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Leselupe.de > Kurzprosa
Psycho Tequila oder eine Nacht in den Zeilen
Eingestellt am 21. 06. 2011 14:16


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Ralf Langer
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Psycho Tequila
oder
eine Nacht zwischen den Zeilen


Es gibt kein allein sein.
Ich sitze an dieser Hotelbar. Halb im Freien, halb in der Lobby. Überall Palmen.Karibische Gefilde. Sobald ich die Augen geöffnet habe ,steht dieser Typ neben mir. TrĂ€gt lĂ€ssiges Khaki, schlaksige Figur, mit einem leichten Hang zur Magerkeit, so daß Hemd und Hose an ihm herumflattern, wie eine Fahne im Wind.
Wir haben gerade angestoßen und blicken hinaus in die Nacht:
Meererauschen, Sternbilder, ansonsten keine Töne. Keine Blicke.
"Wenn Joyce nicht verrĂŒckt gewesen wĂ€re",sagt er,"dann hĂ€tt` er wie Flann O'Brian geschrieben."
Er schĂŒttet sich seinen Gin Tonic hinunter.
Die EiswĂŒrfel zermalmt er mit den ZĂ€hnen. FĂŒrchterliches GerĂ€usch!
"Der hat den Nobelpreis doch nur bekommen, weil die im Kommitte nicht wußten, ob das der letzte Scheiß war, oder doch etwas anderes..."
Dieser Typ, Bloom, ist Ire, und ich weiß nicht, wie ich an ihn geraten bin. Wollte doch nur ganz in Ruhe meinen Verstand an der Bar auslöschen. Trinken, bis ich die Wale singen höre.
"Die haben die falsche Entscheidung getroffen", unterbricht er mich. Er nickt.
"Klare Sache", fĂŒgt er hinzu und ordert neue GetrĂ€nke.
Plötzlich steht da Tequila vor mir.
"Was ist mit Salz und Zitrone", frage ich.
"Ihr Deutschen seid ein seltsames Völkchen", sagt er und kichert. "Eine Spirituose ist ein geistiges GetrĂ€nk. Ihr trinkt doch auch keinen Weinbrand mit Zucker und 'nem StĂŒck Kartoffel,oder?"
Also hinunter damit, und direkt zwei Neue hinterher.
"Und was ist mit Finneganns Wake?", frage ich.
"Ah, ein irischer Traum, oder vielmehr ,ein Albtraum, ein Babelsyndrom. SchĂ€tze Joyce hatte zuviel Jameson intus. Du mußt wissen, wenn wir Iren zuviel getrunken haben, und wir trinken immer, dann geraten uns die Worte und die Bilder im Kopf außer Kontrolle."
Bloom lacht, und wieder krachen die EiswĂŒrfel.
"Da schreibt einer ein Buch ĂŒber's Erwachen, und worum geht's?"
Er schaut mich flĂŒchtig an. Ich sehe, daß er von mir keine Antwort erwartet, also schaue ich nur in die Luft und warte ab.
"Es geht um einen nicht enden wollenden Traum!"
Wieder eine kurze Kunstpause, und dann geht es auch schon weiter.
"Wir Iren sind schon ein seltsames Volk. Macht die Insellage, und die Kartoffeln. 300 Jahre Kartoffeln als Beilage, das hÀlt kein Körper aus, ohne im Kopf ein bischen weich zu werden. Ich glaub euer Kafka, der hatte auch nur Kartoffeln gemampft."
Ich nicke. Das klang fĂŒr mich alles ganz logisch. Das machte mir aber wiederum ein wenig Angst, also bestelle ich nochmal Tequila.
"Hörst du die Wale, Bloom?", frage ich ihn.
Interessiert ihn gar nicht.
"Und", sagt er, als hÀtte ich meinen Mund, nur um ihn zu halten,"die Russen, ach die Russen, nimm nur mal Raskolnikow..."
Also nehm ich Raskolnikow. Irgendwo in den tequiladurchweichten Zonen meines Zerebrallappens erwische ich ihn, und ziehe ihn vor mein geistig trĂŒb gewordenes Auge.
Ich sage etwas wie," Der erinnert mich an Castorp."
Raskolnikow in meinem Kopf findet das gar nicht lustig, er schreit mich an.
"Der Castorp", brĂŒllt er in meinem Kopf,"der Castorp, war ein Hanswurst, verstand nichts von der Seele. Ich aber, bin meinen Weg bis zu Ende gegangen. Punktum.
Und Überhaupt, tausendfĂŒnfhundert Seiten Einleitung, und als der Krieg beginnt, lĂ€sst uns der Dichter, grĂŒbelnd zurĂŒck. Ich wĂ€r losgezogen. Keine Frage..."
"Hast du auch diese Stimmen im Kopf, Bloom?", will ich wissen.
"Anatol", sagt er zu mir, " du mußt ruhiger werden!"
" Ich bin nicht Stiller", entgegne ich beleidigt."Ich hör schon wieder den Wal. Es ist ein EinzelgĂ€nger, das hör ich am Gesang! Weiß ist er, und groß, und er wird uns zerschmettern!"
Schon hat uns der Kellner, der auf den Namen QuiquÀq hört, neue Tequila hingestellt.
"Hören sie mal", nuschelt er in gebrochenem Englisch," die Bar schließt gleich, wenn sie also noch ein GetrĂ€nk heben möchten, dann..."
"Gib uns die ganze Flasche Tequila, und Zitrone und Salz, fĂŒr Anatol, du Lump", brĂŒllt Bloom. Dann wirft er die HĂ€nde in die Höhe und flĂŒstert, "Introibo ad altare dei."
Der Wal, jetzt höre ich ihn nicht nur, er erscheint leibhaftig.
"Ihr mĂŒsst nur die Laufrichtung Ă€ndern," blubbert es aus seinem Schlund.
Davon erzĂ€hl ich Bloom besser nichts. Also schĂŒtte ich einfach Tequila in unsere GlĂ€ser, und ignoriere den Wal.
"Pass mal auf," sagt Bloom,"ich hatte da mal einen Bekannten, der hieß Ulrich, war Östereicher. Alles in allem ein Mann ohne Eigenschaften. Der hat mir seinerzeit beigebracht, wie man die Bilder in seinem Kopf los wird, wie alles verschwindet, bis auf das Blinde!"
Ich drehe mich zu ihm herum. Er wirkt plötzlich sehr ernst.
"Mach mir keine Angst, Bloom", sage ich."Um mich herum passiert schon genug!"
Er greift sich also die Flasche Tequila, schĂŒttet nochmal nach, schneidet zwei saftige StĂŒcke Zitrone ab,
nimmt den Salztreuer, schĂŒttet zwei erkleckliche HĂ€uflein davon vor uns auf den Tresen und drĂŒckt mir einen Strohhalm in die Hand.
"Und jetzt," frage ich.
"Jetzt ist Psycho-Tequila Zeit!"
Er legt den Kopf weit in den Nacken, hÀlt sich mit der einen Hand das rechte Auge auf, wÀhrend er mit der Anderen nach der Zitrone greift.
"So muß es sein", ruft er. Dann zerdrĂŒckt er die Zironenscheibe ĂŒber seinem offenen Auge. Der Saft spritzt hinein. Sofort greift er zum Glas, kippt den Tequila hinunter, nimmt laut fluchend, mit trĂ€nenden Augen den Strohhalm, steckt ihn in die Nase und saugt das Salz in einem Rutsch durch sie in seine Stirnhöhle.
"Jetzt du", kreischt er.
Der Wal neben mir schĂŒttelt mit dem Kopf, Castorp und Raskalnikow wollen mich aufhalten. Aber ich bin schneller.
Ah, dieser Schmerz. Nichts ist mehr. Die ZitronensÀure frisst sich in meine Bilder und das Salz kriecht durch die Nasenhöhle in mein Gehirn , löscht dort alles was es findet.
Brechreiz. Ich ĂŒbergebe mich zu meinen FĂŒĂŸen.
"Und, was ist", schnauft Bloom zu mir herĂŒber.
"Nichts ist. Ich bin allein."
Dann Schlaf.




__________________
RL

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Ralf Langer
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Hallo nax,
ja traum und erwachen.
eigentlich eine reine kopfgeschichte - surreal-
in der sich fiktionale figuren der literatur:
bloom,
anatol stiller, ulrich, castorp, kafka, moby dick,etc
im zwiegesprÀch
mit dem erzÀhler befinden.
absurd...
lg
ralf
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hallo trasla,
die idee, ist wie soviele sachen " geklaut"
Flann O'brian, irischer Schriftsteller, schrieb mal ein werk
"at swim to birds"
da versucht sich ein selbsternannter schriftsteller
an einem roman. dabei leiht er sich die characktere fĂŒr sein
stĂŒck aus großen werken der weltliteratur.
die so benutzten figuren wehren sich dagegen und werden "lebendig".
verrĂŒckte sache.
die von mir ier ausgeliehenen figuren der "weltliteratur"
sind im prinzip meine lieblinge.
von dostojewskis raskolnikow, ĂŒber max frisch anatol stiller
und natĂŒrlich auch mobydick und quiqĂ€k der harpunier
etc pp

lg
ralf
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