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Leselupe.de > Humor und Satire
Pubertät verkehrt
Eingestellt am 23. 12. 2002 23:21


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Sebastian Dalkowski
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2001

Werke: 33
Kommentare: -1
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Die Zwangsneurosen meiner Mutter hinsichtlich einer korrekten Erziehung fanden in einer lauen Mainacht ihren vorläufigen Höhepunkt. Gerade war ich von einer feucht – fröhlichen Geburtstagsparty zurückgekehrt – ich hatte insgesamt drei Tüten Chips und einen Monatsvorrat Tiefkühlpommes in mich hineingestopft – und wollte nur noch schleunigst in meinen wohlverdienten Tiefschlaf sinken, als meine Mutter unerwartet im Flur auftauchte, nur ihr scheußlich pinkfarbenes Nachthemd tragend.
„Gib’s doch zu. Du hast schon wieder nicht getrunken?“ Ihre Blicke waren müde, doch in ihren Augen spiegelte sich diese gewisse Mischung aus Besorgnis und Verärgerung wider, die nur Mütter zu produzieren fähig sind. Ich versuchte mich herauszuwinden wie eine Fliege im Spinnennetz, die eigentlich wusste, dass ihr letztes Stündlein geschlagen hatte.
„Mom, wie kannst du so etwas nur sagen? Ich habe was getrunken. Mindestens zwei Bier und einen Likör?“ Und bevor sie etwas entgegnen konnte: „Ach ja, und geraucht habe ich auch, drei Zigaretten. Mindestens. So genau habe ich das nicht mehr gezählt. “
Für die Winzigkeit einer Sekunde meinte ich Zustimmung in ihrem Gesicht zu erkennen. Vielleicht würde ich diese Mal noch...
„Hauch mich an!“
Ich verharrte verzweifelt in meiner Position.
„Los! Hauch mich an!“
Ihre Blicke trafen mich wie Messerstiche und ließen keinen Widerstand zu. Das war mein Ende und da es ohnehin keinen Sinn mehr hatte, ihr die erschreckenden Tatsachen vorzuenthalten, legte ich ein weitreichendes Geständnis ab.
„Okay, ich habe dich angelogen. Ich habe nichts getrunken und geraucht habe ich auch nicht. Es tut mir wirklich leid. Bist du jetzt sauer?“
An dieser Stelle war es von Vorteil den mitleiderregenden „Ich tu’s nie wieder nie, versprochen!“ – Blick aufzusetzen, was meine Mom tatsächlich dazu veranlasste mütterliche Milde walten zu lassen. Größtenteils jedenfalls.
„Ich weiß, dass es eine schwierige Zeit für dich ist. Du wirst erwachsen, deine Gefühle spielen gelegentlich verrückt und es gilt sich in der Welt zu behaupten. Dass man dabei zu absonderlichen Mitteln greift, kann ich dir nicht Übel nehmen...“
Auch das noch. Wieder einer dieser verstaubten Moralpredigten, die Verständnis dokumentieren wollen, aber doch nur darauf aus waren...
„Dennoch möchte ich dich bitten, dich in Zukunft etwas erwachsener zu verhalten und deine Askese zu beenden. Du wirst sehen: Es geht auch mit Alkohol!“

Ich war bereits in meinen jungen Jahren ein seltsames Kind gewesen. Im Kindergarten prügelte ich mich nicht mit den anderen – früh erkannte ich die moralische Integrität des Pazifismus – ich schüttete auch niemandem den 10 Uhr Kakao auf den Pullover und zerriss schon gar nicht die ersten künstlerischen Versuche meiner Altersgenossen, die zwar nur aus zufällig gesetzten Bleistiftstrichen bestanden, aber dennoch nicht deshalb entstanden waren, damit sie irgendein Fünfjähriger wieder zerstörte.
Meine Mutter machte sich aufgrund meiner auffälligen Anständigkeit bereits früh große Sorgen und konsultierte einen Psychologen nach dem anderen, die sie damit trösteten, dass „ihr Junge spätestens in der Pubertät seine anomale Verhaltensweisen einstellen wird und sie sich vor Exzessen und deren physischen wie psychischen Folgen kaum noch zu retten vermögen.“
Ich kam in die Pubertät, ohne jedoch auch nur einen Moment mit dem Gedanken zu spielen irgendjemandem den Hals umzudrehen, Spirituosen in mich zu kippen oder über die Nachbarstochter herzufallen (was wohl auch daran lag, dass sie schiefe Zähne hatte und noch mit 15 rosafarbene Leggins trug). Die Sorgenfalten meiner Mutter wurden noch größer, als ihr die illegalen Aktivitäten meiner Freunde zu Ohren kamen.
„Warum kiffst du eigentlich noch nicht?“ „Warum beschwert sich noch kein Mädchen über deine sexuelle Unzüchtigkeit und warum kommst du nicht jedes Wochenende betrunken nach Hause?“ Das waren Fragen, die sie mir täglich stellte und die ich stets mit einem lapidaren „Ich mag nicht“ zu beantworten pflegte.
Das alles hatte mich bisher recht wenig gestört, der Vorfall an jenem Maiabend jedoch war ein todsicheres Signal dafür, dass meine Mutter nun weitaus schärfere Geschosse auffuhr und sich nicht mehr dazu in der Lage sah, die Nichtaktivitäten ihres „völlig verkommenen“ Sohnes zu tolerieren. Die Zeit danach entwickelte sich für mich zu einem absoluten Schikane-Trip, der mich schließlich bis an die Abgründe meiner Seele trieb.
Es begann damit, dass sie fortan meine Schultasche und die Schränke in meinem Zimmer auf Drogen und Pornohefte untersuchte und jedesmal einen besorgten Seufzer ausstieß, als sie mal wieder nicht fündig geworden war. Anschließend stellte sie mich zur Rede und hämmerte mir ein, was für ein peinlicher Sohn ich doch sei, eine Schande für die Familie. Seine Ururgroßeltern seien bereits freizügiger gewesen als meine Wenigkeit. Ging ich auf Partys, drohte sie mir mich sofort abzuholen, falls ich mich anständig benehmen sollte, also keinen Alkohol trank und die Brüste meiner Klassenkameradinnen nicht in ihrer Wachstumsphase störte. Mindestens fünfmal holte sie mich in den folgenden vier Wochen bereits vor Mitternacht ab und beschimpfte mich, dass ich eigentlich hätte in Selbstzweifeln versinken sollen, doch mein Verstand sagte mir, dass ich durchhalten musste.
Ein anderer Plan meiner Mutter, den auch mein Vater voll und ganz unterstützte, sein Stammtisch zweifelte bereits seine Erziehung an, bestand darin mich mit Hilfe des weiblichen Geschlechts zu einem unanständigen Jungen zu erziehen. 17 Mädchen schleppte sie während innerhalb von vier Wochen in mein Zimmer und mit Tina, einer siebzehnjährigen Brünette ohne bemerkenswerten Intellekt setzte ich bereits erste Schritte in Richtung Körpervereinigung, dass heißt, ich versuchte sie zu küssen, als sie plötzlich furchtbar niesen musste und wir uns anschließend nicht mehr in die richtige Stimmung versetzen konnte. Ein anderes Mädchen, sie hieß Marie, hatte meine Mutter vorher ziemlich abgefüllt – sie setzte kein besonders großes Vertrauen in meine Schönheit als Überzeugungsfaktor – und wie wir so auf meiner Couch hockten und ein wenig aneinander fummelten, kam ich mir mit einem Male furchtbar albern vor. Ich hatte es immer vermieden auf Kosten der geistigen Unzurechnungsfähigkeit, die ja durch den Alkohol gegeben war, meinen Spaß zu haben und so warf ich sie kurzerhand hinaus. Meine Mutter hielt mir eine Standpauke, die ich aber ignorierte. „Wie kannst du nur so rücksichtsvoll sein?“
So ging es ungefähr anderthalb Jahre weiter, mittlerweile durfte ich auf kaum eine Party mehr gehen und nur noch Papas Pornoliteratur lesen, weshalb ich ganz auf eine Lektüre verzichtete. Nun ja, heimlich las ich Goethe und Shakespeare auf dem Jungenklo – bis mich der Direktor erwischte und mir mit einem Schulverweis drohte. Außerdem kritzelte ich satirische Kurzgeschichten auf einen kleinen Block unter der Bettdecke und versteckte ihn anschließend unter einer lockeren Fliese im Keller meiner Nachbarn. Hausarbeiten waren für mich tabu – ein weiterer Einfall meiner kranken Mutter – und wenn ich jemanden auf der Straße grüßte, warf sie mir einen bösen Blick zu. Einkäufe, Kirchgang, Täglich Duschen, Geld sparen, saubere Kleidung tragen, all das war mir verboten und stellte meine Existenz in Frage: Wollte ich unter diesen Umständen überhaupt noch leben? Sollte ich vielleicht dem Drängen meiner Mutter nachgeben, damit sie aufhörte zu nerven, oder mich weiter in ewiger Askese üben?

An jenem Abend war es besonders schlimm gewesen. Ich hatte mir, gefesselt und geknebelt an einen Stuhl, einen ziemlich scheußlichen Pornofilm anschauen müssen, während meine gesamte Familie dabei zusah und darauf wartete, dass sich mein Geschlechtsteil in der Hose regte. Den Gefallen tat ich ihnen nicht und sie murrten unzufrieden, während ihre Blicke immer besorgtere Züge annahmen. Als sie mich schließlich losließen, flüchtete ich verärgert aus dem Haus, setzte meinen Tunnelblick auf und rannte aus der Stadt hinaus, wohin auch immer mich der Weg führen sollte. Nur hinaus. Und das passierte, was Vater Schicksal schon immer gewusst hatte: In meinem Eifer riss ich ein junges Fräulein um und – als sie mir ihr Gesicht präsentierte – verliebte mich prompt. Gott hatte einen Engel auf die Erde gesandt, und ich wollte diesen Engel für mich haben. Doch wie? Mein Herz raste vor Nervosität und ich zitterte am ganzen Körper. Sollte ich sie vielleicht einfach...
„Willst du vielleicht...äh...also...darf ich dich vielleicht...zu einem Drink...äh...“
„Einladen?“
„Ja genau.“
„Warum nicht.“
Sie lächelte mich an, warf ihr blondes Haar zurück und ging neben mir her. Ich vermochte vor Aufregung kaum zu laufen und als wir uns in ein kleines Restaurant am See gesetzt hatten, war es mir, als müsse ich gleich zusammenbrechen. Dieses elfenartige Gesicht, diese klaren Augen, dieses natürliche Lächeln, diese perfekt geformten...ich brauchte Alkohol.
All meine Prinzipien hatte ich in diesem Moment über Bord geworfen, zudem war ich das ständige Genörgel und Gedrängel meiner Mutter satt. Ich bestellte also – wenn auch etwas zaghaft – ein Glas Bier und nippte erst vorsichtig, schüttete es dann aber gierig in mich hinein, während das Mädchen, sie hieß – ganz nebenbei – Anne, mir dabei zusah, was sie, kein Wunder, nicht schlecht tat. Sie gab mir dieses Gefühl von männlicher Stärke, dieses Gefühl bewundert zu werden...nur weil ich ein Glas Bier trank.
Es war ein großartiger Moment und ich fühlte mich mit einem Male so mutig und elegant. Ich nahm ein zweites, ein drittes Glas Bier. Anne trank Sekt, den ich ihr großzügig und vielleicht nicht ohne Hintergedanken spendierte. Nach einer halben Stunde waren wir beide recht angeheitert und flüsterten uns perverse Kleinigkeiten ins Ohr, die uns dazu veranlassten zu mir nach Hause zu gehen und uns in mein Zimmer zurückzuziehen.
Es war als drängte sich meine gesamte aufgesparte Energie in diesem Moment Richtung Unterkörper und Anne befreite sich bereits von unnötigem Ballast, legte mir sehnsuchtsvoll ein paar schmachtende, eindeutige Worte vor die Füße, als meine Mutter hereinkam, aus meinem Rülpsen einen leichten Alkoholkonsum interpretierte und, nachdem sie hatte feststellen müssen, dass wir so ziemlich nackt waren, dass es nackter kaum noch ging, einen elterlichen und pädagogisch wertvollen Blick aufsetzte und sagte:
„Wieso hast du das getan? Kannst du dich nicht benehmen?“

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kaffeehausintellektuelle
Guest
Registriert: Not Yet

lieber sebastian

witzig war die idee und auch stilistisch gut. das einzige, was mich gestört hat, war dass die geschichte zu lange war. eigentlich wiederholt sich alles immer wieder und man wartet schon auf die pointe. ich konnte dann irgendwann über die ähnlichen witzchen nicht mehr lachen und das war schade, weil ich ja gern lach.
manchmal ist weniger doch mehr.

die kaffeehausintellektuelle

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