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Prometheus reloaded
Eingestellt am 17. 02. 2018 21:43


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Weltenwandler
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Prometheus reloaded

„Hier sitz ich, form Menschn nach meim Bild-e“, las Lukas mit zusammengekniffenen Augen von der schlechten Kopie ab, die Herr Leck der ganzen Klasse vor den Latz geknallt hatte. „Herr Lee-heeeck“, rief Julia aus der hintersten Reihe, „was sind denn Knaben-morgenblü-, Knaben-morgen-Blüten-Träume?“ Herr Leck, der genauso wie Lukas verbissen in seinen ominösen Unterrichtsordner hineinstierte, sah auf und bedachte Julia mit einem kurzen Blick, der ihr signalisierte, dass sie es wohl nie erfahren werde, wenn sie Lukas davon abhielte, die Hymne fertigzustottern. Dieser kam nun zum Ende seines Leidensweges, und hätte nicht vorher einer seiner Tischnachbarn ihm ein Blatt mit kunstvoll gestalteten Genitalzeichnungen unter seine - möglicherweise vom Gedichtsgestank -gerümpfte Nase gehalten, so wäre Lukas an diesem Donnerstagnachmittag nicht länger in der Schule geblieben, um dem knarzigen Hausmeister zu helfen, die Hecke von Müll zu befreien und nebenbei zu schneiden.

Die Sonne stand strahlend wie Bio-Eigelb am Himmel und war im Begriff, Lukas´ Nacken mit einem schmucken roten Halsband zu versehen, als wolle sie betonen, dass er sich in Gefangenschaft befand. Der Kuckuck, der auf dem großen Kastanienbaum saß und von allen Schülern nur „Uck-Kuck“ genannt wurde, weil er seinen Ruf immer verkehrt herum auf den Schulhof trillerte, sang sein verdrehtes Lied heute exklusiv für Lukas und Herrn Rubino. Beleidigt stand der Rhododendron einige Meter von der bearbeiteten Hecke entfernt und grämte sich über die 2 Jackie-Cola-Dosen und 43 Zigarettenstummel, die allesamt von denselben fünf Schülern dort für die Nachwelt deponiert wurden. Er befand sich, anders als die Hecke, nicht mehr auf dem Schulgelände und bekam deswegen doppelt so viele Schülerpräsente und nur halb so viel Aufmerksamkeit, denn Hausmeister Rubino schnitt die Hecke im Frühjahr und im Herbst. Und hatten die Stadtarbeiter, die nur einmal im Jahr kamen, je die Kippenstummel aufgelesen? Hätten sie die Schmerzen gelindert je des Beladenen? – Wohl kaum. Was jedoch selbst der Uck-Kuck nicht sah, waren die schwarzen Rauchwolken, die aus Lukas´ Kopf quollen. „Verdammt, jetzt komm ich zu spät nach Hause, Mama denkt wieder ich wäre zum Skaterpark – und zum Skaterpark kann ich auch nicht, weil ich hier das Grünzeug kastriere, auf das schon die halbe Schule gepinkelt hat. Und Aura findet mich uncool, weil ich´s in der Deutschstunde verkackt hab…“

Klar war, dass der Tag für Lukas heute gelaufen war. Da er schon in der zehnten Klasse war, hatte ihm Herr Rubino die zweite Heckenschere anvertraut, mit der er nun aus den unschuldigen Buchsbäumen ein Gebilde zusammen schnitt, das einem Hundertwasser gerecht geworden wäre. Bevor Lukas die niedrigen Bäumchen zu einem Mord-Schauplatz umgestalten konnte, schritt Herr Rubino ein, nahm dem Berserker die Schere entschlossen aus der Hand und reichte ihm einen etwas weniger brachialen Laubrechen.
„Bitte, kehr doch die Blätter zusammen, die ich abschneide und leg sie in die Schubkarre.“
Mit seiner drahtigen Hand deutete er auf einen rostigen Karren hinter sich.
„Und wenn du schonmal dabei bist, kannst du mir erzählen, wieso du hier bist - außer natürlich, um meine Hecke zu ruinieren.“
„Hab in Deutsch lachen müssen“, erwiderte Lukas mürrisch und wandte sich dem Buchsbaumgemetzel zu.

Ein fragendes „Aha?“ entwich Herrn Rubino. „Ein Lehrerstreich?“

„Nein, ein Gedicht.“

Oben auf dem Kastanienbaum u-kuckte der Kuckuck im Takt der Scherenschnitte Rubinos und wunderte sich wohl ebenfalls über die verkehrte Welt, wo Lachen mit tödlicher Gartenarbeit gestraft wurde.

„War wohl ´n trauriges Gedicht, oder?“, versuchte Herr Rubino des Pudels Kern aus Lukas´ fragwürdiger Begründung auszugraben.

„Keine Ahnung.“

Oben am Himmel schien die Sonne ihren Spott auf Lukas zu revidieren und bedeckte ihren Himmel, nur noch in Bodenhaltung-gelb, mit Wolkendunst.

„Wie hieß es denn?“, erkundigte sich der Hausmeister mit einem kurzen Seitenblick und einem Verziehen der Mundwinkel, die wohl ein Lachen andeuten sollten.

„Protemus oder so, er hatte keinen Bock auf die Götter und die dann beleidigt“
„Protemus, soso“, erwiderte Rubino, diesmal wirklich lächelnd. „Und da war dir zum Lachen zumute?“

„Nein, aber unser Tisch hat eh nicht aufgepasst und ich wurde beim Lesen gestört.“

Unterdessen atmete der Rhododendron auf der anderen Seite des Weges auf, weil Lukas sich mit seiner Schere an den Buchsbäumchen geübt hatte und nicht knabengleich an seinen Knospen.

„Wieso muss man die Hecke überhaupt schneiden?“, fragte Lukas nach einer Weile. „Die stört doch hier niemand.“

„Ja, die Hecke hat das wahrscheinlich nicht verdient. Sie wurde hier von mir vor 16 Jahren gepflanzt und würde mit Sicherheit anders aussehen, wenn ich nicht den Auftrag hätte, sie zwei Mal im Jahr zu stutzen. Aber wir haben uns gut eingelebt. Außerdem stutze ich lieber Hecken als Menschen.“

Da Lukas bisher immer auf solcherlei Fragen nur Aussagen wie „Frag nicht so schlau!“ gehört hatte, verstummte er kurz und ließ Rubinos wenig sinnstiftende Antwort auf sich wirken.

Oben auf dem Kastanienbaum hörte der Uck-Kuck kurz auf zu singen, um sich sein Gefieder zu putzen. Als er wieder anfing, übertönte das erste „Uck“ ein Windstoß, der die schon braunen Blätter zum säuseln brachte. Es war wohl das erste Mal, dass man ihm ohne Stirnrunzeln zuhören konnte – ob er „kuckuck“ oder „uck-kuck“ sang, lag wohl wirklich im Ohr des Zuhörers.

„Ich frage mich, wieso die Hecke überhaupt noch wächst, anstatt einfach damit aufzuhören. Sie wird ohnehin nur darunter leiden.“ - Lukas war sichtlich verwirrt darüber, dass die Heckenmorgenblütenträume des grünen Gartenungetüms nicht schon vor 15 Jahren verwelkt waren.

„Nun ja“, antwortete Herr Rubino. „Man möchte meinen, die Hecke hat ihren Drang nach Freiheit noch nicht aufgegeben.“

Lukas schaufelte eine Handvoll Blätter in den Karren, der sich langsam füllte. Ein Teil von ihm bewunderte die Hecke, die jedes Jahr aufs Neue das Wettrennen gegen die Schere antritt. Aus dem Augenwinkel entdeckte unter einem Busch etwas Blitzendes. Interessiert griff er danach - und wunderte sich, wieso er immer noch auf einen Schatz hoffte, obwohl das jetzt schon das dreizehnte Stückchen Plastikfolie war, das er in den letzten zwei Stunden ergattert hatte.

„Aber was bringt es?“, beschwerte sich Lukas. „Jeden Tag aufs Neue, immer weiterwachsen und dann kommen wir und schneiden sie ab!“ Ob er aus botanischer Wissbegierde, Trotz oder philosophischer Kuriosität nachhakte, konnte Hausmeister Rubino nicht sagen, jedoch ließ sich der alte Mann zu einer Antwort hinreißen.

„Nun ja - Wenn die Hecke nie weiter gewachsen wäre, hätte ich ihr nicht jedes Jahr ein paar Zentimeter mehr Raum gegeben. Es ist schön anzusehen, wie die Hecke unbemerkt immer größer wird… und wer weiß, vielleicht überlebt sie mich ja und wächst irgendwann gen Himmel.“

Lukas gab mit einem Grunzen zu erkennen, dass er die Antwort registriert hatte. Vielleicht hatte der alte Rubino Recht und die Hecke konnte sich entfalten, obwohl ihr Grenzen aufgezeigt wurden.
Oben am Himmel schob sich die Sonne wieder hinter der Cirrocumulus hervor und strahlte wärmespendend auf die Kastanie, die Hecke und den Rhododendron. Und in einem kleinen Winkel, auf der Seite des Weges, wo die Macht des Hausmeisters ihr Ende hatte, bereitete sich ein kleines, grünes Buchsbäumchen auf seinen ersten Winter vor.


Erscheint auf smartstories.at

Version vom 17. 02. 2018 21:43

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Hallo Weltenwandler,

zuerst einmal willkommen in der Leselupe.

Du lieferst hier ein Debüt, das ich wirklich gerne gelesen habe. Das kleine Gespräch zwischen Lukas und dem Hausmeister transportiert eine ganze Menge hintersinniger Gedanken, die du, wie ich finde, gelungen aus dem Goetheschen roten Faden, der in deinem Text immer wieder hindurchscheint, entwickelst. Daneben hat der Text in meinen Augen eine schöne Sprachmelodie und ließt sich flüssig. Kurz: Eine lesenswerte Geschichte!

Ich habe noch drei Anmerkungen, die aber wirklich nur Kleinigkeiten sind.

quote:
Hätten sie die Schmerzen gelindert je des Beladenen?

Hier versteckt sich in deinem Text ein Zitat aus dem Prometheus, das zwar zu der Textstelle passt aber dadurch, dass du es als solches nicht kenntlich machst, ein wenig wie ein sprachlicher Holperer wirkt. Ich würde eventuell deutlicher kenntlich machen, dass Lukas hier eine Strophe aus dem Gedicht in den Kopf kommt.

quote:
Beleidigt stand der Rhododendron einige Meter von der bearbeiteten Hecke entfernt und grämte sich über die 2 Jackie-Cola-Dosen und 43 Zigarettenstummel, die allesamt von denselben fünf Schülern dort für die Nachwelt deponiert wurden.

Hier würde ich vielleicht ein regelmäßig vor bearbeitet ergänzen. Der Rhododendron wird ja auch bearbeitet, aber eben nur zwei Mal im Jahr.

quote:
Und Aura findet mich uncool, weil ich´s in der Deutschstunde verkackt hab

Ist Aura Julias bzw. Herr Lecks Spitzname? Der Name taucht etwas unvermittelt auf und ich konnte ihn nicht so recht einordnen.

Beste Grüße

Blumenberg

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Weltenwandler
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Hallo Blumenberg,

vielen Dank für deine Kritik! Deine Reaktion hat mich sehr gefreut.
Mit den Anspielungen auf den Prometheus hast du Recht - als beispielsweise meine Eltern diese Geschichte lasen, sind ihnen diese Stellen eher unschön vorgekommen. Auch "des Pudels Kern", der ja eigentlich aus Goethes "Faust" stammt, ist wahrscheinlich klärungsbedürftig.
Vielleicht schafft man Abhilfe, wenn man gleich die Prometheus-Hymne mit an den Text hängt

"Aura" ist der Spitzname eines Mädchen namens Aurora; ein Mädchen, in das Lukas verliebt ist - ursprünglich wollte ich zu ihr ein paar Zeilen mehr schreiben als ein Wort, deshalb passt sie wohl einfach nicht in die Geschichte. Die Idee, stattdessen Julia zu erwähnen, wäre eine gute Lösung!

Dankend
Tobid

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Weltenwandler
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Hier nur noch kurz die kleinen Verbesserungen: Am Gesamttext hat sich nichts geändert.




Prometheus reloaded

„Hier sitz ich, form Menschn nach meim Bild-e“, las Lukas mit zusammengekniffenen Augen von der schlechten Kopie ab, die Herr Leck der ganzen Klasse vor den Latz geknallt hatte. „Herr Lee-heeeck“, rief Julia aus der hintersten Reihe, „was sind denn Knaben-morgenblü-, Knaben-morgen-Blüten-Träume?“ Herr Leck, der genauso wie Lukas verbissen in seinen ominösen Unterrichtsordner hineinstierte, sah auf und bedachte Julia mit einem kurzen Blick, der ihr signalisierte, dass sie es wohl nie erfahren werde, wenn sie Lukas davon abhielte, die Hymne fertigzustottern. Dieser kam nun zum Ende seines Leidensweges, und hätte nicht vorher einer seiner Tischnachbarn ihm ein Blatt mit kunstvoll gestalteten Genitalzeichnungen unter seine - möglicherweise vom Gedichtsgestank -gerümpfte Nase gehalten, so wäre Lukas an diesem Donnerstagnachmittag nicht länger in der Schule geblieben, um dem knarzigen Hausmeister zu helfen, die Hecke von Müll zu befreien und nebenbei zu schneiden.

Die Sonne stand strahlend wie Bio-Eigelb am Himmel und war im Begriff, Lukas´ Nacken mit einem schmucken roten Halsband zu versehen, als wolle sie betonen, dass er sich in Gefangenschaft befand. Der Kuckuck, der auf dem großen Kastanienbaum saß und von allen Schülern nur „Uck-Kuck“ genannt wurde, weil er seinen Ruf immer verkehrt herum auf den Schulhof trillerte, sang sein verdrehtes Lied heute exklusiv für Lukas und Herrn Rubino. Beleidigt stand der Rhododendron einige Meter von der regelmäßig bearbeiteten Hecke entfernt und grämte sich über die 2 Jackie-Cola-Dosen und 43 Zigarettenstummel, die allesamt von denselben fünf Schülern dort für die Nachwelt deponiert wurden. Er befand sich, anders als die Hecke, nicht mehr auf dem Schulgelände und bekam deswegen doppelt so viele Schülerpräsente und nur halb so viel Aufmerksamkeit, denn Hausmeister Rubino schnitt die Hecke im Frühjahr und im Herbst. Und hatten die Stadtarbeiter, die nur einmal im Jahr kamen, je die Kippenstummel aufgelesen? Hätten sie die Schmerzen gelindert je des Beladenen? – Wohl kaum – ein Busch war eben kein Titan, auch wenn er die Leiden des Prometheus nachfühlte.

Was jedoch selbst der Uck-Kuck nicht sah, waren die schwarzen Rauchwolken, die aus Lukas´ Kopf quollen. „Verdammt, jetzt komm ich zu spät nach Hause, Mama denkt wieder ich wäre zum Skaterpark – und zum Skaterpark kann ich auch nicht, weil ich hier das Grünzeug kastriere, auf das schon die halbe Schule gepinkelt hat. Und Julia findet mich uncool, weil ich´s in der Deutschstunde verkackt hab…“

Klar war, dass der Tag für Lukas heute gelaufen war. Da er schon in der zehnten Klasse war, hatte ihm Herr Rubino die zweite Heckenschere anvertraut, mit der er nun aus den unschuldigen Buchsbäumen ein Gebilde zusammen schnitt, das einem Hundertwasser gerecht geworden wäre. Bevor Lukas die niedrigen Bäumchen zu einem Mord-Schauplatz umgestalten konnte, schritt Herr Rubino ein, nahm dem Berserker die Schere entschlossen aus der Hand und reichte ihm einen etwas weniger brachialen Laubrechen.
„Bitte, kehr doch die Blätter zusammen, die ich abschneide und leg sie in die Schubkarre.“
Mit seiner drahtigen Hand deutete er auf einen rostigen Karren hinter sich.
„Und wenn du schonmal dabei bist, kannst du mir erzählen, wieso du hier bist - außer natürlich, um meine Hecke zu ruinieren.“
„Hab in Deutsch lachen müssen“, erwiderte Lukas mürrisch und wandte sich dem Buchsbaumgemetzel zu.

Ein fragendes „Aha?“ entwich Herrn Rubino. „Ein Lehrerstreich?“

„Nein, ein Gedicht.“

Oben auf dem Kastanienbaum u-kuckte der Kuckuck im Takt der Scherenschnitte Rubinos und wunderte sich wohl ebenfalls über die verkehrte Welt, wo Lachen mit tödlicher Gartenarbeit gestraft wurde.

„War wohl ´n trauriges Gedicht, oder?“, versuchte Herr Rubino des Pudels Kern aus Lukas´ fragwürdiger Begründung auszugraben.

„Keine Ahnung.“

Oben am Himmel schien die Sonne ihren Spott auf Lukas zu revidieren und bedeckte ihren Himmel, nur noch in Bodenhaltung-gelb, mit Wolkendunst.

„Wie hieß es denn?“, erkundigte sich der Hausmeister mit einem kurzen Seitenblick und einem Verziehen der Mundwinkel, die wohl ein Lachen andeuten sollten.

„Protemus oder so, er hatte keinen Bock auf die Götter und die dann beleidigt“
„Protemus, soso“, erwiderte Rubino, diesmal wirklich lächelnd. „Und da war dir zum Lachen zumute?“

„Nein, aber unser Tisch hat eh nicht aufgepasst und ich wurde beim Lesen gestört.“

Unterdessen atmete der Rhododendron auf der anderen Seite des Weges auf, weil Lukas sich mit seiner Schere an den Buchsbäumchen geübt hatte und nicht knabengleich an seinen Knospen.

„Wieso muss man die Hecke überhaupt schneiden?“, fragte Lukas nach einer Weile. „Die stört doch hier niemand.“

„Ja, die Hecke hat das wahrscheinlich nicht verdient. Sie wurde hier von mir vor 16 Jahren gepflanzt und würde mit Sicherheit anders aussehen, wenn ich nicht den Auftrag hätte, sie zwei Mal im Jahr zu stutzen. Aber wir haben uns gut eingelebt. Außerdem stutze ich lieber Hecken als Menschen.“

Da Lukas bisher immer auf solcherlei Fragen nur Aussagen wie „Frag nicht so schlau!“ gehört hatte, verstummte er kurz und ließ Rubinos wenig sinnstiftende Antwort auf sich wirken.

Oben auf dem Kastanienbaum hörte der Uck-Kuck kurz auf zu singen, um sich sein Gefieder zu putzen. Als er wieder anfing, übertönte das erste „Uck“ ein Windstoß, der die schon braunen Blätter zum säuseln brachte. Es war wohl das erste Mal, dass man ihm ohne Stirnrunzeln zuhören konnte – ob er „kuckuck“ oder „uck-kuck“ sang, lag wohl wirklich im Ohr des Zuhörers.

„Ich frage mich, wieso die Hecke überhaupt noch wächst, anstatt einfach damit aufzuhören. Sie wird ohnehin nur darunter leiden.“ - Lukas war sichtlich verwirrt darüber, dass die Heckenmorgenblütenträume des grünen Gartenungetüms nicht schon vor 15 Jahren verwelkt waren.

„Nun ja“, antwortete Herr Rubino. „Man möchte meinen, die Hecke hat ihren Drang nach Freiheit noch nicht aufgegeben.“

Lukas schaufelte eine Handvoll Blätter in den Karren, der sich langsam füllte. Ein Teil von ihm bewunderte die Hecke, die jedes Jahr aufs Neue das Wettrennen gegen die Schere antritt. Aus dem Augenwinkel entdeckte unter einem Busch etwas Blitzendes. Interessiert griff er danach - und wunderte sich, wieso er immer noch auf einen Schatz hoffte, obwohl das jetzt schon das dreizehnte Stückchen Plastikfolie war, das er in den letzten zwei Stunden ergattert hatte.

„Aber was bringt es?“, beschwerte sich Lukas. „Jeden Tag aufs Neue, immer weiterwachsen und dann kommen wir und schneiden sie ab!“ Ob er aus botanischer Wissbegierde, Trotz oder philosophischer Kuriosität nachhakte, konnte Hausmeister Rubino nicht sagen, jedoch ließ sich der alte Mann zu einer Antwort hinreißen.

„Nun ja - Wenn die Hecke nie weiter gewachsen wäre, hätte ich ihr nicht jedes Jahr ein paar Zentimeter mehr Raum gegeben. Es ist schön anzusehen, wie die Hecke unbemerkt immer größer wird… und wer weiß, vielleicht überlebt sie mich ja und wächst irgendwann gen Himmel.“

Lukas gab mit einem Grunzen zu erkennen, dass er die Antwort registriert hatte. Vielleicht hatte der alte Rubino Recht und die Hecke konnte sich entfalten, obwohl ihr Grenzen aufgezeigt wurden.
Oben am Himmel schob sich die Sonne wieder hinter der Cirrocumulus hervor und strahlte wärmespendend auf die Kastanie, die Hecke und den Rhododendron. Und in einem kleinen Winkel, auf der Seite des Weges, wo die Macht des Hausmeisters ihr Ende hatte, bereitete sich ein kleines, grünes Buchsbäumchen auf seinen ersten Winter vor.

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