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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Puppenmacherin
Eingestellt am 01. 12. 2001 19:36


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Lukrezia
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Nov 2001

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Die Puppenmacherin

"Guten Abend" sagt sie und lächelt leicht, - mein Name ist Lisa. Die Agentur ..."
"Ja, guten Abend", f√§llt ihr Martin Brown ins Wort. "Kommen Sie schnell rein. Meine Frau und ich sind verdammt sp√§t dran!" Er sch√ľttelt rasch die dargebotene Hand und tritt dann zur Seite, um das junge M√§dchen vorbeigehen zu lassen, das die Plastikkarte, die sie Martin entgegengestreckt hat, zur√ľck in die Brusttasche ihrer Jeansjacke gleiten l√§sst.

Lisas ruhiger Blick gleitet durch den gro√üen Raum, der sich vor ihr erstreckt. Alles erscheint edel und teuer - die Holzt√§felung, die schwarzlederne Sitzgarnitur und die Gem√§lde an den W√§nden. Im Hintergrund √∂ffnet sich der gro√üz√ľgige Raum in eine ger√§umige wei√ü m√∂blierte K√ľche mit einer Fr√ľhst√ľckstheke im amerikanischen Stil.

Rechts f√ľhrt die Treppe in sanftem Bogen in den ersten Stock, wo auf einer Galerie mehrere Zimmert√ľren zu sehen sind.

"Sch√∂n haben Sie's hier, Mr. Brown", sagt Lisa und dreht sich zu Martin um, der mit einer nerv√∂sen Handbewegung die Haust√ľr zuwirft und an ihr vorbei auf die Treppe zueilt.

"Tja," erwidert er verlegen √ľber die Schulter hinweg und nimmt zwei Stufen auf einmal, "wohl wahr ... H√∂ren Sie, wie hei√üen Sie noch gleich, egal ... ich verst√§ndige meine Frau. Sie wird Ihnen alles erkl√§ren. Ich muss mich jetzt fertig anziehen!"

"In der Tat, mein Lieber," ert√∂nt eine Stimme von der Galerie herab. Jennifer Brown, eine dunkelhaarige Sch√∂nheit in moosgr√ľndem Abendkleid, stemmt mit gespielt strengem Blick die H√§nde in die Seiten: "Nur im Hemd und ohne Krawatte k√∂nnen Sie unm√∂glich Ihrem Chef gegen√ľbertreten!" Sie wendet sich Lisa zu, die mit ihrer Ledertasche im Doktorstil in der Hand immer noch im Eingang steht, und winkt ihr ungeduldigt: "Kommen Sie bitte n√§her! ... Wie ist Ihr Name?"

"Lisa", erwidert das Mädchen, aber unterbricht sie: "Ach wissen Sie, wir sind ja so an Susan gewöhnt! Besonders unser Kleiner, Billy. Er liebt sie geradezu heiß und innig. Susan ist auch ganz vernarrt in ihn. Ist sie sehr krank?

Jennifer ist w√§hrenddessen die Treppen hinuntergegangen und steht nun vor Lisa: "Wir hoffen sehr, dass Susan bald wieder gesund ist!" Dann err√∂tet sie und reicht dem M√§dchen verlegen die Hand: "Entschuldigen Sie bitte, nat√ľrlich sind wir sehr froh, dass Sie heute abend einspringen konnten. Wir k√∂nnten unm√∂glich absagen! Mein Mann hat eine wichtige gesch√§ftliche Verabredung und ich soll unbedingt dabei sein. Ich wei√ü gar nicht wieso, da ich doch von den Gesch√§ften absolut nichts verstehe ..." Jennifer redet in einem fort und l√§dt Lisa mit einer fahrigen Handbewegung ein ihr in die K√ľche zu folgen.

"Ich zeige Ihnen jetzt schnell, was Sie wissen m√ľssen: Also - wenn der Kleine, wir nennen ihn Billy, aber eigentlich hei√üt er nat√ľrlich William. Nun, wenn der Kleine aufwacht, dann geben Sie ihm von der Milch, die hier wegen der W√§rme im K√ľhlschrank steht." Lisa nickt, wirft einen Blick in den ge√∂ffneten K√ľhlschrank und sagt: "Ich werde sie ihm nat√ľrlich etwas anw√§rmen ..." Jennifer l√§chelt: "Sehr richtig! Man merkt, dass Sie Erfahrung mit Kindern haben. Sie haben sicher Geschwister, nicht?"
"Nein," erwidert Lisa beil√§ufig und blickt Jennifer mit ausdruckslosem Gesicht an. Dann l√§chelt sie leicht und fragt: "Wo bitte kann ich meine Tasche abstellen, Mrs Brown?" Jennifer wundert sich nicht lange √ľber die distanzierte Haltung des M√§dchens: "Stellen Sie sie hin, wo Sie wollen!"
Lisa l√§sst die Tasche auf der Arbeitsplatte neben dem K√ľhlschrank stehen und folgt geduldig den Erl√§uterungen Jennifers zur Zubereitung des Breis und der Aufbewahrung der Windeln.

Ein pl√∂tzliches Gepolter l√§sst Jennifer zusammenfahren. Sie dreht sich um. Es ist Martin, der die Treppe hinunter st√ľrzt und ruft: "Schatz, bist du soweit! Wenn wir nicht augenblicklich losfahren, kommen wir zu sp√§t!" - "Liebling, bitte sei nicht so laut. Billy schl√§ft doch schon. Au√üerdem bin ich l√§ngst fertig," sagt Jennifer betont sanft, "der, auf den gewartet werden musste, warst du, wenn ich dich daran erinnern darf. Dem M√§dchen habe ich alles erkl√§rt und jetzt nehme ich Stola und Tasche von Haken und bin bereit!"
"Ok", sagt Martin und winkt ihr, w√§hrend er zur T√ľr geht.

Jennifer dreht sich zu Lisa um:" Ich glaube, das ist alles. Mittlerweile schl√§ft Billy meistens durch. Und wir sind auch vor Mitternacht zur√ľck. Das hei√üt, es sind nur knapp vier Stunden. Schlie√üen Sie bitte die T√ľr ab, ja? Man kann nie vorsichtig genug sein, bei den vielen Verbrechen neuerdings ...". Lisa nickt mit leicht zusammengekniffenen Lippen.

Jennifer will sich gerade mit einem Kopfnicken abwenden, da st√∂√üt Martin einen unterdr√ľckten Schrei aus: "Verdammt, wo hab' ich die Autoschl√ľssel...?" Hilflos dreht er sich wie ein Kreisel mehrfach um sich selbst, aber Jennifer beh√§lt einen klaren Kopf: "Vermutlich liegen Sie noch oben auf der Kommode. Du wei√üt, Schatz, als du die Hose gewechselt hast, waren sie noch in der Tasche. Ich hab's sie zumindest dort ..." - Martin h√∂rt ihr nicht weiter zu und st√ľrmt bereits die Treppe hinauf, gefolgt von Jennifers erkl√§renden Worten "zuletzt gesehen".

"Sagen Sie...", fragt Jennifer pl√∂tzlich in den unverhofft gewonnenen Augenblick, "was machen Sie eigentlich so?" "Ich bin Studentin. Ich studiere Physik!" "Physik", wiederholt Jennifer mit ungl√§ubigem Blick, " das muss ja furchtbar langweilig und trocken sein, f√ľr eine Frau. Also ich h√§tte daran √ľberhaupt kein Interesse. Haben Sie denn sonst keine Interessen? N√§hen, Malen, Schreiben ..." - mitten in Jennifers Aufz√§hlung hinein sagt Lisa: " Ich interessiere mich ... f√ľr Puppen." "F√ľr Puppen ... das ist ja interessant," sagt Jennifer. "Ja, f√ľr Puppen mit naturgetreuen Proportionen und Gesichtern. Ich mache auch selbst welche, sozusagen ein Hobby ..." dann verstummt Lisa, als h√§tte sie keine Lust mehr zu reden.

Jennifer h√∂rt nur halb hin, denn Martin taucht erneut mit Get√∂se auf. "Sei doch etwas leiser," raunt sie ihm zu, "du weckst unsern Billy auf!" Martin grummelt schuldbewusst und bewegt sich auf die T√ľr zu, wo er Jennifers Stola und Tasche vom Haken nimmt. Jennifer wendet sich Lisa zu und sagt: "So, wir gehen jetzt aber wirklich. Wenn Sie wollen, k√∂nnen Sie meine Puppensammlung oben neben Billys Zimmer mal ansehen." Und sie weist mit spitzem Zeigefinger die Galerie hinauf, w√§hrend sie zu ihrem Mann tritt, der schon in der offenen T√ľr steht und mit dem Autoschl√ľssel klappert." Ach, eins noch, nehmen Sie sich aus dem K√ľhlschrank, was Sie wollen. F√ľhlen Sie sich wie zu Hause. Nur machen Sie nicht zuviel Licht √ľberall und schlie√üen Sie sofort hinter uns zu. Ich hoffe, Sie finden sich mit allem zurecht! Gute Nacht! Bis sp√§ter!"

Lisa nickt beruhigend und Jennifer zieht die T√ľr hinter sich zu. Einen Moment verharrt Lisa ganz ruhig, dann tritt sie zum Fenster neben der Haust√ľr und sp√§ht durch den Vorhang. Sie sieht, wie Martin die Beifahrert√ľr schlie√üt, um den K√ľhler spurtet und sich ans Steuer des Chryslers setzt. Der Wagen rollt langsam r√ľckw√§rts die Auffahrt hinunter, setzt nach links zur√ľck und verschwindet langsam aus Lisas Blickfeld.

Einen Augenblick schaut sie noch unbeweglich hinaus in die beginnende Dämmerung, wo einzelne Laternen eine nach der anderen angehen, um die Dunkelheit in der Vorstadtstraße mit ihrem spärlichen weißen Licht zu durchbrechen. Schemenhaft sind die Nachbarhäuser zu sehen, aber um diese Zeit ist weit und breit niemand auf der Straße. Es ist Abendbrot- und Feierabendzeit.

Lisa wendet sich ab, geht zur Sitzgarnitur, macht das Licht der Stehlampe an und den Fernseher, wo sie eine Zeitlang zwischen den 40 Kan√§len hin und her schaltet. Dann geht sie in die K√ľche, wo ihre Tasche auf dem K√ľchenschrank steht.

Auf ihrem blassen Gesicht sind rote Flecken erschienen und ihre wasserblauen Augen haben einen leuchtenden Glanz, als sie den K√ľhlschrank √∂ffnet. Neben der vorbereiteten Milchflasche f√ľr Billy steht ein Tetrapak Orangensaft, den Lisa herausnimmt. Sie rei√üt die Lasche energisch auf und trinkt gierig direkt aus der √Ėffnung. Erst als die Packung fast leer ist, setzt sie sie ab und wischt sich mit dem Handr√ľcken √ľber den Mund.

Dann nimmt sie ihre Tasche und geht zur Sitzgarnitur im Wohnzimmer hin√ľber. Sie setzt sich kerzengerade auf das Sofa mit der Doktortasche auf den Knien, bleibt einige zeit in dieser angespannten Haltung und starrt mit blutleeren Lippen auf die flimmernden bilder des Fernsehers, dessen Lautst√§rke Billy zuliebe niedrig programmiert ist.

Lisas Blick gleitet pl√∂tzlich zur Treppe, dann Stufe um Stufe bis hinauf zu Billys Schlafzimmert√ľr, an der ein seidenumwundener Blumenkranz h√§ngt. Sie √∂ffnet mit einem Klick den Verschluss ihrer Tasche. Einen Moment kramt sie wahllos darin herum, dann zieht sie etwas hervor, vorsichtig, ganz vorsichtig, als wolle sie sich daran nicht verletzen. Bevor sie die Tasche schlie√üt und absetzt, entnimmt sie ihr noch eine wei√üe Plastikt√ľte. Lisa steht auf, geht in die K√ľche, sucht einen Beh√§lter, findet eine Glassch√ľssel und f√ľllt sie mit Wasser.

Vorsichtig, die T√ľte am klenen Finger baumelnd, die gef√ľllte Sch√ľssel in einer Hand und den spitzen Gegenstand in der anderen, geht sie langsam die Treppe hinauf. Auf jeder zweiten Stufe bleibt sie stehen und lauscht gespannt, aber alles bleibt ruhig. Auf der Galerie geht sie achtlos an Jennifers Puppenzimmer vorbei und bleibt erst vor Billys Zimmer stehen.

Behutsam dr√ľckt sie die Klinke hinunter. Zarter Babygeruch str√∂mt ihr in die Nase. Hmmm! Eine angenehme Temperatur herrscht hier, aber Lisa sch√ľttelt sich leicht, als fr√∂re sie: "Hallo Willy-Billy" murmelt sie beschw√∂rend, "entschuldige, dass ich dich st√∂re!" Billy brabbelt etwas im Schlaf. Ein F√§ustchen, das durch die bl√§uliche Babyleuchte fast durchsichtig aussieht, √∂ffnet und schlie√üt sich, als wolle Billy seinen Traum greifen und festhalten. Lisa bleibt neben dem Bettchen stehen. Sie stellt die Sch√ľssel auf den Wickeltisch, wobei sie etwas Wasser versch√ľttet. Kaum hat sie alles dort abgelegt, rollt das r√∂hrenf√∂rmige Ding schnell und schneller auf den Rand des Tisches zu. Gerade noch kann Lisa es auffangen: "Schscht - nochmals gutgegangen, Billy!" fl√ľstert Lisa nerv√∂s wie zu sich selbst. Sie beugt sich √ľber das schlafende Kind und ein z√§rtliches L√§cheln gleitet √ľber ihr ernstes Gesicht: "Du bist ein ganz besonders S√ľ√üer, Billy, wei√üt du das?" Billy wei√ü das zwar, aber er wird von dem Kompliment nicht wach.

Nur kurze Zeit ist vergangen. Lisa kommt die Treppe hinab. Sie streift mechanisch die d√ľnnen Plastikhandschuhe ab, wobei sie die wei√üe T√ľte, die gr√∂√üer und voller erscheint als zuvor, von einer Hand in die andere gleiten l√§sst. Das M√§dchen ist noch bl√§sse geworden und bewegt murmelnd im Selbstgespr√§ch die Lippen. Wie eine Marionette geht sie zur Sitzgarnitur, √∂ffnet die Tasche, die sie dort hat stehen lassen, legt die Handschuhe hinein, schlie√üt sie und geht geradewegs zur Haust√ľr. Sie √∂ffnet sie und verl√§sst das Haus der jungen Familie Brown, in der Hand Doktortasche und Plastikt√ľte. Dann f√§llt die schwere Eichent√ľr ins Schloss.
Jennifer dreht den Schl√ľssel im Schloss. Die T√ľr ist unverschlossen. "Na so was", sagt sie halblaut in √§rgerlichem Ton, - das M√§dchen hat nicht abgeschlossen. Auf Susan w√§re da Verlass gewesen..." Martin macht soeben die Garagent√ľr zu und kommt mit zufriedenem Gesichtsausdruck √ľber den neuaufgesch√ľtteten Kies auf sie zu.
Jennifer's F√ľ√üe schmerzen, sie tr√§gt die Schuhe heute das erste Mal, deshalb sich drei Stunden darin wirklich mehr als genug. Martin wartet auf dem Treppenabsatz geduldig, bis sie sich die Schuhe abgestreift hat. Dabei klammert sie sich an seinem Unterarm fest, w√§hrend sie auf einem Bein balanciert. "Fertig, Schatz?" fragt Martin und st√∂√üt die T√ľr weit auf. Sein Blick f√§llt auf den laufenden Fernseher, der der den ansonsten dunklen Raum mit bl√§ulichem Licht erf√ľllt. Alles ist still. Von Lisa ist nichts zu sehen. Martin sieht seine Frau an. Sie erwidert forschend seinen Blick, dann verd√ľstert sich ihre Miene, w√§hrend sie spricht:" Dieses M√§dchen ... von der Agentur...! Dann verstummt sie, denn jetzt bemerkt sie, dass der Fernseher nicht die einzige Lichtquelle ist: In der K√ľche steht die K√ľhlschrankt√ľr weit offen. Und im K√ľhlschrank sieht sie Billys Fl√§schchen stehen. "Hier stimmt was nicht!" entf√§hrt es Martin. Auch die T√ľr des H√§ngeschranks, wo Jennifer Gl√§ser und Sch√ľsseln aufbewahrt, steht offen. W√§hrend Martin noch alles zu begreifen versucht, f√§llt Jennifers Blick auf die Galerie und Billys Schlafzimmert√ľr. Die T√ľr steht ebenfalls offe und im Zimmer brennt glei√üend helles Licht. "Es ist was passiert!" gurgelt Jennifer. Mit einem erstickten Schrei l√§sst sie ihre Schuhe fallen und st√ľrmt auf die Treppe zu. Fast stolpert sie √ľber ihre Stola, die ihr von der Schulter gleitet und ihre Tasche fliegt in einen Blumenk√ľbel.

Jennifers Schrei hat Martin aufger√ľttelt. Gerade eben noch erf√ľllt ihn der Triumph des Abends und einen Augenblick sp√§ter zuckt es ihm durchs Hirn, dass etwas ganz Furchtbares mit seinem Kleinen passiert sein muss. Jennifer br√ľllt Billys Namen und ist schon auf der Galerie, als Martin sich in Bewegung setzt. Sie verschwindet durch die T√ľr und Martin h√∂rt sich immer wieder beschw√∂rend "Billy, Billy" rufen. Wie sehr w√ľnscht er sich, dass sein Sohn unter Protest aus dem Schlaf gerissen wird und dass er vor Leben strotzt. Da st√∂√üt Jennifer einen markersch√ľtternden Schrei aus.

Martin fliegt durch die T√ľr. Da steht seine Frau neben dem Bettchen, sie beugt sich tief hinein, ergreift mit beiden Armen das Kind und sch√ľttelt es, erst sanft, dann heftiger. Sie legt es zur√ľck in die Kissen, rei√üt pl√∂tzlich die Arme hoch und rei√üt wie irr an den eigenen Haaren. Dabei dreht sie sich zu Martin herum. Dieser meint in diesem Moment, Medea aus der griechischen Trag√∂die neulich zu erblicken. Jennifer starrt ihn wie wahnsinnig geworden an. Ihr Blick ist leer, der Mund weit aufgerissen, als wolle sie schreiben, aber kein Ton ist zu h√∂ren.
"Jennifer, Schatz, was ist los!" hört sich Martin krächzen und erkennt dabei seine Stimme kaum. "Was ist mit Billy?" Mit einem Schritt ist er am Bettchen, wagt nicht hinunterzusehen, starrt weiterhin seine Frau an, die sich gegen seine Brust wirft und nach Atem ringt. Jetzt löst sich ein Schrei aus ihrer Kehle, langgezogen und gequetscht: "Toooot!" und jetzt blickt Martin fassungslos auf sein Kind hinab. Da liegt Billy, als schliefe er. "Ja, er schläft - er schläft nur," denkt Martin und atmet erleichtert auf, - " es ist nur ein Alptrum und gleich wache ich in meinem Bett auf!" Aber dann wird ihm klar, dass das nicht wahr ist: in Billys Nasenlöchern, Mund- und Augenwinkeln klebt eine weißliche Masse - Gips.

Martin hat keine Kraft mehr, Jennifer zu halten. Sie gleitet stumm wie ein nasser Sack zu Boden, bis sie neben dem Bettchen hockt und blöd durch die Holzgitterstäbe auf ihr ersticktes Kind starrt. Jetzt beginnt Martin zu heulen. Er heult wie ein weidwunder Wolf, reißt das Baby aus dem Bett und rennt mit ihm im Arm hin und her, während er es wiegt und halb schreiend, halb beschwörend Billys Lieblingslied zu singen versucht. Alles um ihn herum beginnt in einem Neben zu verschwinden. Da hört er Jennifer sagen: "Puppen mit echten Gesichtern - sie macht selbst welche..."

"Wer?" fragt Martin mechanisch und dr√ľckt Billys schlaffes K√∂pfchen an seine Schulter, als warte er wie jeden Abend, dass das Baby sein B√§uerchen macht.

"Wer?" wiederholt Sabine tonlos und dann entfährt es ihr in langgezogenem Geheul: "Martin, wer war sie!" In Martin ist nicht mehr genug Atem. Er ist wie tot, als er mit versagender Stimme antwortet: "Ich weiß es auch nicht!"

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