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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Prometheus
Eingestellt am 20. 01. 2005 19:33


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Hieronymus
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Der Begr├╝├čungsapplaus verebbte, das Licht im gro├čen Saal der Philharmonie wurde schw├Ącher, nur die B├╝hne war noch hell erleucht. Ein Moment erwartungsvoller Stille, dann erklangen die ersten Akkorde der „Appassionata“. Melchior Proteus, Professor am Institut f├╝r Angewandte Kybernetik der Technischen Universit├Ąt, beugte sich in seinem Sessel vor. Vom Parkett aus beobachtete er mit gespannter Aufmerksamkeit die H├Ąnde des Pianisten. Sie waren sein Werk. Seit mehr als einem Jahrzehnt arbeitete er mit seinem Team fieberhaft an der Verbesserung der Prothesentechnik. Vor f├╝nf Jahren hatte Proteus die entscheidende Idee f├╝r einen Prozessor gehabt, der zum wesentlichen Bestandteil der Ersatzglieder werden sollte. Mit seiner Hilfe konnten die Patienten ihre k├╝nstlichen Gliedma├čen v├Âllig nat├╝rlich bewegen. Proteus blickte zur Loge Frischers hin├╝ber, der ihm anerkennend zunickte.
Jussuf Frischer, Verteidigungsminister der Republik, interessierte sich eigenlich ├╝berhaupt nicht f├╝r klassische Musik, umso mehr aber f├╝r Prothesen. Seit dem j├╝ngsten friedenssichernden Einsatz der Bundeswehr im Kongo waren die schweren Hand- und Fu├čverletzungen unter seinen Soldaten sprunghaft angestiegen, teils wegen der grausamen Gewohnheiten der einheimischen Guerilla, teils wegen der vielen Landminen, die die vorige Bundesregierung an den vorigen Diktator des Kongo geliefert hatte, und die ├╝berall im Lande lauerten. Frischer brauchte dringend etwas, um die Moral der Truppe zu st├Ąrken. Da kam ihm die Aussicht auf hochfunktionale Prothesen f├╝r alle, die einen Arm oder ein Bein verloren hatten, gerade recht.
Dies war sein erstes Konzert nach mehrj├Ąhrigem Aussetzen. Arturo Silvio Berliscangeli hatte schon das Ende seiner Pianistenkarriere kommen sehen. Die Gicht in seinen H├Ąnden schritt immer weiter fort und machte das ├ťben zur Tortur. Da hatte er Proteus kennen gelernt, der ihm von seinen Prothesen erz├Ąhlte. Er hatte in eine Operation eingewilligt. Zwei Jahre unerbittlichen ├ťbens hatten ihn nicht nur auf die H├Âhe seiner Kunst zur├╝ckgef├╝hrt, er konnte sogar aufgrund der Speicherfunktion der Prozessoren neue St├╝cke schneller erarbeiten und sicherer abrufen. Mit m├Ąchtigen Prankenhieben f├╝hrte er die „Appassionata“ zu Ende, erhob sich und genoss den so lange entbehrten Applaus.
Es folgte die g-Moll-Ballade von Chopin, danach gab es eine Pause. Proteus eilte hinter die B├╝hne, um Berliscangelis H├Ąnde durchzuchecken. Dem Pianisten war eine ungew├Âhnliche Erw├Ąrmung an ihnen aufgefallen, und Proteus stellte schnell fest, dass Fl├╝ssigkeit aus dem K├╝hlsystem ausgetreten war. Die Ursache daf├╝r konnte er in der kurzen Zeit nicht herausfinden; er musste sich damit begn├╝gen, die verloren gegangene K├╝hlsubstanz mittels einer Injektion zu ersetzen. Mit Spezialkleber dichtete er die Einstichstelle ab.
Der zweite Teil des Konzerts begann, auf dem Programm stand Prokofjew, die Sonate Nr. 7. Proteus machte sich Sorgen, dass die Prozessoren in Berliscangelis H├Ąnden zuviel Hitze entwickeln w├╝rden. Aber alles ging gut; Berliscangeli h├Ąmmerte die letzten Takte des „Precipitato“ herunter. Proteus war am Ziel. Nach diesem Erfolg war ihm ein fetter Auftrag aus dem Verteidigungsministerium sicher. Ein Blick zu Frischers Loge hin├╝ber best├Ątigte ihm das. Er w├╝rde eine Aktiengesellschaft gr├╝nden und f├╝r immer von der Universit├Ątsfron befreit sein. Einen Namen hatte er sich auch schon ├╝berlegt. ProMeTeus sollte die Firma hei├čen.
Berliscangeli erhob sich, um die Ovationen entgegenzunehmen. Ja, daf├╝r lohnte die jahrelange Arbeit! Als der Applaus nach einigen Minuten schlie├člich verebbte, kehrte er an den Fl├╝gel zur├╝ck. Mit einer Zugabe w├╝rde er sich dieses Gl├╝cksgef├╝hl noch einmal verschaffen.
Was war das? Schwei├č trat auf Proteus’ Stirn. Berliscangeli spielte ja wieder! Hatte er ihm in der Pause nicht eingesch├Ąrft, wegen des defekten K├╝hlsystems vorsichtig zu sein? Und ausgerechnet den „Mephisto-Walzer“ von Liszt. Das konnte m├Âglicherweise zum Speicher├╝berlauf und zur ├ťberhitzung des Prozessors f├╝hren. Da, beim Fortissimo, schoss eine Stichflamme aus der Rechten des Pianisten, dann auch aus der linken Hand. Der Kunststoff der Prothesen schmolz und tropfte auf die Tastatur. Eine schweflig stinkende Wolke waberte von der B├╝hne ins Parkett. Berliscangeli sprang auf und st├╝rzte mit qualmenden H├Ąnden zum Waschraum. Proteus’ verzweifelter Blick suchte noch einmal die Loge Frischers. Aber die war bereits leer.

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Stern
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Hallo Hieronymus,

du hast mich eingewickelt mit deiner Kurzgeschichte, absolut. Super durchdacht bis zu den Namen(Yussuf Frischer - *br├╝ll* ) und den Musikst├╝cken, gut aufgebaut, Hintergr├╝nde knapp und markant geschildert, nichts ├ťberfl├╝ssiges, nichts Langweiliges, nichtmal Rechtschreibfehler. - Wer es wohl schafft, hier noch Textarbeit zu leisten? Also, ich nicht.

Ich versuche die ganze Zeit, mein Lachen nachzuempfinden, das ich am Ende dieser Geschichte von mir gab. Im Nachhinein fragte ich mich, wie ich da lachen konnte. Im Grunde ja ein menschliches Drama. Deine Schreibweise und Perspektive hat in mir eine Distanz verursacht, die es erlaubte, das Ende als makabren H├Âhepunkt zu erleben. - Ja, es muss daran liegen, dass der Blickwinkel des Proteus ein so k├╝hler, rein materialistisch orientierter ist, und ich ihn nicht mochte, so dass mein Lachen eine Art Schadenfreude ihm gegen├╝ber war. Wirklich genial, wie du diese Distanz geschaffen hast.

Applaudierend,

Stern *

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Hieronymus
H├Ąufig gelesener Autor
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Hallo Stern,

vielen Dank f├╝r Deine positive Kritik.
Mit der Distanz hast Du recht. Ich habe versucht, die Geschichte vollst├Ąndig aus der Sicht der drei Figuren zu schildern. Der Erz├Ąhler mischt sich nicht ein. Mir pers├Ânlich ist der Pianist am sympathischsten, dann kommt Proteus und zuletzt der Au├čenminister, der bei einem Misserfolg sofort Rei├čaus nimmt.

Viele Gr├╝├če
Hieronymus

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Stoffel
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Hallo,

wird "Angewandte" wirklich gro├č geschrieben?*gr├╝bel*

Ist es hier egal, welche TU?

Mir ist der Schluss zu d├╝rftig.
Puff-Peng-Sense...nee, das denke ich nicht.
Ich denke mal, ein hochdotierter Pianist wie er, da geht auch was in der Presse rum. Die Menschen str├Âmen sicher auch,um ihn mit den Protesen spielen zu h├Âren und SEHEN.

Ich hatte einen anderen Schluss erwartet.
Vielleicht, dass er Zugabe gibt, obwohl Prometeus ihm abgeraten hatte..seine H├Ąnde sich verselbstst├Ąndigen, durchdrehn quasi und er, der Pianist..vielleicht eher ├╝berfordert an einem Herzinfakt stirbt.

Ok, wohl alles, wie ich lese, auch reine Geschmackssache. F├╝r mein Geschmack..der Schluss hingeschnuddelt. Sorry..
Gute Idee, absolut ausbauf├Ąhig. Das denke ich schon.

lG
Sanne

"Mit seiner Hilfe konnten die Patienten ihre k├╝nstlichen Gliedma├čen, durch (eigene) Hirnsteuerung v├Âllig nat├╝rlich bewegen."

"Proteus blickte zur Loge des Verteidungsministers, hin├╝ber, der ihm anerkennend zunickte.
Jussuf Frischer, Verteidigungsminister der Republik, interessierte sich eigenlich ├╝berhaupt nicht f├╝r klassische Musik, umso mehr aber f├╝r Prothesen."

"Seit des k├╝rzlich erst friedenssichernden Einsatz der Bundeswehr im Kongo waren die schweren Hand-und Fu├čverletzungen unter seinen Soldaten, die meist zur Amputation f├╝hrten...

"Arturo Silvio Berliscangeli, einer der wohl bekanntesten Pianisten der Welt, hatte schon das Ende seiner Karriere kommen sehen...."

"Die Gicht in seinen H├Ąnden schritt immer weiter fort und machte das Spielen zur Tortur, wenn nicht sogar manchmal unm├Âglich."

"Er lernte Proteus auf eine dieser Galas kennen...."

"Prankenhiebe.."? Nee, ein Pianist hat super H├Ąnde, da gibts nix "Prankenm├Ąssiges"! Und ich denke mal, wenn Proteus in der Lage ist, so was zu konstruieren, dann gibt er den H├Ąnden auch ein entsprechendes ├äu├čeres? Zudem w├Ąren ZWEI Jahr ├ťbens damit zu lange...datt muss schneller gehn

"Dem Pianisten war eine ungew├Âhnliche Erw├Ąrmung an ihnen aufgefallen, und Proteus stellte schnell fest, dass Fl├╝ssigkeit aus dem K├╝hlsystem ausgetreten war. Die Ursache daf├╝r konnte er in der kurzen Zeit nicht herausfinden; er musste sich damit begn├╝gen, die verloren gegangene K├╝hlsubstanz mittels einer Injektion zu ersetzen. Mit Spezialkleber dichtete er die Einstichstelle ab."

H├Ârt sich leider bissl nach Heimwerkermarkt aus und nicht nach einem fachlichen Genie in Punkto Prothesen.

"Der zweite Teil des Konzerts begann. Auf dem Programm stand Prokofjew, die Sonate Nr. 7."


"Ein weiterer/nochmaliger Blick zu Frischers Loge hin├╝ber best├Ątigte ihm das."

"ProMeTeus sollte die Firma hei├čen."
Ist ja klar. Ich allerdings w├╝rde ihn dann aber zuvor nicht "Priometeus" nennen, sondern den Namen tragen lassen, den er hat. Franz Fischer, Kuno Wagner, etc...

"Berliscangeli erhob sich und verbeugte sich tief, als er die stehenden Ovationen entgegennahm. Die jahrelange Arbeit hatte sich gelohnt. All der Schmerz......."


"Was war das? Schwei├č trat auf Proteus' Stirn. Berliscangeli spielte ja wieder! Hatte er ihm in der Pause nicht eindringlich gebeten, es nicht zu tun?..."

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Stoffel
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Registriert: Jun 2002

Werke: 468
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wieso wird meine Wertung von "6", die lautet
"Dieses Werk hat was, bedarf der ├ťberarbeitung"...
gestrichen??

Naja, ich blick eh nicht durch das B-System.

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

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hallo,

stoffel, deine bewertung wurde markiert, aber nicht ung├╝ltig gemacht. sie weicht von der durchschnittsbewertung ab.
lg
__________________
Old Icke

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