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Leselupe.de > Kurzprosa
Rausch Wortsetzung
Eingestellt am 22. 10. 2002 23:21


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eufemiapursche
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Aug 2001

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Mich reizen Worte. Bin s├╝chtig danach. Alles um mich herum ist Wort.
Ich setze mich auf Worte, ich esse mit Worten, ich schlafe in Worten, ich weine und jauchze ├╝ber Worte. Das ist ├╝brigens ganz einfach - es gibt keine M├Âbel bei mir, keine Wand, keine T├╝r.... Worte und Geschichten. Dann und wann nehme ich mir vor, sie aufzuschreiben. Ich habe immer davon getr├Ąumt ein Gedicht zu schreiben, ein richtiges; eines, das leicht erregbare Gem├╝ter runterholt von ihrer Palme. Selbst ein ganz kleines reichte mir. Bislang habe ich es noch nicht hinbekommen. Im Augenblick verzettelt es sich, spaziert herum, spielt Scrabble. Am Bahnhof, wenn ich auf die S-Bahn warte, im Kino, an der Kasse im Supermarkt, in meiner Handtasche, in einem L├Ącheln breitet es sich aus, feuchtet seine Stimme unter K├╝ssen.
Eines Tages mach ich es fertig. Solange zeig ich ihm die Krallen...
Das Zimmer leert sich, die Farben umarmen sich in Marmeladekristallen w├Ąhrend das Fr├╝hst├╝ck auf einem Sonnenstrahl balanciert. Ein sorgenloser Morgen, sommernachttraumgleich, glatt und zart wie Schenkel gespreizt. Das Gedicht lauert in der Tasse zwischen Ebenholzfarbe und geschmolzenem Zuckerw├╝rfel, vermischt mit Schinkenbrotgeschmack. Die Worte sind da sobald ich erwache, am Bettende wie Splitter aus dem Fu├č oder einer zerstochenen Vene zu ziehen. F├╝r ein Gedicht? Wahrscheinlich nicht, es gleicht eher der Lust auf ein Gedicht. Es schreit aus tiefsten Taschen, m├╝det aus dunklen Augenringen voller Erinnerungen eingerosteter Schl├╝ssel, zerkn├╝llter Fahrziele, fortgeschnippter Zigarettenkippen deren Geruch sich ohne allzu viel Theater verfl├╝chtigt hat. Diese Lust auf ein Gedicht tut gut, es h├Ąlt die Hoffnung aufrecht, atmet f├╝r dich wenn die anderen dir die Luft zum Atmen nehmen. Jene, die Leben und Liebe in einen gl├Ąsernen Messbecher sch├╝tten.
Wie folgsam die Uhr morgens um viertel vor zehn noch ist. Mir ist kalt und meine Arterien voll mit wei├čem Staub. Wenn ich die Vorh├Ąnge vor den Fenstern meiner H├Ąnde aufziehe, tr├Ągt mich das Klavier fort. Und die Stra├če? Sie tut so, als sei sie eine Stra├če, denn Stra├čen gibt es nicht. Die existieren nur in unseren K├Âpfen. Wenn sie sich mit St├Âckelabs├Ątzen, Handyklingeln und Spucke f├╝llt, erscheint die Stra├če logisch. Erst der Nachgeschmack der Gehwege voll Hundeschei├če und Kinderlachen gibt ihre Geheimnisse frei. Mein Kaffee wird so langsam kalt wie die Schnecke in meinem alten Tagebuch.
Das kleine Fenster am Ende des Blattes hinter den gr├╝nen Kastanien im weinroten Kimono, eine Dachluke mit durstigen Vorh├Ąngen, gefleckt mit verungl├╝ckten Worten, maskierten Kommas und Klammern in zitronengelben R├Âcken.
Noch ein Schritt und ich falle. Ich habe die Launen von W├Ârterbuchverfassern genossen die auf einem Diktatorenstern hocken. Ich sprach mit dem h├Ąsslichen Fleck auf dem Siegel des Gerichtsvollziehers. Ich sah eine himmelblaue Krabbe auf einer bleifreien Flugente vor├╝berflattern. Ich sang in einem Taubstummenchor der jede Nacht den Badezimmerteppich k├Ąmmte. Ich folge den Planeten die ihren Weg verloren ohne etwas kapiert zu haben. Mein Blick gleitet ├╝ber Frachtschiffe, aber nur solche, die Kummer und schwarze Raben geladen haben.
Noch ein Schritt und ich falle.
Ich mache einen Knoten ins Taschentuch um nicht zu vergessen, die B├╝rgersteige auszuknipsen und den Spiegel zu leeren der hei├č gl├╝ht wie die Spritze f├╝r einen Grabstein...


Cora Soptin *
1977 - 200?

*Name frei erfunden

__________________
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knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

Werke: 51
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obwohl mir einige gleichnisse dieser fantastischen geschichte nicht ganz einleuchten, bin ich doch schwer beeindruckt. ja, so kann man die motivation zu schreiben beschreiben. hast du mal versucht, dein werk ohne interpunktion und "frei von grammatikalischen zw├Ąngen" zu gestalten. k├Ânnte die fiebrigkeit, die sucht mit worten zu jonglieren, noch verst├Ąrken. auch von mir eine hohe benotung.
gru├č knychen
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kny

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
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Ich finde es wunderbar.
F├╝r mich klingt es wie "So vieles gedacht, so weniges aufgeschrieben und diszipliniert, weil st├Ąndig Neues nachdr├Ąngt"... kommt mir aus der Seele.

>Wenn ich die Vorh├Ąnge vor den Fenstern meiner H├Ąnde aufziehe, tr├Ągt mich das Klavier fort<
... das auch.

In dem letzten Absatz scheinen mir (auch nach der neuen RS, die ich nicht recht beherrsche) schon einige Kommas zu fehlen. Vielleicht ist es kein schlechter Gedanke von kny, halbwegs brav nach RS-Regeln zu beginnen und sie (bes. Satzzeichen und Gro├č/Kleinschreibung) zum Ende des Textes hin nach und nach zu vernachl├Ąssigen. W├Ąre interessant zu lesen!

Auch so schon - H├Âchstwertung von mir
Zefira

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