie die Abschiebung von rechtlich einwandfrei abgelehnten Asylanten verhindere und Kirchenasyl gewähre. Juristisch sei es kein Unterschied, ob ein Mensch in einer Kirche, bei einer anderen Institution oder in einem Privathaushalt Zuflucht sucht. Beim Thema kochte er vor Wut: Es gelten die üblichen Regeln wie Hausrecht, aber es gibt keine Sonderrechte für Kirchen! Wo soll das hinführen? Es gibt Härtefallregelungen – und damit basta! „Und – stimmen Sie ihm zu?", fragte die Therapeutin. „Ah, Vater redet nur..."

Als das Datum der Profanation feststand, fand ein Meeting der KFD statt. Jemand hat es gefilmt und im Internet gespostet. Es wurde heftig darüber diskutiert, was mit den zwei afghanischen Familien in der Kirche geschehen solle, denen die Abschiebung drohte. Mutter wirkte wie ausgewechselt. So kannte er sie gar nicht. Sie argumentierte leidenschaftlich, aber besonnen. War immer um Ausgleich bemüht. Als Nachbarin Gaby Schlömers den Vorschlag einbrachte, die Flüchtlinge in der Prozession mit zu nehmen, sie zum Schutz vielleicht geheiligte Gegenstände tragen zu lassen, hatte Mutter verständnisvoll und zustimmend genickt. Die Aufnahme zeigte sie lächelnd, und Lars musste das Abspielen stoppen. Er konnte sich nicht erinnern, Mutter jemals so lächeln gesehen zu haben. Ich konnte kaum aufhören zu weinen, sagte Lars und die Therapeutin nickte zustimmend. Am Ende hatte man sich darauf verständigt, dass ein Transporter gemietet würde, um nach der Prozession die Asylanten in die Nachbarkirche zu bringen. Wessen Stimme es war, aus dem Hintergrund, die bemerkte, dass es eigentlich illegal sei, Flüchtlinge aktiv aus einem Asyl ins andere zu bringen, war nicht zu erkennen. Sie ging unter, ohne dass jemand darauf reagiert hätte. Zehn Frauen wollten beim Umzug helfen. Selbstverständlich auch Mutter: Wir müssen anpacken, nicht nur immer reden! Wer da wem wohl helfe, hatte sich Lars gefragt.

Vieles änderte sich, als Lars Ego-Shooter wurde: Engel Mike. Immer das gleiche Spiel: Angel Mike soll die Dämonen – den Teufel – vernichten, und scheitert. Oder er steigt eine Stufe auf, und Luzifer wird seine noch hässlicheren Fratzen zeigen, und der Engel wird wieder scheitern. Oder aufsteigen – im ewigen Krieg. Bis schließlich das Pech der Nacht, im Schatten des Dämmerlichts verdünnt, seine Grauen Zellen mit Bier geflutet hat; bis die Angst, im Zigarettenqualm erstickt, den Geist aufgab und er endlich einschlafen konnte.
Eternal War – Nacht für Nacht. Morgen für Morgen.

Eigentlich war Lars in den Therapiegesprächen immer wortkarg geblieben, antwortete nur knapp, stellte selbst keine Fragen – mit einer Ausnahme. Er wollte wissen, ob sie als Seelenspezialistin nicht auch der Meinung sei, dass von den Flüchtlingen akute Gefahr ausginge. Ob nicht doch Vater recht hätte, dass wenn jemand bereits getötet hat oder töten musste, dann eine Sicherung durchbrannte und die Schwelle mit jedem Male niedriger würde, bis irgendwann auch eine Kleinigkeit, ein falsches Wort reichte … Ob Kinder, die ihr Leben lang von Morden und Mördern umgeben waren, den Umgang mit Waffe und das Töten spielend lernten und Gewalt als völlig normal empfänden. Vater sagte, dass Werte und Verhalten, wenn sie geprägt wurden, nicht einfach umprogrammiert werden könnten. So wie uns selbstverständlich erscheine, den Nachbarn anzuzeigen, wenn er seinen Hund in unseren Vorgarten kacken lässt, und uns darauf verlassen, dass wenn einer seine Schulden nicht bezahlt, das Gericht – zur Not mit polizeilicher Gewalt – sie bei ihm eintreibt, so würden die Flüchtlinge auch bei jeder Kleinigkeit zur Waffe greifen. Für sie sei das Leben eines Individuums weniger Wert als die Ehre der Sippe. Ist es nicht so, dass bei Ihnen Gottes Wille sowieso allen Willen vorausginge?

Ihre Antwort enttäuschte Lars. Mir scheint, sagte sie, ihr Vater würde nach einer allgemeingültigen Haltung suchen, nach einer für alle und alle Fälle gültigen Regel, die einzuhalten und durchzusetzen gälte. Nach einer der neuen Situation angemessenen moralischen Norm. Aber das sei keine Frage der Psychologie oder Psychiatrie. Wahrscheinlich noch nicht einmal des Rechts oder irgendeiner Wissenschaft. Wenn sie meine persönliche Meinung hören wollen, sagte sie lächelnd, dann geht es hier um Gewissensfragen. Und Gewissen ist einerseits sehr individuell, und es ist nicht statisch, sondern es entfaltet sich erst, wenn es darauf ankommt. Es gibt keine Gewissenskonserve, aus der wir uns bei Bedarf bedienen könnten. Wenn wir antworten, vergewissern wir uns unser selbst. Wie wir antworten, geben wir uns selbst zu erkennen. Wenn es Gott gibt, dann ist sein Geschenk an den Menschen nicht das Gebot, sondern das Gewissen, sagte sie. So antwortet eine Frau, dachte Lars und fand sich hundert Prozent auf Vaters Seite. Er wünschte, er hätte einen männlichen Psychotherapeuten. Pech gehabt, dachte er.

Heute nahm er sich Zeit für die Morgentoilette. Holte sich auch eine frische Unterhose aus dem Schrank, ein weißes Hemd (Mutter hatte es gebügelt und ordentlich gefaltet ins Regal gelegt) mit goldenen Manschettenknöpfen, die Jeans und schwarze Socken dazu, und bereitete sie für später vor. Dann putzte er sich die Zähne und duschte ausgiebig. Lars erinnerte sich dabei an das Schützenbiwak im Mai, als er gegen drei Uhr morgens, im Festzelt, sich von oben bis unten vollgekotzt und die Jeans mit Urin besudelt hatte. Es war, das letzte Mal, dass er das weiße Hemd mit den goldenen Manschettenknöpfen trug. Was sollen die Leute denken, hatte Mutter gejammert, und Vater, der Adjutant des Schützenobersts lachte nur mit seinen Schützenbrüdern, als er spottete: Mädchen können eben kein Bier vertragen. Haha! Hätte er sich wenigstens einmal entschuldigt, einmal zu mir gestanden!

Als die Therapeutin wissen wollte, ob in der Ehe seiner Eltern Gewalt eine Rolle spielte – und als Lars stutzte, sie die Frage zuspitzte: Schlägt er ihre Mutter? – weigerte sich Lars zu antworten. Vater kam nur einfach mit ihrem Helfersyndrom nicht zurecht. Und der Alkohol – natürlich. Sie wollte immer schon jedem helfen, jeden aufnehmen. Uns ginge es gut, wir hätten mehr als genug. Wir sollten dankbar sein und teilen, sagte sie, und Vater spuckte ihr vor die Füße: Was hast du, was nicht ich erwirtschaftet hätte? Du verfickte, armselige, polnische Hure? Als sie ein Blatt mit dem Spruch „Glück vermehrt sich durch Teilen!“ mit Tesafilm auf die Kühlschranktür geklebt hatte, geriet Vater in Rage und klebte ihr eine. Machst du dir eigentlich klar, warum es uns gut geht? Woher unser Wohlstand kommt? Warum ihr euch den Luxus eurer edlen Haltung leisten könnt? Sicherheit und Wohlstand wird von Männern wie mir, im täglichen Kampf errungen und verteidigt! Das sollten die Herrschaften Asylanten erst mal bei sich zuhause leisten! Am Ende stimmte Lars doch Vater zu. Aber der redet nur.

Mit einer Hand legte er eine Tasse in die Kaffeemaschine, die ihm seine Eltern zum zwanzigsten Geburtstag geschenkt hatten – bald fällt uns kein Geschenk mehr ein, hatte Vater gesagt, es war als Scherz gemeint. Lars erstickte damals seine Wut mit einem Lächeln, weil es stimmte: als er vor zwei Jahren seinen Wagen zu Schrott gefahren hatte, durfte er sich ein neues Modell aussuchen – Vater würde es bezahlen, wie das Heimkino, den ultraschnellen Computer, die … – alles, immer schon. Lars hasste ihn dafür. Und hasste sich, dass er alles immer angenommen hatte.

Das Krächzen der integrierten Kaffeemühle übertönte das Summen des Elektrorasierers.
Seine Hand zitterte beim Anziehen des weiĂźen Hemdes und ein goldener Manschettenknopf fiel auf den Boden. Beim BĂĽcken und Aufheben wurde es ihm leicht schwindelig.

Er durfte die Prozession auf keinen Fall verpassen – wenn er es überhaupt bis zur Kirche schaffte.
Ohne sich zu setzen, nahm er einen kräftigen Schluck vom frischgebrühten Cappuccino, legte die Tasse auf den Küchentisch und griff nach der Sporttasche. Er prüfte nochmal den Inhalt und verließ seine Wohnung.

… der für uns Blut geschwitzt hat – haha! O Herr! Das ich nicht lache, dachte Lars. Erst wenn das Möbiusband durchgeschnitten würde, dann wäre alles einfach: mit dem Ende bekäme der Anfang seinen Sinn. Die Dinge klärten sich. Zwei Seiten – oben und unten. Ein neues Leben? Aufsteigen? Absteigen? Was, wenn es aber einfach vorbei wäre, wie ein Gewitter, das seine Kraft und Energie ablädt und für immer vorbeizieht, oder eine Pfütze, die auf dem Asphalt einfach verdampft, ohne ein Zeichen zu hinterlassen, spurlos verschwindet – wenn also der Tod keine Strafe sei, keine Sühne verheißen würde – wozu soll dann das Leiden gut gewesen sein? Warum soll das Überleben überhaupt erstrebenswert sein? Nicht die Vorstellung, dass er in der Hölle landen würde ängstigte Lars, sondern dass sie alle ungestraft davonkommen würden. Wenn nicht nach dem Tod – wann käme die Wahrheit ans Tageslicht, fragte sich Lars, wo bliebe die Gerechtigkeit?

Der für uns Blut geschwitzt hast – Hast du mich einmal in den Arm genommen? Gedrückt? Einmal …? Ach! Ich vergaß – du bist ja tot!

Auf den Treppen wurde es ihm wieder schwindelig, er musste kurz verschnaufen. Die Tabletten schienen noch nicht zu wirken. Aber die Zeit drängte. Wankend erreichte er die Haustür und atmete tief durch.

Auf der Straße war Lars niemandem begegnet. Von den ehemals 1.200 Einwohnern des Dorfes warteten noch etwa zwei Hundert Seelen auf die Entschädigung durch die Energie AG und taten heute Gott einen besonderen Dienst: sie entweihten sein Haus.

Ein kalter Wind wehte ihm ins Gesicht, und Lars fragte sich, ob er dem Leibhaftigen von Angesicht zu Angesicht begegnen wĂĽrde. Ob er es ertragen wĂĽrde.

Der volle Benzinkanister in der Sporttasche wog schwer und er hörte sein Herz rasen. Nicht schlappmachen, Mike! Nicht heute!

An der verlassenen Tankstelle vorbei, über den leeren Parkplatz des Supermarktes erreichte er den Friedhof und hielt zögernd an, entschloss sich dann, doch den kleinen Umweg in Kauf zu nehmen, und einen Blick auf Großvaters Grab zu werfen.

Die Glocken verabschiedeten gerade ein letztes Mal die Gemeinde, als Lars den Kirchplatz erreichte und auf die Bank gegenĂĽber der Kirche sackte.

Als die Ministranten mit dem Allerheiligsten aus der Kirche traten, gefolgt von SchĂĽtzenbrĂĽdern in ihren Festtagsuniformen, begann der Umzug, und Lars fragte sich, wie lange er wohl dauern wĂĽrde.

Wie ein Wurm kroch die Prozession aus der Kirche, bog nur wenige Meter vor Lars ab und nahm den Weg um das Hauptschiff herum. Als Mutter ihn entdeckte, schubste sie Vaters Arm, lächelte – dieses Lächeln! – und winkte Lars verhalten zu. Vaters flüchtiger Blick wirkte leer, und in seiner Ausdrucklosigkeit hart. Einzelne Mitglieder scheuten wohl den ganzen Weg, scherten aus und eilten in Richtung Parkplatz, oder nachhause.

Die Turmuhr zeigte zwölf Uhr siebenundzwanzig, als außer Lars niemand mehr auf dem Kirchplatz zu sehen war. Jetzt bemerkte er auch den gemieteten weißen Transporter.

So Mike, es ist soweit! Reiß dich zusammen und zieh es durch! Lars griff nach der Sporttasche, stand auf, und wollte gerade losgehen, als ein Polizeiwagen mit Blaulicht fast geräuschlos auf den Kirchplatz raste und sich mit quietschenden Reifen quer stellte. Ihm folgten zwei Mannschaftswagen und zwei weitere Streifenwagen. Die Uniformierten brachten sich mit ihren Maschinenpistolen in Stellung. Aus einem Transporter sprangen schwarzgekleidete, maskierte Männer, drangen durch die offene Tür in die Kirche und vollzogen endgültig die Profanation.

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valS
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Blumenberg
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Hallo Val Sidal,

ich habe mich durch deinen Text geackert und entschlossen, zumindest ein kurzes Feedback zu schreiben. Man merkt, dass du eine Menge Zeit in die Geschichte investiert hast und da sollte sie nicht gänzlich unkommentiert bleiben. Ich möchte dabei auf Detailkommentare zu einzelnen Stellen verzichten und eher auf meinen Gesamteindruck eingehen.

Du lieferst hier meines Erachtens eine reichlich komplexe Geschichte bei der verschiedene Handlungsebenen und vielschichtige Charaktere ineinandergreifen. Zunächst die Rahmenhandlung die, korrigier mich wenn ich falsch liege, wohl in einem Dorf angesiedelt ist, das dem Tagebau weichen soll eingeschlossen seiner Kirche in der zwei afghanische Flüchtlinge beherbergt werden. Die handelnde Person, ein psychotischer Jugendlicher (?) aus gläubigem und ziemlich verkorkstem Haus nimmt sich vor die Kirche anzuzünden, um zu verhindern, dass sie nach der Profanation dem Teufel in die Hände fällt. Dazu muss er seine Schwierigkeit das Haus zu verlassen überwinden und scheitert am Ende weil ihm die Polizei zuvorkommt, die die Flüchtlinge einkassiert.

Ich finde das Ganze, wie üblich bei dir, gut erzählt, nur macht es in meinen Augen die Komplexität recht anstrengend dem Text zu folgen. Du packst einfach sehr viel in die kurze Geschichte hinein. Der Leser, zumindest mein Eindruck, braucht eine ganze Menge Stehvermögen und Geduld um bis zum Ende durchzuhalten.

Nichtsdestotrotz gerne gelesen.

Beste GrĂĽĂźe

Blumenberg

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Gollum
Hobbydichter
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Hallo Val Sidal,

ich denke, das Problem deiner Geschichte ist die fehlende Identifikationsfigur. Man hat den Eindruck, alle schauen einen böse aus der Geschichte an, was das Lesen anstrengend macht.

Der Vater ist irgendwie uneinheitlich. Einerseits der primitive Stinkstifel und andererseits der Wohltäter für seinen Sohn (Wohung, Job etc.) und dann der weltmännische Geschäftsmann mit einer kleinen Druckerei? Passt irgendwie nicht so richtig.

Ich finde die Geschichte ansich gut, braucht aber meines Erachtens noch Feinschliff.

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Val Sidal
???
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Hallo Gollum

Danke fĂĽr deinen Kommentar.

quote:
... das Problem deiner Geschichte ist die fehlende Identifikationsfigur.
Man hat den Eindruck, alle schauen einen böse aus der Geschichte an
– mag sein, dass hier ein Problem liegt, aber dein Bild gefällt außerordentlich gut.

quote:
Der Vater ist irgendwie uneinheitlich. Einerseits der primitive Stinkstifel und andererseits der Wohltäter für seinen Sohn (Wohnung, Job etc.) und dann der weltmännische Geschäftsmann mit einer kleinen Druckerei? Passt irgendwie nicht so richtig.
– ich lebe mit dieser Familie seit einigen Jahren in Textgemeinschaft. Bei der Vorstellung der einzelnen Figuren geht es mir nicht so sehr darum, ob sie einheitlich sind, sondern bin bemüht, sie über mehrere Texte hinweg stimmig zu führen. Die Brüche, die du in der Person des Vaters empfindest, treiben ihn in ein Krise – ich töte ihn im Text „Mr. Postman“; Lars schafft es, sich aus der Gefangenschaft des Elternhauses zu befreien, er bekommt irgendwann sogar eine Tochter, doch sein Zustand verschlechtert sich, und er landet in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie („Lunatikoa“) usw. Ich glaube, die beiden Texte habe ich noch nicht gelöscht.
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valS
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