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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Raskolnikow 2010
Eingestellt am 05. 07. 2010 01:19


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Steven Omen
Autorenanwärter
Registriert: Jan 2010

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Ich wachte auf, obwohl ich nicht geschlafen hatte. Ich, 54 Jahre alt, von Beruf Anzeigenverkäufer bei einem Verlag, nur 1,65 Meter groß, 80 kg schwer, volles graues, lockiges Haar, hatte seit Tagen dieselben Kleider an. Einen blauen Nickipullover und Billig-Jeans. Immer, wenn ich glaubte, einzuschlafen und beinahe einnickte, schreckte ich hoch. Normalerweise hatte ich einen sehr guten Schlaf und konnte, vor allem am Wochenende, bis zum Mittag schlafen.
„Für diese Aussage werden Sie nicht gut schlafen können. Für diese Aussage…“
Immer wieder dröhnte dieser Satz in meinem Kopf. Wie ein Presslufthammer. Ich hatte mein Zimmer seit drei Tagen und Nächten nicht verlassen. Raskolnikow aus „Schuld und Sühne“ von Dostojewski, hätte an diesem „Verschlag“, denn anders konnte man diese Bruchbude nicht bezeichnen, seine wahre Freude gehabt. Eine Dachgeschosskammer im vierten Stock eines maroden Altbaus. Kein Fahrstuhl. An den Wänden des Treppenaufgangs blätterte die Farbe ab, die vor 50 Jahren blassgrün war. Die Toilette auf dem Gang – nicht beheizt. Ebenso wie das Zimmer, das ich im Winter nur notdürftig mit einem Elektrogebläse warm bekam. Im Zimmer sah es schlimm aus: Als Bett diente eine durchgelegene Matratze. Den Boden bedeckte eine Schicht aus benutzten und schmutzigen Kleidern. Einige davon mit Spermaspuren vom Onanieren. Außerdem schimmelige Essensreste, alte Zeitungen, Pornohefte, Töpfe mit Essen, zerfledderte Bücher, CDs, Kerzen, alte Rechnungen, Kartons und leere Bierflaschen. Ein großer Koffer diente notdürftig als Kleiderschrank. Der Fernsehapparat lief ständig. Die Kochnische war mit schmutzigem Geschirr überladen. An den Wänden hingen Poster nackter Männer - eine Hinterlassenschaft meines schwulen Vormieters. Waschen konnte ich mich nur in der, dem Zimmer gegenüberliegenden, Toilette, in der sich auch ein kleines Waschbecken befand. Wenn ich duschen wollte, ging ich nach nebenan zu meiner Mutter. Sie brachte mir gelegentlich eine Suppe oder Brote. Ich strich über mein unrasiertes Gesicht.
„Die erste schlaflose Nacht ging ja noch. Das war so ähnlich wie Silvester. Man ist danach aufgekratzt, aber sonst fühlt man sich wohl“, versuchte ich mich zu erinnern.
Ich suchte im Durcheinander nach etwas Essbarem. In einem Topf, bedeckt von alten Socken, fand ich den Rest einer Pilzsuppe. Ich trank sie aus.
„Nein, ich bleibe hier im Zimmer. Da draußen stimmt etwas nicht! Ganz bestimmt! Der Nachrichtensprecher im Fernsehen hat es ja auch gesagt.“
Inzwischen hatte ich jegliches ZeitgefĂĽhl verloren. Wenn ich durch die verdreckte Fensterscheibe schaute, sah ich die StraĂźe mit den StraĂźenbahngleisen.
„Hat die Straßenbahn da nicht ein warnendes Geräusch gegeben? Ich lege mich lieber wieder hin.“
So verfiel ich wieder in einen Dämmerzustand zwischen Schlafen und Wachen. Richtig einschlafen konnte ich nicht. Aber warum nicht? Am zweiten Tag hatte ich meine Mutter nach einem Schlafmittel gefragt und gleich drei Tabletten auf einmal eingenommen. Umsonst. Ich konnte einfach nicht einschlafen. Ich trank aus einer Bierflasche. Bier hatte ich immer genug da. Drei volle Kästen waren es einmal gewesen. Jetzt war die Hälfte schon leer. Ich rülpste.
„Wenn ich nur schlafen könnte.“
Ich lachte sinnfrei. Der Fernsehapparat befahl mir, mit dem Lachen aufzuhören.
„Ist ja gut. Bin wieder brav.“
Es klingelte an der TĂĽr. Ich bekam einen Schreck.
„Hier, eine Gemüsebrühe mit Fleischeinlage. Geh doch mal zum Arzt, Söhnchen. Du siehst krank aus.“
„Nein, nein, Mutter! Mir geht es gut. Mach dir keine Sorgen.“
Ich öffnete eine neue Bierflasche und löffelte nebenbei die Suppe. Dass ich heute hätte arbeiten gehen müssen, hatte ich total vergessen.
„Hoffentlich hört man mich nicht ab. Die sitzen bestimmt in der Kanalisation und haben schon ihre Abhörsender durch die Abflussrohre auf mich gerichtet.“
Ich hielt mir die Ohren zu. Aber die Stimmen in meinem Kopf blieben.
„Leg dich hin! Du bist müde!“, sagten sie.
Ich legte mich hin.
„Steh auf! Das Licht brennt.“
„Geh ans Fenster! Mach es auf und spring!“
„Hilfe, ich werde wahnsinnig.“
Ich weinte und wischte die Tränen mit der schmutzigen Bettdecke ab. Der Nachrichtensprecher im Fernseher gab den neuen Papst bekannt.
„Jemand muss doch etwas gegen diesen idiotischen Nachrichtensprecher unternehmen. Er erzählt nur Unsinn. Ich bin nicht der Papst! Wie kommt er darauf, dass ich der Papst bin? Nur weil ich sehr enthaltsam und zurückgezogen lebe?“
Ich zog meinen Penis aus der Hose und begann vor dem Fernseher zu onanieren.
„Hier, ich gebe dir Papst! Vollspritzen werde ich Dich!“
Als ich die Straßenbahn klingeln hörte, schlaffte meine Erektion ab.
„Ja, das war Blasphemie. Entschuldigung, es kommt nicht wieder vor. Ich bin ja noch ein junger Papst. Ich werde diesem Treiben Einhalt gebieten! Auf zum Bayerischen Rundfunk! Diesem Nachrichtensprecher muss das Handwerk gelegt werden!“
Ich summte Aidas Triumphmarsch, baute noch einen elektrischen Schutzschild gegen böse Mächte auf, indem ich meine Zunge an eine 9-Volt-Batterie hielt und verließ, so wie ich war, das Zimmer. Es war Montagvormittag und es regnete. Innerhalb weniger Sekunden war ich klitschnass. Ich hatte nicht einmal Zeit gefunden, meine Schuhe anzuziehen. Die U-Bahnhaltestelle „Sendlinger Tor“ lag nur wenige Meter von meiner Wohnung entfernt. Auf der Straße fühlte ich mich unsicher.
„Warum schauen mich die Leute nur so komisch an? Wissen sie etwa schon, dass ich der neue Papst bin?“
Ich fuhr die Rolltreppe zur U-Bahn hinunter. Hier fühlte ich mich gleich sicherer. Ich stieg in die nächste U-Bahn ein und fand sogar einen Sitzplatz. Eine mir gegenüber sitzende ältere Dame rümpfte die Nase. Nach ein paar Haltestellen stieg ich wieder aus. Immer auf der Suche nach geheimen Zeichen, die mir den Weg zum Bayerischen Rundfunk zeigen sollten. Zum Schluss wusste ich überhaupt nicht mehr, wo ich war. Sogar meine Batterie, die ich immer wieder an die Zunge hielt, konnte mir nicht weiterhelfen.
„So kann das nicht weitergehen. Ich brauche einen Masterplan!“, dachte ich.
„Aber als Erstes brauche ich ein Bier.“
Ich fuhr eine Rolltreppe hoch und fand im Sperrengeschoss tatsächlich einen Kiosk, der aber keinen Alkohol ausschenkte. Ich beschimpfte den Kioskinhaber und ging auf die Straße. Nach einigen Minuten fand ich tatsächlich einen Supermarkt, in dem ich mich mit einem Six-Pack eindeckte. Zufrieden fuhr ich wieder die Rolltreppe zur U-Bahn hinunter.
„Hier ist Alkoholkonsum untersagt. Zeigen Sie mal Ihren Personalausweis“, hörte ich eine dunkle Männerstimme hinter mir, als ich bereits die dritte Flasche in mich hineingeschüttet hatte.
Es war die U-Bahn-Wache.
„Ich zeige Ihnen gar nichts! Höchstens mein Vöglein!“
„Na, das wollen wir doch mal sehen! Kommen Sie bitte mit.“
Ich stand auf und lief los. Mit ungeheurer Kraft, drei Stufen auf einmal nehmend, rannte ich die Treppen hoch. Ich erreichte einen Park und versteckte mich hinter einem GebĂĽsch.
„Die habe ich ja schön gelackmeiert! Pah! Es mit dem Papst aufnehmen wollen!“Ich legte mich auf den nassen Erdboden und wollte einschlafen, weil mich auf einmal eine starke Müdigkeit überkam.
„Sie werden nicht gut schlafen! Sie werden…“, dröhnte es in meinem Ohr.
Ich schrie. Ein Gedanke nach dem anderen raste durch meinen Kopf.
„Fremde Mächte haben den Bayerischen Rundfunk übernommen. Bier ist in Wirklichkeit gesegnetes Wahrheitswasser und nur für Auserwählte bestimmt. Ich muss meine Batterie wieder an die Zunge halten! Der Schutzschild lässt nach!“
Ich lallte nur noch sinnlos. Aus den Augenwinkeln glaubte ich, ein UFO vorbeischweben zu sehen. Speichel rann aus meinen Mundwinkeln. Ich bemerkte nicht mehr, wie Handschellen an meinen Handgelenken klickten. Die U-Bahn-Wache hatte mich gefunden.
__________________
Steven Omen

Version vom 05. 07. 2010 01:19
Version vom 05. 07. 2010 05:42
Version vom 05. 07. 2010 18:32
Version vom 06. 07. 2010 21:46

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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

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Hallo Omen,

Raskolnikov also,
eine weitreichende Metapher die du da zitierst.

Zu Anfang dies:
Der Text ist auĂźerordentlich gut geschrieben. Du weiĂźt mit deinen Worten die klaustrophobische Lage des Prot. gut darzustellen.
Das Gehetztsein; der aufkeimende Wahnsinn, der Wechsel von Lethargie zu Aktionismus:
all das ist gut und macht den Text spannend.

Der Haken an der Sache, so wie ich es sehe, ist, das dieser Text nur ein Stück aus etwas größerem sein kann.
Es bleibt die Frage nach der Tat des modernen Raskolnikov., und sie bleibt unbeantwortet.
Das ist aus meiner Sicht das groĂźe Manko.
Die Andeutung zu Anfang:

„Für diese Aussage werden Sie nicht gut schlafen können. Für diese Aussage…“

löst das Problem , das ich als Leser habe nicht auf.
So ist dieser Getriebene kaum greifbar, weil seine existentielle Problematik diffus bleibt.

Nichtsdestotrotz ein gut geschriebener Text, der nach weiterer Arbeit, vielleicht zu einer Ausweitung hin zu einer Erzählung, schreit.
Wenn ich es könnte gäbe ich dir acht Punkte für den wirklich spannend geschriebenen Text und sechs Punkte für die Ausarbeitung der Idee:

Gerne gelesen
Ralf
__________________
RL

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