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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Prostituiertenmord
Eingestellt am 26. 06. 2011 02:29


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Hagen
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Registriert: May 2011

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Der Mann im Anzug umfaßte die Pistole in seiner rechten Hand etwas fester. Mit dem Zeigefinger seiner linken drückte er auf den Klingelknopf der zweituntersten Klingel ganz rechts. Es dauerte einen kurzen Moment bis sich eine tiefe Frauenstimme mit: „Ja, Hallooo...?“ meldete.
„Ich bin’s, Holger“, sagte der Mann, worauf sich die Tür mit leisem Summen öffnete.
Der Mann im Anzug drückte die Tür mit der Schulter ganz auf und schob einen Holzkeil darunter. Dann sprang er leichtfüßig die Treppe hoch und den kurzen Flur entlang.
In der letzten Tür stand bereits eine junge Frau. Sie war nur mit einem Negligé bekleidet und lehnte lasziv am Türrahmen.
„Schön, dass du kommen konntest“, sagte die Frau im Negligé mit dunkler Stimme. „Komm’ doch herein, wir können...“
Weiter kam sie nicht.
Der Mann im Anzug hob die Pistole und drückte ab.
Das Echo des Schusses warf sich von Wand zu Wand, es tobte sich aus, während die junge Frau mit fassungslosem, brechendem Blick langsam an der Türzarge zu Boden glitt.
Der Mann drehte sich um, hastete den Flur entlang und sprang, immer zwei Stufen nehmend, die Treppe hinunter. Fast hätte er eine ältere Frau im Staubmantel und Einkaufsnetz umgerannt, die dabei war, den Holzkeil unter der Tür zu entfernen. Die Frau blieb regungslos in der Tür stehen als sie den Schuss hörte.
Sie starrte den Mann im Anzug an.
Der Mann drängte sich an ihr vorbei, durch die Tür.
Die Pistole schepperte auf den Boden.
„He!“ Ein Mann im Kittel und mit Lederhut streckte seinen Kopf aus einer der Türen im Erdgeschoß, „Ruhe Hier!“
Der Mann im Anzug versuchte sich nach der Pistole zu bücken, der Mann im Kittel stieß die Tür, in der er gestanden hatte, ganz auf und machte einen Schritt auf den Flur.
Der Mann im Anzug richtete sich wieder auf, stieß die ältere Frau zurück und rannte über die Straße, an einem Bistro vorbei und verschwand in der daneben liegenden Kleingartenkolonie.
Die Frau im Staubmantel bückte sich nach der Pistole, aber der Mann im Kittel schrie:
„Nicht anfassen, Fingerabdrücke!“
Er versuchte dem Mann im Anzug nachzurennen, doch er stolperte über die Schwelle der Haustür und stürzte zu Boden. Der Hut rollte einige Meter weiter, kullerte im Bogen auf die Straße und fiel auf die Krempe.
„Mein Gott, Herr Fröchling, haben sie sich weh getan?“
„Nein!“ Der Mann im Kittel richtete sich halb auf, „fassen sie den Revolver nicht an! Da sind Fingerabdrücke drauf! Hier ist eben ein Schuß gefallen!“
„Das ist eine Pistole, Herr Fröchling! Das sieht man doch! Kennen sie nicht den Unterschied zwischen einer Pistole und einem Revolver? Sie sind doch der Hausmeister! Sie wissen doch sonst immer alles.“
„Ich kann jetzt nicht über Pistolen und Revolver diskutieren!“ Der Mann im Kittel richtete sich mühsam auf, „ich muss jetzt die Polizei rufen. Fassen sie nichts an! Hier ist ein Tatort! Eben ist ein Schuß gefallen!“
„Das habe ich gehört“, die Frau im Mantel zückte ein Handy und drückte einige Tasten

*

„Nicht, dass sie glauben, ich spioniere den anderen Mietern nach, und den Leuten, die hier im Haus ein -, und ausgehen, aber der Mann ist mir aufgefallen, Herr Kommissar.“
„Wodurch ist er ihnen aufgefallen, Frau Schleppegrell? Sie sind doch Frau Gerda Schleppegrell?“ fragte Kommissar Kleinert, „der Name steht jedenfalls an der Klingel.“
„Ganz recht. Ein scheußlicher Name, aber als ich geheiratet habe, konnte man noch nicht seinen Namen behalten. Mein Mädchenname ist ‘Nolde’, wie der Maler.“
Frau Schleppegrell klopfte sich eine Zigarette aus der Packung und ließ ihr Feuerzeug aufflammen, „Wollen sie auch eine Zigarette, Herr Kommissar?“
„Danke, nein. Ich versuch’s mir gerade abzugewöhnen. Sie haben den Mann gesehen, der die junge Frau aus dem ersten Stock erschossen hat? Können sie ihn beschreiben?“
„Natürlich“, Frau Schleppegrell zündete ihre Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch aus, „er kam ja alle vierzehn Tage Mittwochs zu diesen Mädels im ersten Stock, und er trug immer den gleichen sandfarbenen Anzug. Statur, Haarfarbe und Gesicht wie Gerhard Schröder. - Ich hab’ zuerst gedacht, da kommt unser ehemaliger Bundeskanzler“, Frau Schleppegrell zog wieder an ihrer Zigarette, „aber der macht ja sowas nicht! Das kann ich mir von dem Mann nicht vorstellen“
„Auf keinen Fall“, lächelte Kleinert. „Der Täter hat seine Waffe hier verloren. Haben sie gesehen, ob er Handschuhe getragen hat?“
„Sie meinen, wegen der Fingerabdrücke an der Tatwaffe? Nein, er hatte keine Handschuhe an, das habe ich ganz genau gesehen.“
„Eine wichtige Beobachtung, Frau Schleppegrell. Sind sie sich da ganz sicher?“
„Ganz sicher, Herr Kommissar! - Ich glaube ganz bestimmt, dass es die beiden jungen Frauen da oben für Geld machen.“ Während sie sprach quoll Rauch aus ihrem Mund. „Jeden Abend andere Männer, da macht man sich so seine Gedanken.“ Wieder ein Zug aus der Zigarette, „dieser ‘Herr’ kam immer Mittwochs, alle zwei Wochen. Er ging nach einer Stunde ins Bistro gegenüber. Kurz darauf kam er wieder raus und telefonierte. Dann ging er weg und kam gleich wieder.“
„Das ist in der Tat seltsam“, sagte Kommissar Kleinert. „Meinen sie, das war ein Prostituiertenmord?“
„Ich bin ziemlich sicher“, sagte Frau Schleppegrell, „diese Prostituierten haben doch alle ein Büchlein, in denen die Telefonnummern der Stammfreier stehen. Da müssen sie anfangen zu suchen, Herr Kommissar. Glauben sie mir. Das habe ich neulich im Fernsehen gesehen.“
„Ein guter Tip, Frau Schleppegrell“, sagte Kommissar Kleinert und gab der Frau sein Kärtchen, „ich werde ihn selbstverständlich beherzigen. - Sollte ihnen noch etwas einfallen, rufen sie mich bitte an.“

*

Kommissar Kleinert ging in das Bistro gegenüber, wies sich aus und bestellte bei dem Wirt, der gelangweilt auf der Theke herumbierdeckelte, einen Kaffee.
„Kommt sofort“, sagte der Wirt geflissentlich, „was kann ich sonst noch für sie tun, Herr Kommissar?“
„In das Haus gegenüber ist eine junge Frau erschossen worden. Von einem Mann; - von einem Mann, der sie jeden zweiten Mittwoch besucht hat. Er soll vorher und nachher immer hierher gekommen sein. Ist ihnen dieser Mann aufgefallen?“
Der Wirt nickte. „Ich sag’ mal, der ist mir aufgefallen. Eigentlich ein ganz netter Kerl, einmal hatte er sogar einen Affen mit.“
„Wie? Einen Affen?“
„Naja, so ein kleiner - wie heissen noch gleich diese Mönche? - Ach ja richtig. Jetzt fällt’s mir wieder ein, Kapuzineraffe!“
„Ach so“, sagte Kleinert, „kam das öfter vor?“
„Nein, Gottlob nicht. War eigentlich ein putziges Tierchen, dieser Kapuzineraffe. Die anderen Gäste haben sich gefreut. Nur, ich mußte laufend neue Bestecke bringen, weil dieses spaßige Tierchen den Gästen immer die Bestecke weggenommen und - ich sag’ mal ‘untersucht’ - hat. Einer jungen Frau hätte er fast die silberne Brosche abgenommen. Egal. Der Mann hatte jedenfalls eine Packung Spezialfutter dabei gehabt - ‘Leckerlis’ sag’ ich mal - den Affen damit angelockt und ihm eine Leine, wie für Hunde angelegt.“
„Einen Affen ins Bistro mitzubringen ist in der Tat ungewöhnlich“, sagte Kommissar Kleinert.
„Eigentlich nicht“, meinte der Wirt, „neulich hatte einer einen Papagei mit, der hat hier mächtig Krakel gemacht. - Naja, egal. Der Mann kam immer so gegen einundzwanzig Uhr. Er hat ein, zwei Bier getrunken und in den Illustrierten gelesen. Etwa eine Stunde später hat immer sein Handy geklingelt. Er hatte zwei verschiedene Klingeltöne, das ist mir aufgefallen. Mir scheint es auch etwas ungewöhnlich, dass er zum Telefonieren immer raus gegangen ist. Er kam dann später noch einmal rein, hat bezahlt und ist wieder weggegangen, ‘spazieren in den Kleingärten’ sag’ ich mal. Kurze Zeit darauf kam er stets wieder und hat eine Kleinigkeit gegessen. Dann ist er gegangen. Bis zum Mittwoch in zwei Wochen. Dann kam er wieder.“
Der Wirt stellte dem Kommissar einen Becher Kaffee hin.
Kleinert trank einen Schluck.
„Das ist in der Tat seltsam. - Eine Zeugin hat die Vermutung geäußert, dass die junge Frau, die erschossen wurde, der Prostitution nachgegangen ist“, sagte er.
„Ich sag’ mal: Das ist ein offenes Geheimnis hier in der Gegend. Sind im Grunde nette Mädels, die beiden. Mademoiselle Lise und Mademoiselle Chanthal, es muss heutzutage wohl alles französisch sein, sag’ ich mal. Naja, die beiden sind hin und wieder hierher gekommen, ganz normal, was essen, was trinken, etwas darten...“
Der Wirt hob die Schultern und ließ sie wieder fallen.
Kommissar Kleinert nickte nachdenklich und trank noch einen Schluck.
„Die hatten ständig Inserate geschaltet, die beiden“, fuhr der Wirt fort, „nach dem Motto: ‘Du machst es bei uns sooft du kannst. Alles zum gleichen Preis’. Oder so ähnlich. Ich sag’ mal: Vielleicht hat sich der Mann zunächst eine Stunde mit den Damen vergnügt, ist auf ein Bier zur Entspannung hergekommen, hat den Kontrollanruf seiner Frau entgegengenommen, hat etwas Kräfte gesammelt, ist wieder hingegangen und hat anschließend hier was gegessen.“
„Das gleiche habe ich auch eben gedacht“, sagte Kleinert, „aber warum erschießt er plötzlich eine der beiden Damen?“
„Tja“, sagte der Wirt, „das kann ich mir nicht vorstellen.“
Kleinert nickte nachdenklich und trank seinen Kaffee aus.

*

„Wissen sie, Herr Kommissar, zuerst haben wir gedacht, das ist einer von den ganz Perversen! Es ist doch nicht normal, dass einer seinen Affen mitbringt, und zugucken will, wenn wir es mit ihm treiben. Aber sowas machen wir nicht. Nicht mit Kindern und nicht mit Tieren.“
„Natürlich“, nickte Kommissar Kleinert, „da würden sie auch mit dem Gesetz in Konflikt kommen.“
Chanthal zündete sich mit fahrigen Bewegungen eine Zigarette an. In Jeans und Pulli, mit wippendem Pferdeschwanz sah sie aus wie die nette Nachbarin von Nebenan.
„Entschuldigung, Herr Kommissar, möchten sie auch eine.“
„Danke, nein, ich gewöhne es mir gerade ab. - Darf ich mich setzen?“
„Ja, natürlich, entschuldigen sie. Ach bin noch ganz durcheinander. - Kann ich ihnen etwas anbieten? Kaffee? Tee? Vielleicht ein Gläschen Sekt? Eins dürfen sie doch.“
„Danke, Fräulein Chanthal. Ich weiß das zu schätzen, aber nicht im Dienst.“
Kommissar Kleinert setzte sich vorsichtig auf den einzigen Sessel im Raum, ein schwülstiger Plüschsessel vor einer Schminkkommode mit zusammenklappbarem Spiegel.
„Aber ich brauche jetzt einen“, fuhr Chanthal fort, „mein Gott, es wird mir erst jetzt richtig bewußt, dass meine Freundin erschossen worden ist!“
Sie ging einfach durch die Tür, was dem Kommissar Gelegenheit gab, den Raum in Augenschein zu nehmen. Ein großes Bett dominierte das Zimmer, mit einem Poster darüber; - eine untergehende Sonne, davor eng umschlungen ein liebendes Paar zwischen Palmen.
„So, da bin ich wieder“, Chanthal setzte sich auf das Bett. Sie hatte eine Flasche Grappa mit und goß sich ein Glas ein, „was kann ich jetzt für sie tun?“
„Erzählen sie mir bitte von dem Mann, der sie jeden zweiten Mittwoch besucht hat.“
„Von dem Mann? Besser wäre: Von den Männern!“
„Ach ja, sie arbeiten ja als... wie nennt sich ihr Beruf?“
„Sagen sie ruhig Prostituierte, Herr Kommissar. Ich habe damit kein Problem. - Aber ich glaube, ich habe mich eben falsch ausgedrückt. Der Mann, der sich bei uns ‘Norbert’ nannte, ist in Wirklichkeit zwei Männer! Eineiige Zwillinge.“
„Natürlich“, nickte Kleinert nachdenklich, „das erklärt vieles. - Ich versuche mir zwar gerade das Rauchen abzugewöhnen, aber hätten sie jetzt doch mal eine Zigarette für mich?“
„Natürlich“, nickte Chanthal, gab ihm eine Zigarette, ließ ihr Feuerzeug aufflammen und stellte ihm einen Aschenbecher hin.
„Danke schön, Fräulein Chanthal. - Natürlich, Zwillinge, “ murmelte der Kommissar nachdenklich und rauchte einige Züge.
„Möglicherweise hat er sich auch deshalb so sicher gefühlt und die Tatwaffe liegen gelassen. Normalerweise setzt man alles dran, die Tatwaffe zu vernichten. Denkbar, dass sein Bruder identische Fingerabdrücke hat. Kommt zwar äußerst selten vor bei Zwillingen, aber es kommt vor! - Können sie sich vorstellen, warum er ihre Freundin erschossen hat?“
Chanthal trank einen Schluck Grappa. „Wissen sie, Herr Kommissar, wir haben ja unser Angebot: ‘Du kannst bei uns sooft du kannst - drei Stunden lang.’ Die beiden sind immer nacheinander gekommen und haben sich für einen ausgegeben. Sie haben natürlich nur einmal bezahlt und haben gedacht, wir merken das nicht.“
„Ich verstehe“, nickte Kleinert, „wenn einer sie den ganzen Abend blockiert, können sie keine weiteren Gäste empfangen.“
„Das hat Lise auch immer gesagt“, fuhr Chanthal fort, „ich war allerdings der Meinung, dass wir so tun sollten, als hätten wir es nicht gemerkt. Der Mann, oder die Männer, waren immerhin Stammkunden, und die sollte man sich nicht verärgern. Sie verstehen, Herr Kommissar?“
„Selbstverständlich“, nickte Kleinert, „auf jeden Fall.“
„Nur“, fuhr Chanthal fort, „Lise hat das nicht eingesehen. Sie ist sogar soweit gegangen, es ihm zu sagen.“
„Wie hat er reagiert?“
„Er hat gelacht und ihr gesagt, dass das überhaupt nicht stimmt, er wäre halt sehr potent und könnte natürlich auch woanders hin gehen. Glauben sie mir, Herr Kommissar, spätestens im Bett merkt eine Frau, ob sie es mit... wie soll ich jetzt sagen? Einem Mann oder seinem Zwilling zu tun hat.“
„Ich kann es mir vorstellen“, sagte Kleinert. „Aber das ist doch kein Motiv, einen Menschen zu erschießen.“
Chanthal dachte angestrengt nach. „Ich kann mir vorstellen, dass Lise gedroht hat, es seiner Frau zu sagen.“
„Das wäre ein Motiv, sowas hat es schon gegeben. - Demnach kennen sie Namen und Adresse des Täters!“
„Ich nicht, aber Lise! Die hat alles rausgekriegt, was sie wollte.“
„Das hört sich doch schon mal gut an. Gibt es denn auch das obligate Büchlein mit den Adressen der Stammkunden?“
„Natürlich“, Chanthal nickte, zog die obere Schublade der Schminkkommode auf und zog ein goldenes Buch heraus, „aber es wird ihnen nichts nützen. Lise war mal Sekretärin, sie hatte eine Stenographie entwickelt, die nur sie entziffern konnte. Es tut mir leid, Herr Kommissar.“
Kommissar Kleinert blätterte das Büchlein kurz durch. „Sie haben Recht, das wirkt sehr kryptogen. Wenn sie gestatten, nehme ich das Büchlein trotzdem mit, vielleicht können unsere Experten etwas damit anfangen.“
„Natürlich Herr Kommissar.“ Chanthal trank ihren Grappa aus und füllte ihr Glas neu. Kleinert steckte das Büchlein ein, überreichte sein Kärtchen mit der Bitte sich zu melden, sollte ihr noch etwas einfallen, verabschiedete sich und ging ein Stockwerk tiefer zu Herrn Fröchlings Wohnung.
Dort öffnete ihm die Frau des Hausmeisters und teilte ihm mit, dass sich ihr Mann bei der Verfolgung des Mörders erheblich am Knie verletzt hatte und zurzeit in der Notaufnahme des Krankenhauses sei.
Kleinert zuckte die Achseln, verabschiedete sich, ging zu seinem Wagen und fuhr in Richtung seines Büros. Unterwegs rief er den Kollegen von der Spurensicherung an.
„Wir haben zwei Satz Fingerspuren auf der Tatwaffe sichergestellt“, sagte der Kollege, „einer stammt eindeutig von dem Täter, bei dem anderen bin ich mir nicht ganz sicher.“
„Was heisst das?“
„Naja, sind ein wenig ungewöhnlich, die Prints, habe ich noch nie gesehen, sie stammen eindeutig von einem...“
„Moment mal“, sagte Kleinert, „ich komme gleich zu dir.“
Ein Polizeiwagen überholte den Wagen des Kommissars, der Beifahrer schwenkte eine Kelle aus dem Seitenfenster.
„Scheiße“, dachte Kommissar Kleinert, „ich habe während der Fahrt telefoniert, und ich bin nicht angeschnallt!“

*

„Wie hast du so schnell Namen und Adresse des Täters herausgekriegt?“ fragte Kleinerts Kollege als sie vor dem gepflegten Reihenhaus standen und der Kommissar im Begriff war, auf den Klingelknopf zu drücken.
„Ganz einfach, Gerd, über die Zoohandlungen. Ich habe ein wenig rumtelefoniert, nur drei führen Spezialfutter für Kapuzineräffchen. Die haben mir dann auch die Namen der Stammkunden gegeben, den Rest habe ich vom Einwohnermeldeamt. - Nur dieser hier hat einen Zwillingsbruder.“
„Ich verstehe“, nickte der Kollege während Kommissar Kleinert klingelte, „aber bei Zwillingen soll es vorkommen, dass die beiden auch identische Fingerabdrücke hinterlassen. Da wird die Beweisführung schwierig.“
„In der Tat. Deshalb müssen wir beweisen, dass die Tatwaffe bei diesem Mann hier im Haus war. Aus diesem Grund habe ich dich gebeten, deine Ausrüstung und die Tatwaffe mitzubringen.“
Der Kollege wollte noch eine Frage stellen, doch in diesem Moment wurde die Tür geöffnet. Ein Mann in sandfarbenem Anzug stand in der Tür. „Ja bitte?“
„Sind sie Herr Rudolf Stürcken?“ fragte Kleinert. Der Mann nickte. „Was kann ich für sie tun?“
Der Kommissar zückte seinen Ausweis, stellte sich vor und bat eintreten zu dürfen.
„Ich kann sie nicht dran hindern“, sagte der Mann betont ruhig und bat die beiden Kriminalbeamten herein.
Das Wohnzimmer war konservativ eingerichtet mit einem Klettergerüst in einer Ecke, auf das sich beim Eintreten der drei Herren ein Kapuzineräffchen schwang und mißtrauisch herunter äugte.
„Ein drolliges Kerlchen, der Affe“, sagte Kleinert, „wie heisst er?“
„Der heisst »Ringo«. Meine Frau ist Beatles-Fan.“
„Meine Frau auch“, sagte Kleinert, „aber deshalb würde sie niemals einen Kapuzineraffen nach einem der Beatles benennen. Was sagen denn die Nachbarn dazu?“
„Wie? Was haben die denn damit zu tun?“
„Naja, so ein Affe geht doch mal in den Garten und schwingt sich von Ast zu Ast durch die Bäume.“
„»Ringo« nicht. Der fühlt sich sehr wohl hier im Haus.“
„Ist er in der letzten Zeit mal weggelaufen, oder haben sie ihn jemandem in Pflege gegeben?“
„Nein, das habe ich nicht! - Entschuldigen sie, Herr Kommissar, aber das ist sicherlich nicht der Grund ihres Besuchs.“
„Natürlich nicht. - Dürfen wir uns setzen?“
„Selbstverständlich! Bitte.“ Herr Stürcken wies auf die Sitzgruppe.
In der Bewegung des Hinsetzens legte Kommissar Kleinert eine silbern schimmernde Pistole auf den Couchtisch. „Kennen sie diese Waffe, Herr Stürcken?“
Rudolf Stürcken wollte die Pistole zunächst in die Hand nehmen, doch er zuckte kurz vorher zurück.
„Ich werde diese Pistole nicht anfassen!“ sagte er, „was ist damit?“
„Mit dieser Tschechischen Wettkampfpistole CZ75 wurde eine junge Frau erschossen!“
„Damit habe ich nichts zu tun!“
„Doch, sie haben!“ sagte Kleinert eindringlich, „sie sind von mehreren Zeugen erkannt worden, ich kann innerhalb der nächsten Stunde eine Gegenüberstellung herbeiführen! - Zudem wird mein Kollege gleich ihre Fingerabdrücke nehmen und sie mit denen vergleichen, die wir auf der Tatwaffe gefunden und gesichert haben!“
Ein Lächeln glitt über das Gesicht Rudolf Stürckens; - ein verunglücktes Lächeln.
„Wissen sie, Herr Kommissar, ich habe einen Zwillingsbruder. Wir haben hundertprozentig gleiche Fingerabdrücke!“
„Das kommt zwar selten vor, aber es kommt vor!“ sagte Kleinert und knisterte ein Cellophantüte aus der Tasche. „Ihr Zoofachhändler war so nett, mir eine Tüte des Lieblingsfutters ihres Kapuzineraffen zu verkaufen“, sagte Kleinert, riss die Tüte auf und entnahm ihr einige grünliche Brocken.
Der Affe horchte auf und kletterte behutsam von dem Klettergerüst.
„Tja, wenn sie und ihr Bruder die gleichen Fingerabdrücke besitzen, müssen wir ihnen nachweisen, dass die Mordwaffe hier in ihrer Wohnung gewesen ist“, fuhr Kommissar Kleinert fort und legte die grünlichen Brocken neben die Pistole.
„Das wird ihnen schwer fallen, Herr Kommissar.“
Kommissar Kleinert wiegte nachdenklich den Kopf und sah zu, wie sich der Affe die grünlichen Bröckchen holte und genußvoll verzehrte.
„Oh, ich vergaß zu erwähnen, dass wir einen zweiten Satz Fingerabdrücke, die durchaus von ihrem Affen stammen können, auf der Tatwaffe gefunden haben.“
Kleinert lächelte dünn.
Das Kapuzineräffchen hatte die Leckerlis inzwischen verzehrt und begann die Pistole neugierig zu untersuchen.
„Sehen sie, Herr Stürcken, sie haben selber gesagt, dass »Ringo« diese Wohnung in der letzten Zeit nicht verlassen hat. Ich bin sicher wie der Tod, dass er soeben die gleichen Spuren auf der Tatwaffe hinterlassen hat, wie wir sie gefunden und gesichert haben.“
Herr Stürcken atmete schwer aus.
„Gerd“, sagte Kommissar Kleinert, „sei doch bitte so nett und nimm die Fingerabdrücke von Herrn Stürcken und die von seinem Affen.“

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