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Leselupe.de > Kurzprosa
Que sera sera
Eingestellt am 09. 04. 2005 11:41


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sohalt
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Que sera sera

Schwer tätowiert, mit struppiger Dauerwelle und rauer Stimme vom Saufen und Rauchen – so soll sie sein: die Frau, die mir die Zukunft vorhersagt.

Keine blondlockige Esoterik-Tussi mit Traumfängerohrringen und manikürten Fingernägeln, die mir was von Jupiter im 10. Haus dahersäuselt – nein: Im April wird’s nix, und auch im Mai kannst du’s vergessen, aber ab Juni seh ich gute Chancen – so soll sie es mir sagen, mit der gleichen Sachlichkeit und Expertise, mit der ein Finanzfachmann seine Klienten berät. Unlängst hatten sie bei der Astro-Show so eine, wenn sie die doch einmal bringen, rufe ich an.

NatĂĽrlich nicht. So verzweifelt bin ich nicht. Ich verzweifle nie ĂĽber meine Zweifel, denn ich bin die GroĂźmeisterin der rettenden Distanz.

Aber ich weiĂź, dass sie nur geliehen ist, diese Distanz. Ein Vorschuss auf den Gleichmut des Alters. Ein Kredit. Und ich werde ihn bezahlen mĂĽssen.

L. macht sich grad Sorgen über die Zukunft, sie zweifelt an ihrer Studienwahl. Sie ist im 2. Semester und es läuft gut, sie findet es interessant, sie ist den Anforderungen gewachsen, aber: Sie studiert Medizin. Und sie möchte 3 Kinder. (Ganz schön viel, sag ich. Ich mein, okay, eins allein ist arm, aber gleich drei? – Drei sind genau richtig, sagt sie.) Das könnte ja durchaus noch klappen, später dann, wenn sie ihre eigene Praxis hat, ist sie zumindest daheim. Sie wäre da, vielleicht nicht permanent für ihre Kinder, aber sie wäre da, das ist schon viel. Bloß, hat sie sich jetzt ausgerechnet, wird es ganz schön lang dauern, bis sie ihre eigene Praxis hat. Und mit 3 Kindern in Planung, das wird knapp.

So lange sich Frauen solche Gedanken machen müssen und Männer nicht, ist es mit der Gleichberechtigung Essig, sage ich.
Aber ist es nicht irgendwie natĂĽrlich?, fragt L.
Achwas, sage ich. Warum sollten Männer nicht im gleichen Ausmaß...
Aber ich will ja selbst, sagt L.

In L’s Zimmer hängt ein Poster mit einem Baby, das noch so klein ist, dass es in einer männlichen Hand Platz findet. Eine Handvoll Mensch. Unlängst war sie auf Hospitation in einem Altersheim. Wenn ihr Freund – sie führen eine Fernbeziehung - sie anruft, sagt sie Dinge wie: Versprich mir, dass du mich nicht so lange leiden lässt, wenn es mit mir so weit kommt.

Du bist dir ganz schön sicher mit ihm, sage ich. Sie bejaht. Manchmal macht es ihr fast Angst, sagt sie, sie ist so jung und sie weiß es schon, ist das normal?
Ab wann hast du gewusst, dass er es ist?, frage ich.
Sie erzählt: Es war der erste schöne Tag im Frühling. Sie sind zum See gefahren, ihre Eltern haben dort ein Ferienhaus. Sie sind über den Zaun geklettert und zum Haus gerannt und haben sich ins Gras fallen lassen und er ist so neben ihr gelegen und sie hat ihn einfach nur angeschaut. Da hab ich gewusst: So soll es immer sein, sagt L. Ich habe gewusst, wenn er da ist, kann mir nichts passieren. So lange er da ist, kann mein Leben nicht schlecht werden.

Er ist neben ihr gelegen und sie hat ihn angeschaut und sie hat es gewusst.

Ihr glaube ich das.

Wahrscheinlich ist das sowieso ganz falsch: Sich so einen Kopf ĂĽber die Zukunft zu machen, sage ich. Man sollte viel mehr im Hier und Jetzt verankert sein, und so weiter, du weiĂźt schon.
Ich weiĂź nicht, sagt L. Ich denke auch gerne an die Zukunft. Es ist gut, ein Bild zu haben, das gibt Kraft.

Es ist gut, ein Bild von der Zukunft zu haben. FĂĽr mich auch?


Manchmal stelle ich mir vor, wie ich die alte Frau besuche. Es wird nicht freiwillig sein.

Sie hat mich herzitiert, um mich zur Rechenschaft zu ziehen und empfängt ich mich mit einem Schweigen, dem ich nur durch Schreien begegnen kann.
Was kann ich dafĂĽr, werde ich sie anschreien, dass ich mich so schwer verliebe?
Und sag jetzt ja nicht, ich sei zu verkopft, mein Kopf kann da aber auch gar nichts dafĂĽr. Er hat nie was unterdrĂĽckt, er konnte gar nicht. Weil da nichts war. Das einzige, was du ihm vorwerfen kannst, ist, dass er auch nie was getan hat, um da was zu erzeugen.

Zur Liebe muss man sich auch ent-schlieĂźen, sagt die alte Frau.

Was kann ich dafür, werde ich sie anschreien, dass ich es so furchtbar abgeschmackt finde, sich nur um des Verliebt-Seins willens zu verlieben. Die Liebe zu lieben und nicht den Mensch. Ich will niemanden als Projektionsfläche meiner Sehnsüchte missbrauchen.

Was kann ich dafür, werde ich sie anschreien, dass ich es so furchtbar abgeschmackt finde, wenn einer in seiner Jugend zuerst groß auf Revoluzzer macht, um es sich dann im Alter erst recht wieder im Establishment bequem zu machen? Unter solchen Umständen finde ich es besser, nie Rebell gewesen zu sein. Was kann ich dafür, dass ich mir immerzu sofort automatisch dazudenke: Aber später will ich dann doch... ?

Was kann ich fĂĽr meine Halbherzigkeiten, wenn es mir nicht gelingt, die WidersprĂĽche einfach auszublenden?

Was kann ich dafür, dass ich so kleinmütig und beschränkt bin und es weiß, was kann ich dafür, dass ich meine Grenzen zu klar sehe?

Das ist es eben, sagte die alte Frau. Du gehst immer nur bis auf Sichtweite an deine Grenzen, nie nah genug. Du solltest dir den Kopf daran blutig stoĂźen.

Dann mach doch du!, werde ich rufen, wenn du schon so viel klĂĽger bist, dann mach doch! Man ist so alt, wie man sich fĂĽhlt, weiĂźt du das nicht? Du wirst dich doch nicht von deinem Alter einengen lassen, also hopp!

Da wird mich die alte Frau lange anschauen, mit einem Blick bis auf die Knochen und dann wird sie sagen: Es gibt fĂĽr alles im Leben eine Zeit.

Ich werde etwas einwenden, von wegen, sie solle mir ja vom Leib bleiben, mit dem Märchen vom richtigen Zeitpunkt, aber ich weiß, dass sie recht hat, denn sie redet von der richtigen Zeit, nicht vom richtigen Zeitpunkt. Die Enden der Zeiten sind fließende Übergänge und das sind die schlimmsten, denn ich übersehe sie ständig und Enden sind sie doch.

Es gibt fĂĽr alles im Leben eine Zeit und bloĂź weil es eine Phrase ist, ist es noch lange nicht falsch.

Inzwischen bin ich dazu ĂĽbergangen, sporadisch probeweise ein bisschen sehenden Auges in diverse kleinere Verderben zu rennen. Dabei schiele ich dann hinĂĽber zur alten Frau.

Sie lächelt nicht.

Aber sie nickt.

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Klaus Zinner
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Mar 2005

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Aha, na ja, alles eben nicht so einfach, so ist das halt.

Fg

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sohalt
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

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aso?

Wie ist es halt?

Wie "ich" sagt?
Wie L. sagt?
Wie die alte Frau sagt?

Es ist nicht immer ganz das Gleiche, merkst du nicht?

He, wenn wir so weiter machen, bringen wir es beide auf eine ansehnliche Anzahl Replies!

lg
sohalt

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xzar
Guest
Registriert: Not Yet

hi sohalt (toller nick ;-) )

Manchmal stelle ich mir, wie ich die alte Frau besuche

mĂĽsste wohl "manchmal stelle ich mir VOR, wie ... heiĂźen.

lg
co

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