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Leselupe.de > Science Fiction
Projekt Amazone
Eingestellt am 06. 05. 2009 23:22


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Tentakel
Hobbydichter
Registriert: May 2009

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PROJEKT AMAZONE


PROLOG - METEOR

Ein glühender Stern erleuchtete den Himmel und begründete damit eine neue Religion.
Das Leuchten zog über die Bewohner der Welt hinweg, die sich das leuchtende und schwankende Ding nur als Zeichen einer höheren Macht erklären konnten.
Für die Einen verkündete das Himmelsfeuer die Geburt ihres Messias, für die Anderen, viel weiter nördlich, ein böses Omen. Denn schon einmal hatte ein solches fallendes Feuer Tod und Verderben gebracht.
Aber es zog langsam und tief über die Wüsten, dann Wälder und Berge hinweg. Erreichte die Regionen des Schnees und verlor an Höhe.
Wäre diese nördliche Region nicht fast unbewohnt gewesen, hätten die Bewohner dieser Welt das Zischen von Dampf und Krachen von Explosionen gehört.
Aus dem kontrollierten Absturz wurde ein Taumeln. Wer auch immer dieses Ding aus Licht, Dampf und Rauch steuerte, konnte nicht verhindern, dass es in einen Berg krachte.
Während das Objekt sich durch den Gletscher schmolz in den es gelandet war, dämmerte weiter südlich der erste Tag einer neuen Zeitrechnung.
Es sollte fast 2000 Jahre dauern, bis man das Himmelsding fand.



KADDISH (1918)

Der Gefreite Leuner funktionierte.
Rennen. Hinwerfen. Aufspringen. Weiterrennen.
Die Anderen mochten von überlasteten Sinnen sprechen, für ihn schien der Weg klar und reiner zu sein als je zuvor in diesem Krieg.
Leuner war als Melder unterwegs, es mochte Bessere für diese Aufgabe, in seinem Zug, geben. Aber er hatte sich spontan gemeldet als der Hauptmann jemanden suchte um den relativ sicheren Holzbalkenbunker am Waldrand zu verlassen.
Leuner dachte nie viel nach, jedenfalls nicht über diesen Krieg, er handelte.
Wenn er dachte, dann waren seine Gedanken bei den neuartigen Kettenfahrzeugen und Waffen, nicht bei Mädchen oder seiner Familie.
Artillerie schlug rings um ihn ein. Sie schossen nicht weit genug um die Stellung am Waldrand zu treffen, aber weit genug um sein Ziel längst in Schutt und Asche gelegt zu haben.
Granatenpfeiffen und Leuner lag schon wieder flach in einem Trichter.
Vertikal war er ein großes, breites Ziel, horizontal ein flächiges. Als Melder war er viel zu groß.
Er spürte Blutwärme, nicht die Wunde selbst, aber sein linkes Bein tat noch seinen Dienst. Leuner sprang auf, rannte weiter. Hatte längst die letzten schützenden Büsche hinter sich gelassen. Das kriegsdampfverhangene Feld vor ihm, war eine granatengepflügte Erdwunde.
Er erreichte sein Ziel im freien Fall. Der Schützengraben war ebenso Rauchverhangen wie der Rest des Schlachtfelds.
„Sie haben es aber eilig“, knurrte es neben ihm.
„Habe hier eine Meldung für Hauptmann Katzenbach.“
Bevor sich Leuner aufrappeln konnte und der Soldat eine Chance bekam im zu antworten, schlug etwas direkt in den Graben ein.

Leuner erwachte neben dem Holzbalkenbunker, sah die besorgten Gesichter seiner Kameraden.
„Wie ...“ krächzte er, seine Sinne wurden nicht ganz klar.
„Hauptmann Katzenbach hat dich zurückgebracht.“
Wenn ein Gesicht noch blasser war, als das seiner Kameraden, dann war es das des Sanis. „Geht es?“ fragte das halbe Kind.
Leuner fühlte nichts. „Geht“, was auch immer gehen sollte.

Er musste eingeschlafen sein, denn es war Nacht als er erneut die Augen aufschlug. Dieses Mal spürte er etwas. Schmerzen.
Aber der Schmerz half ihm den Kopf klarzubekommen. Neben ihm, im Mondlicht das durch den Rauch filterte, sah er eine Gestalt die seltsame Worte murmelte, fast sang und sich dabei nach vorne und hinten neigte.
Leuner biss die Zähne zusammen als die Schmerzen stärker wurden. Die Gestalt beendete ihr Ritual und drehte sich herum.
„Was?“ war das? Wollte Leuner fragen, aber nach dem ersten Wort brach ihm die Stimme.
„Gefreiter Leuner, schön dass sie überlebt haben.“
Leuner erkannte die Abzeichen eines Hauptmanns.
„Es hat meinem Sani etwas Mühe gemacht sie auszugraben und ich musste ihnen die Meldung entreissen, so verkrampft waren ihre Finger, aber sie haben vielen Leuten das Leben gerettet.“
Katzenbach? Dachte Leuner.
Aber statt der Frage kam nur ein Stöhnen aus seinem Mund.
Katzenbach griff unter seinen Uniformrock und zog eine Spitze hervor.
„Der Sani hat mir das Morphium für Sie gebenen.“
Leuner wollte protestieren, sagen das er irgendwie mit dem Schmerz klarkam, aber der Hauptmann stach ihm die dicke Nadel in den Arm ohne das Leuner es spürte.

Das nächste Mal erwachtete er in einem Wagen. Das pferdebespannte Gefährt holperte über den Boden und mit jedem Schlag wurden die Schmerzen stärker.
Dann hielt der Wagen. Leuner meinte französische Worte zu hören, heisere Befehle.
„Der Krieg ist aus, jedenfalls für uns“, Katzenbachs Stimme drang an Leuners Ohr.
Katzenbach trug einen blutbefleckten Kittel über seiner Uniform, antwortete dem Soldaten, der die Plane vom Wagen riss in fliessendem französisch.
„Allez vous!“ brüllte es nahe der Wagenplane, aber der Franzose am Wagen schien durch Katzenbachs Worte besänftigt.
Er ließ die Verwundeten, auch Leuner vorsichtig abladen. Leuner sah wie der Franzose etwas an Katzenbachs Hals berührte und dann einige Worte in der seltsamen Sprache sagte, die der Gefreite schon bei seinem ersten Erwachen gehört hatte.

Im Lagerlazarett stank es nach Tod und Blut.
Aber nicht so schlimm wie in der Verwundetensammelstelle die Leuner einmal gesehen hatte, als er Koblenz einige Tage auf den Weitertransport nach Belgien warten musste.
Die Schmerzen waren immernoch schlimm und er konnte keinen Blick auf seinen Körper werfen. Eine zeltartige Konstruktion schützte seinen nackten Körper vor Fliegen und der Kälte.
Nur sein Oberkörper schaute daraus hervor.
Um ihn herum ein Sprachgewirr aus Französisch, Flämisch und deutsch.

***

Die Tage vergingen in morphiumschwerer Eintönigkeit. Brav lächelte Leuner zurück wenn eine der Rotkreuzsanitäterinnen ihn aufmunternd anlächelte, aber seine Gedanken kreisten immernoch nicht um Frauen, auch nicht darum das seit drei Tagen der Krieg offiziell aus war, er dachte über die viel zu schweren Kettenfahrzeuge nach, von denen er eins versunken in einem Acker gesehen hatte.
Neue Wunderwaffen.
Tanks nannten sie die Alliierten die Dinger, Panzer hießen sie auf deutsch.
Leuner stellte sich soetwas in klein vor, klein und leicht, für Leute wie seinen Vater, als Zugfahrzeug.
Einen Dampftraktor hatte er ihm vor dem Krieg gebaut, aber mit Ketten wäre das Ding sicher mobiler.
Leuner schloss die Augen und träumte von ganzen Land-Zügen aneinandergekuppelter Kettenfahrzeuge.
Effektiver als die kleinen Lastwagen, besser als Pferdefuhrwerke und flexibler als die schienengebundene Eisenbahn.

Tag für Tag ging es ihm besser und Leuner begann sich zu langweilen.
Stift und Papier brauchte er um seine Gedanken festzuhalten.
Es gab ein paar deutsche Schwestern im Lager, aber die sich lichtende Reihe Feldbetten neben Leuner betreute eine Französin, der seine Kameraden Anzüglichkeiten zuriefen. Ihr Lächeln war in den letzten Tagen gefroren.
Sie trat an Leuners Pritsche und sah auf die Kladde mit dem Krankenblatt.
„Madame“, begann Leuner. Die Schwester sah ihn lächelnd, aber nicht freundlich an, ihre Augen blickten hart. Leuner deutete auf das Blatt an der Kladde „Sil vous plait Papiere et un ...“, das Wort für Stift war ihm noch nicht begenet. „Stift... „ Leuner bisss sich auf die Unetrlippe, machte dann mit der Hand eine Schreibbewegung.
Entweder hatte die Schwester ihn nicht verstanden, oder er hatte etwas falsches gesagt, aber sie schüttelte nur den Kopf und ging weg.
„Vergess\' es, bei der kannst du nicht landen“, hörte Leuner von der Nachbarpritsche.
Der Mann neben ihm war neu hier. Sein rechter Arm war nur noch ein Stumpf, aber sie lagen auf der richtigen Seite. Diese Seite war die Seite derer, denen man nur selten morgens das Betttuch übers Gesicht zog.
„Ich will nur Papier und Stift. Landen kannst du von mir aus bei ihr“, Leuner grinste als er sah wie die Augen des Anderen freudig blitzen.
„Ah, ein Konkurrent weniger“, sagte dieser und richtete sich mit der intakten Hand das Haar.
„Bist wohl ein treuer Ehemann und Vater. Wäre nichts für mich. Echt nicht.“
„Nein, ich bin nur nicht so für Abenteuer ...“, sagte Leuner.
„Von mir aus, solange du mir die Schwestern lässt. Kannst es ja mal mit englisch probieren. Frag sie mal nach paper and pencil.“

Leuner bekam das Gewünschte von einem der Ärzte, die hin und wieder auftauchten, das Tuch von seinem „Zelt“ hoben und seinen gefühllosen Unterleib untersuchten. Keiner sagte ihm was mit seinem Körper nicht stimmte, aber Leuner war glücklich. Er hatte einen ganzen Block bekommen. Richtig gutes französisches Zeichenpapier und einen eben so guten Bleistift.
„Artist?“ hatte der Arzt gefragt und Leuner hatte hilflos lächelnd die Schultern gezuckt.
„Ne comment pas“, ich verstehe nicht, seine Brocken französisch wurden langsam besser, aber dafür sein englisch nicht. Sein Bettnachbar half wohl mit einer Antwort aus.

Leuner hatte schon als Kind gezeichnet, vor allem Maschinen und Ideen. Er hate die landwirtschaftlichen Geräte seines Vaters verbessert und gemeinsam mit dem Zeugmeister des nahen Pferdegetüts neue Zuggeschirre für die Pferde ausgetüftelt.
Pferde und Maschinen, eigentlich ein Gegensatz aber nicht für Leuner.
Er hatte geplant beim Zeugmeister in die Lehre zu gehen, aber dann war der Krieg gekommen.
Leuner hatte sich in der Pflicht gefühlt als eines Abends, als er alte Riemen und Gurte flickte und einfette, damit man sie noch ein wenig verwenden konnte, der Gutsherr vor ihm stand von dem sein vater das Land gepachtet hatte.
Glänzende Reitstiefel. Akkurat sitzende Hose aus englischen Stoff, dazu ein passender Reitmantel. Darüber ein strenges, eckiges Gesicht mit einer Nase, wie sie wohl nur Adlige haben konnten.
Aber die Augen von Settners waren freundlich wie immer und auch das Lächeln das er dem Jungen schenkte.
„Na Karl, mal wieder so fleissig, dass du keinen Ofen anhast?“ der Gutsherr zog die feinen Wildlederhandschuhe aus und feuerte persönlich den Ofen ein.

Auch jetzt im Krankenbett waren Leuners Hände so kalt wie damals als von Settner die reparierten Riemen und Gurte betrachtete.
Wie er die Kurbel betätigte, mit der über andere alten Riemen, Belüftungsklappen am Stalldach betätigt wurden.
„Hannes hat mir erzählt, dass du den Stallburschen die Arbeit mit diesem System erleichtert hast.“
Die Dachklappen gab es schon lange, aber bisher musste man sie einzeln öffnen und schließen. Eine Leiter darunterstellen, hochklettern, öffnen oder schließen, herunterklettern.
„Es war so viel Arbeit und manchmal wurden die Pferde nass wenn ein Wetter aufzog“, hatte Leuner geantwortet. „Michael ist schnell mit der Leiter, aber manchmal ist der Regen schneller.“
Der Gutsherr hatte über Karls offene Art gelächelt.
„Besser ist diese Konstruktion allemal, einige meiner Burschen haben sich zum Kriegsdienst gemeldet und der alte Hannes müsste alleine auf die Leiter.“
Leuner war sich immernoch nicht sicher, ob diese Worte damals eine Aufforderung waren sich auch zu melden oder einfach nur eine Feststellung.
Jedenfalls hatten am nächsten Tag Hannes Worte ihn endgültig überzeugt sich auch zu melden: „Im Krieg werden die besten Erfindungen gemacht.“
Diese Worte hatte der Zeugmeister sicher auch nur so hingeworfen, aber für Karl war es der ausschlaggebende Grund.
Er wusste nicht, das von Settner eigentlich verhindert hatte, dass man ihn einzog. Aber der Gutsherr bekam es gar nicht mit wie Karl an einem kalten Frühjahrsmorgen 1917 den Hof seiner Eltern verliess.

Sechs Monate verbrachte er im Lazarett.
Bei seiner Entlassung saß er im Rollstuhl.
Aus dem fast zwei Meter großen Hünen war ein eingekürzter Mensch geworden. Der Krieg hatte ihm die Beine genommen, in aber nicht seiner Ideen beraubt.
Weitere fünf Monate dauerte es bis er nach hause durfte, nach Deutschland.
So hatte er fast mehr Zeit in Lazarett und Gefangenenlanger verbracht, als im Krieg.

Katzenbach sah er erst wieder, als ein weisses Auto auf den Hof seiner Eltern fuhr. Leuner trieb das Pony an, mit dem er grade vom Gutshof zurückkam. Sein Körper war in einem speziellen Geschirr auf dem Pferdchen festgeschnallt. Die Mappe mit seinen neusten Plänen schlug gegen seinen Rücken als er das Tier zum Hof scheuchte. Er befürchtete Schlimmes. Das Fahrzeug war ein Krankenwagen.
Aber seine Eltern und auch der Knecht traten unversehrt aus dem Haupthaus und begrüssten den Mann der aus dem Wagen stieg.
„Langsam mit den jungen Pferden“, der Neuankömmling griff sich das Halfter des Ponys und sah zu wie Karl seine Gurte löste und dann vom Pferd glitt, auf einen bereitstehenden Rollwagen mit einer Handkurbel.
„Doktor Katzenbach ist wegen dir hier“, sagte Karls Mutter und bat den Gast herein.
Die üblichen Fragen wurden gestellt, es gab Kaffee und Mohnkuchen, als Karls Mutter fragte ob sie den Sonntagsbraten machen solle, ob der Herr Hunger habe, verneinte Katzenbach.
Es wurde dunkel als sie endlich alleine waren.
„Deine Mutter meinte, du experimentierst viel in der Scheune?“
„Ja, ich kann ihnen meine Pläne zeigen.“

Katzenbach sah sich alle Pläne an, nickte und lächelte.
„Ich habe vielleicht einen Studienplatz für sich.“
Aber ich habe nicht mal die Matura“, sagte Karl.
Katzenbach lächelte. „Nein, nicht an einer offiziellen Uni. Du wirst Ingenieur, aber gefördert von einem Mentor.“

Als sie einige Tage später auf dem Weg nach Frankfurt waren um danach heimlich nach Norwegen weiterzureisen, wagte Leuner endlich seine brennende Frage zu stellen.
„Ich hatte so einen komischen Traum, als ich erwachte. Das erste Mal neben dem Bunker. Da sah ich wie Sie irgendetwas murmelten ... wahrscheinlich nur ein Traum.“
Katzenbach saß neben Leuner im Fond des Wagens.
„Kein Traum. Kaddish, das Totengebet für die gefallenen Kameraden. Normalerweise wird es nur gebetet wenn der Vater oder der Bruder stirbt. Aber an diesem Tag war es mir, als hätte man mir ganz viele Brüder genommen. Dank Deiner Nachricht konnten sich wenigstens einige vor diesen alliierten Tanks in Sicherheit bringen.“
„Kaddish“, murmelte Leuner.

****

HADES (1943)

Klara kniff die Augen zusammen bis sie tränten, dann versuchte sie erneut mit dem viel zu grellen Licht klarzukommen. Dabei war es nur eine müde im ungleichmässigen Takt des Generators flackernde Birne.
Aber für Klara hatte sie die Helligkeit der Sommersonne, nach einer langen Nacht.
Wenigstens schien es den anderen nicht besser zu gehen.
Irgendwo neben sich hörte sie etwas das wie russisch klang. Auch wenn Klara die Sprache nicht verstand, Flüche klangen immer gleich.
Ein schneller Blick und ein noch schnellerer Griff bewahrte ihre Nachbarin vor dem Umfallen. Dabei wäre Klara am liebsten selbst zusammengeklappt.
Ihr Körper schrie nach Schlaf, dabei war es nur Minuten her seit eine Lautsprechstimme sie aus der Betäubung geholt hatte.
„In fünfzehn Minuten antreten in der kleinen Halle.“
Dann ein Knacken, Ende der Ansage.
Klaras Hirn war da noch so wattig, dass sie sich von der Sanitäterin aufhelfen ließ.
„Ich habe ihnen ein Aufputschmittel gespritzt, müsste gleich wirken.“
Klara war nicht die einzige Gestalt, die sich von der Betonplattform erhob, die ihr Schlafplatz gewesen war. Licht gab es nur als hellen Nebel der durch eine Tür fiel. Klara konnte nach einigem Blinzeln an der Decke Lampen ausmachen.
Irgendjemand hatte wohl Mitleid mit ihrem armen Hirn.
Allerdings nicht mit dem restlichen Körper.
Ihr war kalt. Sie hatten auf dem nackten Beton gelegen. Selber nackt.
Als Klara hinaus taumelte drückte ihr eine Helferin Seife in die Hand und deutete wortlos den Gang hinab.
Sie gingen durch einen Raum in dem Wasser von der Decke regnete, wuschen sich schnell und warfen am anderen Ende die Seife in einen bereitstehenden Eimer.
Einen Raum weiter bedeutete man ihnen auf Betonbänken Platz zu nehmen, danach musste Klara wenigstens ihre Haare nicht mehr trockenen, die lagen rund um sie herum auf dem Boden.
Die kalte Dusche hatte sie nur unwesentlich wacher gemacht, träge wischte sie sich Haarfusseln vom Körper, bevor sie den grauen Kombi und die ebensolchen Socken anzog die für sie bereitlagen.
Statt eines Namenschildes hatte ihr Kombi eine Nummer S081.
Die scheren Stiefel wollten sich nach dem Anziehen kaum vom Boden losen, sie scheinen Tonnen zu wiegen.
Sie betraten einen hallenartigen Raum und stellten sich auf.

„Durchzählen“, Klara hatte zwar das Rasseln wahrgenommen, aber erst dieses ruhige Wort riss sie einigermassen in die Wirklichkeit zurück. Noch immer stützte sie die Russin neben sich.
„Eins“, begann irgendeine Stimme.
„Nein, eure Nummern.“ Sagte die Stimme erneut ruhig.
„Vierundzwanzig.“
„Negativ, das heisst zwo-vier.“
„Zwo-Vier.“
Dann nahm Klara das Rasseln war. Ein elektrisches Summen und das Geräusch von Kettengliedern auf nacktem Beton.
Das Ding fuhr in den Lichtkreis der Lampe und rollte dann zum dem Platz an dem Zwo Vier stand.
„Weiter“, leise, beherrscht.
Unpassend zu diesem Ungetüm dachte Klara.
„Zwo... sieben.“ Klara sah wie der weibliche Schemen erst mal nach dem Namensschild gucken musste.
Ein dumpfes Geräusch, Klara drehte den Kopf zur anderen Seite der Reihe. Jemand war zusammengebrochen.
„Kann ihr mal einer von euch aufhelfen?“ zischte sie in Richtung der Anderen. Sie selbst stützte immernoch die Russin.
Keine der Frauen rührte sich.
„Ich helfe dir zur Wand“, sagte Klara und schob, zog, stützte die andere Frau zur Rückwand des Raumes. Dort lehnte sie sie vorsichtige gegen den Beton und eilte zu der zusammengrochenen Gestalt.
Wie oft hatte sie Verschüttete aus den Trümmern in Frankfurt geborgen. Besoffene in ihrer Kneipe unter Tischen hervorgezerrt.
Sie kannte die wenigen Handgriffe um jemanden eine Chance zum Überleben zu geben. Die Frau atmeten noch, aber hart und mühsam. Klara hatte noch nie um Hilfe gerufen, das hatte in Frankfurt nach den Bombenangriffen nichts geholfen und hier waren sie ebenfalls alleine, bis auf die lethargischen Frauen und dieses – Ding.
Klara öffente der Frau den Mund. räumte erbrochenes aus der Mundhöhle und sah das die Fremde sich ein Stück der Zunge abgebissen und wohl verschluckt hatte. Oder eher eingeatmet.
Ein Rasseln neben sich, Licht fiel auf sie und die andere Frau.
„Was tun sie da Acht-Eins?“
„Diese Frau erstickt. Hat ihre Zungenspitze eingeatmet“, sagte Klara mit einer Ruhe die sie selbst wunderte. Aber was wollte dieses Ding schon tun? Sie überrollen?“
Stattdessen landete klirrend ein Messer neben ihr. „Schneiden sie ihr die Lufröhre auf.“
Klara zwang ihre Hände nicht zu zittern, als sie das Messer aufhob. Sie hatte von dieser Technik gehört, in Sanizelten wo sie Überlebende der Luftangriffe hinbrachte.
Aber es war etwas Anderes als soetwas selbst zu tun.
Das Ding war schon weitergerasselt. Klara war wieder alleine. Mit sich und der Fremden. Sie tastete den Hals der Frau an, ertastete etwas das sich anfühlte wie die Lufröhre und setzte das Messer an.
Es kostete sie Überwindung in lebendes Fleisch zu schneiden.
Aber schließlich hatte sie das Messer weit genug in die Luftröhre getrieben und drehte es. Ein Spalt entstand, dann hörte sie Luft zischen. Die Fremde atmete. Ihre aufgerissenen Augen nahmen normale Größe an und blickten zu Klara. Sie versuchte zu sprechen.
„Vergesse es, dir fehlt die halbe Zunge.“
Jemand kniete sich neben sie.
„Ich übernehme“, die Sanitäterin schob der Frau ein Röhrchen in den Hals und zwei Helferinnen legten sie auf eine Trage.
Klara sammelte die Russin ein und ging mit ihr zurück an ihren Platz.
„Danke geht“, sagte die Russin in schlechtem Deutsch, aber Klara stützte sie weiter bis das Zittern etwas aus dem Körper ihrer Nachbarin wich.
Das Rasseln kam wieder. Dann hielt das Ding vor ihr.
„Acht-Eins sie scheinen recht hilfsbereit zu sein. Das Ganz ohne meinen Befehl. Dasbei sollten sie doch gelernt haben das sowas nur Probleme bringt.“
Das Gesicht des Dings war menschlich, seinen Kopf bedeckte allerdings ein im wahrsten Sinne des Wortes stählener Helm. Metallplatten, die, die Form seines Schädels bildeten, daraus wuchsen glänzende Metallleitungen die am Rücken unter seine Uniformjacke führten.
Diese Jacke und das Gesicht waren das einzige was an einen deutschen Offizier erinnerte. Denn der Torso endete auf einem Fahrgestell mit Ketten.
Klara hielt ihm das Messer hin.
„Behalten Sie das. Sie haben richtig gehandelt.“

Sie waren anscheinend nicht durchgehend nummeriert. Die höchste Nummer war Neun-Drei, aber insgesamt waren sie, 41 Frauen, wenn Klara sich nicht verrechnet und verzählt hatte. Abzüglich der sieben die zusammengebrochen und weggebracht worden waren.
Helferinnen rollten einen Metalltisch herein auf dem Kisten und Kessel standen.
„Ihr tretet jetzt einzeln vor und nehmt vor meinen Augen eure zugewiesene Ration und Medikamente zu euch.“
Die unregelmäßige Reihe bewegte sich langsam in Richtung Tisch. Einzeln traten die Frauen in den Lichtkreis der Lampe und Klara sah das jede der anderen Frauen wohl so müde war, wie sie selbst. Tiefliegende Augen, langsame Bewegungen, hin und wieder verschüttete eine ihr Getränk oder das Essen. Das Ding auf Ketten nahm das gelassen hin.
Wer etwas verschütte bekam nachgeschenkt.
„Leertrinken“, Klara bekam einen Becher gereicht. Es schmeckte lauwarm und ganz entfernt nach Orange. Das Essen war irgendein Milchbrei.
„Langsam“, sagte die Helferin als Klara den Saft hinunterstürzte und würgte.
Die, die getrunken und gegessen hatten durften auf der anderen Seite des Raumes Platz nehmen. Klara lehnte sich lediglich gegen die Wand. Sich auf den nackten Boden zu setzen erschien ihr als unangenehmere Alternative.
Der Mann auf Ketten rollte in den Lichtkreis der Lampe.
„In Ordnung. Ihr seid vollzählig, habt gegessen und die, die noch zu schwach waren, werden später zu der Gruppe kommen. In den nächsten Wochen und Monaten werdet ihr umfassend ausgebildet. An Waffen und Technik.
Ich bin Oberst Leuners, aber ihr werdet mich kaum zu Gesuicht bekommen.
Wir haben hier ein Lautsprechersystem, darüber bekommt ihr euer tägliches Training zugewiesen. Zuweisungen für Einzeltrainings werden euch die beiden Technikerinnen Brenda und Katrin bringen.“

***

Klara wusste nicht, wann es Tag und wann es Nacht war. Der erste sogenannte Tag, hatte nach dem Essenfassen aus leichten Beweglichkeitsübungen unter der Aufsicht einer Sanitäterin bestanden.
Danach hatte es wieder Saft und Milchpampe gegeben.
Einige bekamen selbst davon Durchfall, aber Klara war froh das ihr das erspart blieb.
Am zweiten Tag fehlten, ausser den am Vortag schon zusammengebrochenen, noch weitere fünf. Neunundzwanzig waren sie noch.

Es gab Kaffee, jedenfalls soetwas ähnliches. Klara fühlte sich schon viel besser. Ihr Matsch-Hirn nahm auch langsam wieder seine Funktion auf.
Leider.
Denn demit kamen die Erinnerungen und Fragen wieder.
Ihre letzte Erinnerung war eine Spritze.
Davor hatte man sie vor die Wahl gestellt: Strang oder Betäubungsspitze?
Tod oder Leben?
Sie verdrängte die Ereignisse die dazu geführt hatten, dass sie nun hier war, wo auch immer dieses hier sich befand.

Die ersten Wachphasen erschienen Klara, als wäre es keine. Ganze Tage, verbrachten sie damit zu Kräften zu kommen. Die Zeit in der Haft hatte sie mehr geschwächt als sie selbst gedacht hatte.
Untersuchungen, Nahrungsaufnahme unter Aufsicht einer Sanitäterin, das war alles.
Die Frauen sprachen nicht viel miteinader. Klara hatte das Gefühl die Meisten belauerten sich gegenseitig,
Sie selbst hielt sich an Nikola, oder Nikola an sie.
Die Russin sprach einigermassen deutsch.
„Du solltest dich von mir fernhalten“, waren ihre ersten Worte an Klara gewesen.
„Warum?“
„Die anderen schon gucken misstrauisch.“
Klara hatte die Schultern gezuckt.
„Von mir aus können die so misstrauisch gucken wie sie wollen. Die haben nur Angst.“
Die Russin nickte. „Ja, ich haben gesehen Angst in ihren Augen. Angst kann Menschen machen zu wilde Tier.“
Klara wusste, dass die Russin recht hatte. Es gab einige Beutedeutsche unter den Mädchen und Frauen. Die „Volksdeutschen“ hatten ihr eigenes Grüppchen gebildet.
Keine der Anderen sagte Klara offen, was sie davon hielt, dass diese der Russin half, sie stützte wenn sie mal wieder einen Schwächeanfall bekam. Ihr die tägliche Ration Schokolade schenkte, weil es keine Zigaretten gab und Nikola eine Ersatzsucht brauchte.
„Geh zu den Anderen“, versuchte es Nikola am Ende der ersten Woche erneut.
„Warum? Jede von uns hat doch irgendwas ausgefressen, um hier zu landen. Da bedeutet es einen feuchten Hühnerfurz volksdeutsch zu sein.“

***

„Sei nicht so nett zu ihr.“ Klara schätzte 076 auf Mitte vierzig. Bisher hatte sie mit dieser Frau kein Wort gewechselt, aber nun hielt diese sie nach dem Frühstück am elften Tag auf.
„Zu wem?“
„Der Russin.“
Klara war versucht die andere Frau einfach zur Seite zu schieben, hielt dann aber inne.
„Hör mal gut zu und das kannst du auch den Anderen sagen. Wir scheinen hier alle in der gleichen Scheisse zu sitzen. Wahrscheinlich hat jede von uns Mist gebaut.
Ich glaube kaum das wir etwas Besseres sind.“ Damit schob sich Klara an der anderen Frau vorbei.

Sport.
Klara hasste es sich mehr bewegen zu müssen als nötig. Ihr hatten die langen Tage auf den Beinen im „Blauen Bembel“ schon gereicht.
Niemand wusste was das Ganze überhaupt sollte. Sie trugen alle immernoch die grauen Kombis. Nach und nach erfuhr Klara wie die Anderen hießen, aber sie hielt sich an Nikola und Monika.
Monika lief genauso langsam wie Klara und Nicola die täglichen Runden durch die tunnelartigen Gänge. Niemand hetzte sie, aber wenn jemand nicht die vorgegebenen täglichen Runden schaffte, sah das auf der großen Tafel in der Haupthalle komisch aus, auf der die täglichen Leistungen vermerkt wurden. Jede wollte wenigstens das Minimum schaffen.
Sie mussten nicht Rennen, aber wenigstens laufen.
Monika gehörte eigentlich in die Gruppe volksdeutscher Frauen, aber diese hielten ihr wohl das Gespräch mit der „Abtrünnigen“ Klara vor.
Viel wusste niemand vom Anderen.
Aber wohl genug das es schon Abneigungen gab.

„Jetzt einen Apfelwein“, entfuhr es Klara, als sie nach schier endlosen Stunden immer im Kreis herum durch die Anlage, Mittagspause machten.
Monika und Nikola saßen bei ihr am Tisch. Dazu noch die Technikerinnen Brenda und Katrin.
„Ach was, so eine schöner Berliner Weisse mit Schuss, das wärs“, Monika blickte verträumt.
„Getränke für kleine Kinder“, Nikola grinste, „Vodka, für echte Frauen wie wir sind.“
Monika ist aus Berlin? Dachte Klara. Sie hatte an ihr keinerlei Dialekt bemerkt. Sie selbst rutschte immer wieder in das Frankfurter Platt, vor allem wenn sie müde war.
„Von mir aus kanns auch ein Apfelschnaps sein Nikola.“ Klara gähnte.
„Ihr seid doch nicht zu müde für den Technikunterricht?“ Katrin stupste Klara an.
Sechzehn der Frauen bauten in einer Halle, die noch größer war als die sogenannte Haupthalle, einen Panzer zusammen und bekamen dabei von den Technikerinnen Unterricht. nach dem Panzer stand wohl eine Dampflok auf dem Plan.
Mechanik, Hydraulik, Elektrik, ein Rundumprogramm, oft bis tief in die Nacht.
Und keine der Frauen wusste wozu das alles gut sein sollte.

***

Klara hatte keine Ahnung wonach die Frauen sortiert wurden, aber das man sie sortierte wurde ihr klar, als sie in der vierten Woche ihres komischen Daseins einen dunkelroten, statt dem grauen Kombi in ihrem Spind fand.
Einige der anderen Frauen im Schlafsaal zogen wieder den grauen Kombi an, einige einen grünen, und ein paar einen Weissen.
Es war das zweite Mal, dass sie den halben Mann auf seinem Panzerunterteil sah.
„Die Gruppen rot, blau und grün folgen mir.“

Er rollte vor ihnen her, durch den Haupttunnel, der fast so breit war wie die unterirdischen Hallen. Ein Tor glitt in den Boden und gab den weiteren Weg frei.
Es ging nach oben. Auf schier endlosen Rampen. Klara zählte ihre Schritte.
„Sechtausendvierhundertundzwei. Sagte sie schließlich als sie oben waren.“
„Ja“, bestätigte Nikola und beide Frauen grinsten weil sie eine Gemeinsamkeit gefunden hatten.
„Du zählst auch gerne?“, fragte Klara.
„Natürlich. Die Bahnen im Schwimmbad unsere Laufrunden. Könnte ja wichtig sein oder diese Lautsprecherautomatik könnte sich verzählen.“
Nikolas schmales Gesicht war etwas runder geworden in den letzten Wochen, Klara fand die Russin sah so langsam wieder halbwegs wie ein lebender Mensch aus. Nicht mehr wie das halb verhungerte Wesen bei der Ankunft.
Nur ihr schwarzes Haar schnitt sie sich weiterhin kurz, während die anderen Frauen froh waren es wieder wachsen lassen zu können.
Klara selbst schor sich die braunen Haare stoppelkurz, das war nach dem kalten Duschen einfach praktischer. Nasse, kalte Zotteln hätten ihr grade noch gefehlt.
„Licht, Sonne, Mädels jetzt kann es nur noch besser werden“, Monikas bleiches Gesicht strahlte. Die ältere Frau blinzelte durch die Tarnnetze hinauf in den blauen Spätherbst.

Es wurde besser und schlechter.
Klara sah Kistenweise Äpfel, Kartoffeln und andere Dinge, die unter den Tarnnetzen standen.
Statt auf einer Betonempore schliefen sie nun in Zelten.
„Fünffrauenzelt“, sagte Klara und stellte die Kiste mit ihren wenigen Habseligkeiten in die weitaus größere Kiste am Fußende des Feldbettes.
Eigentlich war es Achtmannzelt, aber die Frauen hatten sich in drei Gruppen auf die vier Zelte verteilt. So blieb eins ganz leer.
Klara, Nikola, Monika waren als das übliche Dreiergespann zusammengblieben, dazu kamen die beiden Technikerinnen Katrin und Brenda.
Anscheinend trugen alle Techniker dunkelrot.
Zu den besseren Dingen gehörte der nächste Morgen. Duschen unter warmer Sonne, nachdem sie sich ausgeschlafen hatten. Statt des üblichen Milchbreis am Morgen, gab es richtiges Brot und Aufschnitt.
Eine Frau in grauem Kombi trat an Klaras Tisch.
„Habe gehört du kannst Apfelwein ansetzen?“

Während der Apfelwein in einem Bunkergebäude den Herbst, Spätherbst und Winter verbrachte, lernten Klara, Monika und Nicola was es hieß an der frischen Luft zu sein.

Der Kombi schütze kaum vor der Winterkälte. Der durchgefrorene Boden machte den täglichen Drill noch härter.
Das allgegenwärtige „Was tun wir eigentlich hier?“
„Hat jemand eine Ahnung was das soll?“ verstummte langsam.
Klara kroch, ihren Karabiner vor sich gehalten unter dem Stacheldrahtverhau hindurch, sprang danach auf und hetzte einen Hügel hinauf. Danach ein Seil packen über den zugefrorenen Graben schwingen und weiter.
Hinter ihr ertönte ein Schrei.
Klara drehte sich um.
Monika war im Graben gelandet. Das Eis, dünner als gedacht, gab unter ihr nach und sie versank im Wasser.
Klara dachte nicht nach, sie wusste, dass Monika kaum schwimmen konnte. Sie hatte es ihr „im Tunnelschwimmbad“ beigebracht. Sie konnte einigermassen schwimmen. Aber nicht gut genug, um mit der Situation klarzukommen.
Klara sprang.
Krachte durchs Eis und ergriff die panisch um sich tretende Monika.
„Streck die Beine aus, der Graben ist nicht tief“, rief Klara als sie Monika endlich über Wasser hatte. Aber diese war ein Bündel Panik. Klara schluckte Wasser.
Sie tastete selbst mit den Füssen nach dem Boden. Endlich fand sie Halt und zog Monika an die Oberfläche.
„Hey, ganz ruhig.“
„Greif das!“ Nikolas Stimme ließ Klara nach oben sehen. Nikola hielt ihnen ihr Gewehr hin. Klara packte zu und Nikola zog.

Nach Luft japsend saßen die drei Frauen an der Böschung. Monika zitterte am ganzen Leib, während Klara ihr den Rücken rubbelte. „Kommt“, sagte Nikola.
Keine Lautsprecheranweisung dieses Mal, als sie die Übung abbrachen und Monika ins Zelt zurückbrachten.
Hier oben waren die Frauen genauso auf sich alleine gestellt wie „unten“.
Klara und die Anderen absolvierten ihr seltsames Training jeden Tag nach den Anweisungen die sie über die Lautsprecher bekamen.
Gab es etwas ganz Neues lagen schriftliche Anweisungen auf ihren Feldbetten.
Niemand kontrollierte ob sie ihre Betten ordentlich machten. Niemand mischte sich in ihre Freizeitgestaltung ein und langsam dämmerte Klara das sie scheinbar Teil eines seltsamen Experiments waren.
Es gab auch keine Nachrichten von aussen. Wie verlief der Krieg? Standen ihre Heimatorte noch?
Sie waren viel zu sehr damit beschäftigt Dinge zu lernen, die eine deutsche Frau eigentlich nicht können musste um sich um das „aussen“ Gedanken zu machen.
Kämpfen, reparieren, sogar Fahrtraining gab es, in leichten Halbkettenfahrzeugen.

***

„Du bist viel zu verkrampft“, Nikola korrigierte zum mindestens hundertsten Mal Klaras Umgang mit dem Gewehr.
„Werde es wohl nie kapieren“, Klara fand wie alle Anderen jeden Abend die Schießauswertung auf ihrer Pritsche.
Nikola musste täglich nur die üblichen hundert Schuss absolvieren.
Sie hatte allen anderen beigebracht mit den Waffen umzugehen.
Kein Kommandant, niemanden offizielles der ihnen etwas zeigte was sie tun mussten, aber jeder schien irgendwas zu können, was ein Anderer nicht konnte.
Das musste auch das Grüppchen stolzer volksdeutscher Frauen einsehen.
Nach der ersten Schießübung hatten sich einige die Schlüsselbeine gebrochen und als sie nach vier Wochen wieder nach oben kamen, zeigte Nikola auch ihnen den richtigen Umgang mit der Waffe.

***

Sie hatten Waffen, sie hatten scharfe Munition, Nahrung und Kleidung.
Aber lange schien keine der Frauen an Flucht zu denken.
Über ihnen spannten sich die Tarnnetze, die nach dem Herbst ausgetauscht worden waren und nun weiss ein Dach über dem Lager bildeten.
Umgeben war das Ganze von meterhohen Betonmauern. Klara hatte bisher keinen Ausgang gesehen. Kein Tor. Nichts.

An Weihnachten war der Apfelwein trinkbar. Trude, die Köchin und die Frau die sich gleich am Anfang die Zungenspitze abgebissen hatte und deswegen nuschelte, stellte feierlich einen Bembel vor Klara auf den Tisch.
„Denke du solltest das verteilen. Der Kanister steht hinten bei den Vorräten.“
„Worauf du wetten kannst.“

Manch eine der „bunten“ Frauen behandelte die, die nicht „weiter“ gekommen waren und noch immer in grau herumliefen, wie Bedienstete, aber Klara war immer froh in der Küche helfen zu können.
Das erinnerte sie ein wenig an ihr vorheriges Leben.

Silvester hatten sie ebenso wie Weihnachten frei. Und Nikola präsentierte den überraschten Frauen das was sie aus zweihundert Litern Apfelwein gemacht hatte.
„Habe ich hier Orginal Apfelvodka. “.
Als Klara am nächsten Morgen erwachte lag sie im Küchenzelt und hatte einen Kater wie schon lange nicht mehr.

Das Jahr 1944 begann schlimmer als sie sich jemals ausgemalt hatte.
„Aufstehen. Waschen. Ankleiden und antreten“, brüllte es aus den Lautsprechern. Nicht mehr die ruhige kultivierte Stimme ihres selten sichtbaren Mensch-Panzers.
Klara taumelte auf die Beine, zerrte auch Trude hoch, wusch sich in der Küche und zog sich den vom Schlafen zerknitterten Kombi einigermassen grade.
„Ich muss mal pissen“, sagte sie als sie in die Morgenhelligkeit vor dem Zelt blinzelte.
„Bei mir wills oben raus“, Trude würgte hörbar.

Die Frauen sammelten sich auf dem Platz vor den Zelten.
Eine Gestalt in einer schwarzen Uniform kam aus dem Schacht, den sie vor Monaten verlassen hatten.
Klara war schlagartig wach. Sie stieß Nikola hart in die Rippen. „Stell dich grade hin und versuche nicht aufzufallen.“
Ein Rasseln verriet eine weitere Ankunft, aber Klara starrte bemüht gradeaus.

„Anscheinend hat Leuner mir Sand in die Augen gestreut. Ein weibliches Einsatzkommando hat er mir versprochen und was sehe ich hier? Abschaum.
Ihr habt das Reich und unseren Führer bisher viel Geld gekostet und könnt nicht einmal ordentlich antreten.“ Der SS Mann stolzierte vor den Frauen auf und ab.
Klara stellte sich vor wie er im Matsch versinken würde, wäre der Boden nicht gefroren.
Diese Art Mann trieb ihr die Galle hoch. Diese Art Mann hatte sie letztendlich hierher gebracht.
„Leuner hat euch für eine wichtige Mission ausgewählt. Aber anscheinend hat er kein gutes Händchen. Nun ratet mal wer dafür gerade stehen darf, nicht diese halbe Portion, sondern ich. Generalbevollmächtigter der SS für Sondereinsätze. Vom Führer selbst ernannt.“

Zwei weitere SS Männer zerrten Monika aus einem der Zelte.
„Seht sie euch an. Die Beste im nächtlichen Orientierungslauf. Schlecht an der Waffe und noch mieser beim absolvieren der Übungen. Aber ein guter Orientierungssinn. Hat ihr nur nichts geholfen als sie heute Nacht aufgegriffen wurde.“
Klara fing den Blick Monikas ein. Angst.
Sie selbst versuchte stark zu sein, versuchte Monika nur durch reines Zurückblicken Kraft zu geben.
„Wer von euch verwanzten Ratten hat ihr über die Mauer geholfen?“
Klara hörte das Klatschen des Ledermantels der gegen die Stiefel des Mannes schlug, als dieser die Reihen abging.
„Sie hat doch die Kisten nicht alleine an die Mauer gestapelt.“
Keine der Frauen rührte sich.
„Etwas verstockt die Damen.“
Der Mann blieb vor Klara stehen.
„Sehen Sie mich an.“ zischte er. Klara musste nach unten blicken. Am liebsten hätte sie ihre Hände um den Hals des Idioten geschlossen, aber dessen zweibeinigen menschlichen Bluthunde hielten Monika immernoch fest und sie sahen aus, als würden sie ihr beim kleinsten Problem die Arme ausreissen.
„Ich habe mir die Filmaufnahmen der Ausbildung wie Leuner sein Theater hier nennt, angesehen. Faßberger und Wolkscha, sie beide waren doch mit diesem Individuum ein Herz und eine Seele.“
„Klara war besoffen wie ein deutsches Schwein in einem Bierfass“, ertönte es plötzlich neben ihr. Nikola sprang für sie in die Bresche.
Der SS Mann war schneller bei ihr als Klara blinzeln konnte und hieb der Russin die Faust unters Kinn, aber diese taumelte nicht einmal.
„Habe ich ihnen erlaubt zu sprechen? Habe ich?“ Kreischte er.
Sein kahler Kopf war rot wie eine Tomate.
Eine riesige Tomate auf einem Strichmännchen, dachte Klara und versuchte nicht zu grinsen.
„Dann geben Sie es also zu? Geben Sie es zu? Sie haben diese Flucht unterstützt?“
„Nein, sie war mit Schnapsverteilen beschäftigt“, ertönte es irgendwo links neben Klara. Sie erkannte die Stimme.
Jule, eigentlich Julchen, aber das war der Volksdeutschen zu kindisch.
„Oh Frau Hauser. Eine der Besten hier.“ Die Stimme des SS Mannes wurde seidenglatt, gefährlich.
„So, so Schnaps, darüber sollten wir uns nachher mal unterhalten.“
Und vorher muss ich dich warnen, dachte Klara. So sanft und nett waren diese SS Kettenhunde nur kurz vorm zuschnappen.
Vor allem die, die mit irgendwelchen Titeln Komplexe kaschieren mussten.

***

Die Nacht vom ersten auf den zweiten Januar war klirrend kalt. Klara verschwendete keinen Gedanken auf den Ofen in ihrem Zelt. Ihr Kopf war voller Wut. Erst die Kälte klärte die Gedankenwatte.
Neben und vor ihr standen in Reih und Glied die anderen Frauen. Steiger hatte sie einfach stehenlassen. Zum Nachdenken.
SS-Schafskopf Steiger nannte Klara den Mann in Gedanken. Sicher dachte er nicht besser über sie.
„Wir haben Waffen, wir haben Muntion“, zischte es neben Klara. Nikola.
Monika würde den nächsten Morgen nicht mehr erleben. Steigers Gehilfen hatten sie in ein Wasserfass gestellt. Die schmächtige Frau stand bis zum Hals im langsam gefrierenden Nass.
Klara starrte in ihre müden Augen.
Nicht aufgeben Monika, nicht aufgeben, dachte sie.
„Bist du verrückt, Steigers Wachhunde stehen doch da vorne.“
„Warten. Wenn ich sage los, dann folgen.“
Was Nikola auch immer vorhatte, Klara wusste sie würde mitmachen. Immer wen Nikola aufgeregt war dann fiel sie in ihr schlechtes Deutsch zurück.
„Kann ich auch mitkommen?“ Flüsterte es von vorne.
„Wenn ich sage folgen, dann folgen, alle die wollen. Aber keine von euch Kämpferin. Aber jetzt sein müssen.“
Nikola schwieg für einige Minuten.
„Jeder der uns verraten tun, wird erleben russischen Zorn.“
Nikolas Stimme war so kalt und klar wie die verdammte Nacht. Schon lange machte sich niemand mehr über ihre Grammatik lustig.

Ohne das Nikola oder Klara es verhindern konnten, löste Julchen sich aus der Gruppe und schlenderte auf die „Wachhunde“ zu.
Die Männer standen neben einem Ofen und wärmten sich die Hände.
„Halt“, sagte einer der Beiden müde.
„Ach was halt. Ihr friert, ich friere. Euer Chef macht wichtige Pläne“, Julchens Stimme war seidig glatt, wie die von Steiger.
Einer der Männer griff nach seiner Waffe.
„Lass doch das Gewehr stehen Süsser, ich bin an deiner anderen Waffe interessiert.“
Julchen wiegte sich in den Hüften und fuhr sich mit den Fingern durchs blonde Haar.
Eine weitere Frau aus der volksdeutschen Gruppe löste sich und nickte Nikola zu.
Die beiden Männer sahen zu ihrer Gefangenen im Fass, dann zu den beiden Frauen.
„Wir sind hier seit Monaten und alles was wir zu sehen bekommen ist dieser Leuner. Das ist ja kein Mann mehr“, Julchen ließ die Finger über die Knöpfe des Uniformrocks des größeren der beiden Männer gleiten.
„Er ist kein strammer deutscher Mann, wenn du weist was ich meine...“
Julchens Hand schob sich unter die Jacke.
Das schien den Mann zu überzeugen. Er warf den anderen brav dastehenden Frauen ein Blick zu.
„Ich kann euch alle aufwärmen wenn ihr wollt.“
„Jawoll“, kam von seinem Kollegen.
So bekam endlich das vierte Zelt eine Funktion.
„Jetzt“, sagte Nikola und Klara folgte ihr.

Lautlos hebelte Nikola eine Waffenkiste auf.
Es sprach für Steigers Selbstsicherheit, dass er das Waffen- und Munitionszelt nicht bewachen ließ. Allerdings hatten die Frauen den weiteren Weg auf dich genommen. Zu einem der Übungsbunker einige hundert Meter vom Hauptplatz entfernt.
„Ich kann das nicht“, sagte eine der Frauen, die mit ihnen zum Bunker gegangenen Frauen.
„In Ordnung“, sagte Klara. „Kannst Du dich um die zwei Affen kümmern?“
„Und wehe du warnst sie“, zischte Nikola als die Frau zum Sammelplatz zurückschlich.

„Welch romantische Atmosphäre“, Klara blickte durch einen Spalt in der Zeltplane. Die beiden Wachhunde waren nackt, hilflos und absolut abgelenkt. Wie ein Schatten glitt Nikola ins Zelt. Klara folgte.
Es dauerte nur Sekunden und die beiden Männer lagen gefesselt und geknebelt auf den Boden.
Nun war es sicher genug Monika aus dem Fass zu holen.


(1944) EXODUS

Leicht, frei und klar. So fühlte es sich also an wenn man funktionierte. Leuner kannte dieses Gefühl, nur lag es fast zwanzig Jahre zurück.
Damals als er über das Schlachtfeld gerannt war, wissend das jeder Schritt der letzte sein konnte.

Die Explosionen im Ausbildungslager, das Knirschen des Schnees, das Dröhnen und Rasseln der gepanzerten Kommandowagen. Sogar das Knattern der gelb schwarzen Standarte, nahm er ebenso klar war, wie damals die Einschläge.
Seine Technikerin lenkte das Halbkettenfahrzeug. Offiziell war Katrin seine Tochter, es hatte einige Kniffe bedurft um das zu fingieren.
Denn ihr wahrer Vater war Katzenbach.
Katzenbach wäre in diesem neuen Jahr 72 geworden.
Wäre geworden, ging es Leuner durch den Kopf.
Der Doktor und Hauptmann im Kriegsdienst, war in Deutschland geblieben, als er schon wusste, dass es kein gutes Ende für ihn nehmen würde.
Auch wenn er als hervorragender Chirurg vielen Deutschen das Leben rette.
„Neider und Hass gibt es immer und überall mein lieber Ingenieur“, hatte er zu Leuner gesagt, als dieser ihm nahe legte zu verschwinden.
„Mag der eine mich schützen, weil ich ihm das Bein gerichtet habe, verdammt mich der Andere, weil ich nur sein Leben und nicht seinen Arm retten konnte.“
Katzenbach war geblieben, auch als ein ranghoher Nazi Hassreden gegen ihn hielt. Voller Hass weil Katzenbach dessen Sohn nicht als Arzt in seinem Team haben wollte.
„Der junge Mann ist viel zu zart besaitet um all diese schweren Operationen durchzustehen. Ich kann ihn als plastischen Chirurgen nach Paris empfehlen.“
Aber der Nazi wollte seinen Sohn, dessen Hände so feine Nähte setzen konnten, dass man nicht einmal einen feinen Narbenstrich sah, lieber als „harten Arzt an der Krankenhausfront“ sehen wo die wirklichen wichtigen OPs gemacht wurden.
Entstellten Menschen zu einem annehmbaren Äusseren zu verhelfen, war verweichlicht und dumm.
Katzenbach hatte sich nicht um den Hass geschert, hatte den jungen Arzt nicht nach Paris sondern nach Amerika vermittelt und sich damit endgültig auf die Abschussliste gesetzt.
Karin, genauso stur wie ihr Vater, war, gerade einmal 17 Jahre alt, in Deutschland geblieben.
Da sie mit seinen hellen Haaren und der bleichen Haut Leuner mehr ähnelte als ihrem eigenen Vater, hatte dieser den Kniff mit der „Tochter einer toten Geliebten“ gewagt.
Die junge Frau schlug auch Interessenmässig eher nach ihm. Technik begeisterte sie. Hatte sein Großvater Adern und Venen verbunden, so verband sie Kabel und Hydraulikleitungen.
„Wir schaffen das“, sagte sie in ihrem Übereifer.
„Wir müssen es schaffen“, Leuner beobachtete wie Karin sich von dem Fahrgestell abwandte und zu Brenda setzte. Oder eher quetschte.
Die beiden Frauen hatten großartiges in den letzten Monaten geleistet.
„Nichts“, sagte die Brenda als sie alle Frequenzen abgesucht hatte. Aber dieses Nichts würde nicht mehr lange andauern. Leuner musste vollenden, was er nicht angefangen hatte.
Dabei hatte er alles von seinem Kontrollraum mitbekommen. Die Ablenkung der Wachen. Die Beschaffung der Waffen. Die Überwältigung der beiden Männer und die Befreiung der halb erfrorenen Frau.
Das alles hatte er gesehen, während Steiger einen Raum neben dem Kontrollraum saß und vom Projekt Amazone träumte.
Kriegerinnen für das Reich.
Leuner hatte es beendet indem er ein Rohr in das Schott zum Aufenthaltsraum schob. Steiger damit festsetzte.
Dann war er hinauf zu den Frauen gerollt und hatte ihnen befohlen die bereitliegenden Uniformen anzuziehen und sich abmarschbereit zu machen.
Jetzt waren sie auf der Flucht. Steiger lebte sicher noch. Die fernen Explosionen kündeten nur von der Vernichtung des Rechenraumes, mit der automatischen Steueranlage für die Ausbildung der Frauen. Ein „Lochkartenkommandant“, der nicht in die Hände des Reiches fallen sollte. Ebenso alle anderen technischen Entwicklungen die Leuner der letzten Monate.

Er hatte sich kaum um diese Frauen gekümmert. Das Projekt Amazone war ihm von oben aufs Auge gedrückt worden.
Nur die Akten der Frauen hatte er gelesen.
„Kriegerinnen rein vom Herzen“, murmelte er.
Sollte er nach Norden fahren um nachzusehen was im Projekt wirklich wahr war, oder versuchen nach Westen zu entkommen, nach Spanien oder so, ein Schiff besorgen und dann nichts wie weg?
Angeblich gab es hoch im Norden eine riesige Bunkeranlage wo die Amazonen sich auf ihren großen Einsatz vorbereiten sollten.

„Ich habe mich in den letzten Monaten nicht um euch gekümmert. Für mich waren technische Dinge wichtiger.
Allerdings habe ich mich entschieden das Projekt für das ihr vorgesehen seid, durchzuführen.“ Leuner rollte die Reihe der angetretenen Frauen ab.
Keine lange Reihe, gerade mal 19 waren übrig.
Die Anderen wollten sich auf eigene Faust durchschlagen.
Leuner hatte ihnen die Wahl gelassen.
„Jede von euch hat sich irgendwie in Schwierigkeiten gebracht indem sie ihrer Wut und Aggression nachgab. Aber nicht für den eignen Vorteil, sondern für den eines Anderen.“
Leuner hielt vor Klara an.
„Klara Faßberger. Sie haben mit einem Knüppel verhindert, dass ein SS Mann ein Mädchen vergewaltigt.
Statt seine Pflicht zu tun und Leuten nach einem Bombenangriff zu helfen hat er ihre Not ausgenutzt und das passte Ihnen nicht. Ihr Glück, das der Mann noch lebte als sie verurteilt wurden zwischen Strang und Betäubungsspritze zu wählen.“
„Nikola Woschka, sie haben Kinder aus einem besetzten russischen Dorf gerettet und dabei ein Haus mit Soldaten angezündet.“
„Monika Reuter, sie haben Nahrungsmittel aus einem Großmarkt gestohlen und sie den Menschen in Zügen zugesteckt, die in Arbeits- und Vernichtungslager rollten. Nur blöd das sie den Wachposten dem das nicht gefiel zusammenschlugen.“
So ging es weiter, jede der Frauen hatte ohne groß nachzudenken gegen die Regeln in Hitlers Deutschland aufbegehrt um Anderen Menschen etwas Gutes zu tun.
Einige der Frauen waren sogar glühende Anhängerinnen der Staatspartei, aber Denken und selbständiges Handeln, waren nicht gerne gesehen.
Menschlichkeit schon gar nicht.

***

Es dauerte vier Tage bis sich Steiger den Staub von der Uniform klopfen konnte.
So lange brauchten seine Leute um ihn aus den Trümmern des Tunnel- und Bunkersystems zu befreien.
„Ich habe den Flüchtigen Hauptmann Farkers und seine Leute hinterhergeschickt.“ Machte ihm einer seiner Männer Meldung.
„Pfeiffen sie ihn zurück, es läuft alles so wie es soll.“
„Aber diese Weiber haben Breuer und mich überwältigt.“
Steiger erlaubte sich ein schmales Grinsen.
„Ich wusste dass Sie und Breuer mit ihren Schwänzen denken und jetzt rufen sie Farkers zurück. Sofort.“
Mender salutierte mit zusammengkniffenen Lippen. Natürlich hatte es Steiger nicht für nötig befunden seine „eigenen und besten Männer“, wie er Breuer und ihn immer nannte, einzuweihen.
Steiger grinste zufrieden. Leuners Frauen hatten genauso gehandelt wie es geplant gewesen war.
Alles lief Bestens.
Drei ME 262 donnerten über das verwüstete Lager, drehten ab und landeten auf dem improvisierten Landefeld, das Steiger schon vor Wochen hatte aufbauen lassen. Leuner hatte davon natürlich nichts mitbekommen. Für ihn zählte es nur in seinem Tunnelsystem kleine mechanische Spinnereien testen zu können.
Steiger fühlte Wut in sich hochkochen. Leuner hatte all seine Forschungsergebnisse zerstört. Angeblich hatte es in der Anlage auf eine vollkommen automatisierte Kommandoeinheit gegeben.
Breuer fuhr mit dem Kübelwagen vor.
Es war nicht weit bis zum Flugfeld.
Die drei ME 262 wurden aufgetankt, Baracken gebaut und das ganze Gelände getarnt, jetzt hieß es warten bis sie Nachricht erhielten.

***

Da es in Norwegen von Widerstandsgruppen und alliierten Spionen nur so wimmelte, hielt sich Leuner in den Tiefen der Wälder. Auch wenn er einen Marschbefehl vorweisen konnte, wollte er in keine Kontrolle der eigenen eute geraten.
Sechs Wochen waren sie nun schon unterwegs, länger als geplant, aber immernoch schnell genug.
Leuners geheimes Ausbildungslager hatte sich im Vogelsberggebiet befunden, von dort aus hatte er sich langsam nach „oben“ gearbeitet.
Angst und Erstaunen bei seinen Leuten, als er sie mit ihren Fahrzeugen direkt in die Nordsee befahl.
Ähnelten die Transportfahrzeuge äusserlich normalen Halbkettenfahrzeugen, waren es doch Leuners eigene Entwicklungen. Komplett gefertigte aus Leichtmetall, etwas breiter als normale Funk- und Kommandowagen des Types 250. Die Antriebsräder der Ketten waren gekapselt und mit einer hydraulischen Federung versehen. Schwimmen lernten die Wagen durch aufblasbare Häute, die unter äusseren Klappen verborgen lagen.
Vier Schwimmwagen erreichten schließlich die norwegische Küste und krabbelten wie metallene Krabben an Land.
Der Fünfte war von einem auftauchenden U-Boot überrascht worden, das ihm einen der Schwimmer und die gesamte linke Seite aufgerissen hatte. Wie ein Stein war das Fahrzeug gesunken und mit ihm die Frauen an Bord, die gegen Leuners Anweisung die Dachluke geschlossen hatten.
Ihm war nichts anderes übrig geblieben, als mit den anderen Fahrzeugen genug Abstand zum U-Boot zu bekommen. Sie durften nicht entdeckt werden.

Am verschneiten Strand hatte Leuner die Vorderräder der Fahrzeuge gegen Kufen austauschen lassen. Eine breitere Kufe ließ sich hinten, unter dem Bauch der Fahrzeuge herunterkurbeln, so waren sie perfekt gerüstet für die norwegischen Wälder.

***

Klara saß auf dem letzten Fahrzeug und behielt die Tannenreisser im Auge, die sie an das Gefährt gebunden hatten, so wurden ihre Spuren einigermassen verwischt. Über ihrer schwarzen „Amazonen Uniform“, trug sie einen langen Ledermantel mit Innenpelz.
Nach der Enge im Fahrzeug begrüsste sie die frische Luft.
Nikola fuhr den Kettenschlitten, wie sie das Ding getauft hatten. Klara würde sie in zwei Stunden ablösen. Nur Monika verließ das Gefährt nur wenn sie abends ihr Lager aufschlugen.
In eine Decke gemummelt verbrachte sie die Fahrt dösend neben dem Funkgerät.
Ihr schienen die abendlichen Nahkampflektionen Leuners zuzusetzen.
Leuner hatte ihnen nur erklärt, dass sie für die Operation Amazone ausgewählt waren und neben ihrem Grundwissen an der Waffe auch ohne Gewehr kämpfen können mussten.
Klara mochte diese Lektionen. Meistens übte sie mit Julchen zusammen, die auf dem Fahrzeug vor ihr saß.
Julchen war sportlich und hatte die gleiche Aggression in sich wie Klara.
Sport war immernoch nichts für Klara, aber die abendlichen Ringkämpfe und Übungen mit dem asiatischen Kampfstock und sogar dem Messer, machten ihr Spass.
Dampfablassen nach stundenlanger Fahrt. Genau richtig. Es vertrieb ausserdem die Sorgen über eine mögliche Entdeckung.
Nikola übte lieber weiter mit ihrem Scharfschützengewehr und lächelte nur müde darüber, wenn die Anderen meinten sie erfülle damit das Klischee des Iwan-Flintenweibs.

Der Befehl zum Halten kam per Lichtsignal. Funk war absolut verboten.
„Zwei bis drei Tage“, verkündete Leuner, als die Wagen zum abendlichen Quadrat aufgestellt waren und sich eine schützende Plane dazwischen spannte. Mit dem Feldofen auf dem Trude die Tiere zubereitete, die Nikola schoss, wurde es sogar etwas heimelig, so weit weg von zuhause.
„Möchte ja echt mal einen dieser legendären Elche zu Gesicht bekommen“, Nikola saß entspannt neben Klara auf einer Kiste.
Klara sah der Russin zu, wie sie Rauchkringel in die Luft blies. Nikola schaffte es eine zerdrückte Zigarette eleganter zu rauchen, als all die feinen Damen es mit ihren Elfenbein Zigarettenhaltern.
Seit sie unterwegs waren offenbarte Nikola mehr und mehr eine Gelassenheit und Ruhe, die Klara nur bewundern konnte.
Sie fühlte sich als Großstadtmädchen in der Waldeinsamkeit noch nicht ganz zuhause. Auch wenn sie die sonnigen Tage genoss. Solange sie fuhren war es in Ordnung, aber die nächtliche Waldstille war nicht ihr Ding.
„Einen Elch zu Gesicht bekommen“, nuschelte Klara kauend. Ihre zugewiesenen Zigaretten tauschte sie lieber gegen Äpfel. „Du meinst wohl eher ins Zielfernrohr.“
Monika warf ihnen einen seltsamen Blick zu als die beiden albern lachten.
„Ich mache mir Sorgen um Monika“, sagte Klara leise.
Nikola nickte nur und zog genüsslich an ihrer Zigarette, blies den Rauch aus der Nase aus. Monika hatte sich in ihre eigene und in Klaras Decke gekuschelt.
Nikola stand auf und brachte der blassen Deutschen einen Kaffee. Klara hatte das in den letzten Tagen auch schon versucht, aber unter Nikolas hartem Blick trank Monika wenigstens einige Schluck.
„Morgen früh du wenigstens essen Milchbrei. Werden schon alles gut Mädel. Immer alles gut werden.“
Nikolas Sorge fand wie immer Ausdruck in ihrem plötzlich wieder schlechtem Deutsch.
In dieser Nacht wickelten sie Monika auch noch in Nikolas Decke. Die kleine Frau verschwand geradezu in den Decken.
„Wir schlafen am Herd.“ Sagte Klara. Eigentlich hatten sie genug Decken dabei, aber Monika war nicht die Einzige die abbaute.
Unter ihren Mänteln aneinandergekuschelt schliefen die beiden Frauen schließlich ein. Bis Klara vorsichtig aufstand um ihre Wache anzutreten.

***

Für das letzte Stück der Reise mussten sie eine Neumondnacht abwarten, denn es ging über offenes Gelände. Die vier Kettenschlitten bewegten sich bergan, rumpelten über Felsen und rutschten über Eisflächen.
Leuner ließ immer wieder halten und einen Funkmast aufbauen.
Nervös hörte er die Frequenzen ab, aber nichts deutete darauf hin, dass man ihnen gefolgt war, oder jemand sie gesehen hatte.
Kurz vor der Morgendämmerung schien das Führungsfahrzeug im blauen Scheinwerferlicht des Folgenden über eine Kante abzukippen.
Julchen, die das zweite Fahrzeug fuhr, zögerte nur kurz und kippte dann hinterher.
Unterhalb eines Gletschers lag ein Bergsee, der von dünnem Eis bedeckt schien. Schneeverwehungen hatten auf dem Eis Linien und Muster geformt.
Dann flammten Lichter im See auf und das Eis glitt zur Seite. Welcher Glaskünstler auch immer die tarnende Abdeckung erschaffen hatte, sie war perfekt.
Als die Fahrzeuge im „See“ verschwunden waren, erloschen die Lichter.
Sogar Monika verließ ihren Dauerplatz um nachzusehen was los war.

Sie fuhren in einen Tunnel, dem nicht unähnlich indem sie ihre seltsame Ausbildung erhalten hatten, aber hier bestanden die Wände nicht aus Beton, sondern aus massivem Stein.
Rohre und Kabel wanden sich an der Decke entlang.
Nach etwa einem Kilometer öffnete sich der Tunnel zu einer Halle, in der man mit einem Zeppelin Kreise hätte ziehen können.
Unten bestand sie aus nacktem Fels und oben aus Gletschereis.
Gerüste zogen sich bis ganz nach oben und Arbeiter waren dabei das Eis weiter auszuhöhlen.
Aber das war es nicht das Klara staunen ließ.
Das was in der Halle stand war es.
Grob Tropfenförmig, die Aussenhaut sah aus wie mattes Messing, einige der schützenden Aussenplatten fehlten und darunter kamen Druckleitungen, wie bei Lokomotiven zum Vorschein. Aus einigen entwich auch Dampf.

Leuner spürte wie sich in seinem Kopf eine Blockade löste. Der Mann, der für die Blockade zuständig war, trat eine Rampe, die aus dem Tropfen führte, hinab.
„Doktor Katzenbach“, murmelte Leuner erstaunt und ließ halten.
Katzenbach lächelte ihn an und öffnete das Heck des Kettenfahrzeugs, mittlerweile war der alte Man vollkommen kahl.
„Wie ich sehe hat die Hypnose gewirkt. Ihr Gesichtsausdruck, einfach köstlich.“
„Eben dachte ich noch Sie wären tot Doktor.“
„So wie Sie geglaubt haben, diese Frauen und Mädchen zu Kämpferinnen für ein geheimes Projekt hier im Norden auszubilden. Hätte man sie gefangen genommen, wäre ihre Geschichte absolut glaubhaft und falsch gewesen.“
Nicht ganz falsch, dachte Leuner, denn Katrin war nicht Katzenbachs Tochter, sondern Enkelin.
Katzenbachs Tochter war diejenige gewesen, die sich weigerte den jungen Arzt im Team aufzunehmen. Sie war es, die sich den tödlichen Zorn eines ehrgeizigen Vaters auf sich gezogen hatte.

Leuner sah wie Klara und Nikola das Schiff anstarrten. Sich Einzelheiten, wie die Schriftzeichen auf der Aussenhaut durch das Visier des Scharfschützengewehrs ansahen.
Sie schienen mehr neugierig als verwirrt wie die Anderen.
Er rollte zu ihnen.
„Könntet ihr dafür sorgen, dass die Kettenfahrzeuge gereinigt und auseinandergebaut werden?“
Nikola ließ das Gewehr sinken und wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Natürlich, wohin sollen wir entladen lassen Herr Oberst?“
Leuner sah zur Rampe.
„Eigentlich bin ich nur Feldwebel“, sagte er als sich weitere Erinnerungen zurechtrückten.
„Ähm, ja, am besten ladet ihr die Kisten komplett aus. Legt die Sachen auf eine Plane neben die Rampe.“


Leuner folgte Katzenbach die Rampe hinauf ins Schiff.
„Wie weit seid ihr? Ich weiss nicht ob wir verfolgt wurden.“
„Deine Techniker haben das Schiff komplett repariert. Die letzten Aussenplatten müssen noch befestigt werden. Aber es braucht noch Zeit, damit sich die Frauen an die Situation gewöhnen.
Meine Ärzte haben alle Passagiere untersucht und die Schlaftanks vorbereitet. Wir können nur hoffen, das das Schiff mit deiner Auswahl klarkommt.“

***

Erklärungen schienen, schon wie im Tunnelsystem Mangelware. Man ließ sie nicht ins Schiff.
Klara und Nikola halfen ausserhalb. Die Fahrzeuge waren zerlegt, Kisten entladen und der Inhalt umgepackt.
„Wer von euch ist schwindelfrei?“ Einer der Leute, die an der Eiskuppel gearbeitet hatten kam zu Klara.
„Keine Ahnung. Warum?“
„Wir müssen das Gerüst abbauen.“ Der Mann sah Klara aus milchigen Augen an. Er war blind. Viele der Leute die hier arbeitetn enstrachen nicht dem Bild des reinen, gesunden Deutschen. Aber hier schien das nicht zu stören.
„Ich frage mal“, Klara legte den Block zur Seite auf dem sie die Schriftzeichen auf der Aussenhaut vermerkt hatte und ging zu Nikola, die mit drei anderen Frauen Karten um Zigaretten spielte.
„Er braucht Leute zum Gerüst abbauen“, sagte Klara.
„Ah gut, dann sehen wir mal das Schiff von oben.“ Nikola legte ihre Karten auf den Tisch. Ihre Neugier war stärker als der Wunsch nach Zigaretten.
Wahrscheinlich hat sie eh schon genug gewonnen, dachte Klara.

Sicher, als würde er sehen können, führte der Techniker schließlich acht der Neuankömmlinge zum Gerüst.
„Du bleibst unten“, fauchte Nikola plötzlich und Klara sah zu ihr. Neben ihr stand die blasse Monika.
„Aber ich möchte euch helfen.“
„Untenbleiben.“
Nikola kniff ihre schmalen Lippen zusammen. Aber dieses Mal nutzt Nikolas harte Stimme nichts. Kaum befanden sie sich gut fünfzig Meter über dem Boden und machten sich daran das Gerüst zu demontieren, als Klara sah, wie Monika das Gerüst hinaufkletterte.
„Ich muss da mal eben was klarstellen“, sagte sie zu Nikola, wissend das diese Monika eigenhändig wieder runtertragen würde.

„Bist du denn vollkommen übergeschnappt?“ Blaffte Klara.
Monika hatte es bis zur fünften Ebene des Gerüstes geschafft. Ließ sich aber wortlos von Klara ein Sicherungsseil anlegen.
„Ich bin so nutzlos.“
„Lieber nutzlos als Tot. Wenn du willst kannst du die Zeichen von der Schiffshaut abmalen. Aber bleibe unten. Oder willst du, dass Dich Nikola fesselt und am Kran runterlässt?“
Gemeinsam kletterten sie nach unten und Klara drückte Monika den Block in die Hand.
„So bist du nützlicher, als wenn ich dich nachher neben dem Gerüst aufwischen müsste.“

****

Während das Gerüst schrumpfte, füllte sich Klaras Block. Monika schien mit ihrer Aufgabe zufrieden und von Leuner sahen sie mal wieder nichts.
Es standen keine Wachen am Schiff und die Rampe wurde immer verlockender.
„Sicher sollen die Gerüstteile auch ins Schiff“, sagte Klara zu Monika.
„Womit du bestimmt Recht hast.“
Hier konnte man wenigstens Tag und Nacht unterscheiden. Das Eis der Kuppel war so dünn, das Licht hindurchfilterte. Neun Tage waren sie nun schon unter dem Gletscher.
„Wir stellen einfach ein paar Kisten auf eine Trage und schauen mal wie weit wir kommen.“ Klara stand von ihrem Feldbett auf. Die Neuankömmlinge lagerten an einer Hallenwand.
Niemand beachtete sie, als sie drei Kisten auf eine Trage stellten und damit zum Schiff gingen.
Ein Techniker stand oben an der Schifframpe, nickte ihnen aber nur zu.
Ein massives Messingschott öffnete sich zischend und ließ die beiden Frauen an Bord.
„Ist ja irre“, Klara sah den breiten Gang hinab, in dem sie nun standen. Hier ähnelte das Ganze noch mehr einem Schiff. Die Wände wären mit einem fremdartigen Holz getäfelt, in den Türen gab es achteckige Bullaugen. Die Beleuchtung befand sich unter Paneelen die aussahen wie aus mundgeblasenem Glas gefertigt und den Boden bedeckte dunkelblauer Teppich.
„Ich habe mal Bilder von einem Luxusschiff gesehen“, sagte Nikola. „So eins für die Zarenfamilie. Das war so ähnlich.“
„Klar, Russen haben dieses Ding hier gebaut“, frotzelte Klara.
„Wer sonst? Ist Stalins Endkampfwaffe.“
Niemand hielt sie auf, auch als sie die Kisten abgestellt hatten.
„Nach unten oder oben?“ Nikola betrachtete das Schild mit den Richtungspfeilen. Wieder die unleserlichen Schriftzeichen. Es schien keine Treppen zu geben, nur spiralförmige Rampen.
Aus dem Deck über ihnen erklangen Stimmen.
„Runter“, sagte Klara.
Die Spiralrampe entließ sie in einen großen Raum. Auf am Boden verschraubten Tischen lagen seltsame Knochen. Nikola fuhr mit den Fingern die Schnörkel der metallenen Tischbeine nach, während sie die Knochen betrachtete.
„So sah das wohl mal aus“, Klaras Stimme klang seltsam hoch.
Nikola drehte sich herum und sah, dass Klara das Glas eines sargähnlichen Gebildes saubergewischt hatte.
Sie starrten ins innere des „Sargs“. Dort schien ein seltsames Wesen eingelegt worden zu sein.
„Teufel in Alkohol“, sagte Klara.
„Sie selbst nennen sich Krin.“
Klara und Nikola wirbelten herum und fühlten sich wie Schulmädchen, die man im Kirschbaum des Nachbarn erwischt hatte.
Der Nachteil des dicken Teppichs war, dass Leuner sich hier lautlos bewegen konnte.
„Ihr habt die wichtigsten fünf Schranken schadlos passiert, das Schiff scheint euch zu akzeptieren.“
Klara wandte sich wieder dem Krin zu.
„Er ist nicht tot.“ Erklärte Leuner. „Nur einige dieser Tanks waren defekt als wir das Schiff fanden. Beziehungsweise als Katzenbachs Großvater es fand.“
Er rollte zwischen zwei der Tanks.
„Es sind Sträflinge wie ihr es wart. Sie haben gegen die strikten Regeln ihres Volkes aufgehrt und man hat sie einfach in ein Schiff gepackt und ins All geschossen.“
„Australien für Dämonen“, sagte Klara.
„Ja so ähnlich. Nicht mehr auf der Heimatwelt wohnen zu dürfen ist die schlimmste Strafe für einen Krin. Leider sind sie hier gestrandet.“
Leuner leuchtete mit einer Lampe in den Tank. Die haut des Wesens leuchtete in einem satten Rot.
„Sie sehen wirklich aus wie der Teufel persönlich“, sagte Nikola.
„Darüber habe ich mich auch schon lange mit Katzenbach unterhalten. Ob es Menschen gab die dieses Schiff schon einmal betreten haben und aus dem hier gesehenen dann Legenden wurden. Da ihr schon mal hier seid, testen wir doch gleich mal ob das Schiff euch in die Steuerzentrale lässt.“
„Und wenn nicht?“ Fragte Klara misstrauisch.
„Dann werdet ihr gegen ein Kraftfeld laufen.“
Sie kamen problemlos zur Steuerzentrale. Klara hatte mit so etwas wie einem Steuerrad und Hebeln und Schaltern gerechnet. Aber es gab nur bequem und zu groß aussehende Sitznischen an der Wand.
„Das Schiff sucht sich seine Besatzung selbst aus. Katzenbach hat es zum Betreuer der Wesen im Tank bestimmt. Hat ihm Wissen über die medizinischen Vorgänge gegeben. Ich bekam Informationen über die biologischen, maschinellen Verbindungen...“ Leuner winkte ab. „Das wäre zu viel wenn ich euch jetzt sagen würde wer hier welche Funktion hat. Das bekommt ihr dann noch mit.“
Er deutete auf eine Nische.
„Wer will zuerst?“
Nikola zuckte die Schultern aber Klara war schneller.
Kaum saß sie in der Nische und hatte ihre Arme auf den Lehnen plaziert, schien eine Automatik in Kraft zu treten. Ein Helm stülpte sich über ihren Kopf. Sie spürte Einstiche in der Kopfhhaut und an den Armen.
Dann begann Wissen in ihren Kopf zu strömen.

****

Nikola und Klara legen zusammengekuschelt in einer Kabine, die man auf einem Luxusdampfer vermutet hätte. Sie sprachen kein Wort, jede versuchte mit dem Erlebten klarzukommen.
„Ich glaube ich soll die Technik überwachen, ich habe sowas wie eine Schnelleinführung in die Dampfsysteme des Schiffes bekommen.“, sagte Klara schließlich.
„Mich braucht dieses Schiff wohl als Scharfschützin, ich bekam Zugriff auf die optischen Systeme und auf die Waffenbank.“
Klara wusste nicht das sie sich irrte.

***

„Pilotin“, Leuner nickte Klara zu.
„Fernkampfsysteme“, er deutete auf Klara.
„Navigatorin.“ Ein Lächeln erschien auf Monikas Gesicht.
„Köchin“, er nickte zu Trude.
„Triebwerkssteuerung“, Julchen war an der Reihe.
Jede von den Frauen bekam einen wichtigen Posten.
„Warum bekommen wir so wichtige Aufgaben?“ fragte Klara. „Hier sijnd doch schon so viele Techniker.
„Das Schiff verlangte nach weiblichen Wesen. Das ist das Eine. Das Andere war, das, das Schiff nach den Wertvorstellungen der Siedler an Bord programmiert wurde.
Wir würden diese wichtigste Eigenschaft Selbstlosigkeit oder Menschlichkeit nennen.“

***

„Heute abend“, sagte Klara. Nikola nickte.
Sie sassen am „See“ und genossen den letzten Tag auf der Erde.
Ein wieder zusammengebautes Fahrzeug verließ den See und Klara sah ihm nach.
Katzenbach und Leuner hatten den insgesamt 87 Menschen enthüllt was auf die zukam.
Ein Start mit dem reparierten Schiff, bei dem man nicht wusste ob man es richtig repariert hatte.
Der Flug durch das Sonnensystem, dnach Beschleunigung auf Überlichtgeschwindigkeitm.
Resiezeit und Ziel unbekannt. Sie würden in Tanks schlafen. Wie die Krin.
Eine Gestalt rannte aus dem sich schließenden Tunnel, dem Kettenfahrzeug nach, das diejenigen wegbrachte, die doch nicht mitwollten.
„Meinst du das Schiff kommt ohne Navigatorin aus?“ fragte Nikola.
„Nein.“
Beide Frauen sprangen auf und Nikolas Zigarette landete zischend im Schnee.
Sie waren trainierter und schneller als Monika und holten diese ein bevor sie am Fahrzeug war.
„Wohin willst du?“ Klara war als erstes bei ihr und packte Monika am Arm.
„Es ist nicht das was ihr denkt.“
„Was denke ich denn?“ Klara sah Monika an.
„Das ich abhauen will.“
Nikola gab dem Kettenfahrzeug ein Zeichen weiterzufahren, stattdessen fuhr es rückwärts.
„Es ist...“ begann Monika und blickte zu Boden.
„Was denn? Willst du heim? Ich glaube kaum, dass Du die Fahrt überstehst. Ausserdem bist du wichtig.“ Klara legte die Hand unter Monikas Kinn und zang sie, ihr in die Augen zu sehen. Monika drehte den Kopf weg. Neben ihnen brummte das Fahrzeug vor sich hin.
Man ließ ihnen Zeit.
Katrin sah von der MG Luke aus zu den Dreien. Katzenbergs Enkelin wollte lieber auf der Erde bleiben.
„Als Ärztin werde ich sicher nach dem Krieg mehr gebraucht.“ hatte sie gesagt.
Sie nickte den Dreien zu und schloss die Luke. Ließ sie alleine.
„Meine Flucht damals...“ begann Monika. Klara legte ihr aufmunternd die Hände auf die Schultern. Monika biss sich auf die Unterlippe biss sie blutete. „Ihr werdet mich hassen.“
„Reden nicht so einen Dreck“, entfuhr es Nikola. „Sagen was los ist.“
„Ich. Steiger. Ich.“
Klara dachte an den Moment wo sie in Frankfurt dem anderen SS Mann Benehmen beigebracht hatte. „Was hat Dir Steiger angetan?“ zischte sie und zog Monika an sich.
„Nicht er. Seine Männer. Er hat ihnen befohlen. Sie wollten nicht. Aber Steiger hat ...“
Monika begann zu zittern. „Er hat gesagt das er nicht auf so ein altes Pferd wie mich steigt...“
Klara drückte Monika an sich.
„Er hatte mehr als die zwei Männer“, Monikas Stimme schwankte zischen ersticktem Weinen und hysterischem Kreischen.
Nun wurde Klara bewusst, warum Monika sich nach der Befreiung aus dem Fass nicht hatte untersuchen lassen wollen.
„Sie wollten mich nicht im Fass sterben lassen. Steiger wusste, dass ihr mich befreit. Ich habe ihm alles erzählt. Alles.“ Nun brach es aus Monika heraus.
„Er wollte wissen was Leuner wirklich vorhat. Hat ihm die Sache mit dem Sonderkommando nicht abgenommen. Ich habe ihm unsere abendlichen Standorte durchgefunkt.“
Monika wäre Klara fast aus den Armen gerutscht. „Lass mich.“ sagte sie.
Die Luke des Kettenfahrzeugs stand wieder offen und Karin blickte erschrocken drein. „Ich habe alles durch die MG Schlitze gehört.“ Sagte sie.
Klara atmete tief durch.
„Nikola, sieh zu dass der Wagen ein schweres MG bekommt. Karin bewaffne deine Leute.“
„Wir bleiben hier bis ihr gestartet seid“, sagte Karin und Klara nickte. Sie trug Monika halb in den Tunnel zurück.
Alles um sie herum schien plötzlich so viel klarer zu sein. Sie sah die Riefen in den Steinwänden, die teilweise defekten Rohrhalterungen. Ihre Gedanken rasten, während ihr Gehirn scheinbar jedem Eindruck von aussen alle Tore geöffnet hatte.

Monika war ein Häufchen Elend. Trude kümmerte sich um sie, während die Anderen das Schiff aufheizten.
Das Eis der Kuppel begann zu schmelzen.
„Er ist da“, Nikola kam in den Tunnel und machte Leuner Meldung. „Ich konnte Bewegungen unten am Berg ausmachen. Sicher Späher.“ Sie balancierte ihr Gewehr auf den Fingern.
Leuner blickte zu Karin. „Fahrt den Wagen an Bord, wir starten und wenn wir in Sicherheit sind setzen wir euch ab.“
Karin schüttelte den Kopf. Zusammen mit Brenda bildete sie ein ebenso starkes, wie stures Zweiergespann wie Klara und Nikola.
„Wir lenken sie ab.“
Katzenberg hob die Hand und brachte Leuner zum Schweigen bevor der noch etwas sagen konnte.
„Passt auf euch auf.“ Dann nahm er seine Enkelin in den Arm.
Brenda war die treibende Kraft der Beiden. „Auf Süsse, in den Wagen. Lass uns diesen laufendem Meter Steiger mal ein wenig verwirren.“
Leuner wusste das er nicht sagen musste, das sie den Kettenfahrzeug Prototyp vernichten mussten wenn Steigers Leute sie gefangen nehmen sollten.
Katzenbach musste nicht sagen das er Karins Entscheidung eine Frau als Lebenspartnerin zu wählen guthieß.
„Schreibt auf was ihr erlebt habt. Ihr könnt die Schrift der Krin“, sagte er nur.

Das Wasser lief mittlerweile in Strömen die Felswände hinab. „Ins Schiff“, sagte Leuner laut genug das es in der ganzen Halle gehört wurde.
Klara und Nikola halfen Monika auf.
„Ich bin ein schlechter Mensch, lasst mich hier.“ Sagte Monika.
„Wenn du das wärst, hätte das Schiff dich nicht an Bord gelassen.“ Stellte Klara fest.
Das Wasser schwappte ihnen schon über die Stiefel als sie die Rampe erreichten.
An Bord fand Monika wohl etwas Kraft und lief selbständig zwischen Klara und Nikola zum Kontrollraum. Klara half ihr sich in die Nische des Navigators zu setzen und drückte ihr aufmunternd die Hände.
Nur Frauen bevölkerten den Kontrollraum, von Katzenbach und Leuner keine Spur.
„Deswegen mussten wir wohl lernen selbstständig zu handeln“, sagte Klara bevor sie sich in ihre Nische setze und sich an das Schiff und die Gedanken der Anderen ankoppelte.


EPILOG - PHOENIX

Das Eis der Kuppel begann zu brechen, Brocken fielen herab, glitten an der Schiffshaut ab. Dann schwenkten einige Bauchplatten des Schiffes zur Seite, Dampf und Feuer schossen aus Düsen am Bauch. Tausende Liter gebunkertes Wasser verwandelten sich in Dampf, der Druck katapultierte das Schiff nach oben.
Je höher es stieg um so leichter wurde es, um so weniger Schub wurde benötigt.
Die Piloten der ME 262 die über dem Berg Kreise zogen, konnten gerade noch reagieren und ausweichen.
Die Frauen im Kontrollraum waren an alle „Sinne“ des Schiffes angeschlossen als eine ME sich nicht mehr fing und abstürzte reichte das Bedauernd einer Frau aus, damit das Schiff ein Kabel herausschoss. Das Kabel mit seinem Greifer erwischte das Flugzeug und zog es an Bord.
Das Schiff befand sich längst ausserhalb der Erde, als Techniker die Kanzel des Flugzeuges öffneten und den Piloten bargen. Der Mann war bewusstlos.
Katzenbach kümmerte sich persönlich um ihn.
Der Pilot war der erste Mensch der in einem der Schlaftanks landete.
Sein Flugzeug wurde demontiert und wie die Fahrzeuge gelagert.

Die Erde schrumpfte hinter ihnen zusammen. Leuner und Katzenbach beobachten das auf einem Bildschirm. Die Frauen im Kontrollraum bekamen die Bilder direkt ins Gehirn.
„Umschalten?“ Fragte Klara die Anderen.
Schon lag die Sicht „nach vorne“. Sie passierten den Mond nahmen Kurs auf den Rand des Sonnensystems.
Fünf Tage brauchte das Schiff dafür.
Es versorgte die Frauen mit Nahrung und koppelte sie ab, als sie in den Hyperraum sprangen.
„Zeit schlafen zu gehen“, sagte Klara.
Nikola streckte sich. „Wie lange werden wir unterwegs sein? 191 Jahre? Habe ich das richtig mitbekommen?“
„Ja“, Monika nickte.
Sie nahm wieder den Platz zwischen Klara und Nikola ein, als sie zu den Schlaftanks gingen. Ließ sich von den Beiden in den Tank helfen.
„Keine von uns hätte anders gehandelt“, sagte Klara zu ihr bevor sie den Deckel schloss. Sie strich über die Sichtluke als Monika eingeschlafen war.
„Jetzt wir“, sagte Nikola. Sie stiegen zusammen in einen Tank. Das Schiff hatte nichts dagegen.


ENDE

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Liebe Tentakel, ich hatte dich gebeten, die Schreib- und vor allem Kommafehler zu beheben. Bitte tu es jetzt.
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Damit du nicht ganz im Dunkeln tappst, versuch ich mal, nach und nach den Text nach diesen Fehlern durchzugehen.

quote:
Ein glühender Stern erleuchtete den Himmel und begründete damit eine neue Religion.
Das Leuchten zog über die Bewohner der Welt hinweg, die sich das leuchtende und schwankende Ding nur als Zeichen einer höheren Macht erklären konnten.
Für die Einen einen verkündete das Himmelsfeuer die Geburt ihres Messias, für die Andere andere, viel weiter nördlich, ein böses Omen. Denn schon einmal hatte ein solches fallendes Feuer Tod und Verderben gebracht.
Aber es zog langsam und tief über die Wüsten, dann Wälder und Berge hinweg. Erreichte die Regionen des Schnees und verlor an Höhe.
Wäre diese nördliche Region nicht fast unbewohnt gewesen, hätten die Bewohner dieser Welt das Zischen von Dampf und Krachen von Explosionen gehört.
Aus dem kontrollierten Absturz wurde ein Taumeln. Wer auch immer dieses Ding aus Licht, Dampf und Rauch steuerte, konnte nicht verhindern, dass es in einen Berg krachte.
Während das Objekt sich durch den Gletscher schmolz in den , in dem es gelandet war, dämmerte weiter südlich der erste Tag einer neuen Zeitrechnung.
Es sollte fast 2000 Jahre dauern, bis man das Himmelsding fand.


Und noch etwas Textarbeit:
Im Großen und Ganzen sagt mir der Text zu, wenngleich er für meinen Geschmack zu lang ist. Meint: Für den "Clou" hätte es viel weniger gebraucht, ohne an "Fließkraft" einzubüßen. Als SF-Fan muss ich aber vor allem die Idee, dass das Schiff nur "Gute" akzeptiert, als … nun ja … unoriginelle Fantasy einstufen. Schade, das verleiht dem Text einen schalen Nachgeschmack.

im PROLOG:
zu viele Absätze – der Abschnitt zerfasert

quote:
Ein glühender Stern erleuchtete den Himmel und begründete damit eine neue Religion.
Vorsicht vor zu viel Schmuck! Natürlich ein "glühender Stern" – das haben Sterne so an sich.

quote:
Das Leuchten zog über die Bewohner der Welt hinweg, die sich das leuchtende und schwankende Ding nur als Zeichen einer höheren Macht erklären konnten.
Wieso "schwankendes Ding"? Ich dachte, es sieht einfach nur aus wie ein Meteor – den würde man auch nicht schwanken (oder rotieren) sehen, Meinst du, dass es keine "glatte Bahn" ist, die er fliegt?

quote:
Für die Einen verkündete das Himmelsfeuer die Geburt ihres Messias, für die Anderen, viel weiter nördlich, ein böses Omen. Denn schon einmal hatte ein solches fallendes Feuer Tod und Verderben gebracht.
"Für … die anderen (verkündete es) ein böses Omen" – Omen werden, wen ich mich jetzt nicht ganz irre, nicht verkündet. Etwa kann ein Omen SEIN.
Inhalt: Es war bei weitem nicht für alle "Südlichen" Zeichen für die Messias-Geburt!

quote:
Aber es zog langsam und tief über die Wüsten, dann Wälder und Berge hinweg. Erreichte die Regionen des Schnees und verlor an Höhe.
Warum die Trennung? Passt doch ohne Punkt in einen Satz.
Das "aber" ist nicht ganz schlüssig.

quote:
Wäre diese nördliche Region nicht fast unbewohnt gewesen, hätten die Bewohner dieser Welt das Zischen von Dampf und Krachen von Explosionen gehört.
Moooment! "Fast unbewohnt" heißt: Es gab Bewohner. Der Satz heißt: "Hätte es mehr Leute da gegeben, hätten sie was gemerkt". " = "Weil es so wenige waren, hat kleiner was gemerkt." = "Nur wenn mindestens x Menschen anwesend sind, können sie was merken, bei x-1 Leuten merken diese x-1 Leute nichts."

quote:
Aus dem kontrollierten Absturz wurde ein Taumeln.
Moooooooment! Wieso "kontrollierter Absturz"? Ich weiß, du meinst, es war einer – aber man SIEHT das nicht. Du schreibst den Text sehr "filmisch", "zeigen, nicht sagen". wär hier also die passende Regel.
Und nochmal: Moooooment! ich denke, das Ding hat voher schon "geschwankt" …

quote:
Wer auch immer dieses Ding aus Licht, Dampf und Rauch steuerte, konnte nicht verhindern, dass es in einen Berg krachte.
Moooment! Es ist gar kein "echtes Objekt" sondern nur "Licht, Dampf und Rauch"? Am Ende ist es doch aber ein richtiges Schiff …

quote:
Während das Objekt sich durch den Gletscher schmolz in den es gelandet war, dämmerte weiter südlich der erste Tag einer neuen Zeitrechnung.
Es sollte fast 2000 Jahre dauern, bis man das Himmelsding fand.
Vorsicht vor Bezügen zum Christentum (oder anderen realen Dingen): Ja, die Geburt Christi GILT den Christen als Beginn der neuen Zeit und das Jahr dazu als Jahr 1. ABER: Wenn du so tust, als gäbe es einen realen Hintergrund für den Stern, dann musst du bedenken, dass (soweit ich weiß) Jesus (seine Existenz vorausgesetzt) wohl gar nicht im Jahr 1 geboren wurde!


(Bei Gelegenheit mach ich weiter)

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Wie vorhin, zuerst der Komma- und RS-Fehlerteil:


Der Gefreite Leuner funktionierte.
Rennen. Hinwerfen. Aufspringen. Weiterrennen.
Die Anderen anderen mochten von überlasteten Sinnen sprechen, für ihn schien der Weg klar und reiner zu sein als je zuvor in diesem Krieg.
Leuner war als Melder unterwegs, es mochte Bessere für diese Aufgabe, in seinem Zug, geben. Aber er hatte sich spontan gemeldetKomma als der Hauptmann jemanden suchteKomma um den relativ sicheren Holzbalkenbunker am Waldrand zu verlassen.
Leuner dachte nie viel nach, jedenfalls nicht über diesen Krieg, er handelte.
Wenn er dachte, dann waren seine Gedanken bei den neuartigen Kettenfahrzeugen und Waffen, nicht bei Mädchen oder seiner Familie.
Artillerie schlug rings um ihn ein. Sie schossen nicht weit genugKomma um die Stellung am Waldrand zu treffen, aber weit genugKomma um sein Ziel längst in Schutt und Asche gelegt zu haben.
Granatenpfeiffen und Leuner lag schon wieder flach in einem Trichter.
Vertikal war er ein großes, breites Ziel, horizontal ein flächiges. Als Melder war er viel zu groß.
Er spürte Blutwärme, nicht die Wunde selbst, aber sein linkes Bein tat noch seinen Dienst. Leuner sprang auf, rannte weiter. Hatte längst die letzten schützenden Büsche hinter sich gelassen. Das kriegsdampfverhangene Feld vor ihm, kein Komma war eine granatengepflügte Erdwunde.
Er erreichte sein Ziel im freien Fall. Der Schützengraben war ebenso Rauchverhangenrauchverhangen wie der Rest des Schlachtfelds.
„Sie haben es aber eilig“, knurrte es neben ihm.
„Habe hier eine Meldung für Hauptmann Katzenbach.“
Bevor sich Leuner aufrappeln konnte und der Soldat eine Chance bekamKomma imihm zu antworten, schlug etwas direkt in den Graben ein.

Leuner erwachte neben dem Holzbalkenbunker, sah die besorgten Gesichter seiner Kameraden.
„Wie ...“ Komma krächzte er, seine Sinne wurden nicht ganz klar.
„Hauptmann Katzenbach hat dich zurückgebracht.“
Wenn ein Gesicht noch blasser war, als das seiner Kameraden, dann war es das des Sanis. „Geht es?“ Komma fragte das halbe Kind.
Leuner fühlte nichts. „Geht“, was auch immer gehen sollte.

Er musste eingeschlafen sein, denn es war NachtKomma als er erneut die Augen aufschlug. Dieses Mal spürte er etwas. Schmerzen.
Aber der Schmerz half ihmKomma den Kopf klarzubekommenklar zu bekommen. Neben ihm, im MondlichtKomma das durch den Rauch filtertegefiltert wurde, sah er eine GestaltKomma die seltsame Worte murmelte, fast sang und sich dabei nach vorne und hinten neigte.
Leuner biss die Zähne zusammenKomma als die Schmerzen stärker wurden. Die Gestalt beendete ihr Ritual und drehte sich herum.
„Was?“ war das? Wollte „Was …“ ,… was das?‘, wollte Leuner fragen, aber nach dem ersten Wort brach ihm die Stimme.
„Gefreiter Leuner, schön dass sieSie überlebt haben.“
Leuner erkannte die Abzeichen eines Hauptmanns.
„Es hat meinem Sani etwas Mühe gemachtKomma sieSie auszugrabenKomma und ich musste ihnenIhnen die Meldung entreissenentreißen, so verkrampft waren ihreIhre Finger, aber sieSie haben vielen Leuten das Leben gerettet.“
Katzenbach? Dachte Leuner. ,Katzenbach?‘, dachte Leuner.
Aber statt der Frage kam nur ein Stöhnen aus seinem Mund.
Katzenbach griff unter seinen Uniformrock und zog eine SpitzeSpritze hervor.
„Der Sani hat mir das Morphium für Sie gebenengegeben.“
Leuner wollte protestieren, sagenKomma dasdass er irgendwie mit dem Schmerz klarkam, aber der Hauptmann stach ihm die dicke Nadel in den ArmKomma ohne das Leuner es spürte.

Das nächste Mal erwachteteerwachte er in einem Wagen. Das pferdebespannte Gefährt holperte über den Boden und mit jedem Schlag wurden die Schmerzen stärker.
Dann hielt der Wagen. Leuner meinte französische Worte zu hören, heisere Befehle.
„Der Krieg ist aus, jedenfalls für uns“, Katzenbachs Stimme drang an Leuners Ohr.
Katzenbach trug einen blutbefleckten Kittel über seiner Uniform, antwortete dem Soldaten, der die Plane vom Wagen rissKomma in fliessendemfließendem französischFranzösisch.
„Allez vous!“ Komma brüllte es nahe der Wagenplane, aber der Franzose am Wagen schien durch Katzenbachs Worte besänftigt.
Er ließ die Verwundeten, auch Leuner vorsichtig abladen. Leuner sahKomma wie der Franzose etwas an Katzenbachs Hals berührte und dann einige Worte in der seltsamen Sprache sagte, die der Gefreite schon bei seinem ersten Erwachen gehört hatte.

Im Lagerlazarett stank es nach Tod und Blut.
Aber nicht so schlimm wie in der VerwundetensammelstelleKomma die Leuner einmal gesehen hatte, als er in Koblenz einige Tage auf den Weitertransport nach Belgien warten musste hatte warten müssen.
Die Schmerzen waren immernoch schlimm und er konnte keinen Blick auf seinen Körper werfen. Eine zeltartige Konstruktion schützte seinen nackten Körper vor Fliegen und der Kälte.
Nur sein Oberkörper schaute daraus hervor.
Um ihn herum ein Sprachgewirr aus Französisch, Flämisch und deutschDeutsch.


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Tentakel
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Hallo Jon,

Oh je.

Da sind ja doch noch massig Fehler drin, obwohl ich den Text selbst mehrmals durchgegangen bin und ihn auch zwei Leuten zum "Kommas reinbauen" geben hatte (und diese Leute hatte ich dafür auch noch bezahlt - na toll, ich glaube da muss noch das eine oder andere Federvieh gerupft werden).

Ihh, Fantasy in meiner SF.
Meinst Du es gäbe vielleicht eine technische Lösung für das Problem? Ausser irgendwelchen gentik Schmern.

Ich habe mir jetzt mal Deine Kritik (Inhaltlich als auch fehlertechnisch) ausgedruckt).

Damit kann ich etwas anfangen.

Persönlich frisst mich der Prolog eh an - die Geschichte existierte erst ohne und begann mit der Entdeckung des Schiffes, das war mir dann aber zu offensichtlich, also habe ich es rausgeworfen.

Prolog raus, Entdeckung rein, oder Prolog umarbeiten?

Mal eine dumme Frage:

quote:
Für die Einen verkündete das Himmelsfeuer die Geburt ihres Messias, für die Anderen, viel weiter nördlich, ein böses Omen.

Da hattest Du "Einen" und "Andere" (denen wohl noch ein "n) fehlt) klein korriegiert.

Da war ich mir jetzt aber recht sicher, dass beides groß geschrieben wird.


Btw.:
Wie lange hat man denn hier zum Überarbeiten?

Auf jeden Fall: Ich bin Baff über die Arbeit die Du Dir gemacht hast. Vielen, vielen dank.

Gute Nacht

Tentakel *die sich grade einen Saugnapf abfreut über so viel hilfreiche Kritik*


Ach so: Wie und wann hattest Du mich gebten die Fehler zu beheben? Per eMail? Da ist nichts.

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jon
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"Rums!" – das war der Stein, der mir grade vom Herzen fiel. Ich dachte schon, du zählst zu den "Friss oder stirb!"- Autoren, die gar nicht die Absicht haben, an ihren Texten zu arbeiten. (Ich hatte dich in der Mail unmittelbar nach der Freischaltung gebeten.) Damit du nicht unter Zeitdruck kommst, schieb ich den Text mal wieder ins SF-Forum.

Ich glaube, du solltest von den Korrektoren das Geld zurückverlangen. Und zwar mit durchaus unfreundlichen Worten. Dass auch ihnen mal dies oder jenes durchrutscht, damit muss man leben, aber so viel und vor allem so Gravierendes …

Der eine und der Andere – das zählt zu den Tücken, die die neue RS mit sich brachte. Im Wirklichkeit hat sich da aber kaum was geändert: "Der eine" und "der andere" werden in der Regel klein geschrieben. "Der Eine" – das ist "jener welcher, DER Typ schlechthin, DER Eine" eben. "Der/die/das Andere" – das ist der/die/das Fremde, ganz extrem andere/Abweichende. "Die einen (der Gruppe) suchen nach dem einen (Aspekt des Problem)" / "Die einen suchen nach dem Einen (dem Messias)" / "Die anderen (der Gruppe) suchen nach dem anderen (Teil des Puzzles)" / "Die Anderen (die Aliens) suchen nach dem Einen (Auserwählten)" …

Prolog oder nicht … Da ich annehme, dass die Entdeckung nicht vor Leuners Gefreitenzeit liegt, ist ein Prolog wie dieser wohl besser. Ich würde dabei aber nicht ganz so auf die Christentum-Tube drücken, das passiert mit dem letzten Satz (den 2000 Jahren) sowieso schon. Und ich würde mich auch weitgehend auf das "Sehbare" beschränken (wie im Kino), die Hinweise, dass es ein Schiff ist, kannst du stark einschränken – die Bahn allein legt das schon nahe.

Ein großer Stern erhellte den Himmel. Er zog über die Menschen hinweg, die sich das leuchtende Ding nur als Zeichen einer höheren Macht erklären konnten. Für die einen verkündete das Himmelsfeuer die Geburt ihres Messias, für die anderen, viel weiter nördlich, war ein böses Omen. Denn schon einmal hatte ein solches fallendes Feuer Tod und Verderben gebracht.

Doch es fiel nicht. Langsam und tief zog es über die Wüsten, dann Wälder und Berge hinweg, erreichte die Regionen des Schnees und verlor an Höhe. Zischen wie von Dampf und der Lärm von Explosionen durchbrachen die Stille und es begann zu taumeln. Dann krachte es in einen Berg, Eis und Schnee spritzten vom Gletscher auf. Und während das Objekt sich durch den Gletscher schmolz, dämmerte weiter südlich der erste Tag einer neuen Zeitrechnung.

Es sollte fast 2000 Jahre dauern, bis man das Himmelsding fand.


(Wobei: der Letzte Satz ist auch streichbar. Dass es gefunden wurde, steht ja dann in der Geschichte drin.)

Ja ich weiß: Das Dilemma mit der Zeitrechnung ist noch drin, ein Verlagslektor würde es eventuell doch entfernen. Aber man muss manchmal vereinfachen, es gibt auch "Konventionen" – würdest die "richtigen Zahlen" nehmen, würde der Leser es wahrscheinlich nicht mehr auf Anhieb verstehen – und überhaupt eine Abwägung, was ein Text "verkraftet" und was nicht.
Man muss als Autor nicht alles umsetzen, was der Kritiker/Kommentator sagt, wirklich nicht! Nimm solche Dinge als "noch mal hingucken!"- Hinweise.


Was den Fantasy-Faktor angeht: Entspann dich! Da deine Geschichte darauf ausgerichtet ist, dass nur "die Guten" das Schiff fliegen können, musst du den Schluss so lassen.
Jeder andere Kniff würde große Änderungen in der Geschichte verlangen. (Was anderes als ein DNS-Scan fällt mir auch nicht ein, aber der würde Fragen aufwerfen, die auch wieder nicht ganz ohne sind.) Das kannst du dir insofern sparen, als zwar SF-Puristen wie ich solche Mystik nicht so toll finden, das allgemeine Leserempfinden da aber etwas großzügiger ist (ganz viel, wo SF draufsteht, enthält heute eine Portion Fantasy).
Im Übrigen können Erzählungen (etc.) trotz solcher "Makel" toll sein – wenn sie saugut erzählt sind nämlich. Die Konzentration auf die Frauen hier hat durchaus das Potential: Es überwiegt die Geschichte dieser Frauen, das Alien-Element ist nur der Anlass. Und das ist in meinen Augen der wichtigste Pluspunkt des Textes.

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