Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5469
Themen:   92960
Momentan online:
384 Gäste und 17 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Rauer Grund
Eingestellt am 23. 11. 2017 07:30


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Ord
AutorenanwÀrter
Registriert: Feb 2017

Werke: 3
Kommentare: 36
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Olivers Schwester mustert ihn besorgt: „Was ist los mit dir? Du siehst so niedergeschlagen aus.“
„Ach, ich habe eben meine Kontakte im Handy durchgesehen. Omis Nummer ist noch dabei. Ich vermisse sie. Und es gibt kein Grab. Es ist einfach gar nichts mehr da.“
„Die stille Seebestattung war ihr Wunsch, da kann man nichts machen.“
Sie legt ihm tröstend die Hand auf den Arm.
Zwei Tage spĂ€ter steht Oliver vor dem Gedenkstein auf der SteilkĂŒste. Er berĂŒhrt die raue OberflĂ€che, liest die Inschrift und fĂŒhlt sich leer.
Sein Blick schweift ĂŒber die Bucht.
Da kommt ihm eine Idee. Er ruft seinen Freund Daniel an und ist erleichtert, dass dieser ihm seine Bitte erfĂŒllen möchte.
„In Ordnung, dann treffen wir uns Sonntag gegen zehn am Anleger bei Fiete.“
Die Aufregung lÀsst Oliver am Samstag schlecht einschlafen und dann quÀlt ihn ein Albtraum.
NeongrĂŒn leuchtende Seile schlingen sich um seinen Körper. Er versucht, sich zu befreien, aber es werden immer mehr.
Am nĂ€chsten Morgen schleppt er seine TaucherausrĂŒstung vom Auto zum Boot.
„Heh, Olli, gut geschlafen?“
Daniel nimmt ihm die schweren Taschen ab.
„Nee, beschissen. Und du?“
„Tief und fest. Ich habe mein Zeug zum Freitauchen eingepackt, falls du Hilfe brauchen solltest.“
„Danke!“
Der Motor brummt, Oliver döst vor sich hin. Nach einer halben Stunde sind sie am Ziel.
Ein StĂŒckchen Tang und zwei Quallen treiben langsam vorbei.
„Die Sicht ist ganz gut, etwa drei Meter.“
Die beiden zwĂ€ngen sich in ihre NeoprenanzĂŒge.
WÀhrend Daniel die Leiter einhÀngt, zieht Oliver sich die Flossen und die Weste an.
„Ich brauche maximal ’ne viertel Stunde.“
Seine Hand formt das Okay-Zeichen, dann taucht er ab.
Drei Meter, vier Meter, fĂŒnf. GrĂŒnes Licht.
Es wird dunkler und er schaltet die Lampe am Kamerastativ ein.
Acht Meter, neun, zehn.
Seine AtemgerÀusche beruhigen ihn.
Noch etwa zweieinhalb Meter, dann mĂŒsste er den Grund sehen.
Aus dunklen Schatten werden Steine. Oliver bewegt sich sehr vorsichtig mit dem Frogkick vorwÀrts, um kein Sediment aufzuwirbeln.
Aus einem BĂŒschel Seegras flitzen kleine Fische. Seepocken haften auf schwarzbraunen Miesmuscheln und filtern das Wasser. Es sieht so aus, als wĂŒrden sie ihm zuwinken.
Alles wirkt so friedlich hier unten.
Endlich entdeckt Oliver, wonach er gesucht hat.
Auf dem Sand zeichnen sich fĂŒnf kleine, von dunklen Sedimenten bedeckte Erhebungen ab.
Er hatte darĂŒber gelesen, ist aber ĂŒberrascht, wie deutlich die HĂŒgel zu sehen sind.
Unter einem könnte die Asche seiner Oma liegen. So sieht es also aus, nachdem die Urne sich aufgelöst hat.
Bewegungslos schwebt Oliver ĂŒber dem Boden.
Sein Hals verengt sich.
Das Bild verschwimmt vor seinen Augen und er schluckt hart.
Dann fÀngt er sich wieder, lockert die verkrampften HÀnde und macht ein paar Fotos.
Zwischen zwei Steinen klemmt eine PlastiktĂŒte. Er zieht sie heraus. Ein Goldbutt huscht aufgeschreckt davon.
Plötzlich attackiert ein Taschenkrebs die Kameralinse. Der Kleine folgt ihr, als Oliver das Stativ zurĂŒckzieht und droht mit den Scheren.
Es wird Zeit, zum Boot zurĂŒckzukehren.
Daniel staunt ĂŒber die Fotos: „Ich war der Meinung, dass alles verteilt wird. HĂ€tte nie gedacht, dass es so aussieht. Wie geht's dir jetzt?“
„Besser, nachdem ich das gesehen habe.“
Sein Freund klopft ihm aufmunternd auf die Schulter.
Auf der RĂŒcktour hĂ€ngt Oliver seinen Gedanken nach.
Er erinnert sich, wie seine Oma mit ihm Weidenflöten gebastelt hat, wie sie Musik machten mit Grashalmen oder Schilfspitzen.
Er sieht sich Apfelschalen knabbern, bevor sie ihm den geschÀlten Apfel reicht, das KerngehÀuse sorgfÀltig ausgestochen.
Und er meint, gebratene Butter zu riechen. Ob GemĂŒse oder Fleisch, immer musste ein Klacks Butter ran.
Am Anleger angekommen, bedankt er sich bei Daniel.
„Ich muss das Boot wieder zurĂŒckbringen. Mein Vater will heute Nachmittag noch mal raus.
Was machst du jetzt?“
„Ich gehe zur SteilkĂŒste. Treffen wir uns nĂ€chsten Freitag zum Tauchen drĂŒben am Steinriff?“
„Weiß noch nicht. Freitag oder Samstag. Ich ruf dich an. TschĂŒss dann.“
„TschĂŒss!“
Daniel tuckert davon.
Oliver verstaut seine Taschen im Auto und kauft sich ein Fischbrötchen und einen Kaffee.
Auf der SteilkĂŒste versucht er die Stelle zu finden, wo er noch vor einer Stunde gewesen ist.
Die Brandung hört sich an, als ob das Meer atmen wĂŒrde.
Er holt sein Handy aus der Hosentasche und öffnet die KontaktĂŒbersicht.
-Bearbeiten-
-Kontakt löschen-
Noch einmal liest er die Nachricht, die ihm seine Schwester am Dienstag geschickt hatte:

„Lieber Olli,

es tut schrecklich weh, wenn ein geliebter Mensch sterben muss.
Doch klingen in unseren Herzen die Erinnerungen an Freunde und Verwandte nach, die von uns gegangen sind.
Und die schönen Erlebnisse des gemeinsamen Weges sind unser Trost.

Ich habe Dich lieb.“


Version vom 23. 11. 2017 07:30
Version vom 26. 11. 2017 08:34
Version vom 26. 11. 2017 10:46
Version vom 14. 01. 2018 09:20

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Arno Abendschön
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2010

Werke: 278
Kommentare: 1205
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Arno Abendschön eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Den Text erst jetzt kennengelernt, Ord, und bin recht beeindruckt von ihm. FĂŒr mich hĂ€lt sich das die Waage: ein, wie mir scheint, neuartiger Plot (Tauchen nach der Asche der Oma), kombiniert mit GefĂŒhlen traditioneller FamilienanhĂ€nglichkeit, wie schon oft dargestellt.

Es ist mir etwas unangenehm, dass ich so gut wie nichts bemĂ€ngeln und keine wesentliche Verbesserung vorschlagen kann. Vielleicht wĂŒrde ich nicht mit unterdrĂŒckten aufsteigenden TrĂ€nen beginnen und mit tiefem Seufzen schließen. Das sind jene schwierigen Stellen, wo der Hergang und die ihn begleitenden GefĂŒhle durchaus glaubwĂŒrdig sind, ihre Darstellung dennoch besser stereotyp verwendete Formulierungen vermeidet. Durch sie wird der Gehalt an dieser Stelle sonst eher verdĂŒnnt als unterstrichen. Aber wie besser machen? Vielleicht den ersten Satz einfach weglassen und Olli am Schluss bloß seufzen lassen.

Interessant fand ich Folgendes: Beim Auftreffen auf den Grund wird bald ein Bild friedfertiger Naturidylle gezeichnet - das sich nach dem Auffinden der Urnenreste und dem Fotografieren eher ins Gegenteil verwandelt (PlastiktĂŒte, Krebs droht mit Scheren). Ich weiß nicht, ob das so bewusst gestaltet wurde. Es gefĂ€llt mir und gibt einem Stoff zum Nachdenken. Ich wĂŒrde darin gern den Ruck erkennen, mit dem ein Irdischer sich schließlich aus der lebensfeindlichen Unterwelt zurĂŒckzieht, um zu den Lebenden zurĂŒckzukehren.

Nebenbei noch eine ganz prosaische Frage: Ist es ĂŒberhaupt denkbar, sich durch solches Tauchen der realen BegrĂ€bnisstĂ€tte zu nĂ€hern? Könnte wirklich unter einer der aufgefundenen Erhebungen gerade Omas Asche liegen (Problem der Ortung)?

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön

Bearbeiten/Löschen    


Maribu
???
Registriert: Jun 2012

Werke: 65
Kommentare: 204
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Maribu eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Rauer Grund

Hallo Ord,

eine wehmĂŒtige, um nicht zu sagen sentimentale Geschichte, des
"Abschiednehmens" von einem geliebten Menschen und gleichzeitiger RĂŒckbesinnung auf gemeinsam Erlebtes.
Dass sich auf dem Meeresgrund nach Auflösung der Urnen Erhebungen bilden, habe ich noch nicht gehört.
Ich hĂ€tte es begrĂŒĂŸt, wenn er die Nummer von der Oma nicht gelöscht hĂ€tte!
Gruß! Maribu

Bearbeiten/Löschen    


Ord
AutorenanwÀrter
Registriert: Feb 2017

Werke: 3
Kommentare: 36
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo Arno,

ich danke Dir fĂŒr Deine VorschlĂ€ge. Ich probierte aus, wie sie sich auf den Text auswirken und die VerĂ€nderung gefĂ€llt mir.
Die PlastiktĂŒte habe ich bewusst an die Stelle mit der Krebs-Begegnung eingebaut. Der Gedanke, der mir dabei durch den Kopf ging: „Nun hast Du es gesehen. Schwimm zurĂŒck!“
Ich freue mich, dass Du das gespĂŒrt hast.

Was die Ortung der Grabstelle betrifft: Die Familienangehörigen erhalten unter anderem eine Seekarte mit den eingetragenen LÀngen- und Breitengraden.
Auf der Karte, die ich habe, sind sie mit einer Genauigkeit von zwei Stellen hinter dem Komma angegeben.
Es wĂ€re schon ein großer Zufall, wenn der Protagonist die genaue Stelle finden wĂŒrde.
Das weiß Oliver und vermutet deshalb nur, dass unter einem der HĂŒgel die Asche seiner Oma liegen könnte.

Freundliche GrĂŒĂŸe
Ord


Hallo Maribu,

vielen Dank fĂŒr Deine RĂŒckmeldung.
Als ich das erste mal von den kleinen GrabhĂŒgeln gelesen hatte, war ich auch ĂŒberrascht.
Mehr Informationen sind zu finden, wenn man nach „Seebestattung, auf dem Meeresboden verbleibt ein kleiner HĂŒgel“ sucht. (Ich möchte nicht auf einen speziellen BegrĂ€bnisanbieter verweisen).
Es ist nicht einfach fĂŒr den Protagonisten, die Telefonnummer zu löschen, ist aber der nĂ€chste Schritt seiner TrauerbewĂ€ltigung. Er lĂ€sst los.

Viele GrĂŒĂŸe
Ord

Bearbeiten/Löschen    


10 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!