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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Rechtsaußen
Eingestellt am 14. 04. 2015 13:57


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sajo
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Rechtsaußen

„Straßenköterblond“ hat mal jemand gesagt. So eine Null-Farbe, nichts Richtiges, irgendwie unentschieden. Und unentschieden ist nicht okay. „Man muss sich entscheiden!“ Das sagen alle. Kathrin jedenfalls muss sich ständig entscheiden. Für eine Haarfarbe. Für einen style. Für eine Musik. Ob man eher der Katzen- oder der Hundetyp ist. Man muss wissen, wo man hingehört. Zu welchen Leuten. Was richtig ist und so. Zu allem eine Einstellung haben.

Deswegen hat Kathrin erstmal mit den Haaren angefangen. Die sind jetzt ganz entschieden blond. Superblond. Fast platinblond und schulterlang. Meist nach hinten gebunden, eng am Kopf. Nichts Wuseliges, Unübersichtliches. Das hat Kathrin jedenfalls schon mal geklärt. Und das kommt auch irgendwie entschieden und streng rüber, mehr ernst zu nehmen.

Macht allerdings Arbeit. Immer nachfärben, jede zweite Woche. Bloß kein Ansatz, nicht den Straßenköter wieder durchkommen lassen. Das wäre total peinlich. So ein Ansatz wie bei Vanessa, schwarz gefärbte Haare mit schmuddeligem Ansatz an der Kopfhaut. Geht gar nicht. Haare müssen immer ganz durchgefärbt sein. Und am besten ganz glatt am Kopf. Bloß nicht zu niedlich.

Mit 16 noch niedlich aussehen wäre das Letzte. Lieber streng. Und entschieden – das ist wichtig. In der Schule sowieso. Damit man in Ruhe gelassen wird. Wenigstens nicht ständig in der Pause von irgendwem angequatscht wird. „Ey, gib mir mal ne Kippe“. So wie Nadine zum Beispiel, die sogar noch stolz drauf ist, dass die Jungs sie anquatschen und Zigaretten von ihr wollen. Opfer! Dann lieber allein rumstehen und zwanzig Minuten am Handy rummachen. Beschäftigt sein. Ich brauche keinen. Ich hab meine Freunde woanders. Eine rauchen, Handy und ihr-könnt-mich-alle-mal. So geht die Pause schon irgendwie rum.

Unterricht ist einfacher. Jeder auf seinem Platz. Frau Hollmann vorn, bemüht um gute Stimmung. Die Schüler, mehr oder weniger interessiert. Besser: die Schülerinnen. „Berufsfachschule Sozialassistenz“. Die meisten hier sind ja Mädchen, von den Realschulen. Dazu Quereinsteigerinnen, Frauen, die schon Kinder haben und jetzt einen Beruf wollen. Doppelt so alt wie Kathrin. Krass. Auch ein paar Jungs. Männer keine.

In der neuen Schule kennen sich nur wenige von früher. Kathrin kennt keinen. Oder keine. Bis auf das, was diese Kennlernspiele zu Anfang so ergeben haben. Stuhlkreis, in der Mitte ein oranges Tuch auf dem graubeigen Fußboden und ein Blumenstrauß in Gelb und Orange. Frau Hollmann holt einen Stein aus ihrer Hosentasche und fängt an von sich zu reden. „Gelb und Orange sind meine Lieblingsfarben“. Okay. Aber jedenfalls nicht Kathrins Lieblingsfarben. Soll sie jetzt gleich auch was über Lieblingsfarben sagen? Wenn dieser Redestein zu ihr wandert? Wenn er überhaupt zu ihr wandert. Vielleicht geht die Stunde rum und sie war nicht dran mit Redestein. Und vielleicht fällt das noch nicht mal wem auf. Bestimmt wird ihr niemand diesen blöden Stein geben wollen. Weil auch niemand gespannt drauf ist, was sie zu sagen hätte.

Das kennt Kathrin schon. Dass sie keiner auswählt. Oder erst ganz am Schluss. So ist es immer gewesen, die ganze Schulzeit über. Außer natürlich in Sport, wenn zwei “Tip-Top“ gemacht und sich ihre Mannschaft zusammengesucht haben. Völkerball. Brennball. Und am liebsten: Fußball. Fußballstunden sind Sternstunden. In der Schule sowieso, aber erst recht beim Training im Verein. Früher, in der E-Jugend und auch noch in der D-Jugend, am Dienstagnachmittag. Seit damals schon spielt sie rechts. Das ist ihr Stammplatz. Rechts außen. Weil sie mit rechts einfach gut ist, gut passen kann. Mit Innen- und Außenrist sicher den Ball führen kann. Rechts Kraft im Abschuss hat. Sagt der Trainer.
„Give me five!“ Und anerkennendes Grinsen von ihm.

Jetzt trainiert sie zweimal in der Woche. Abends, oft im Dunkeln, mit Flutlicht. Gut, sich auf einer Insel aus Licht zu bewegen. Weit draußen. Der Zaun und das Clubhaus gerade noch zu erkennen. Drum herum alles schwarz. Alles weg.
Aber am besten sind die Spiele. Angefeuert werden.
„Los Kathrin, lauf! Spiel ab! Klasse gemacht! Super Pass! Bleib rechts!“
Schwieriger dann schon, nach Heimspielen mit ein paar anderen Mädchen und dem Trainer im Clubhaus zu sitzen.
„Sechs mal Pommes-Schranke von mir für meine Mädels!“ Und mit den Typen, die sowieso immer da rumhängen und nach drei Bier jedem die Welt erklären.

Hier, vor der Klasse, sagt sie nur kurz was dazu, als der Redestein doch noch bei ihr ankommt. Ganz kurz, als ob Fußballspielen nur so ein Hobby für sie wäre. Und schnell was über ihre Lieblingsfarben: Schwarz und tiefes Dunkelrot - Vereinsfarben. Mehr nicht. Dass es die besten Stunden der Woche sind, wenn sie mit diesen Farben auf dem Platz steht, würde eh keiner verstehen. Fußballklamotten an, die Haare glatt nach hinten. Und dann das Aufwärmen. Laufen. Zuspielen. Übungen zu zweit und zu dritt mit dem Ball, die Lichtinsel…wen interessiert das schon? Die Mädchen hier? “Ich geb dann mal weiter…“, und sie ist Redestein und Mittelpunktsein wieder los.

Von den sechs Jungs in der Klasse sieht nur Robert einigermaßen interessant aus. Die anderen eher noch wie Kinder. Sechs Jungs und neunzehn Mädchen. Hier als Junge interessant auszusehen ist ja auch echt nicht schwer. Erzieherausbildung. Eigentlich eher Erzieherinnen-Ausbildung. Mädchen, die kleine Kinder süß finden. Robert ist hier, weil er später mal in einem Jugendclub arbeiten will. „Die Kids aufmischen“ sagt er mit Redestein in der tätowierten Faust, ein Drache, der sich aufbäumt. Robert wippt nervös mit den Knien. Seine Hobbys sind Fitnessstudio und mit Freunden rumziehen.

„Weshalb habe ich mich für eine Ausbildung zur Erzieherin beziehungsweise zum Erzieher entschieden? Was ist meine Motivationen für diesen Beruf?“ fragt jetzt Frau Hollmann. Ist das nicht das Gleiche? Fast wie bei der Berufsberaterin im Arbeitsamt, so viele Fragen. Warum nicht gleich: „Für was bin ich auf der Welt?“ Oder: „Warum bin ich geboren?“ Oder: “Warum habe ich diesen bescheuerten Namen?“ Kathrin – das klingt nach Wanderhotel in Österreich. „Hotel Kathrin freut sich auf ihren Besuch“. Manche machen sogar Kathi draus. Dann lieber: Katharina. Wie diese Kaiserin in Russland. Katharina klingt nach Parkstraße oder Schlossallee. Kathrin klingt nach Hirtenweg 3C. Auch gut wäre Kim. Kim ist ein spannender Name. Aber auch wieder zu unentschieden, Mädchen oder Junge?

Schon wieder Pause, Frau Hollmann nimmt das Tuch und den Blumenstrauß mit und geht rüber ins Lehrerzimmer. Erstmal ein Blick aufs Handy. Nichts Neues.
„Ey Kathrin, kommst du mit Eine rauchen?“ Robert hält ihr eine Selbstgedrehte hin. Was? Kathrin steckt ihr Handy in die Jackentasche und schiebt sich langsam vom Stuhl hoch. Sie nickt Robert zu. Jetzt locker bleiben. Auf dem Weg nach draußen holen sie sich aus der Schul-Cafete noch zwei Kaffee. Schwarz ohne Zucker. Auf dem Raucherplatz fragt er sie nach ihrem Verein. Er kennt ein paar Leute, die auch da spielen. Mit denen trifft er sich ab und an. In der Datsche seiner Eltern, „Kolonie Abendfrieden“, hinter dem Baumarkt. Zum Reden und Feiern. Und um Aktionen zu planen. Sie wollen was für Deutschland machen, nennen sich „Neue Heimat“. Haben sich entschieden, erstmal mit Hausaufgabenhilfe für deutsche Kinder anzufangen. Weil für die ja sonst keiner was macht. Ob Kathrin nicht auch mal kommen will? Samstagabend? Da kommen ein paar Leute.

Eine Aufforderung, eine Einladung? Kathrin zuckt mit den Schultern.
“Mal sehen, wir haben ein Auswärtsspiel. Mal schauen, wie ich danach drauf bin.“

Sie treten ihre Kippen aus und trotten in den beigegrauen Klassenraum zurück. Der Englischlehrer stellt sich vor, verteilt Arbeitsbögen. Gruppenarbeit – auch das noch. Kathrin schaut sich um: Mit wem? Robert winkt sie zu sich ran und noch zwei Andere dazu. Sie rutscht mit ihrem Stuhl an seinen Tisch.
Nach dem Spiel am Samstag hätte sie eigentlich Zeit.

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rothsten
???
Registriert: Jan 2015

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Hallo sajo,

erfrischender Stil: schön knackig, kaum Überfrachtungen, bewusste Wechsel von Rhythmus. Was eine Steigerung ist, ist Dir auch bekannt. Manchen mag dieser sehr reduzierte Ton zu streng daher kommen. Ich mag ihn grundsätzlich und finde ihn auch hier passend. Dein Text ist quasi zu einem strengen Zopf gebunden. Sollte Du aber mal einen längeren Text schreiben, solltest Du variieren - das hält sonst niemand aus.

Zudem hast Du eine gute Beobachtungsgabe. Du siehst Details, aus denen Du eine Geschichte zu ziehen vermagst:

quote:
„Straßenköterblond“ hat mal jemand gesagt. So eine Null-Farbe, nichts Richtiges, irgendwie unentschieden. Und unentschieden ist nicht okay. „Man muss sich entscheiden!“

Du knibbelst nur ein wenig am Alltag und legst darunter verborgene Geschichten frei. Du hast etwas in Dir, dass man nur schwer lernen kann: Talent.

Das Thema passt nicht ganz so in mein Leben, aber das meine ich absolut nicht schmälernd. Der Text ist kurz, aber er beherbergt eine Menge an "Heranwachsenden-Themen". Der Titel "Rechtsaußen" ist treffend für das Gefühl, alleine auf der Welt zu sein, außenstehend, missverstanden, verwirrt ...

Bäh, ich wollte keine 16 mehr sein. Gottseidank ist der Mist vorbei ...

Sehr nett. Gerne gelesen.

lg

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