Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92225
Momentan online:
158 Gäste und 8 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Protokoll eines Mordes
Eingestellt am 21. 03. 2007 21:16


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
springcrow
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2006

Werke: 3
Kommentare: 5
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um springcrow eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Protokoll eines Mordes

Es ist Montag, ich weiß es, denn allen steht es ins Gesicht. Sie haben dieses Montagsgesicht. Verschlossen und in sich gekehrt. Und sie denken an das Wochenende und egal wie es war, gut, oder schlecht, jeder hĂ€ngt ihm nach. Der junge Mann, gekleidet wie der König vom Kiez, der eifrig auf die Tasten seines Handys einhackt, hat die MĂŒtze tief ins Gesicht gezogen, damit keiner bemerkt, dass er, wĂ€hrend er an drei Freundinnen gleichzeitig eine Liebesbekundung schrieb, doch nur an das eine MĂ€dchen denkt, an das er nie herangekommen war.
Oder diese Frau, die dort steht und ihrem halbwarmen Becher – Kaffee nippt. Sie hat die besten Jahre hinter sich, will es aber nicht wahrhaben und quetscht sich in Klamotten eines Teenagers, die ihr gewiss zwei Nummern zu klein sind. In ihrem Kopf summt sie ein Lied aus ihrer Jugend, aber ich kenne es nicht.
Woher ich das weiß? Ich kann es hören. Ja ich kann ihre Gedanken in meinem Kopf hören.
Als Kind dachte ich, ich wĂ€re verrĂŒckt, weil ich Stimmen höre. Ich sagte es niemandem, nein, ich behielt es fĂŒr mich, freundete mich damit an, bis ich begriff, was die fremden Stimmen waren. Ich bin nicht verrĂŒckt, ich bin normal. Ich höre, was andere Denken, das ist nicht verrĂŒckt. Schließlich tu ich keinem was.
Ich höre sie, tagein, tagaus. Immer sind die Stimmen bei mir, sie bilden ein angenehmes Summen im Kopf. Manchmal kann ich das filtern und die Menschen einzeln hören. Die anderen Stimmen verschwinden dann nicht, nein nein, sie werden nur leiser.
Abstellen kann ich sie nicht.
Nein, still ist es nie.
Auf einmal sehe ich eine Frau, ihre Gedanken drehen sich im Kreis.
Sie weiß nicht, was sie denkt, sie ist verrĂŒckt.
Sie schreit herum, brĂŒllt Obszönes in die Gesichter der Menschen.
Sie weiß nicht, was sie sagt, sie ist verrĂŒckt.
Sie spuckt auf den Boden, schlÀgt um sich.
Sie weiß nicht, was sie tut, sie ist verrĂŒckt.
Ich will schöne Gedanken hören, um mich abzulenken.
„Bring sie doch einer um!“
Was war das? Wer hat das gedacht? Ein Mann im Anzug, er starrt hasserfĂŒllt auf den gefallenen Menschen.
„Solche sollte man töten.“
Das war ein Los - BudenverkĂ€ufer, der den Kopf schĂŒttelt.
Die Frau hört das nicht, sie schreit weiter, lÀuft hin und her und schreit.
Sie ist verrĂŒckt.
„Die nervt! Bring sie um!“
Ein junges MÀdchen mit schönen Ohrringen dreht sich angewidert weg.
Die Frau schreit weiter.
„Bringt sie um!“
Das war nicht ein Gedanke, es waren viele!
„Bringt sie um!“
Mehr Gedanken dringen in meinen Kopf.
Das bilde ich mir doch ein?
Nein, sie starren die Frau an. Ihre Gesichter spiegeln diese Gedanken wider.
Die Frau schreit.
„Bring sie um!“
Meinen die mich?
Die Frau schlÀgt um sich.
„Bring sie um!“
Schauen die jetzt mich an?
Die Frau spuckt und brĂŒllt Obszönes.
„Bring sie um!“
Soll ich das tun?
Sie reisst sich einen BĂŒschel Haare aus.
„Bring sie um!“
Also gehe ich zu ihr, ich nehme ihren Kopf und schlage ihn gegen den Boden.
Ich höre Krachen.
Ich schmecke Blut.
Ich höre ihre wirren Gedanken, die auch jetzt nicht begreifen, was geschieht.
Bis sie aufhört zu schreien, nicht mehr um sich schlÀgt.
Bis ihre wirren Gedanken schweigen.
„Was hast Du getan?“
Alle starren mich jetzt an.
Warum sind sie so entsetzt?
Sie haben es mir gesagt.
Sie wollten es so.
Ich bin nicht verrĂŒckt.
Alle Gedanken schweigen.
Sie starren.
Die Polizei kommt.
Die Gedanken schweigen.
Sie nehmen mich mit.
Alles ist ruhig.
Ich kann ihre Gedanken nicht hören, aber ich spĂŒre, dass sie mich verachten.
Verachten dafĂŒr, dass ich getan habe, was sie wollten.
Sie verachten mich, weil ich sie gehört habe.
Weil ich sie kenne.
Der Schock verfliegt, ich kann sie wieder hören.
Sie reden von MitgefĂŒhl fĂŒr die Frau und Entsetzen ĂŒber ihren Tod, aber in ihren Gedanken ist höhnisches GelĂ€chter ĂŒber eine Irre.
Erleichterung, dass sie schweigt und Triumph ĂŒber mich, ihr Werkzeug.
Denn ich habe fĂŒr sie gehandelt.
Ich war ihre böse Seite.
Ihr Henker.
Bin ich verrĂŒckt?

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!