Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92194
Momentan online:
67 Gäste und 2 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Puzzle spielen
Eingestellt am 20. 09. 2002 11:25


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
Kommentare: 1113
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Zefira eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Seit ich von der Bauplanungsfirma freigesetzt wurde, nimmt mein Leben entschieden eine Wendung zum Besseren. Ich brauche mich zum Beispiel nicht mehr von Konserven zu ern├Ąhren, weil ich endlich Zeit zum Kochen habe. Da├č ich trotzdem weiterhin mittags regelm├Ą├čig eine B├╝chse aufmache, ├Ąndert nichts daran. Jetzt ist es meine eigene freie Entscheidung. Genauso ist es mit dem Aufstehen. Der Wecker klingelt weiterhin um halb sieben Uhr morgens. Ich lege eine Decke dar├╝ber und bringe ihn so zum Schweigen. Jedenfalls brauche ich nicht aufzustehen, wenn ich nicht will. Das ├╝berlege ich mir noch f├╝nf Minuten, bis ich dann wirklich aufstehe. Ja, das ist wahre Freiheit.

Es sind andere Dinge, die mich verstimmen. Der Pulverkaffee schmeckt wie Medizin. Die Br├Âtchen wie feuchte Watte. Die Marmelade scheint nur aus Sacharin zu bestehen. Dazu das angefangene 2000-Teile-Puzzle auf dem Couchtisch. Der Wilde Kaiser mit Almwiesen im Vordergrund. Auf der Wiese grasen K├╝he, oder liegen wiederk├Ąuend im Gras. Rotbunte und schwarzbunte K├╝he, die entsprechend gefleckten Pappteile habe ich beiseite gelegt. Drei K├╝he sind schon fertig zusammengesetzt. Ganz oben ist viel blauer Himmel ohne ein W├Âlkchen, das Orientierung verhei├čen k├Ânnte. Dutzende von gleichf├Ârmig blauen Pappteilen liegen in der Schachtel. Der Berg dagegen ist felsengrau mit Klecksen von Tannengr├╝n. Den habe ich in den Schachteldeckel sortiert: Haufen von Grau, gr├╝n getupft. Zweitausend Teile. Was f├╝r eine Herausforderung.

Zwischen all den himmelblauen Teilen im Schachtelboden sind auch hellgraue, blaugraue, ein dunkles mit einem hellen Streifen. Der Silberstreif am Horizont. Ich probiere es am l├╝ckenhaft ausgelegten Himmel aus, nirgends will es hinpassen. Sodbrennen am fr├╝hen Morgen. Zuviel Sacharin. Vor dem Fenster gurrt eine Taube.

Ich mu├č einkaufen, ich mu├č die Zeitung lesen. Die Zeitung scheint jeden Monat dicker zu werden. Immer mehr Reklamebeilagen, der Anzeigenteil wird auch immer gr├Â├čer. Ich brauche Stunden, das alles zu lesen. Und ich mu├č das Puzzle legen. Das Pappteil mit dem hellen Streifen auf dunkelgrauem Grund klotzt zwischen den himmelblauen Teilen und fordert Beachtung.

Jetzt habe ich das Teil wieder in der Hand, drehe es hin und her, setze es mal links, mal rechts am Himmel an. Um den Gipfel des Wilden Kaisers herum ist der Himmel etwas dunkler, fast schon gewittergrau. Doch es will nicht passen. Ich drehe es ganz herum. Ja, jetzt kommt mir die Erleuchtung: es geh├Ârt an eine der K├╝he. Auf den Kopf gestellt, wird aus dem Silberstreif am Horizont ein wei├čer Streifen auf dunklem Fell. Es geh├Ârt zu einer schwarzbunten Kuh, die am Fu├č des Wilden Kaisers liegt und wiederk├Ąut.

Ach ja.

Jeden Tag sagt mir ein kleiner Teufel, da├č mein Leben ganz anders w├Ąre, wenn es doch nur anders w├Ąre.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


willow
Guest
Registriert: Not Yet

WOW... wie wundervoll beschrieben. Der erste Satz h├Ąlt das Versprechen der besseren Wendung nicht nur ├╝berhaupt nicht, nein, die Geschichte geht noch viel weiter... Das Leben eines Menschen, der nichts mehr mit sich anzufangen wei├č, als das, was er ein Leben lang gewohnt war. Ich muss ein Puzzle legen, ich muss die Zeitung lesen, ich muss arbeiten gehen. Ich muss zwar nicht aufstehen, muss keinen Konservenfra├č mehr konsumieren, tue es aber trotzdem.

Der letzte Satz muss ├╝brigens nicht sein, meiner Meinung nach. Es w├╝rde wahrscheinlich eine st├Ąrkere Wirkung geben, ihn wegzulassen und mit dem "Ach ja!"-Effekt des Puzzleteilchens zu enden. Der letzte Satz spricht das aus, was die Geschichte ├╝ber langsam aufgebaut wird und daher ist diese Schlussfolgerung besser vom Lesenden zu ziehen, denke ich.

Einen lieben Gru├č,

willow

Bearbeiten/Löschen    


kostho3
Hobbydichter
Registriert: Mar 2002

Werke: 2
Kommentare: 40
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um kostho3 eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Lieber Anonymus !
Das ist die Art von Geschichten, die ich von Dir so sch├Ątze.
├ťbrigens fliegt die Anonymit├Ąt auf, sobald man in einer "Buddy-Liste" steht, wegen der Uhrzeiten.Wir lesen uns hoffentlich bald wieder im Chat!

Liebe Gr├╝├če Kostho

Bearbeiten/Löschen    


annabelle g.
Guest
Registriert: Not Yet

gut! den letzten satz lassen; es ist immer der teufel, der uns auf unserer schulter sitzt!

annabelle (neu figuriert, konfiguriert und toolamputiert)

Bearbeiten/Löschen    


Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
Kommentare: 1113
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Zefira eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Dann will ich mich mal outen. ;)

Liebe Mitleser,

ich bin zwar nicht die, f├╝r die kostho3 mich h├Ąlt (war noch nie ein einem Chat), aber das Textchen ist jedenfalls von mir.

Ich habe es - vielleicht nicht ganz korrekt - deshalb hier eingestellt, weil ich in der Textwerkstatt schon ein gr├Â├čeres Projekt habe ("Frau Holle"), den kleinen Ausschnitt hier aber nicht f├╝r so "fertig" hielt, um ihn ins normale Textforum zu stellen.

Es handelt sich um eine Hausaufgabe f├╝r eine Schreibgruppe. Die Vorgabe lautet, eine Geschichte zu schreiben, in der folgende zwei S├Ątze (w├Ârtlich) vorkommen:

Jeden Tag sagt mir ein kleiner Teufel, da├č mein Leben ganz anders w├Ąre, wenn es doch nur anders w├Ąre.
Ich lege eine Decke dar├╝ber und bringe ihn so zum Schweigen.


Ich fand es reizvoll, die S├Ątze umzukehren... Die Ich-Form h├Ątte ich lieber vermieden, aber das ging nat├╝rlich nicht bei der Vorgabe... es sei denn man nimmt den ersten Satz als Zitat, vielleicht schreibt ihn der anonyme Arbeitslose ins Poesiealbum oder findet ihn auf der R├╝ckseite des Kalenderblatts...?

Ach ja.

Danke euch tausendmal

Zefira

Bearbeiten/Löschen    


annabelle g.
Guest
Registriert: Not Yet

das beste ist nat├╝rlich das bild von dem puzzle-teil, das zun├Ąchst ein silberstreif am horizont ist und dann nur teil einer KUH.

annabelle

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Tagebuch - Diary Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!