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Leselupe.de > Theoretisches
Quälgeist oder Freund – Die Prämisse
Eingestellt am 17. 01. 2017 12:28


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FrankK
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Quälgeist oder Freund – Die Prämisse
James N. Frey sagt in Wie man einen verdammt guten Roman schreibt{*1} zum Thema Prämisse:
“Eine Geschichte ohne Prämisse zu schreiben ist, als wolle man ein Boot ohne Riemen rudern.“
Unabhängig davon, dass es schließlich auch Motorboote gibt. Was, wenn der Kraftstoff (der Konflikt) ausgegangen ist?
Ja, ja, ich weiß, es gibt auch Segelschiffe.

Was ist eine Prämisse
Sie ist die Kernaussage (die These) deines Werkes in einem einzigen Satz. Darin wird die Antriebsmotivation des Protagonisten definiert und das Endergebnis benannt.

Es ist nicht erforderlich, dass die Leser die Prämisse erkennen. Du als Schreiber darfst sie aber nutzen, als Schablone für dein Werk, als Messlatte, als Richtschnur. Die Prämisse ist ein Hilfsmittel für dich, um deinen Text zu prüfen.

Beispiel:
Du möchtest ein Buch über „Die Schönheit des Rauchens“ schreiben.
Deine Prämisse könnte also: „Rauchen ist doch nicht so schlimm, wie es uns immer vorgemacht wird“ lauten.
Dein Buch würde also ein Kapitel über die Geselligkeit der Raucher untereinander enthalten.
Ebenso gäbe es ein Kapitel über die verschiedenen Geschmackssorten. Hinzu käme ein Abschnitt über die vielen Arbeitsplätze, die bei der Tabakverarbeitung anfallen. Ebenso ein Kapitel über die modernen Produktionsmaschinen, an deren Entwicklung und Aufbau viele hochqualifizierte Arbeitsplätze hängen.
Auf keinen Fall gäbe es aber ein Kapitel, in dem Lungenkrebs oder Raucherbein erwähnt würden. Oder womöglich die Kosten, die der Allgemeinheit über die Krankenversicherungen aufgebürdet werden.
Ein Kapitel über die Grundregeln des Bowlings wäre ebenso wenig förderlich.

Die Prämisse, die du für dich selbst festlegst, hilft dir, am Ende eines jeden Kapitels zu entscheiden, ob du dem Ziel nähergekommen bist.
Szenen bzw. Kapitel, die der Prämisse nicht dienlich sind, gehören ausgemerzt.

In einem Sachbuch ist die Prämisse gleichzusetzen mit einer realen These, die du beweisen möchtest. Sie muss in der Wirklichkeit Bestand haben.
In deiner Geschichte ist die Prämisse eine fiktive These, die du beweisen musst. Sie muss in der fiktiven Welt deiner Geschichte Bestand haben.

Beispiel:
Im Tolkiens „Der Herr der Ringe“{*2|*3|*4}macht sich Frodo auf den Weg, den Ring der Macht zu zerstören. Er macht das aus Liebe, um seine Heimat und seine Freunde zu beschützen. Er bringt dafür eine gewisse Portion Zuversicht mit und er kann sich auf seine Gefährten verlassen.
Zum Schluss besiegt er ganz einfach das Böse.
Die Prämisse könnte als lauten:
„Mit Liebe, Zuversicht und guten Freunden kann man auch das übermächtig Böse bezwingen.“

Du möchtest beispielsweise in einer Geschichte belegen: „Sex vor der Ehe führt ins Unglück.“
Norbert und Maria treiben es vor der Ehe miteinander, deswegen widerfahren ihnen anschließend schlimme Dinge.
Norbert bekommt Schuldgefühle, beginnt zu trinken. Er verliert seinen Job und endet als Penner unter einer Brücke.
Maria, die ihre Unschuld verloren hat, wird von ihrer Familie verstoßen, Norbert verlässt sie. Am Ende begeht sie Selbstmord.
Du hast deine Prämisse unter Beweis gestellt, innerhalb der fiktiven Wirklichkeit deiner Geschichte. Sex vor der Ehe hat ins Unglück geführt.
Diese Prämisse ist keine universelle Wahrheit, sie hat keinen Bestand in der Wirklichkeit, sie trifft nicht auf alle Paare zu, aber auf Norbert und Maria. In dieser ganz speziellen Welt deiner Geschichte.

Als nächstes möchtest du vielleicht eine Geschichte mit der gegenteiligen Behauptung schreiben: „Sex vor der Ehe führt ins Glück.“
Michael und Steffi gehen miteinander ins Heu, ihr mühsames Leben als Knecht bzw. Hauswirtschafterin ändert sich von Grund auf: Sie fassen sich ein Herz, verlassen den Bauernhof und machen in der Stadt Karriere.
Weil es nicht stimmt, dass Sex vor der Ehe in jedem Fall ins Glück führt, ist dies keine universelle Wahrheit, aber sie trifft auf Michael und Steffi innerhalb der fiktiven Welt zu, die du geschaffen hast.

„In einer Geschichte kann es mehrere Plots geben, kann es auch mehrere Prämissen geben?“
Nein, definitiv nicht. Selbst wenn du beide Paare aus den vorherigen Beispielen in einer Geschichte einbauen würdest – das Ergebnis (die bewiesene These) wäre ganz unterschiedlich. Beide Paare haben zwar vor der Ehe Sex, die Resultate sind aber ganz unterschiedlich. Dies würde sich in einer gemeinsamen Prämisse niederschlagen: „Sex vor der Ehe führt in eine ungewisse Zukunft.“

Percy Lubbock rät in seinem Buch „The Craft of Fiction”{*5}, nicht mit einer Prämisse (er nennt es Thema) anzufangen, sondern mit Figuren, „die nach all dem Leben verlangen, das du für sie aufbieten kannst. Es sind die Charaktere, die dich an den Schreibtisch zwingen müssen, indem sie darauf bestehen, dass du ihre Geschichte erzählst.“

Kommen wir noch einmal zu der Geschichte unserer jungen Fee Flirry zurück.
Wir dürfen (gemäß Lubbock) also nicht hingehen, den Zauberstab der Königin im Märchenwald von irgendjemand geeigneten finden lassen. Damit es richtig spannend wird, ist es gerade die sympathische Person der jungen Flirry, die diese Aufgabe aufgebürdet bekommt. Sie hat es sich nicht ausgesucht, den Zauberstab zu finden, das wirkt umso überzeugender, wenn auch wir es nicht für sie so gewählt haben.
Flirry muss am Ende den Zauberstab nicht vernichten, es geht nicht um den Kampf gegen das Böse (auch wenn genau dies innerhalb der Geschichte vorkommen kann). Die Prämisse müsste hier anders lauten:
„Mit Liebe, Zuversicht und guten Freunden kann man der Ordnung und Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen.“

Es gibt kein Patentrezept dafür, wie man eine Prämisse definiert, aber jede gute
Prämisse sollte einen Aspekt der Hauptfigur enthalten, der durch einen Konflikt zu einer Lösung führt:
Frodo zieht los, mit Liebe, Zuversicht und guten Freunden gelingt es ihm, den Ring der Macht zu zerstören und die Welt zu retten.
Flirry zieht los, mit Liebe, Zuversicht und guten Freunden gelingt es ihr, den Zauberstab in die rechtmäßigen Hände zu legen und die Welt zu retten.

Wenn du deine Prämisse formulierst, vergiss diese drei Variablen nicht: Hauptfigur, Konflikt,
Lösung.

Zum Schluss noch die Selektion
Sicher fragst du dich jetzt, wofür die Prämisse eigentlich gut sein soll – schließlich hast du ja schon einen Basisplot, dem du folgst.
Die Prämisse ist die Messlatte für deine Geschichte.
Nehmen wir mal an, die Geschichte um Flirry hat 12 Kapitel. Dann solltest du jedes einzelne Kapitel überprüfen, ob sich die Prämisse darin widerspiegelt. Wenn nicht, musst du überprüfen, ob es sich anpassen lässt. Es könnte ja sein, dass mittendrin ein wundervolles Kapitel auf einer Blumenwiese spielt und Flirry einer dummen Kuh erklären muss, dass es unpraktisch sei, immer nur die schönsten Blumen abzufressen. So verspielt und lieblich diese Szenen auch sein mögen – sie tragen nicht zur Geschichte bei, lenken vom Thema ab und füllen nur den Text. Raus damit, auch wenn es schwer fällt.
Aber angenommen, unsere Flirry erfährt von der Kuh etwas, dass eine bestimmte Pflanze betrifft, etwa die beruhigende Wirkung eines gewissen Krauts, dann könnte Flirry zu einem späteren Zeitpunkt von diesem Wissen Gebrauch machen, indem sie vielleicht einen Tee daraus braut. Selbstverständlich würde diese Szene dann notwendig sein, Flirry gewinnt hier an Erfahrungen und Kenntnissen.
In Tolkiens „Der Herr der Ringe“{*2|*3|*4} gibt es im ersten Buch eine Szene mit Tom Bombadil, er hilft den Hobbits bei der Durchquerung des alten Waldes und befreit sie aus den Grabhügeln. Versteckt erfahren die Hobbits etwas über die alten, lebendigen Bäume, erfahren etwas über Ents und erhalten darüber hinaus in den Grabhügeln ihre ersten Waffen.


Je passender sich die Prämisse im gesamten Werk widerfindet, umso intensiver ist das Leseerlebnis. Die Leser müssen die Präsenz der Prämisse dabei gar nicht wahrnehmen, die meisten Leser erfassen sogar nur unterbewusst ihre Existenz. Es ist aber genau diese subjektiv unterschwellige Existenz eines Leitmotivs, die den Leser am Ende mit dem Gefühl eines befriedigenden Leseerlebnisses zurücklässt.
Eine gute und stringent befolgte Prämisse sind aber noch keine Garantie für eine gute Geschichte. Da musst du noch einiges mehr beachten.



Hauptthema: Eine gute Geschichte

Vorheriges Kapitel: 01 Das Fundament – Der Basisplot
Nächstes Kapitel: 03 Nicht nur Casting – Die Charaktere



Quellen:
*1: James N. Frey, „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“, Emons Verlag; Auflage: 1 (1993), ISBN-10: 978-3924491321 (Deutsch)
*2: J.R.R. Tolkien, „Der Herr der Ringe: Die Gefährten“, Klett-Cotta; Auflage: 5 (20. Juli 2015), ISBN-13: 978-3608939811 (Deutsch)
*3: J.R.R. Tolkien, „Der Herr der Ringe: Die zwei Türme“, Klett-Cotta; Auflage: 5 (9. September 2016), ISBN-13: 978-3608939828 (Deutsch)
*4: J.R.R. Tolkien, „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“, Klett-Cotta; Auflage: 4 (11. September 2015), ISBN-13: 978-3608939835 (Deutsch)
*5 Percy Lubbock, „The Craft of Fiction”, CreateSpace Independent Publishing Platform (24. Januar 2014), ISBN-13: 978-1495318818 (Englisch)

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Leben und leben lassen.

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