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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Pulsschläge
Eingestellt am 02. 08. 2003 17:14


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para_dalis
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"Weisst du? Es ist doch gar nicht so schwer!
Wenn man Glück sieht, hat man es. Wenn man allerdings zuviel Glück sieht, geht es verloren. Man nimmt es kaum noch wahr und plötzlich ist es verschwunden."

Ich feierte am Tag zuvor meinen fünfzehnten Geburtstag und frage mich, was mir Mutter damit sagen will. Doch ich bin zu faul zum fragen. Diese Stimmungen habe ich derzeit öfter. Ich sage dann einfach nichts, obwohl es in meinem Kopf brodelt. Mutter meint dann, ich wäre verstockt oder: "Nun sei nicht immer so unzufrieden..." Auch dann äußere ich nichts. Was Mutter natürlich noch mehr aufregt. Jedenfalls schleppt sie mich zu dieser Ausstellung und ich wäre doch lieber im Bett geblieben.
Meine Mutter ist manchmal äußerst merkwürdig. Und manchmal ist sie mir auch peinlich. Dann muss ich aufpassen, dass sie es nicht bemerkt, es würde sie kränken.
Neulich beispielsweise die Sache mit der Sparkasse. Mutter wollte vom Automaten Geld holen. Das ist nichts besonderes, das hat sie schon viele Male zuvor getan.
Allerdings nicht in der Stadt, in der wir uns gerade aufhielten. Wir betraten den Innenhof der Sparkassenanlage. Architektonisch ein Meisterwerk, wie mir Mutter, die einen Architekten als Freund hat, pausenlos versicherte.
Dieser Freund... doch dazu später.
Mutter also steckte ihre Bankcard in den dafür vorgesehenen Schlitz und die Tür der Sparkasse öffnete sich. Sie ging rein, die äußere Tür schloss sich wieder, obwohl sich die innere Tür noch nicht öffnete. Mutter rannte wieder raus. Ich war erstaunt über ihren plötzlichen Panikanfall, doch verkniff mir jegliche Bemerkung.
"Nimm bitte meine zweite Karte zum Tür öffnen, falls ich nicht wieder herauskomme!"
Ich nahm also ihre Karte und Mutter startete einen zweiten Versuch. Natürlich kam Mutter ohne meine Hilfe aus der Sparkasse. Ihre Panik hielt an und sie kramte geraume Zeit in ihrer Handtasche, bis sie die Sonnenbrille fand und sie wieder auf ihrer Nase hatte.
"Starr mich nicht so an!" schimpfte sie.
Meine Mutter und ich sind gezwungen, miteinander volle sechs Wochen zu verbringen. Das hat mit meiner Krankheit zu tun. Wahrscheinlich verhält sich Mutter deshalb so. Jedenfalls wohnen wir gemeinsam in einer Wohnung, die zwar ähnlich groß unserer zu Hause ist, in der wir uns aber nicht heimisch fühlen. Zu viele fremde Dinge umgeben uns.
"Also nein, das darf doch nicht wahr sein!" höre ich Mutter aus dem Wohnzimmer rufen.
"Was denn?"
"Sieh mal hier..." ich schaue in den geöffneten Schrank und lese einen extra angebrachten Zettel: Literatur zum mitnehmen.
"Und?"
"Sieh genauer hin, sei doch nicht immer so oberflächlich!"
Ich krieche fast in den Schrank, um zu erkennen, warum Mutter sich so aufregt.

-Leid nicht von Gott verursacht -
und
-In der Bibel wird uns die Zusicherung gegeben, dass das Leid, das uns umgibt, nicht von Jehova Gott verursacht worden ist... -

Überall Schriften über die Zeugen Jehovas.
Unsere Vermieter sind also Zeugen Jehovas.
Bald werden wir von Wachtürmen erschlagen werden.
Man sollte es nicht für möglich halten, doch bisher hatte mich der Glauben im allgemeinen und Jehova im Besonderen nicht weiter interessiert. Sie stehen auch an unseren Kaufhallen um die Menschheit zu bekehren. Es war also nichts außergewöhnliches. Es ist mir völlig gleich, dass hier überall religiöse Schriften verteilt sind. Und ich verstehe auch Mutters Empörung nicht so ganz. Erst gestern hatte sie in einer katholischen Kirche eine Kerze angezündet... obwohl sie ja Atheistin ist. Und nun die ganze Aufregung, nur weil wir bei den Zeugen Jehovas eingezogen sind? Mutter ist wirklich manchmal sehr komisch. Auch jetzt wieder.
Sie tippt auf ihrer Tastatur. "Was schreibst du da über mich?" frage ich sie.
Mutter schiebt mir den Rechner entgegen.
Sie führt Tagebuch. Jeder Tag meiner Behandlung wird dokumentiert.
Ich bin nicht sicher, ob ich das so haben will. Schließlich vermeide ich bereits die vergangenen zwei Jahre jegliche Diskussion darüber und bringe einfach alle notwendigen Untersuchungen und Behandlungen hinter mich. Der Gerechtigkeit halber sollte ich erwähnen, dass meine Mutter auch mich zum schreiben brachte. Zuvor malte ich Sonnenuntergänge, bis mich diese Art der Beschäftigung langweilte. Ich lasse Mutter also schreiben und kümmere mich meist nicht um ihre Texte.
Die kranke Frau im Warteraum ist allerdings schon eine Beschreibung wert...

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para_dalis
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Fortsetzung

...ganz gleich ob Mutter es notiert oder ich.

Sitzt die Frau doch da und stickt vor sich hin summend an einer Tischdecke. So eine altmodische grobe Leinendecke mit Häkelkante. Statt eine Schere zu nutzen, um das Ende des Fadens zu kappen, leckt sie diesen an und kaut solange darauf herum, bis sie ihn durch trennen kann. Mutter hat in ihrer Handtasche eine Nagelschere. Ich sehe Mutter an, sie verneint mit einer leichten Kopfbewegung meine unausgesprochene Frage. Mir ist klar, würde Mutter der jungen Frau mit der alten Tischdecke ihre Schere leihen, würde sie sich anschließend vor ihrer eigenen Schere ekeln. Vielmehr vor dem Speichel der kranken Frau an ihrer Schere.
Wahrscheinlich würde Mutter denken, die Erkrankung der Frau überträgt sich von der Schere auf ihre Nägel. Der Frau fehlen sämtliche Haare und die Perücke auf ihrem Kopf ist auch nur zweite Wahl. Sollte es mir so ergehen, was unwahrscheinlich ist, weil ich eine andere Art der Erkrankung habe, würde ich keinesfalls eine Perücke tragen. Ich würde Basecape tragen oder ein Tuch um meinen kahlen Schädel schlingen.
Mutter ist manchmal unheimlich eklig. Mir erscheint ihr Putzwahn schon krankhaft. Hier in der Ferienwohnung der Zeugen Jehovas hält es sich im Rahmen. Erst kürzlich tat sie es mir nach und erschlug hemmungslos eine fette Mücke an der Jehovatapete. Der Fleck ist auch jetzt noch gut sichtbar.
Doch zu Hause ist es meist unerträglich.
Manchmal lachen wir darüber, dass ich so verstrahlt bin, dass der Alarm des Institutes, bei dem ich behandelt werde, ausgelöst wird, sobald wir die Eingangs oder eben Ausgangspforte betreten.
Eigens dazu erhielten wir einen Austrittsausweis, der uns berechtigt, das Areal zu verlassen, obwohl ich Alarm am Verschleppungsmonitor auslöse.
Selbstverständlich muss Mutter den Ausweis vorweisen. Ich möchte nicht verstrahlt sein und ihr macht es anscheinend weniger aus, so zu wirken als wäre sie verstrahlt.
Mir fällt das Wort "Sondermülldeponie" bezogen auf meinen Zustand ein, doch würde ich es auch nur scherzhaft erwähnen, wäre Mutter wieder zu Tode betrübt. Stattdessen bedauern wir die Zeugen Jehovas, die sicher annehmen, sie hätten sich den Satan ins Haus geholt.
Wahrscheinlich wäre ich eine wahre Freude für alle spirituell veranlagten Menschen. Sie würden einiges in mir sehen, was im Normalfall niemals sichtbar ist. Vielleicht würde auch bei einer Seance längst vergessene Geister beschwört werden, der Tisch würde über dem Boden schweben und die gerahmten Fotografien von den Wänden fallen.
Wie ist das eigentlich, wenn ich in die Nähe eines Herzschrittmacherträgers gerate? Ich bin verstrahlt. Und ich gebe Strahlung ab. Vielleicht hat Mutter deshalb keine Migräne mehr?
Sie ist übervorsichtig. Beobachtet mich sogar, wenn ich schlafe. Einmal nachts, so erzählte sie mir am Morgen darauf, hätte sie mich so lange angeschaut, bis sie einen Pickel entdeckte. Den hätte sie am liebsten noch während ich schlafe beseitigt.
Ständig sieht sie mich an und fragt ob es mir gut geht.
Es ist nervig. Doch auch das traue ich nicht direkt auszusprechen.
Sie sorgt sich ja nur. Dennoch kommt sie täglich auf neue komische Ideen.
Seit neuestem will sie mit mir ständig in den Wald zum "Baumfühlen".
Das hätte sie neulich gelesen und würde uns Kraft geben. Auch Entspannung würde uns vermittelt werden, wenn wir uns wie die Affen an die Baumrinde klammern würden. Ich glaube, Mutter kann allein den Baum in sich aufnehmen, dazu habe ich nun wirklich keine Lust.
Mutters Freund, der Architekt, ist auch so ein eigenartiger Kauz. Ich denke schon, dass er auf seine Art meine Mutter liebt. Doch er drückt es auf eine Weise aus, die ich nicht verstehe.
Sobald Mutter von ihm zurück ist, er wohnt außerhalb und sie sehen sich meist nur an den Wochenenden, ist sie trauriger Stimmung. Ich überlege dann ob es nicht ratsam wäre, Bäume zum umarmen anzuschleppen, damit sie nicht ganz so einsam ist.
Einmal schrieb er einen Text über meine Erkrankung, mit der er an einem Wettbewerb teilnahm...
Es rührte mich ja schon, dass er sich die Zeit nahm und mich zu Text verarbeitete. Trotzdem ist er ein merkwürdiger Kauz. Wenn er Mutter doch nur einmal sagen könnte, dass er sie liebt... vielleicht würde sie mich nicht ständig nerven, ob ich sie mag. Es ist schon verwunderlich. In meinem Alter sagt man sich leichter, dass man sich liebt. Später mag man sich dann nur noch? So wie ich meinen Teddybären mag? Was für eine traurige Vorstellung! Ich möchte auch mit 38 Jahren noch hören, dass ich geliebt werde.
Aber gut. Letztendlich ist es Mutters Angelegenheit und ich habe im Grunde ja auch gar nichts gegen ihren Freund einzuwenden.
"Ich mache gute Miene zum bösen Spiel" erzähle ich ihr gerade. Mutter sieht mich fragend an.
"Was wir unbedingt noch tun müssen, ist ins sealife zu fahren."
"Gern."
"Ja, vielleicht ist dort auch der weiße Hai?"
"Du spinnst. Du siehst zuviel fern!"
Mutter lacht.
Bald wird mich mein Freund besuchen kommen, eigentlich möchte ich Mutter in der Zeit nicht allein lassen, doch sie redet mir pausenlos zu, ich solle mir schon mal überlegen was ich mit ihm unternehmen werde.
"Geh doch mit ihm ins sealife."
"Als ob M. irgendwelche Fische interessieren würden..."
Neuerdings packt mich die Unternehmungslust.
Obwohl. Eher kann man sagen, meine Traurigkeit und die Unternehmungslust wechseln sich ab. Und eigentlich möchte ich auch nicht lachen, doch irgendwie kann ich nicht anders. Ich ärgere meine Mutter und frage sie im gleichen Atemzug:
"Wollen wir nicht Sterne gucken?"
Sie antwortet nicht und ich plappere weiter.
"Morgen sonne ich mich wieder, sieh mal, ich habe eine Bräune wie ein Hühnchen, und weißt du, M. spinnt auch, er meinte eben am Telefon er liebt mich. Weißt du, was er zu mir gesagt hat?
Da haben wir übers Duschen geredet, und er meinte, wir zwei haben auch noch nicht zusammen geduscht. Ich antwortete ihm, du schließt ja auch immer die Tür zu..."
Grinsend sitzt mir Mutter gegenüber. Ich kann nicht sagen, wieso ich mich heute so fühle. Das lautlose Grinsen meiner Mutter erschreckt mich.
"Oh Gott, ich habe Angst vor dir! Und Sea Life wird auseinander geschrieben!"
Liegt es am Genuss der zwei Gläser Wein, die meine Mutter im Laufe des Abends getrunken hat? Dass sie mich so merkwürdig angrient?
Sie hat noch nie was vertragen, das kenne ich von irgendwelchen Familienfeiern. Ein Glas Wein und sie leuchtet wie ein Wachturm.
Nein, Entschuldigung.
Wie ein Leuchtturm natürlich.
Ich sollte mir die Angewohnheit meiner Mutter, alles ins Lächerliche oder Ironische oder Zynische zu ziehen nicht so annehmen. Gerade eben wenn es um den Glauben geht.

Erhalte ich doch vor der Behandlung aus den Händen der Schwester einen Brief.
Eine Frau P.H. hat mir einen Brief ans Institut geschrieben...

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Daktari
Guest
Registriert: Not Yet

hervorragender Galgenhumor

Ich kann nur sagen: Gelungen. Obwohl der Sache ein ernstes Thema zu Grunde liegt, ist der Galgenhumor wirklich gelungen. Ein sehr guter schwarzer Humor, wie ihn sonst nur die Briten hervor bringen - ein Humor, der zu Herzen geht und das Thema nicht ins Lächerliche zieht. Und auch einfühlsame Szenen, die man gut nachempfinden kann.

Man kann Krankheiten/ Schicksalsschläge auch mit einem Augenzwinkern betrachten. Wenn ich mich früher in die jetzige Situation versetzt habe: Was ist, wenn Du einma Immunschwäche kriegst, dachte ich die Welt ist dann grau bis schwarz. Aber jetzt, da die Situation eingetreten ist, ist sie genauso hell wie vorher, vielleicht sogar noch heller. Man lebt bewußter.

Und auch hier - kein Selbstmitleid, keine Verzweiflung, sondern ironische Sachlichkeit. Ich kann nu sagen: weiter so.

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para_dalis
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danke

;-)

Alles Gute Dir!

Gruß
Heike

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