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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Puzzle der Hemmungslosigkeit
Eingestellt am 19. 09. 2010 13:27


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MĂ€uschen
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Puzzle der Hemmungslosigkeit


Die alte Frau ist so gut wie tot.
Ich weiß das.
Sie wohl nicht.
„Schieb endlich die Kohle rĂŒber oder ich mach Ernst, Oma.“ Ich hebe die Pistole ein StĂŒckchen höher. Von ihrer Brust auf ihr Gesicht. Hoffentlich ein wenig angsteiflĂ¶ĂŸender.
„Nein, Junge.“ Sie schĂŒttelt wieder nur leicht den Kopf. Ihre braunen Augen haben mich zu Beginn glauben lassen, dass sie weder streitsĂŒchtig noch stur, sondern gutmĂŒtig und nachgiebig wĂ€re. Schnelle Sache eben. Tja, getĂ€uscht.
„Du willst wohl wirklich sterben, was? Ich verschwinde sofort, wenn du mir das Geld gibst, Oma. Versprochen.“ Meine Geduld ist langsam am Ende. Seit langen Augenblicken schon stehen wir uns gegenĂŒber, aber weder meine Versprechungen noch meine Drohungen haben etwas bewirkt. Sogar meine Pistole lĂ€sst sie ungerĂŒhrt. Was ist nur los mit dieser alten Frau? Nicht nur, dass sie keine Angst hat, sie weigert sich auch noch, mir das Geld zu geben. Es ist ja nicht so, als ob ich hinter ihrer Rente her wĂ€re oder Ähnliches...
„Du solltest die Waffe hinlegen, deinen Freund nehmen und einfach aus dem Laden gehen. Ich werde keine Polizei verstĂ€ndigen. Du bist doch ein schlauer Junge, du willst das hier doch alles gar nicht machen.“
Mir wird ĂŒbel. Sie redet mit mir wie mit einem kleinen Kind. Zum Kotzen. „Er ist nicht mein ‚Freund‘, die Polizei ist mit scheißegal und wenn du noch ein Mal den Mund aufmachst, knall ich dich ab!“, brĂŒlle ich sie an. Ich bin eigentlich nicht wĂŒtend und solch eine flapsige Sprache benutze ich auch nie, aber diese Situation erfordert dieses Verhalten irgendwie.
Überhaupt ist nichts so, wie man es im TV sieht oder in BĂŒchern liest. Ich habe kein schlechtes Gewissen. Aber großen Spaß macht es auch nicht gerade. Unter der Sturmhaube schwitze ich nĂ€mlich wie ein Schwein. Es ist mein erster Überfall, aber Angst habe ich keine. Ich will einfach nur das Geld aus der Kasse haben, nichts weiter.
Etwas beunruhigt sehe ich zu dem kleinen Lagerraum hinĂŒber, in dem Jake seit unserem Eintreten sein Unwesen treibt. Keine Ahnung, was er dort hinten sucht, aber er wird schon bald wieder zurĂŒckkommen und bis dahin muss ich hier fertig sein. Es ist bestimmt nicht sein richtiger Name, ich habe ihm auch meinen nicht verraten. Wir werden uns nach dem hier sowieso nie wieder sehen. Da Geduld aber wahrscheinlich nicht zu den Eigenschaften eines routinierten RĂ€ubers zĂ€hlt, beeile ich mich besser.
„Du brauchst das bisschen Geld in der Kasse doch gar nicht. Ist es dir wert, dafĂŒr einen Menschen zu töten?“, spricht die alte Frau ruhig weiter, als ob nicht gerade die MĂŒndung einer geladenen Pistole genau zwischen ihre Augen gerichtet wĂ€re.
„Halt’s Maul und tu endlich, was ich sage!“
Es ist wirklich nicht so wie im TV. Ich könnte sagen, dass ich mit meinem Sohn erpresst werde und ihm etwas passieren wĂŒrde, wenn ich hier nicht mitspielen wĂŒrde, aber ich habe keinen Sohn. Ich könnte sagen, dass ich das Geld dringend fĂŒr die Operation meiner todkranken Tochter brauche, aber ich habe auch keine Tochter. In Wahrheit verdiene ich nicht einmal schlecht. Ich suche auch nicht den Nervenkitzel oder bin ĂŒbermĂ€ĂŸig gewalttĂ€tig.
Ich bin hier, weil es eine neue Erfahrung ist.
Jake habe ich in irgendeiner Bar kennengelernt. Ich bin angesprochen worden, ich habe zugestimmt. „Tankstellen-ÜberfĂ€lle sind ein Klacks“, hat er mir erzĂ€hlt und ich habe keine Zweifel daran gehegt. Bis zu diesem Zeitpunkt zumindest.
Jake hat sich wahrscheinlich noch nie mit Omas hinter der Theke herumschlagen mĂŒssen.
„Das ist meine letzte Warnung. Ich werde Sie erschießen, wenn Sie mir nicht augenblicklich das Geld geben.“ Ich werde zu meiner eigenen Überraschung plötzlich höflich. Mein Anstand bricht sogar als Dieb aus mir heraus.
Ich wĂŒrde sie erschießen. In Filmen sieht man immer wieder, dass die bösen Typen es schließlich nicht ĂŒber’s Herz bringen, abzudrĂŒcken. Ich weiß, dass ich damit keine Probleme haben werde. Meine Hand zittert nicht, mein Gewissen rĂŒhrt sich nicht. Nur der Schweiß rinnt mir in Strömen ĂŒber den RĂŒcken – blöde MĂŒtze.
„Tun Sie, was Sie nicht lassen können.“ Auch sie wird höflich. Ist sie ĂŒberhaupt ein einziges Mal unhöflich gewesen? Oder Ă€ngstlich? Weshalb nicht?
Sie glaubt mir nicht, kommt es mir in den Sinn. Sie hĂ€lt mich fĂŒr unfĂ€hig. Sie hat wohl zu viel TV gesehen.
Wenn dich die Polizei findet, wanderst du in den Knast, meldet sich plötzlich eine Stimme in meinem Kopf. Vielleicht doch noch mein Gewissen? Auch nur eine neue Erfahrung, entgegne ich.
Mein Finger krĂŒmmt sich um den Abzug. Die alte Frau schließt die Augen und ihre HĂ€nde, die sie zuvor gelassen auf dem Tresen aufeinander gelegt hat, zittern nun. Hat sie jetzt ihren Fehler eingesehen? Wahrscheinlich. Aber es ist zu spĂ€t.
„Hey Alter! Biste fertig?“ Jake kommt aus dem Nebenraum gestĂŒrmt, sein schwarzer Beutel ist bis zum Platzen gefĂŒllt. Scheinbar ĂŒberrascht bleibt er mitten im Raum stehen und sieht zwischen der Frau und mir hin und her. „Was’n hier los?“
„Nichts“, antworte ich und ĂŒberlege einen Moment, die Waffe auf Jake zu richten. Wenn ich ihn töten wĂŒrde, tĂ€te ich der Welt einen Gefallen. WĂ€hrend ich versuche, meinem Leben hiermit ein neues Puzzleteil hinzuzufĂŒgen und auf diese Weise ein ganz eigenes Bild zu erschaffen, plĂŒndert er diese Tankstelle nur wegen des Geldes.
Ein Mensch wie ich sollte niemals eine Waffe in die Hand bekommen, denke ich mir plötzlich. Unvorhersehbar, was ich damit mache. Hemmungslos bei dem, was ich mache. Ich habe schon viele Puzzleteile in meinem Bild, in den verschiedensten Farben. Ich lasse keine Erfahrung aus, ich scheue vor nichts zurĂŒck.
Ein blutrotes Puzzleteil macht sich vorerst nicht gut in meinem Bild, beschließe ich kurzerhand. Die Erkenntnis, dass ich abdrĂŒcken kann, genĂŒgt mir mehr als der praktische Beweis. Ich lasse die Waffe sinken.
„Ey Mann, hast du das Geld?“
„NatĂŒrlich“, lĂŒge ich. Ob ich damit die Frau in Schutz nehme? Es klingt wohl so, aber in Wirklichkeit will ich Jakes Reaktion spĂ€ter abwarten, wenn ihm bewusst wird, dass er keinen einzigen Cent sehen wird. Ob er versuchen wird, mich zu erschießen? Wieder eine neue Erfahrung, ein neues, farbiges Puzzleteil.
„Dann lass uns abhauen.“ Jake scheint es so eilig zu haben, dass er nicht einmal den leeren Geldsack auf dem Tresen bemerkt.
Wenige Augenblicke spĂ€ter sollte ich erfahren, wie sehr ich mich getĂ€uscht habe – was meine Entscheidung angeht und was Jakes betrifft.

Es erklangen kurz nacheinander zwei SchĂŒsse aus zwei unterschiedlichen Pistolen.
Das unvollstÀndige Bild mit den bunten Puzzleteilen, von denen ein Blutrotes deutlich herausstach, erhielt langsam einen roten Hintergrund.

__________________
Wenn Augen der Spiegel zur Seele sind, zerschlage ich ihn dann mit meinen Taten und spucke mit meinen Worten die Scherben aus?

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