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Leselupe.de > Kurzprosa
Pseudo-Leben
Eingestellt am 21. 07. 2008 21:13


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arle
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"Die letzte Nacht war einfach un-be-schreib-lich!". Ich wappne mich f├╝r eine l├Ąngere Abhandlung ├╝ber anatomische Einzelheiten und Verkn├╝pfungen, wie ich sie nicht einmal von meinem Liebsten wissen m├Âchte. Diesmal war es der sch├Ânste Mann der Stadt. Hat sich aufgef├╝hrt wie ein Verr├╝ckter, hat praktisch auf der Fu├čmatte gekniet und um Einlass gewinselt. Genau wie der Udo damals. Ich wei├č, ich sollte jetzt sagen: "Udo? Welcher Udo? Du meinst doch nicht etwa d e n Udo?". Daraufhin w├╝rde sie mir die Geschichte erz├Ąhlen, wie sie jahrelang mit dem Panik-Orchester als Chors├Ąngerin auf Tour war, und dass der Udo praktisch auf ihrer Fu├čmatte... Ich starre in meine Tasse, sie sieht mich erwartungsvoll an. Ein lahmes "ach" entringt sich mir, gefolgt von einem etwas engagierteren "toll".

Sie kommt gerade aus Berlin zur├╝ck. Ich wei├č. "Wie war's?" - "Einfach un-be-schreib-lich!". Also so was verr├╝cktes wie diese Berliner. Haben sie angebetet. Alle. Sie wei├č gar nicht, wen von den Kerlen sie als ersten anrufen soll. Die Gespr├Ąchsf├╝hrung nimmt heute nicht ganz den von ihr gew├╝nschten Verlauf; also wechselt sie die Strategie: "Und was gibt 's bei dir Neues?" - "Ach... Ich war grade zwei Wochen in Polen und...". Polen! Sie sondert einen Satz ab, der so klingt, als k├Ânne er polnisch sein. Das kann ich nicht beurteilen. Ihr Franz├Âsisch kann ich beurteilen. Und ihr Englisch auch. Dieser Karl Tucholsky sei ja auch Pole gewesen. "Nicht ganz. Au├čerdem hei├čt er...". Ob ich von dem schon geh├Ârt habe? Habe ich; aber er hei├čt...

Jedenfalls: Wenn ich wieder ein Engagement brauche, soll ich mich an sie wenden. Sie hat doch diese Agentur gegr├╝ndet und wird mich aufnehmen. Und dann komme ich endlich mal so gro├č raus, wie ich das verdiene. Die Kneipe, die sie aufgetan hat, ist einfach un-be-schreib-lich s├╝├č, mit einem wundersch├Ânen kleinen Hinterzimmer; zwanzig Leute kriegt man da locker rein. Bisschen aufr├Ąumen muss man halt und den Krach von drau├čen einfach ignorieren. Aber f├╝nfzig Euro Gage sind ja nun nicht gerade ein Pappenstiel, oder? - Ich freu mich drauf.

Dieser Moderator hat sich mal wieder gemeldet und will sich unbedingt mit ihr treffen. Aber wann soll sie das denn tun? Sie arbeitet ja praktisch sechsundzwanzig Stunden am Tag durch. "Verstehe, in deiner Agentur" - "Genau!". Und das w├Ąchst ihr alles derart ├╝ber den Kopf, dass sie am Abend einfach mal was trinken muss, zur Entspannung. Aber nie mehr als ein, zwei Gl├Ąschen. Wenn der Stress gar zu gro├č wird, auch mal ein, zwei Fl├Ąschchen.

Und dann setzt sie sich hin und schreibt die ganze Nacht. An Genscher, der damals so hingerissen war von ihr, an die Witwe von Hanns-Dieter H├╝sch, mit dem sie so eng befreundet war, und reimt ihre Gedichte, die demn├Ąchst ver├Âffentlicht werden, und das Programm mit Liedern von Karl Tucholsky muss ├╝berarbeitet werden, und der Udo wird sich schon fragen, was denn mit ihr los sei, und unser gemeinsames St├╝ck ist n├Ąchste Woche fertig, da soll ich mir gar keine Sorgen machen, und das Bild, das sie mir zum Geburtstag schenken wird, malt sich auch nicht von selbst, der weinende Harlekin, der so gut zu dir passt, mein M├Ąuschen...

Ich muss los, habe noch einen Termin. "Dann w├╝nsche ich dir toi toi toi", sagt sie und sieht pl├Âtzlich sehr traurig aus.

__________________
Am j├╝ngsten Tag, wenn die Posaunen schallen und alles aus ist mit dem Erdeleben, sind wir verpflichtet, Rechenschaft zu geben von jedem Wort, das unn├╝tz uns entfallen. - J.W. Goethe -

Version vom 21. 07. 2008 21:13
Version vom 21. 07. 2008 21:37
Version vom 21. 07. 2008 22:18
Version vom 21. 07. 2008 23:05
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Version vom 22. 07. 2008 10:46

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Heidrun D.
Guest
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Liebe Arle,

das finde ich auch un-be-schreib-lich gut, ggg.

Eine ganz winzige Kleinigkeit w├╝rde ich noch ├Ąndern:

Ob ich von dem schon mal geh├Ârt habe? Habe ich; das erste Mal mit f├╝nfzehn.

Jedenfalls: Wenn ich das n├Ąchste Mal ein Engagement brauche, soll ich


wegen Dreier-Mal. Auch k├Ânntest du es m. E. inhaltlich noch toppen, wenn du schriebst:

"Ob ich von dem schon geh├Ârt habe? Habe ich; zuletzt mit f├╝nfzehn.

Jedenfalls: Wenn ich das n├Ąchste Mal ein Engagement brauche, soll ich.."

Oder ist die Wiederholung hier Absicht?
So oder so isses mir `nen glatten Achter wert.

Liebe Gr├╝├če
Heidrun

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arle
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Danke, liebe Heidrun, f├╝r Lob, Korrektur und Bewertung. Du hast nat├╝rlich Recht; das sind diese kleinen Schnitzer, die dir auch nach dem zehnmaligem Lesen immer noch nicht auffallen. Hast deinen Job prima gemacht. (c;

Ich guck noch mal genauer drauf. "Zuletzt" mit f├╝nfzehn ist eine andere Aussage und geht wohl nicht; denn inzwischen hat sie schon mal wieder ein Buch von Kurt in die Hand genommen.

Ich lasse das erste "mal" weg, da es nur ein F├╝llsel ist, behalte das zweite und mache aus dem dritten ein "wieder". Und schon hammers.

Ich freu mich richtig, dass Ihr mit dieser Story was anfangen k├Ânnt, und gr├╝├če sehr freundlich.

Silvia
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arle
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Noch mal Clara:

In diesem Text geht es um ein Leben, das einzig und allein aus L├╝gen besteht. Dieses L├╝gen ist pathologisch. Es hat die vielf├Ąltigsten psychischen Ursachen, die hier den Rahmen sprengen w├╝rden. Es gibt Menschen, die - flapsig gesagt - l├╝gen, wenn sie das Maul aufmachen, mal mehr, mal weniger geschickt. Unter anderem ist L├╝gen auch ein Symptom f├╝r Alkoholismus, wie rote Flecken f├╝r Windpocken. Wenn nun beides - Alkoholismus und diese psychische Erkrankung - zusammen treffen, dann hammer den Salat.

Das Umfeld durchschaut dieses Pseudodasein fr├╝her oder sp├Ąter, und das Erwachen f├╝r den L├╝gner ist meistens grausam. Als Zuschauer/Zuh├Ârer bist du hin und her gerissen zwischen Mitleid mit dem Kranken, Ungeduld und blank liegenden Nerven. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass du einem solch einsichtsresistenten Menschen nichts beibringen und ihn auf nichts festnageln kannst. Letzte Konsequenz: in Sicherheit bringen. Die Innenansicht ("Ich Zuh├Ârer will hier raus!") zu schildern und ein m├Âglichst objektiver Bericht ├╝ber den Irrsinn, der da in Wahrheit vor sich geht, waren die Beweggr├╝nde f├╝r diesen Text.

Ich hoffe, damit kannst du was anfangen, und gr├╝├če dich.

Silvia




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Pola Lilith
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Hallo Arle,

eine sehr gute Charakterbeschreibung - und wirklich in einem mitrei├čenden Tempo geschrieben. Da├č Du Namen genannt hast, macht die Sache noch interessanter. Dies ist in diesem Text m.E. auch gerechtfertigt, da es hier keine Affekthascherei ist. (oder wenn, dann sehr, sehr gut integriert)

Der letzte Satz ist f├╝r mich noch etwas zu schwach in Relation zum starken, vorhergegangenem Text - auch wenn er sich und logisch auf den Harlekin bezieht.

Dies w├╝rde ich Dir auch als Titel empfehlen: Harlekin.
Oder "Harlekin auf Durchreise" oder ├Ąhnliches.

Das Pseudo-Leben ist kein guter Titel, dies meine ganz pers├Ânliche Meinung.

Gru├č, Pola

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