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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Rapabel
Eingestellt am 23. 09. 2000 19:33


Autor
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arbir
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

Werke: 6
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Einst lebte ein au├čerordentlich gelehrter Mann, der die Welt verstehen wollte. Darum studierte tagaus und tagein, las Berge von B├╝chern bis sp├Ąt in die Nacht und verkehrte nur mit den studiertesten der Gebildeten und gebildetsten der Studierten.
Schlie├člich besa├č er ein enormes Wissen und vertrat seine Meinung, die landauf und landab sehr viel galt, mit fester Stimme.
Die anderen Gelehrten nannten ihn nach seinem langen Studium sogar den gebildetsten der ihren und sagten, er w├╝rde die Welt nun verstehen. Stolz vernahm er das gerechtfertigte Lob und vertrat seine Meinung nun mit noch festerer, noch entschlossenerer Stimme. Aus jedem Streit und jedem Disput ging er als Sieger hervor.

Eines Tages traf der Gelehrte einen Narren, der ├╝berall und bei allen f├╝r seine dummen Fragen, seine zweifellos verr├╝ckte Meinung und seinen Umgang mit Spinnern und Irren bekannt war.
Der Narr freute sich, einen so au├čerordentlich gelehrten Mann zu treffen und wollte ihm von seiner Meinung ├╝ber die Welt, von seiner Sicht der Dinge erz├Ąhlen. Der Gelehrte h├Ârte ihm geduldig zu und sagte dann, die offensichtliche Torheit des Narren erkennend: "Was du sagst, ist falsch. Es stimmt nicht und ist verr├╝ckt!"

Dann ging der Narr stolz davon.

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Lukas Holliger
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2000

Werke: 5
Kommentare: 13
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Eine Qualit├Ąt dieser Kurzgeschichte: es macht Spass, sie zu lesen (das hat nichts mit der K├╝rze zu tun. Drei schlecht geschriebene S├Ątze k├Ânnen eine Tortur sein)

Weil wir aber offenbar am selben Thema interessiert sind, m├Âchte ich statt mit einer guten Kritik, mit einer eigenen kleinen Geschichte antworten:

Das Genie

Die Haut des Denkers war zwischen den Rippen eingefallen, die H├Ąnde kn├Âchrig, das Kinn eine scharfe Linie; denn, so hatte der Denker ├╝ber die Jahre bemerkt, mit leerem Magen liess sich am besten denken. Und ein Denker, ein guter Denker, dachte ununterbrochen. Wann immer er ass, tat er es gedankenlos und ungesund und nat├╝rlich zu kurz, denn mit dem ersten Gedanken, der sich kauend bildete, hielten die H├Ąnde mit dem beladenen Besteck inne und wurde das Essen trocken. Oft, bevor er sich schlafen legte, bevor er die Kerze auf seinem Nachttisch ausblies, strich er sich mit der Knochenhand ├╝ber den Sch├Ądel. Es verbl├╝ffte ihn, wie rasch sich die ganze Ausdehnung des eigenen Kopfes abtasten liess. Angesichts der ├╝berschau- oder ├╝berf├╝hlbaren Gr├Âsse dieses eigenen Kopfes einerseits und aber der unabsch├Ątzbaren Tragweite der erdachten Gedanken andererseits, schwanden alle Zweifel: Er war ein Genie.

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arbir
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

Werke: 6
Kommentare: 14
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Freut mich, dass es Spa├č macht meine Geschichte zu lesen. So soll es auch sein.
Ebenso freut es mich, dass sich Leser mit Thema und Grundgedanken meines Textes auseinandersetzten.
Danke f├╝r deine kleine Geschichte als Antwort. Obwohl ich das Gef├╝hl habe, dass deine Geschichte in eine etwas andere Richtung als die meine zielt. (Zumindest interpretiere ich sie so.)

Nochmal vielen Dank f├╝r das Lob.

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Agnes Keppler
Guest
Registriert: Not Yet

Die Welt ist voller Narren, wenigen Genien. Ein wahrer Narr, der einem Genie etwas von seiner Vorstellung der Welt vermitteln will. Dieser hier tut es, ist stolz auf sein Verr├╝cktsein. Das Ding ist sch├Ân geschrieben, hat Aussage.
Aber der letzte Satz ist der Hammer!!! Klasse!

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arbir
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

Werke: 6
Kommentare: 14
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Ich muss sagen, so viel Lob schmeichelt mir. Danke!

Was mich aber wirklich freut, ist, dass hier jeder seine eigene Interpretation f├╝r den Text findet. Zumindest habe ich durch die Antworten dieses Gef├╝hl bekommen.
Deshalb w├╝rde es mich sehr interessieren, was man als Leser meint, was ich eigentlich "aussagen" wollte!

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Agnes Keppler
Guest
Registriert: Not Yet

Gemeinsamer Punkt zweier Sachverhalte = Parabel, oder wie Du so sch├Ân schreibst "Rapabel." (Verquer?)
Jeder hat seine eigene Weltanschauung.
Wie ├╝berhaupt kann jemand ermessen was falsch ist oder richtig?
Sicher, es gibt Fakten, beinahe alles kann bis ins kleinste Detail belegt oder widerlegt werden. Nur - der Narr erz├Ąhlt von SEINER Welt - von der, die f├╝r ihn z├Ąhlt. Seine ureigene Interpr├Ątation des Seins. Selbst der gelehrteste aller Menschen kann ihm da nicht ┬┤reinreden. Er steht zu seinem point de vue.
Ist das nicht sch├Ân?
(So sehe ich das. Solltest Du etwas anderes gemeint haben -, schreib es mir nicht.) Ich w├╝rde sie trotzdem weiterhin so sehen wollen Deine kleine Geschichte. Ein bi├čchen narrenm├Ą├čig, oder?
Gr├╝├če Agnes

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