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Leselupe.de > Science Fiction
Raumflug mit Göttin
Eingestellt am 10. 09. 2005 14:19


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Prospero
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Raumflug mit Göttin

    Null! Eine Wolke aus Flammen und Rauch hüllte die Rakete ein und verdeckte sie. Sekunden später tauchte sie aus der brodelnden Suppe auf und schob sich langsam nach oben. Es sah aus, als müsse sie sich aus zähem Morast befreien. Engide hielt den Atem an, glaubte einen Moment, sie würde zur Seite wegkippen, doch alles ging gut. Die Rakete nahm Fahrt auf, wurde schneller und schneller, und stürmte schließlich, einen Feuerschweif nachziehend, auf einer leicht gekrümmten Bahn aufwärts.
    Im Kontrollraum brach Jubel aus: "Sturmwind 1", so der Codename des ersten bemannten Weltraumflugs, war erfolgreich gestartet. Wilburn, den Leiter der Mission, hielt es nicht länger an seinem Platz. Hemdsärmelig, mit aufgeknöpftem Kragen und hochrot im Gesicht, lief er durch die Reihen der Mitarbeiter an den Stationen, wechselte hier und da ein kurzes Wort, klopfte dem einen oder anderen auf die Schulter. Die Rakete war jetzt nur noch ein flackernder, verschwommener heller Strich auf dem großen Bildschirm an der Stirnwand.
    Engide holte tief Luft, wandte sich um und blickte zu der VIP-Lounge im hinteren Drittel des Raums. Eine hochgewachsene, mit einer weißen Robe bekleidete junge Frau stand darin. Sie hatte lange blonde, von einem roten Band zusammengehaltene Haare. Auf ihrem Rücken und wie ein Theaterrequisit anmutend, ragte schräg der Griff eines Schwertes empor. Sie stand aufrecht, mit kühler, fast gelangweilt wirkender Miene da, die rechte Hand auf die Schulter eines zappligen Mädchens von etwa sechs Jahren gelegt. Der Kopf der Kleinen war kahl geschoren, sie trug Jeans und ein hellgrünes T-Shirt mit aufgedrucktem Blümchenmuster.
    Engide blickte wieder nach vorn. Die Rakete auf dem Schirm war jetzt nur noch ein kaum zu erkennender Fleck. Im Kontrollraum war die Euphorie abgeklungen, die nervöse Spannung zurückgekehrt. Es gab jedoch keine Zweifel, dass der Flug planmäßig verlief. Die erste Stufe wurde abgetrennt, dann die zweite. Als sicher war, dass die Kapsel den Orbit erreicht hatte, wurde erneut Jubel laut: Der erste Mensch flog im All. Aus den Lautsprechern erklang krächzend die Stimme des Raumfahrers, kurze Zeit später wurde sein behelmter Kopf auf dem Schirm sichtbar. Wilburn eilte an seinen Platz zurück, griff zum Mikrofon und schickte Glückwünsche nach oben. Anschließend wandte er sich zum Ausgang, vielleicht um ein kurzes Statement vor Presse und Fernsehen abzugeben, vielleicht auch nur, um irgendwie, irgendwo seine Anspannung loszuwerden. Bevor er den Kontrollraum verließ, besann er sich, verharrte, blickte zu der Frau in der VIP-Lounge und deutete eine ungeschickte Verbeugung an.
    Die Blonde reagierte nicht darauf, zeigte auch keinerlei Reaktion, als sich andere von ihren Plätzen erhoben, vor ihr verbeugten, sogar die Hände falteten. Geduldig, mit hölzerner Miene, ertrug sie die Huldigungen, wartete, bis alle sich wieder ihrer Arbeit zugewandt hatten, dann verließ sie ebenfalls den Raum, die Kleine an der Hand hinter sich herziehend.
    Engide überlegte, ob er im Kontrollraum bleiben sollte, und entschied sich dagegen. Draußen herrschte Hektik. Menschen hasteten vorbei, zumeist in Kittel oder Uniformen gekleidet, Stimmengewirr füllte die Gänge. Engide streifte eine Zeit lang ziellos umher, stieg dann eine Etage höher. Hier war es ruhiger. Er gelangte auf einen kurzen, breiten Gang. Links und rechts waren Türen, einige standen offen. Engide näherte sich einer Tür, aus der eine weibliche Stimme drang, und warf einen Blick in den Raum. Wozu er diente, war unklar. Vielleicht ein Pausenraum oder etwas Ähnliches. Es gab zwei Tische und mehrere Stühle. An der Wand stand ein Getränkeautomat, in einer Ecke hatte man einen Monitor montiert, auf dem die Übertragung des Raumfluges lief. Vor dem Monitor standen die Blonde und das Mädchen. Die Blonde hatte ihr Schwert auf einem der Tische abgelegt, hielt einen Becher Kaffee in der Hand und redete auf das Mädchen ein. Die Kleine lutschte an einer Zuckerstange.
    Mit plötzlich weichen Knien betrat Engide den Raum und blieb in respektvollem Abstand hinter der Blonden stehen. Er fühlte sich unbehaglich, wäre am Liebsten wieder gegangen; doch diese Chance musste er einfach nutzen! Was sag ich bloß?, dachte er, gegen einen Anflug von Panik kämpfend. Wie redet man eine Göttin an?
    Obwohl er sie eigentlich doch gar nicht für eine Göttin hielt ...
    Er vernahm, dass die Blonde ihrem Schützling Einzelheiten des Raumfluges erklärte: Die Kapsel befände sich nun auf einer Umlaufbahn, sie würde den Planeten einmal umrunden, dann, in etwa einer Stunde, würde die Landung eingeleitet.
    "Das ist der schwierigste Teil der Mission", hörte er sie sagen. "Und der gefährlichste. Die Kapsel wird abgebremst und stürzt in die Atmosphäre zurück. Durch die Reibung entsteht dabei enorme Hitze. Ohne Hitzeschild würde sie sofort verglühen. Der geringste Schaden, der kleinste Fehler - und sie wird verglühen."
    Die Kleine lauschte gespannt und leckte an ihrer Zuckerstange.
    Erst jetzt schien die Blonde Engides Anwesenheit zu bemerken. Sie drehte sich um und musterte ihn träge. "Wer sind Sie?"
    Engide räusperte sich, versuchte, seiner Nervosität Herr zu werden.
    "Ich ...", begann er, dann versagte seine Stimme.
    "Presse?", fragte die Blonde mit einem Blick auf die Identitätskarte an seiner Jacke teilnahmslos.
    "Nein ... Ich bin Publizist ... Ich arbeite an einem Buch über den ersten Raumflug."
    "Ist auch egal ... Ich gebe keine Interviews ..."
    "Kein Interview", versicherte Engide eilfertig. "Ich wollte nur ... Ich meine, ich will ..."
    "Mit mir plaudern?" Die Blonde stellte ihren Kaffeebecher auf den Tisch und lächelte unvermutet. "Warum nicht? Wenn Sie versprechen, nichts davon in Ihr Buch zu schreiben ..."
    "Aber ja, natürlich ... Ich versprech's!"
    "Ich bin neugierig. Ich weiß, dass Wilburn nicht viel von der Schwesternschaft hält. Er ist ein Mann der Wissenschaft. Er war sogar dagegen, eine von uns einzuladen, auch wenn er sich damit am Ende natürlich nicht durchsetzen konnte ... Wie denken Sie darüber?"
    "Nun, ich ... Wie soll ich sagen ...", druckste Engide.
    "Nun reden Sie schon! Wovor haben Sie Angst?"
    "Um ehrlich zu sein: Ich teile Wilburns Ansicht. Auch ich glaube nicht an übernatürliche Kräfte."
    "Sie halten mich also für eine Schwindlerin?"
    "Nein, nein, so habe ich es nicht gemeint ... Ich wollte nur ..."
    Die Blonde lächelte unbestimmt, nahm ihr Schwert von dem Tisch und wog es sinnend in der Hand. "Wissen Sie, wozu wir diese Schwerter benutzen?"
    "Nicht genau. Ich habe mal einen Kampf gesehen ... einen Schaukampf. Es war beeindruckend."
    "Ach ja?"
    "Es war schier unglaublich ... Ich meine, dass sich niemand dabei verletzt hat ..."
    "Es ist viel weniger gefährlich, als Sie annehmen", sagte die Blonde gutmütig. "Tatsächlich ist es vollkommen ungefährlich ..." Mit einer blitzschnellen Bewegung riss sie das Schwert aus der Scheide und schlug zu, noch bevor Engide irgendetwas denken, geschweige denn tun konnte. Sein Bewusstsein setzte aus. Augenblicke später wurde sein Hirn wieder klar und er sah die Blonde, das Schwert wie zum Gruß hochgereckt, vor sich stehen.
    Zunächst stellte er völlig verblüfft fest, dass kein Blut an der Klinge zu sehen war. Dann fragte er sich, warum er noch lebte. Er betastete seinen Kopf, der sich unversehrt anfühlte, bewegte sich anschließend mit aller Vorsicht hinüber zu dem Getränkeautomat und betrachtete sich etwa eine Minute lang in dessen spiegelnder Frontfläche. Dann kehrte er zu der Blonden zurück.
    "Das ist gar kein Schwert", sagte er unsicher. "Ein Trugbild ..."
    Wortlos reichte ihm die Blonde das Schwert. Er nahm es und untersuchte es sorgfältig. Er prüfte die Schneide, fand sie scharf wie ein Rasiermesser, ritzte sich sogar den Daumen. Diesmal quoll Blut hervor. Er wurde wütend, richtete das Schwert gegen eine unschuldige Vase auf dem Tisch und zerschlug sie.
    Die Kleine hielt die Hand vor den Mund und kicherte vernehmlich.
    Die Blonde nahm das Schwert an sich, wischte die Klinge am Ärmel ihrer Robe ab und schob es in die Scheide zurück.
    "Nun", meinte sie gelassen. "Wofür halten Sie das? Magie oder Wissenschaft?"
    Noch immer benommen, schüttelte Engide den Kopf. "Wie haben Sie das gemacht?", murmelte er.
    Die Blonde legte das Schwert auf den Tisch, nahm statt dessen den Kaffeebecher in die Hand. "Sie würden es nicht verstehen."
    "Warum nicht?"
    "Sie denken verkehrt. Sie sehen ein Schwert als etwas Festes. Etwas Materielles. Ein Bündel von Atomen."
    "Sie nicht?"
    "Nein. Für mich ist es ein Bündel von Entscheidungen."
    "Entscheidungen?", fragte Engide verwirrt. "Die wer trifft? Sie? Ich? Das Schwert?"
    "So dürfen Sie nicht fragen. Es spielt keine Rolle, wer die Entscheidungen trifft. Wichtig allein ist der Grund, aus dem sie getroffen werden."
    "Das verstehe ich nicht."
    "Ich sagte, dass Sie das nicht tun würden ...", erwiderte die Blonde spöttisch, nippte an ihrem Kaffee und deutete auf den Monitor, wo der Kopf des Raumfahrers als verrauschtes Schwarz-Weiß-Bild zu sehen war. "Warum ist diese Kapsel dort oben? Weil Wilburn entschieden hat, auf einen Knopf zu drücken? Nein! Sie ist dort, weil ein Raumflug für möglich gehalten wurde. Und auch das ist nur ein winziger Teil der Wahrheit. Denken Sie daran, was alles nötig gewesen ist, um solch eine Kapsel zu bauen! Der Flug ist das Ergebnis unzähliger Entscheidungen, die aus unzähligen Gründen getroffen wurden, die meisten davon, lange bevor Menschen überhaupt existierten."
    "Die Kapsel wird verglühen", meldete sich plötzlich die Kleine mit Nachdruck. "Ich weiß es!"
    Engide blickte sie betroffen an. Die Blonde lächelte und strich dem Mädchen über den Kopf. "Nehmen Sie das nicht so ernst", sagte sie. "Sie ist noch ein Kind. Wahrscheinlich ist sie bloß eifersüchtig, weil ich mit Ihnen rede."
    "Die Kapsel wird nicht verglühen?"
    Die Blonde zuckte die Achseln. "Woher soll ich das wissen?"
    "Es heißt, Sie könnten in die Zukunft schauen ..."
    "Das ist Unsinn."
    "Wäre sie fähig ...?"
    Im Gesicht der Blonden zeigte sich Unmut. "Nein!" Ihre Stimme klang empört. "Ich sagte doch: Sie ist noch ein Kind!"
    "Ich weiß, dass sie verglühen wird", beharrte die Kleine trotzig.
    Die Sicherheit, mit der sie das sagte, gab Engide einen Stich.
    "Hör schon auf!", sagte die Blonde tadelnd und knuffte die Kleine leicht zwischen die Schulterblätter. "Red nicht solches Zeug!"
    Zu Engide gewandt sagte sie: "Das Unternehmen ist riskant, das wissen Sie selbst. Es gibt tausend Möglichkeiten, dass etwas schief geht."
    "Und wenn ... Falls tatsächlich ... Könnten Sie es verhindern?"
    "Theoretisch schon ... Man weiß es immer erst kurz davor. Wenn die Entscheidung tatsächlich ansteht."
    "Theoretisch?"
    "Sie haben nicht zugehört, ich sagte doch: Es braucht immer einen Grund für eine Entscheidung. Ihr Menschen habt eine komische Vorstellung von Allmacht, meint, wer allmächtig ist, könne tun und lassen, was er will. Die Frage ist doch aber: Was will man? Nehmen Sie diesen Flug: Wilburn will natürlich den Erfolg, er würde sein Leben dafür einsetzen, seine Mitarbeiter wollen ihn ebenfalls, allerdings schon etwas weniger. Und Sie? Sie möchten ein Buch schreiben, das können Sie auch, wenn die Kapsel verunglückt. Anstatt eines lebenden Helden hätten Sie einen toten; für das Buch wäre beides gut. Und was ist mit uns, der Schwesternschaft? Tatsache ist: Der Schwesternschaft ist der erste Raumflug höchst gleichgültig."
    Engide ließ den Kopf sinken. "Sie irren sich", sagte er leise. "Ich kenne den Mann dort oben sehr gut. Wir sind Freunde, ich möchte nicht, dass er umkommt. Ich kenne auch seine Frau. Sie ist sehr gläubig. Sie hat gebetet, dass alles gut geht."
    "Wir hören diese Gebete nicht."
    "Sind Sie zu Mitleid nicht fähig? Ist das der Preis der Allmacht?"
    Die Blonde klang nun eindeutig gereizt. "Sie kapieren es einfach nicht, oder? Ich bin weder gefühllos noch böse. Ich bewundere diese Mission sogar, ich bewundere Ihren Freund. Es gehört eine Menge Mut dazu, sich ins All schießen zu lassen. Ich wünsche ebenso wenig wie Sie, dass er umkommt. Aber: Gefühle sind Zwänge, und Zwänge begrenzen Möglichkeiten, lenken Entscheidungen in bestimmte Bahnen. Auf dieser Grundlage ist Allmacht nicht möglich. Oder anders gesagt: Mein Wille, etwas zu tun, hängt davon ab, ob eine Entscheidung frei oder gezwungenermaßen zustande kommt. Ihren Freund zu bewundern oder seine Frau zu bemitleiden reicht nicht aus; um eingreifen zu können, brauche ich einen Grund, den ich akzeptieren kann. Und den habe ich nicht. Denn wie gesagt: Die Schwesternschaft hält nicht viel von der Raumfahrt, betrachtet sie als romantischen Unfug. Auch wenn das hart klingen mag: sie ist nutzlos. In zwanzig, fünfzig, vielleicht auch erst hundert Jahren werden die Menschen das auch erkennen."
    "Aber vorhin ... mit dem Schwert ... Da hatten Sie einen Grund?"
    "Aber ja: Ich wollte Sie nicht töten."
    Engide deutete auf den Monitor. "Ihn töten Sie aber ..."
    "Ich töte ihn doch nicht! Begreifen Sie das doch endlich! Wenn ich ihn töten wollte, könnte ich das auch. Aber ich will es nicht. Ich habe keinen Grund dafür, genauso wenig, wie ich einen Grund habe, ihm zu helfen. Und deshalb kann ich die Entscheidung, die getroffen wird, nicht beeinflussen ... Im Übrigen: Dass die Kapsel abstürzt, ist nicht gesagt. Es ist eine Möglichkeit, nichts weiter."
    Die Kleine drängte sich gegen die Blonde und zupfte an ihrem Ärmel. "Ich will gehen!", maulte sie. "Ich will wieder hinunter!"
    Die Blonde nickte zerstreut. "Ja, mein Liebling ..." Sie griff nach ihrem Schwert, streifte Engide mit einem letzten Blick und verließ mit der Kleinen den Raum.
    Engide blieb zurück, setzte sich auf einen Stuhl und starrte minutenlang auf den Monitor, bevor er sich ebenfalls nach unten begab. Im Kontrollraum bereitete man die Landung vor. Die Stimmung war gespannt, aber zuversichtlich: alles schien nach Plan zu verlaufen. Der Bildschirm zeigte jetzt tief hängende Wolken, offenbar von einem der Bergungsschiffe, die im Landungsgebiet kreuzten, aufgenommen. Wilburn gab den Befehl, die Bremsraketen zu zünden. Aus der Kapsel kam die Meldung, dass die Systeme ordnungsgemäß funktionierten, kurze Zeit später riss der Funkkontakt ab. Engide wusste: das war normal, Ursache war die ionisierte Luft, die sich um die Kapsel gebildet hatte. Man würde warten müssen - fünf Minuten etwa.
    Fünf Minuten. Engide blickte auf die große Uhr neben dem Schirm und zog in Gedanken einen Strich auf dem Zifferblatt, der den Ablauf dieser schicksalhaften Zeitspanne markierte. Er starrte auf den Zeiger und spürte eine seltsame Ambivalenz: den gleichzeitigen Wunsch, der Zeiger möge schneller und langsamer laufen. Ein absurder Gedanke schoss ihm durch den Kopf: Wenn ich die Zeit beschleunigen könnte, würde ich es? Er blickte zu der blonden Göttin in der VIP-Lounge. Sie stand da wie beim Start, die Kleine an der Schulter haltend, mit der gleichen nichts sagenden Miene. Falls sie bereits wusste, was geschehen würde: Ihrem Gesicht war es nicht zu entnehmen.
    Engide sah wieder zur Uhr. Der Zeiger war dicht an die gedachte Marke herangerückt. Eine unmöglich scheinende Stille herrschte in dem großen, mit Menschen und Technik gefüllten Raum. Irgendwo rollte ein Stift über einen Tisch und fiel klackend zu Boden. Der Zeiger erreichte die Marke.
    Nichts geschah.
    "Sturmwind eins, melden Sie sich!", brach Wilburns Stimme in das Schweigen. "Sturmwind eins, bitte melden!"
    Engide sah zur Göttin. Die hatte das Mädchen fest an der Hand. Zu fest.
    "Sturmwind eins, bitte melden Sie sich! Bitte melden Sie sich!"
    Die Göttin schaute reglos über die Köpfe der Menschen hinweg zum Bildschirm, auf dem noch immer nichts außer Wolken zu sehen war. Engide sah jemanden sich nach der Blonden umdrehen. Als der Blick sie traf, wandte sie sich ab. Sie sah zu Engide und für einen Moment berührten sich ihre Blicke. Dann erhob die Göttin ihr Haupt und ging.

__________________
pros

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Penelopeia
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Hallo Prospero,

nach dem Lesen des Textes wundere ich mich, dass noch keiner ein Wort dazu verloren hat. Vielleicht ist er manchem zu komplex, ich weiß es nicht.

Als zentralen Satz sehe ich diesen:

Mein Wille, etwas zu tun, hängt davon ab, ob eine Entscheidung frei oder gezwungenermaßen zustande kommt.

Ich habe den Eindruck, dich bewegt die Frage der Möglichkeit/ Unmöglichkeit freier Willensentscheidungen sehr. Die entscheidende Frage für den Sinn unserer Existenz, für den Wert unserer Handlungen, für unseren Selbstwert - meinen viele.
Aber: ist der Begriff "freier Wille" nicht ein Widerspruch in sich? Eine freie Entscheidung - resp. ein "freier Wille" - ist für mich nur denkbar ohne beeinflussende Faktoren, Gründe, Kenntnisse. Was sollte ein solcher, im luftleeren Raum schwebender Wille, noch entscheiden?
Insofern denke ich, dass jede Entscheidung, jeder Wille determiniert ist, also auch Zwängen unterliegt.
Den Wert des Willens rette ich für mich, indem ich an die Stelle des verquasten Begriffes vom "freien Willen" den des "kalkulierenden Willens" setze.

Der Text selbst ist geschickt aufgebaut. Die Spannung wächst beständig, der Schluss bleibt im Gedächtnis. Lediglich die Art der Darstellung technischer Einzelheiten erscheint mir ein bissel zu nüchtern. Aber das ist Ansichtssache.

Wirklich ein Text, über den es sich zu diskutieren lohnt!

Vielleicht finden sich ja noch ein paar Meinungen.

Liebe Grüße

P.

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jon
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… meine Meinung zum Text manifestiert sich darin, dass er im neuen Leselupen-Buch auftaucht.
Mir gefiel die Geschichte auf Anhieb – wegen des "sparsamen" Tons (, was nötig ist, ist gesagt, und reicht auch durchaus, um "Atmosphäre zu machen"), vor allem aber wegen der Idee, die eigentlich einige Ideen (bzw. Fragen) enthält. „Freier Wille“ ist eines dieser Themen (, neben der offen formulierten, in sich schon komplexen Frage nach der Allmacht). Das Wesen von Realität ist ein Thema. Verantwortung. Moral, ja sogar das: Warum ist z.B. "ich wollte Sie nicht töten" – während sie das Schwert führt! – ein hinreichender Grund, "ich will nicht, dass der Astronaut stirbt" aber keiner? Ich habe eine Idee, warum das so ist, nur: die löst zwar diesen Moment führt aber zu weiteren, grundsätzlicheren Frage dieser Art …
Diese Art Text sind für mich die wahren Sahnestückchen der Science Fiction …
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Prospero
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Vielen Dank zunächst für die Auseinandersetzung mit meinem Text und die freundlichen Worte ("Sahnestückchen" klingt gut ).

@Penelopeia

Der Satz, den du anführst, hat tatsächlich eine zentrale Bedeutung, ist jedoch in der überarbeiteten Fassung (s. LL-Anthologie "Entdeckungen") so formuliert nicht mehr zu finden. Das mag ein bisschen kurios klingen, hat aber den Grund, dass mir die Sache mit dem "Gezwungenwerden" missverständlich erschien.

Grundsätzlich ändert das aber nichts. Was du über den "freien Willen" schreibst, trifft genau meine Ansicht und ist ja auch das, was die "Göttin" Engide klar zu machen versucht: Eine Entscheidung im Sinne einer "bewussten" Wahl bedarf eines Grundes (ein Zwang, ein Bedürfnis oder irgendetwas anderes), wenn ich keinen habe, treffe ich normalerweise keine Wahl, sondern lasse die Sache laufen wie sie läuft (Interessant in diesem Zusammenhang finde ich, dass im Buddhismus - ich bin da allerdings auch kein großer Experte - der Weg zur "Erleuchtung" darin gesehen wird, dass man sich von allen Bedürfnissen, Wünschen und Begierden befreit).
Ein Aspekt, den ich anreißen wollte, war daher die (zugegeben sehr spekulative) Frage nach Entscheidungsspielräumen von Wesen, bei denen "Wollen" und "Können" identisch sind. Wesen auf einer höheren Entwicklungsstufe als der Mensch sind in der Science-Fiction nicht eben selten, werden dort für meinen Geschmack jedoch i. Allg. zu sehr "vermenschlicht". Das Gleiche trifft m. M. nach auf die meisten Religionen zu: Falls es denn so etwas wie Gott gibt (was ich für unwahrscheinlich halte), kann man ihn sich nicht aussuchen, man kann höchstens hoffen, dass er einem freundlich gesinnt ist, oder versuchen ihn freundlich zu stimmen (durch Anbetung, Opfergaben oder dergleichen); in der Regel aber wird man ihn nach eigenen Maßstäben beurteilen: Tut er Dinge, die man selbst als "gut" betrachtet, ist er ein guter Gott, andernfalls jedoch ist er "böse". Insofern erfährt Engide am Ende einen persönlichen Moment der "Erleuchtung": Er begreift zwar nicht, warum die "Göttin" nichts unternimmt, um die Mission, die offenbar in Schwierigkeiten geraten ist, zu retten (obwohl sie Sympahtie bekundet), kann es ebensowenig begreifen, wie ein Tier menschliche Moralvorstellungen begreifen kann, bekommt aber eine Ahnung, dass dies nicht aus Bosheit oder der Absicht, die Menschen zu bestrafen, heraus geschieht.

Was die nüchterne Darstellung technischer Einzelheiten angeht ... Nun, ich weiß nicht genau, ob es das ist, was du meinst, aber: Ich stehe auf dem Standpunkt, dass eine Geschichte (es sei denn, es geht um Zeitreisen oder ähnliches), die in einer fiktiven Welt spielt, authentischer rüberkommt, wenn die Schilderung aus der Sicht - das gilt auch für den "neutralen" Erzähler - eines ihrer Bewohners erfolgt. Wenn beispielsweise geschrieben steht:"Er nahm ein Luftkissen-Taxi ...", ist das für den Leser bestimmt, bei dem es so etwas nicht gibt, ein Bewohner der Welt dagegen wird einfach von einem "Taxi" reden (vorausgesetzt natürlich, es gibt nicht auch welche mit Rädern). Nicht anders verhält es sich ja mit unserer gebräuchlichen Sprache: Eine Dialogzeile in einer Gegenwarts-Geschichte wie: "Hey Schatz, schalt mal den Farbfernseher ein!", wird wohl jedem gekünstelt erscheinen; da jeder normale Fernseher heute ein Farbfernseher ist, muss das nicht extra betont werden.

Gruß,
Joachim

__________________
pros

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Pete
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Dieser Text gehört zum absolut Besten, was ich hier bisher gelesen habe. Schade nur, dass meine Bewertung wahrscheinlich rausfliegt, da ich zu stark vom durchschnittlichen Urteil abweiche.

Ich begründe mein euphorisches Urteil wie folgt:

SF und Fantasy-Elemente sind wirkungsvoll vereint, weil sie sich nicht widersprechen. Götter/Göttinnen, Fabelwesen, Zaubern und Konzepte wie Schicksal und dergleichen beschreiben nur Dinge, mit denen sich unsere dogmatische Wissenschaft noch nicht mit dem nötigen Ernst auseinandergesetzt hat. Auch das wissenschaftliche Instrumentarium, beispielsweise der "Empirische Beweis" oder die "logische Deduktion" reicht derzeit nicht aus, um gewisse Grenzbereiche zu durchdringen. Zitatbeispiel: "Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden" [Arthur C.Clarke]

Die Science Fiction ermöglicht, in einer sehr freien Form diese Dinge in einen nachvollziehbaren Sinnzusammenhang zu setzen. Gerade das gelingt dem vorliegenden Text in hervorragender Weise.

Eine Göttin, die sogar ihre Macht demonstriert! Fantastisch, vor allem, weil das keinen Unterschied zu machen scheint.

Die Definition von Allmacht, wie hier vorliegend, ist für mich gleichermaßen neu wie faszinierend. Wie ich jetzt verstanden habe, kann Allmacht nur existieren, wenn auch die Zwänge wegfallen, die normalerweise eine Entscheidung herbeiführen. Meißtens sind dies, wie im Text, Gefühle. Kaum eine Kaufentscheidung wird ohne Bauch getroffen.

Ein Gott kann, das belegt der Text anschaulich argumentativ, nur dann allmächtig sein, wenn er keinerlei Zwängen unterworfen ist. Auch nicht Zwängen, die aus ihm selbst stammen.

Jetzt ist klar, warum ein allmächtiger Gott nicht auf die fordernden und klagenden Gebete seiner Anhänger antwortet ("Gott mach, dass ich ... !!!!").

Sehr fortgeschritten. Bin gespannt, was da noch nachkommt!

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