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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Prost Horror!
Eingestellt am 11. 03. 2008 09:38


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Volker Hagelstein
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Diesen Text habe ich aus dem „Lupanum“ hierher transferiert, da er thematisch besser zu passen scheint. Es geht um ein paar Bemerkungen zu den immer drastischeren Gewaltdarstellungen im Film, besonders im Horrorfilm.


Prost, Horror
Gewalt im neuen Horrorfilm (z. B. High Tension, Devil┬┤s Rejects, Planet Terror) – Blut str├Âmt aus Wunden, flie├čt ├╝ber den Boden, spritzt gegen W├Ąnde und auf das Mobiliar. Vor Blut starrend die Klamotten der Darsteller. Und nat├╝rlich blutverschmiert ihre Gesichter, die wir in ausgedehnten Naheinstellungen bewundern d├╝rfen. Blut in jeder einzelnen Szene. Der body count, das Z├Ąhlen der Toten in einem Streifen, war gestern. Die Ikonographie des modernen Horrorfilms fordert eine neue Ma├čzahl. Deshalb schlage ich eine Prozentzahl vor. So wie 20. Soll hei├čen: Bei diesem Streifen waren im Durchschnitt aller Szenen 20% der Bildschirmfl├Ąche mit Blut bedeckt.
Im Ernst: K├╝rzlich habe ich Dracula gesehen (1931, schwarz-wei├č, mit Bela Lugosi). Gro├čartige Kulissenmalerei, d├╝ster-romantische Schlossgew├Âlbe, wabernde Nebel, bleiche, sch├Âne Gespenster-Jungfrauen (?). Nirgendwo Blut. Dort, wo heute die spritzende Blutfont├Ąne obligatorisch w├Ąre, lie├č die Art und Weise, wie sich Lugosi ├╝ber den Hals einer Stra├čenverk├Ąuferin hermachte, am ehesten noch einen Knutschfleck f├╝rchten.
Was ist da in den letzten siebzig Jahren geschehen? Irgendwie erinnert mich das an ein anderes Ph├Ąnomen. Wahrscheinlich gibt es keine einzige Gesellschaft, in der die Menschen auf den Gebrauch von Drogen verzichtet h├Ątten. Aber eigenartig – bis in die Neuzeit hinein gibt es in den historischen Quellen nirgendwo einen Hinweis auf Suchtkranke. Nat├╝rlich finden sich in der epischen Dichtung immer wieder Helden, die im Alkoholrausch zweifelhafte Dinge tun. Aber es fehlen Darstellungen der chronischen Vergiftung. Kein Delirium tremens, keine Alkoholpsychose, kein Korsakoff-Syndrom.
Der Hauptgrund: Fr├╝her begn├╝gte man sich mit niedrigen Wirkstoff-konzentrationen. Die alten Griechen tranken Wein, den sie meistens sogar noch mit Wasser streckten. Erst die vereinigten Anstrengungen von Wissenschaft, Technik und Kapitalismus vollbrachten das Wunder und verwandelten Wein in Weinbrand. Aus den Coca-Bl├Ąttern friedlich ├Ąsender Hochlandindianer wurde Kokain, die h├╝bsche Mohnpflanze transmutierte zu Morphium und Heroin. Wenn es bei dieser Jagd nach dem echten Kick Leute gab, die durchs Rost fielen und abh├Ąngig wurden, nahm man das nicht einfach nur in Kauf. Eigentlich war der Effekt sogar erw├╝nscht. Denn eine s├╝chtig machende Droge ist aus marktwirtschaftlicher Sicht die perfekte Ware. Sie erzeugt aus sich heraus neue Nachfrage.
Aus dieser Sicht ist Bela Lugosi Wein, wie Planet Terror Weinbrand ist. Nun behaupte ich nicht, dass harte Horrorfilme ├Ąhnlich s├╝chtig machen wie Heroin. Trotzdem bin ich mir sicher, dass sie uns ver├Ąndern. Sie lassen uns abstumpfen. Habituation nennt das die Psychologie. Ist so ein Wettlauf um die starken Reize erst einmal in Gang gekommen, hat nur noch der n├Ąchste Dreh an der Gewaltschraube Aussicht auf Massenerfolg
Auch in einem anderen Punkt stimmt die Analogie: Die gesellschaftlichen Kosten. Bei den Drogen profitiert der Verk├Ąufer, der Konsument ├╝bersteht sie oder auch nicht, die Gesellschaft kann sich aber auf jeden Fall mit dem Problem der Suchtkrankheit herumschlagen.
Und Horrorfilme? Erzeugen auch sie soziale Kosten? Tats├Ąchlich ist die Antwort ziemlich naheliegend: Schnitt, FSK und Altersfreigabe. Nun will ich der Zensur keine Loblieder singen, aber das Faktum ist zielf├╝hrend. Wieso kommt man ├╝berhaupt auf die Idee, bestimmte Szenen aus Filmen herauszuschnipseln? Antwort: Weil irgendjemand meint, dass solche Bilder irgendjemandem nicht gut bekommen. Die Evolution hat uns zu ziemlich mitf├╝hlenden Gesch├Âpfen gemacht. Wenn wir sehen, wie jemand Schmerzen erleidet, leiden wir oft mit. Ohne diese F├Ąhigkeit zur Empathie, zur Identifikation, w├╝rde ├╝brigens auch die ganze Literatur nicht funktionieren. Und je heftiger die Gewalt, desto st├Ąrker die emotionale Reaktion des Betrachters. Bei dem, was heutige Horrorfilme so zu bieten haben, kann das bei sensiblen Zuschauern zu einem echten Trauma f├╝hren. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Und damit kommt der Horrorfan zu der unbequemen Einsicht: Ultrabrutale Horrorfilme f├╝llen unsere Umwelt mit potenziell sch├Ądlichen Reizen auf. Eine Form von Umweltverschmutzung, wenn man so will.
Wer auf solche Filme steht, empfindet sich vielleicht als cool und individualistisch. Ich gebe zu, dass mir dieses Gef├╝hl nicht fremd ist. Aber wahrscheinlich f├╝hlen wir uns auf ungef├Ąhr die selbe Art cool und individualistisch wie Indianer im Reservat, solange die Wirkung des Feuerwassers anh├Ąlt, w├Ąhrend unsere Kultur vor die Hunde geht und irgendwo anders ein Arschloch sein Geld z├Ąhlt.

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