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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Raus aus der Klappse
Eingestellt am 17. 05. 2002 21:14


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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

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Raus aus der Klappse

„Wollen Sie sie denn wirklich schon entlassen, Professor? Ja, ist sie denn schon geheilt?“ UnglĂ€ubig sieht die Therapeutin ihren Arbeitgeber an. „Das allein habe nicht ich zu entscheiden, dazu brauch ich noch ein schriftliches Gutachten. Ich denke, dass uns das in wenigen Tagen vorliegen wird und dann steht einer Entlassung nichts mehr im Wege.“ Professor Weiß rĂ€uspert sich, wie es immer so seine Art ist. Die Therapeutin kenn das schon.
Irgendwie fĂ€rbt das doch auf alle hier ab! – ist ihre wahre Meinung, aber sie wĂŒrde sich hĂŒten, sie öffentlich kundzutun. Wenn die Leute jahrelang mit diesen Patienten umgegangen sind, nehmen sie ihre Eigenarten an, ob sie das jetzt wahr haben wollen oder nicht.

Es ist zwar nicht so, dass der Professor, nachdem er mit Herrn Suhr gesprochen hat um seinem Tick auf die Spur zu kommen, er jetzt auch stĂ€ndig mit den Fingern schnipseln und mit dem Kopf schĂŒtteln und ab und zu die Laute „Krrr, Krrr“ von sich geben wĂŒrde, weil er sich fĂŒr einen Raben hĂ€lt, nein so ist es nicht. Da hat der Professor sich schon noch unter Kontrolle, aber dieses rĂ€uspern hat nicht unbedingt etwas mit einer ErkĂ€ltung zu tun. Der Professor ist ein Dauer-RĂ€usperer und als solcher den Mitarbeitern und Kollegen wohl bekannt. Man wartet förmlich darauf, auf sein in AbstĂ€nden immer wieder auftauchendes RĂ€usper-GerĂ€usch.

Nun, in der Sache Betty ist er sich jedoch sicher, sie entlassen zu können, dabei ist Betty lÀngst noch nicht geheilt, wenn auch nicht gemein-gefÀhrlich. Betty spuckt, ja, sie spuckt um sich, wo immer sie sich auch befindet, plötzlich bricht es aus ihr heraus: Sie muss spucken, ob sie will oder nicht.

Lange hatte der Professor versucht zu ergrĂŒnden, woran das bei ihr liegen kann. In welcher Situation spuckt sie und warum. Es existierten Aufzeichnungen darĂŒber. Die Therapeutin beschĂ€ftigte sich lang mit ihr und irgendwann kamen sie zu dem Schluss: Betty mag keine MĂ€nner! Sie spuckt nur dann, wenn MĂ€nner anwesend sind. NatĂŒrlich ist das allein nicht alles: Betty kratzt und beißt auch, doch dabei verletzt sie eher sich selbst, als dass sie jemanden ernsthaft verletzen könnte.

NatĂŒrlich sind in dieser Hinsicht die Untersuchungen noch lange nicht abgeschlossen und Betty muss nach wie vor weiter in Behandlung bleiben, doch der Professor ist da zuversichtlich: „Das Problem bekommen wir auch extern in den Griff.“ Um ehrlich zu sein: Warum soll Betty nicht zu Hause spucken? Hier in den RĂ€umen ist es doch reichlich unangenehm, zumal es sich nicht vermeiden lĂ€ĂŸt Betty von den mĂ€nnlichen Patienten fern zu halten. Das hier ist eine freie Anstalt, jeder kann hier gehen wo er will, den Patienten sind da keine Schranken gesetzt.

Nun wĂŒrde uns natĂŒrlich sehr interessieren, wie Betty selbst ĂŒber diese Sache denkt. Doch sich in Bettys Denkweise hineinzuversetzen gestaltet sich als Ă€ußerst schwierig, es sei denn
man denkt ebenso wie sie. Ich glaube aber kaum, dass wir so einen Gleichgesinnten je finden werden.

Um dieses zu ergrĂŒnden schmuggeln wir uns als Zuhörer in die nĂ€chste Therapiestunde bei Frau Specht ein: Betty befindet sich auf einer Liege und wurde gerade von Frau Specht in einen hyphnotischen Zustand versetzt.
„Sie fĂŒhlen sich jetzt ganz leicht, sind acht Jahre alt und kommen gerade mit ihrem Ranzen aus der Schule, ist die Mutter zu Hause?“

Betty redet jetzt wie eine AchtjĂ€hrige: „Mamma, Maaaamma!“

Kurze Unterbrechung von Frau Specht: „Wie bist du in die Wohnung gekommen, Betty?“
„Die WohnungstĂŒr steht offen, sie ist nur angelehnt.“ gibt sie bereitwillig Auskunft. „Das macht meine Mamma immer so, wenn sie in der KĂŒche steht, denn Papa kommt nach mir auch gleich zu Essen!“

„Na Betty, hast du viele Hausaufgaben auf?“
„Ich muss einen Aufsatz schreiben!“
„Fang aber erst nach dem Essen damit an, deck schon mal den Tisch!“

„Papa kommt herein, er hat nie viel Zeit, isst schnell und geht wieder. Ich helfe Mamma beim Abtrocknen und schreibe meinen Aufsatz. Ich brauche sehr lange dafĂŒr, aber er wird auch toll.
Am Nachmittag gehe ich spielen und komme sofort nach Hause, als es draußen anfĂ€ngt zu gewittern.“
„Hast du keine Angst vor dem Gewitter, Betty?“
„Mamma hat gerne, wenn ich dann in ihr Bett komme. Ich glaube, sie hat mehr Angst als ich.“
„ErzĂ€hl weiter!“ fordert die Therapeutin auf.
„Ich werde in der Nacht vom Donner geweckt und sehe am Fenster die Blitze zucken. Schnell lege ich mich ins Elternzimmer zwischen meine Eltern und schlafe dort weiter. Ich glaube, sie haben es noch nicht mal bemerkt.“

„Ich werde wach, als Papa sich hinter mir umdreht und seinen Arm um mich legt. Plötzlich fĂ€ngt er an mich zu streicheln, er zupft mir an den Brustwarzen herum und ich sage: „Was machst du denn da?“ Da wird auch meine Mamma wach und beschimpft ihn und auch Papa schimpft mit ihr. „Warum schlĂ€ft sie denn schon wieder hier?“ will mein Papa wissen. Ich laufe aus dem Zimmer, lege mich in mein Bett tief unter die Decke und fange an zu weinen.“

„Überlege, was danach passierte, wie verhielt sich dein Vater dir gegenĂŒber?“ fragte Frau Specht. „Ich verstand die Frage nicht, Ich war doch erst acht Jahre.“

Frau Specht bemerkt ihren Irrtum und versetzt Betty wieder in den Normalzustand. Betty kann sich an ihre Worte nicht erinnern.


Diese Therapie-Stunde ist fĂŒr Frau Specht zum ersten mal wirklich erfolgreich gewesen und schon nach zwei Tagen soll die nĂ€chste Hypnose stattfinden.

Betty trifft pĂŒnktlich bei ihr ein. Sie befindet sich zur Zeit noch im GebĂ€ude; das gutachtliche Dokument, welches ihre Entlassung bescheinigen soll fehlt noch, da sich der Gutachter zur Zeit in der Karibik aufhĂ€lt. Er wird aber in wenigen Tagen zurĂŒck sein und dann steht einer Entlassung hoffentlich bald nichts mehr im Wege.

Betty liegt bereits hypnotisiert auf der altbekannten Liege und versetzt sich in den Zustand eines neunjÀhrigen MÀdchens.

„Wo befindet sich dein Vater, Betty? Was macht er gerade?“

Betty scheint ihn zu suchen. Ahja, nun werden ihre Pupillen ruhiger, sie hat ihn entdeckt.
„Papa ist mit einer Leiter unterwegs zu dem Zweifamilienhaus, um dort den Schornstein zu fegen. Ich winke ihm zu und rufe „Papa, Papa“. Es ist nach langer Zeit das erste mal, dass ich ihm zuwinke. Er schaut mir nur still entgegen und als ich fast bei ihm angelangt bin, um ihn zu begrĂŒĂŸen, merke ich, dass es sein Kollege ist. Er war es gar nicht. Dabei hĂ€tte er sich sicher gefreut, denn ich habe ihm lange nicht in die Augen gesehen, er mir aber auch nicht. Mir lĂ€uft eine GĂ€nsehaut ĂŒber den RĂŒcken und ich habe es plötzlich sehr eilig nach Hause zu kommen. Ich muss unbedingt meinen Papa sehen. Ich will ihm zeigen, dass ich ihn mag.

Papa ist still geworden in letzter Zeit. FrĂŒher war er immer so fröhlich und hat gepfiffen, wenn er zu den Leuten ging, um ihre Schornsteine zu fegen. Aber auch ich habe mich verĂ€ndert. Ich bin sehr nachdenklich geworden, lese viel und spiele nur noch ungern draußen.
Die BĂŒcherei ist mein Lieblingsaufenthaltsort geworden.

Da kommt Papa zur TĂŒr herein. Ich seh ihm in die Augen und sage: „Hallo Pappa“. Er lĂ€chelt mich an, vermeidet es aber mich zu berĂŒhren. Sogar Mamma kommt aus der KĂŒche und wundert sich ĂŒber meine BegrĂŒĂŸung. Wir nehmen uns alle drei in die Arme und ich bin der glĂŒcklichste Mensch der Welt.

- Das ist ja alles gut und schön – sagt sich Frau Specht. – Doch ich frage mich, wozu dann noch diese Probleme, dass sie sich heute hier befindet?

Frau Specht lĂ€sst sich noch einmal die Einlieferungsakte der Patientin „Bettina Strucks“ genannt Betty von der SekretĂ€rin aushĂ€ndigen. Bevor das Gutachten erstellt wird, muss sie den Bericht der letzten Sitzungen fertig stellen. Sie liest:

19.12.99 Neuaufnahme.
16.35 Uhr wird o.g. Patientin hier eingewiesen. Sie ist hier nicht bekannt. Die Einweisung geschah aufgrund einer Anzeige von Herrn Benno Glauch, 41 Jahre, Kunstprofessor an der Hochschule fĂŒr bildende KĂŒnste in Köln.

Seine Angaben:
Bettina Strucks studiert an unserem Institut und zeigt ein gewisses kĂŒnstlerisches Talent, was es zu fördern gilt. Als ich ihr an ihrer Staffelei einige ErklĂ€rungen abgab bezĂŒglich der von ihr begonnenen Arbeit, spuckte sie mir unerwartet mitten ins Gesicht. Ich nahm mein Taschentuch, wischte mir damit ihre Spucke ab und versuchte ruhig zu bleiben. Den Vorfall hatten nur wenige Mitstudenten gesehen und ich redete ruhig und leise mit ihr, um kein Aufsehen zu erregen. NatĂŒrlich wollte ich wissen warum sie das tat. Doch statt einer Antwort, bespuckte sie mich wieder. Das war mir nun doch etwas zu dumm. Diesmal ekelte es mich und ich lief schnurstracks in den Waschraum, um ihren Speichel zu entfernen. Ich stellte mich hinter meinen Schreibtisch und beobachtete sie aus der Ferne. Sie sah mich mit hasserfĂŒllten Augen an. Ich glaubte, dass ein Reden mit ihr keinen Sinn mehr hatte, ich wollte mit ihren Angehörigen reden. Ich bat durch eine Mitstudentin, sie nach der Adresse ihrer Eltern zu fragen, die sie ihr bereitwillig bekanntgab und die ich gleich nach Beendigung der Stunde aufsuchte.Ihre Mutter war ĂŒber ihr Verhalten ebenso geschockt wie ich und konnte es sich nicht erklĂ€ren.

So der Bericht des Professors, der von hier schriftlich angefordert wurde.


Kommentar dazu:
Meine ErklĂ€rung bzw. Anmerkung dazu: Durch die Kritik des Professors fĂŒhlte Betty sich ungeliebt. Er handelte und redete mit ihr rein sachlich, es fehlte der menschliche Kontakt zu ihr. Er war keine Bezugsperson und er wies sie ihrer Meinung nach von sich. Das war der Auslöser. Sie fĂŒhlte sich ungeliebt und abgewiesen wie als Kind, nachdem sie auf ihr Zimmer eilte.


Herr Raske, der Gutachter hat seinen Karibik-Urlaub noch in guter Erinnerung und das Gutachten fĂ€llt entsprechend gutartig aus. Es ist sein erstes Gutachten nach seiner Ferienreise und Bettina hat GlĂŒck, es wird zu ihren Gunsten entschieden: Ihrer Entlassung steht nichts mehr im Wege.

„Sitzungen bei der Therapeutin, Frau Specht sollen weiterhin, jedoch extern durchgefĂŒhrt werden.“ so lautet die Auflage aus dem Gutachten.

Betty nimmt ihr Köfferchen und setzt sich in die Straßenbahn. Sie kramt nach ihrem SchlĂŒssel, der irgendwo tief unten in ihrer Tasche steckt. Herr Bertram setzt sich nebenan auf den freien Platz. Er hebt den SchlĂŒssel auf, der Betty aus der Hand gefallen ist und hĂ€lt ihn ihr entgegen. - Warum macht sie das? - denkt Herr Bertram, als er sieht, wie Betty sich in die Hand beißt, so dass das Blut an ihren ZĂ€hnen haften bleibt.


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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

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hallo Jadzia,

schon passiert, aber das Ende habe ich noch nicht ganz erreicht.

Schöne Pfingten
anemone

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flammarion
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da

muß ich mich einklinken! ich will auch wissen, wie es weitergeht. ganz lieb grĂŒĂŸt
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Old Icke

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