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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Püttmanns ehrliche Grabreden
Eingestellt am 26. 02. 2007 13:11


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Wolfgang Bessel
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Püttmanns ehrliche Grabreden - Folge 1

Leitsatz des Autors

„Einfache Menschen sind oft viel näher an der Wahrheit, bleiben meist auf dem Teppich, blicken durch und reden Klartext.
Verlogene Diplomatie ist ihnen fremd, nicht jedoch Gefühl, Witz und Verstand.“



Die himmlische Eingebung


Gemunkelt hatte man dat schon lange, jetz hatten wir den Salat! Mein Pütt „Shamrock“ in Herne wurde 1967 auch platt gemacht.
Ja, hier im Ruhrpott war damals richtig wat los: Kohlenkrise! Mit die Vollbeschäftigung und dat Wirtschaftswunder war Feierabend.
Auch ich, Bergmann Willi Püttmann, lag nach fast dreißig Jahren Maloche auffe Straße und musste stempeln gehn.

„Berta“, sachte ich geknickt für meine Ehegattin, „kannze mir ma sagen, wie dat jetz weitergehen soll? Mit fünfundvierzig noch umschulen! Auf wat denn?“ Ich lief inne Küche nervös auf und ab. Berta heulte, und unsere zwei Blagen stimmten mit in dat Konzert ein.
Wütend war ich, tiefer als sonst pfiff ich mir den Qualm meiner Selbstgedrehten inne Lunge rein.
„Berta, vonne Politikers hörsse doch seit Jahren nur leere Versprechungen. Für die Halunken sind wir Bergleute nur fürn Wahlkampf gut, danach bisse wieder Müll! Ich geh auch nich mehr wählen, die können mich alle ma ...!
Trost und Hilfe vonne Pfaffen kommen auch nich! Allet nur Scheinheiligkeit! Ich hab von der schwatten Bande auch die Schnauze voll, ich kündige bei dem Kirchensteuerverein.“

Viele Schäfchen verließen damals enttäuscht ihre Kirchenställe, natürlich mit schwerwiegenden Folgen. Unsere gnadenvollen Kirchen sind bei so wat leider schrecklich gnadenlos – vor allem dann, wenne ma sterben tus.
Obwohl, ja, obwohl dat ja Gottesacker heißt und nich Acker vonne Evangelen oder Katholen, kommze ohne dat Kirchenparteibuch zum Verrecken nich mehr bei denen inne Erde rein. Dat kirchliche Erdreich würde ja durch diese abtrünnigen Menschen vollständig entweiht! Ja, Junge, dat waren Zeiten wie im Mittelalter. Wenn die armen Deubel nich ganz koscher waren, ging et ab vor dat Stadttor, und dann schnell rein in den Dreck. Et waren beschissene Zeiten.

Doch auch in miesen Zeiten gibt et ab und zu Sternstunden.
An einem trüben Mittwochvormittag tat sich für mich der düstere Revierhimmel auf. Dat war ausgerechnet aufm Friedhof, genauer gesacht, aufm Herner Kommunalfriedhof bei die Beerdigung von Nachbar und Kollege Schybulski.
Hier fiel plötzlich die himmlische Eingebung über mich her.

Stanislaus Schybulski hatte beim Angeln im Rhein-Herne-Kanal nach der dritten Flasche Wodka dat Gleichgewicht verloren und iss, weil er nich schwimmen konnte, voll besoffen – ersoffen.
Stanislaus hatte einundvierzig Jahre brav seine Kirchensteuer abgedrückt. Ausgerechnet eine Woche vor seinem nassen Ende kündigte er die Mitgliedschaft bei den Katholen. Folglich kam zum Stani auch kein Priester. Kein Sterbeglöcklein läutete. Natürlich gab’s auch keine Tränendrüsen-Andacht mit Harmoniumgeorgels im Kapellchen.
Dat war reine Schikane vonne Popen. Schade um die eingezahlten Kirchensteuerkröten! Für dat Moos hätte er ne christliche Trauerfeier 1. Klasse verlangen können. Pech gehabt, Stani!

Berta und ich standen in der langen Reihe der Trauergäste und kuckten blöd ausse Wäsche. Warum? Weil niemand am Grab dat Maul aufmachte, um fürn Stanislaus n paar Abschiedsworte zu quatschen. Kein Liedchen wurde geträllert, nich ma n Scheingebetchen gemurmelt. Ne Bergmannskapelle konnte sich der Stani auch abschminken, die spielte nur für Steigers und andere hohe Tiere. Et war n Trauerspiel!
Mann, dat hätte den lieben Stanislaus schwer gewurmt, ja, sogar unheimlich wehgetan, wenn er diese armselige Vorstellung hier mitgekriegt hätte.
Vielleicht, ja, vielleicht hat er dat sogar, wer weiß dat denn schon so genau?
Dat konnte und wollte ich dem guten Stani wirklich nich antun; dat Herz hat et mir fast zerrissen!

Wat war dat für ne Stimme in mir? Dat war doch nich möglich! Wer sprach da so glockenrein? Ich erhielt einen Auftrag:

„Willi, du sprichst, nun geh schon!“


Ich gehorchte, drängte mich gegen Bertas Willen durch die Reihen und fragte Stanis Mattka, ob ich ein paar Abschiedsworte sprechen dürfe.
Luba nickte mit ner leichten Verbeugung. Dabei kamen ihre 160 Kilo Kampfgewicht gefährlich ins Wanken. Frantek, unser Metzger, fing sie noch soeben am Grubenrand ab, sonst wär et passiert.
Ich stand in meinem alten, engen Hochzeitsanzug vor dem Erdloch, räusperte mich, blickte in die Gesichter der Trauergäste und legte los:
„Glück auf, liebe Trauerklö ..., ääh ... Trauergäste.\" Die Klöße blieben mir zum Glück im Hals stecken.
„Nein, meine Freunde, dat hat der Stani nich verdient! Son paar Worte auf seiner langen Reise müssen doch wohl sein?“
Die Trauergäste nickten erleichtert. Nur meine Berta zeigte mir nen Vogel.
„Also, Herrschaften, ich kenn den Stani, wie die meisten von euch, als guten Nachbarn und treuen Kumpel. Fast dreißig Jahre sind wir zusammen inne Grube eingefahren. Jedet Mal war dir, lieber Stani, kotzübel als wir unten ankamen! Dat Problem hattesse heute nich. Sanft hat man dich Dreizentner-Bommel an vier Förderseilen in eine andere Grube einfahren lassen. Dat muss für doch ne große Wohltat gewesen sein; du wirss dich bestimmt noch lange und gerne daran erinnern.
Du hattest ein gutet Herz. Du hätts uns dein letztet Hemd geopfert – du besaßt aber keins.
Bei der Maloche und zu Hause sah man dich immer nur „oben ohne“.
Halbnackt hasse mit ner Kippe und ner Pulle Bier inne Hand im Fenster gelegen. Man konnte dich nich übersehn. Wie meschugge hasse jedet Mal über die Straße gegrölt, wenne von deinem Fensteransitz n Bekannten erspäht hass.
Ein- zweimal pro Woche rückte die Polente mit zwei Mannschaftswagen aus, um Luba und die Kinder vor deinen heftigen Gefühlstausbrüchen zu schützen. Ihr hattet immer ne prächtige Stimmung, wir Nachbarn haben uns herrlich über euch dat Maul zerrissen. Deinen urigen Anblick im Fensterrahmen und dein lautet Organ werden wir sehr vermissen.
Unsere Straße wird wohl demnächst zur ruhigen, vornehmen Wohngegend erklärt, die Mieten werden kräftig steigen. Et wär für uns alle dat Beste, wenn du, liebe Luba, den Platz am Fenster einnehmen würdest. Der Fensterrahmen müsste dann allerdings etwat verbreitert werden.“ Luba nickte mehrfach verständnisvoll. Ich sprach weiter:
„Stani, ich darf dich heute an dein so prallet, wundervollet Leben erinnern:
Freitags hieltst du die Lohntüte wie n Heiligtum inne Pranken, ein breitet, glücklichet Grinsen stand in deinem Kohlenstaubgesicht, du wolltest die Puppen tanzen lassen! Lohntütenball!
Du hass dich immer zu früh gefreut, denn deine Luba lauerte bereits mit die Blagen am Zechentor. Sie schaffte et jedet Mal, dir den Wochenlohn, trotz heftigster Gegenwehr, mit Flüchen und Tritten, abzuluchsen.
Nach dem Kampf hat sie dir immerhin noch zehn Mark zum Versaufen gelassen. Stimmt doch Luba?“
Luba nickte mehrfach mit ihrem gewaltigen Haupt und heulte bei dieser Erinnerung wie ne Sirene auf.
Nach diesem schaurigen Gefühlsrappel entspannten sich die Gesichter der Trauergäste. Ihre Augen leuchteten, sie durchlebten die gemeinsame Zeit mit Stani Schybulski.
Dat machte mir Mut und redete locker weiter.
„Oft haben wir uns am Stammtisch gekugelt, wenne knülle wars, polnisch geflucht - und Theo, den Wirt, beschimpft hass, weil dein Bier nich richtig gezappt war.
,Verdammt, perunie, mach mich voll dat Glas, du verdammten Sausack!’, hasse inne Kneipe gebrüllt.
Wochenendrabatz stand jeden Freitag auf deinem Programm. Wenn kein Schwein mit dir n ,Schlegel’ picheln wollte oder dich nur schief vonne Seite anpeilen tat, dem hasse direkt eine geschmiert oder mit ner Schüppe n Scheitel gezogen.
Kuckt euch ma den Taubenjupp an, da vorne inne zweiten Reihe, links neben Erich Pieparsch, der hat heute noch dat gebrochene Nasenbein und dat Matschauge. Stani, du hass ja auch Hände wie Pannschüppen. Die meisten Saufunwilligen lagen sofort flach und mussten ärztlich versorgt werden.
Zu Hause hasse dann noch schnell deine Luba vermöbelt, weile gemeint hass, dat Luba wär ma wieder fällig. Zweimal hasse dafür ja auch im Knast Urlaub machen dürfen.
Ja, Stani, du hattest ne wunderbare Zeit auf Erden. Sei deshalb schön dankbar.“
Ich wendete mich Luba zu: „Oh ja, liebe Luba, dein Mann war schon ein ganzer Kerl.“
Weiter kam ich nich. Luba stimmte nach dieser Lobhudelei wieder ihr Kriegsgeheul an, dat allen dat Blut inne Adern stocken tat. Nach zwei Minuten war der Anfall vorbei und ich konnte weitersprechen:
„Wenn ne Bergmannskuh, (Ziege) n Stallhase oder dat Federvieh einen vorn Kopp kriegen sollten, war Stani zur Stelle.
Abmurksen der Viecher beherrschte er aussem Effeff. Dat Innereiengeschlöngels haute er euch abends liebevoll inne Pfanne. Die Felle durfte er auch einsacken, die waren Medizin für sein verfluchtet Rheuma. Luba, Stani quält nix mehr da unten, die Felle brauch er nich mehr, du wirss sie dem Rheuma-Hansi vermachen und nich beim Klüngelskerl verscheuern!“ Luba nickte.
Ich musste jetz die Kurve für den Schluss kriegen:
„Allet in allem warst du, lieber Stani, ein tüchtiget Mitglied der Herner Gesellschaft.
Sei froh, dasse den ganzen Scheiss mit dat Veränderungsgedöns im Revier nich mehr mitkriegen tus. Da hasse schwer Glück gehabt! Bleib also da, wo du biss.
Wenne noch kannz, denk son bissken an uns arme Schweine und drück uns die Daumen, dat wir alle wieder in Brot und Arbeit kommen. Um dat Luba und die Blagen kümmern wir uns, dat iss hiermit versprochen. Zu deiner Beruhigung noch wat: Der Frantek hat schon lange n Auge auf deine Luba geworfen, also keine Sorge, et iss allet paletti. Glück auf Stani! Ohne Scheiß, mein Freund – du wirss uns fehlen.
Kommt jetz an dat Grab und nehmt Abschied mit ner Schüppe Dreck. Wer dem Stani noch wat zu sagen oder zu verzeihen hat, der kann dat jetz tun, dat iss die letzte Gelegenheit, so Auge in Auge, ihr wisst schon ...“
Dat Luba quetschte mich nach meiner Rede dankbar an ihren gewaltigen Busen, knutschte mich links und rechts und ungewöhnlich lange aufe Schnute. Berta beobachtete Lubas Danksagung sichtlich nervös, verdrehte vorwurfsvoll die Augen und schüttelte verstimmt den Kopp.
Bäcker Granitska schob mir stiekum zwanzig Mark inne Tasche und flüsterte: „Danke, Willi.“
Die Trauergäste waren von meiner ehrlichen Festtagsrede gerührt und drückten mir dankbar die Hand, manche auch wat inne Hand. Sogar der geizige Köttelbeck von nebenan. Wenn et ma soweit wär, wollte er nur von mir inne Erde befördert werden. Er wär nur n Karteichrist und meinte, die Pastoren quatschten nur rituellet, unverständlichet Zeug und sprächen selbst die miesesten Köter noch ehrenwert und heilig.
Dat arme Luba seufzte nach der üblichen Beileids-Gratulantenparade noch ma sehr tief, prustete viermal unglaublich laut in ihre blau karierte Rotzfahne und brüllte über den Friedhof:
„Ich will euch sehen aaalle in Friedhofkneipe ´Zum letzten Tritt im Arsch`!“

Wat war dat für ein schrecklich-schönet Besäufnis! Stani, besser gesacht, seine gute Luba, hatten dat Fellversaufen überaus großzügig und unvergesslich zelebriert. Dat iss leider nich überall so gang und gäbe, nee, dat isset wirklich nich.
Alle Freibiergesichter von unserer Straße, vom Pütt, und natürlich auch seine polnische Mischpoke waren Lubas Einladung gefolgt und feierten Stanis Abschied.
Richtige Trauerfreude kam aber erst kurz nach Mitternacht auf. Klopperei! Ne Klopperei vom Allerfeinsten!
Dat Abschiedsfest endete mit zwei Festnahmen und vier Krankenhauseinlieferungen. Einer vonne wildesten Festgäste, son total bekloppter Freier, zog mir voll in Ekstase n Stuhlbein übern Rücken. Mir dröhnte zwei Tage die Birne. Mein Kreuz schmerzt heute noch bei Wetterumschwung.
Nach diesem unvergesslichen Tag, Himmel und Stani habt Dank, war mir klar, dat ich der vom Himmel berufene Abschiedsredner in Herne sein musste.
Ob mein liebet Bertaken dat genauso sah, da war ich mir allerdings nich so sicher.

Autor
Wolfgang M. A. Bessel

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Wolfgang M. A. Bessel
www.bessel-autor.info

Version vom 26. 02. 2007 13:11

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