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Leselupe.de > Kurzprosa
Raustreibung (überarbeitet)
Eingestellt am 23. 07. 2006 09:20


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Franka
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Raustreibung


Kann sie nicht mal still sein? Wenigstens für fünf Minuten. Immer muss sie meckern, nichts kann ich ihr recht machen. Ständig findet sie noch irgendwo einen Fussel, eine Staubflocke oder einen Fleck. Den ganzen Tag bin ich am Putzen. Wie meine Hände aussehen. Vom Wasser ganz aufgeweicht, von den scharfen Putzmitteln richtig zerfressen.
Ich muss lüften. Der Geruch der Reinigungsmittel ist stark. Ich hätte ja gern was gut Duftendes gekauft. Sie meint aber, was zu viel Parfüm enthält, reinigt nicht genug. Sie kann keinen Dreck vertragen, nicht mal ihren eigenen.
Kaum habe ich das Fenster offen, schreit sie auch schon: die Bazillen, die Autoabgasen und all der anderen Mist aus der Luft. Damit sie still ist, schließe ich das Fenster wieder. Dabei habe ich von den giftigen Dämpfen schon Kratzen im Hals, und die Augen tränen mir.
Sie hat eine Fliege entdeckt. Jetzt zetert sie erst richtig. Diese Fliege, wer weiß, auf welchem Haufen die gesessen hat, was die hier alles breitfliegt. Zur Strafe lässt sie mich die komplette Küche desinfizieren.

So geht das jetzt seit Wochen, nein eigentlich seit Monaten. An dem Tag, als ich sehr früh von der Arbeit zurück kam, fing es an. Wir wurden alle wieder nach Hause geschickt. Unser Chef ließ mitteilen, dass die Fabrik ausgelagert wird, die Spulen ab sofort in Spanien gewickelt werden. Zunächst war ich zuversichtlich. Bist ja noch jung, dachte ich, bestimmt findest du eine neue Arbeit. Doch die Wochen vergingen. Und sie entwickelte ihren Putzfimmel.
Von Tag zu Tag wird sie unerträglicher. Ich habe schon Angst, das Bad zu benutzen. Sie sieht jedes Haar im Kamm, jeden kleinen Spritzer auf dem Spiegel. Sogar das Kochen habe ich aufgegeben. Man kann einfach nicht kochen, ohne auch mal zu kleckern.

Ich habe die Fliege erschlagen. Die Küche ist wieder sauber. Jetzt benötige ich dringend eine Pause. Ich kann sie nicht sehen, aber hören. Der Flur ist noch nicht gesaugt, an der Lampe hängt ein Staubfaden. Ich halte das nicht mehr aus. Sie soll endlich die Klappe halten, sonst vergesse ich mich.
Doch sie kann es nicht, es ist eine Manie.
Ich werde dafür sorgen, dass das aufhört. Wo ist bloß das Messer, das ich gestern auf dem Markt gekauft habe? Aha, da ist es ja. So schön neu, so schön scharf. Wenn sie mich jetzt noch einmal anschreit, dann tue ich es. Ich gehe mit ihr ins Bad. In der Badewanne ist es am Günstigsten.

Ich wusste es ja! Sie schafft es nicht. Nun gut, sie will es nicht anders. Es ist nicht meine Schuld.
Das Blut wird sie in kleinen Fontänen verlassen. Ein roter Streifen bis zum Abfluss laufen. Sie wird leiser. Dann wird es bereits ein kleiner See sein. Sie schon sehr leise. Und dann, Stille! Für immer Stille!


Schön ruhig ist es hier. Ich genieße es leicht, körperlos und frei zu sein.

Das dort unten ist wie ein Film. Sie stehen da und gaffen. Endlich wieder Stoff zum Tratschen. Und wie sie sich die Mäuler zerreißen. “Ach, die Arme! Weshalb hat sie das bloß getan? Wir hätten ihr doch so gern geholfen, aber sie wollte ja nicht. Hatte sich abgekapselt.”
Falsches Volk!
Und wie sie drängeln und schubsen, um wenigstens einen Blick ins Bad zu erhaschen. Aber die Polizei hat alles abgesperrt. Bin richtig ein wenig schadenfroh. Die haben mich doch vorher überhaupt nicht wahrgenommen.
“Dort soll es aussehen wie nach dem Schlachten“, raunen sie sich zu. Dass die immer übertreiben müssen. So schlimm war es ja nun wirklich nicht. Die brauchen die Wanne doch bloß ausspülen.

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ENachtigall
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Liebe Franka,

der Aufbau der Dramaturgie ist Dir hier sehr gelungen. Beim Lesen war ich wirklich überzeugt, dass sie "es" getan hätte - und gleichzeitig erschüttert, weil "es" doch nicht recht passt zu ihrem so gehorsamen Wesen. Daher ist ihr Selbstmord der passende Schluss dieser erzählten Tortur.

Liebe Grüße

Elke
__________________
Wer Spuren sucht, wird Wege finden.

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Franka
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Liebe Elke,

danke, an diesem Text arbeite ich bereits seit über einem Jahr. Er wurde im letzten Jahr veröffentlicht, in einer früheren Fassung. Ralph Ronneberger gab mir eine "Sechs", war für mich Anregung die Geschichte noch einmal zu bearbeiten.

LG Franka

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