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Leselupe.de > Humor und Satire
Red Stars
Eingestellt am 07. 12. 2001 08:09


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Sebastian Dalkowski
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2001

Werke: 33
Kommentare: -1
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Passive doesn't work and fixing red stars, too

Eines Tages beschloss meine Nachbarin Marina ein Individuum zu werden und weil sie befand, dass jeder sehen sollte, dass dieser Prozess erfolgreich verlaufen war und sie sich den Gesetzen eins Rechtsstaates nicht zu beugen gedachte, fasste sie den Entschluss die Justiz von Vater Staat "mal ordentlich" zu untergraben.
"Weißt du, Kevin, ich muss das jetzt einfach tun", erklĂ€rte sie mir feierlich und entschlossen zugleich, der sie nur staunend anglotzte, "schließlich sind wir frei. Von diesen Naziwichsern dĂŒrfen wir uns nichts gefallen lassen."
"Naziwichser? Wo?"
Ihr tadelnder Blick verriet mir, dass ich die Antwort auf die Frage hĂ€tte wissen mĂŒssen.
"Na, in der Regierung. Die verstellen sich doch nur, damit das keiner mit bekommt. Weißt du das etwa nicht?"
Und dann erzÀhlte sie mir von ihrem grandiosen Plan.

Wir meinten den sĂŒĂŸen Duft der Revolution bereits im Zimmer zu riechen, als wir an jenem geschichtstrĂ€chtigen Samstagmorgen aufwachten. Fast mahnend und doch gefĂ€llig strich er um unsere Nasen und wir warfen uns gegenseitig ein gedankenschwangeres Grinsen zu.
"Unser Tag?", fragte Marina und riss ihre Augen weit auf, dass ich ein erhabenes GlÀnzen sehen konnte, dass die einfallende Sonne produzierte.
"Unser Tag", erwiderte ich euphorisch und schÀlte mich aus meinem Nachtlager.
"Wann willst du das Zeug holen?"
Marina warf mir einen tadelnden Blick zu.
"Erstens ist es nicht das Zeug und zweitens mĂŒssen wir unsere Aktion wohl ĂŒberlegt planen." Sie erhob ihren Zeigefingern, so dass ich an meine alte Religionslehrerin denken musste, die immerzu den Zeigefinger tadelnd erhoben hatte.
"Wir können nicht einfach auf die Straße gehen, uns die Ware besorgen und dann wieder nach Hause gehen, als sei nichts geschehen."
"Können wir nicht?" Ich war mir der Schwierigkeiten einer solchen Aktion offensichtlich nicht bewusst.
"Nein, können wir nicht. Weißt du nicht, wo die Naziwichser ĂŒberall ihre Spitzel sitzen haben. Ich habe mal gehört, die haben Spezialisten, die ihr ganzes Leben nichts anderes tun, als durch die Kanalisation in ToilettenschĂŒsseln zu schwimmen und revolutionĂ€res Potential ausfindig zu machen."
Ihr Blick Ă€hnelte der einer Besserwisserin - die es eigentlich hĂ€tte besser wissen mĂŒssen.
"Aber sind denn die AbflĂŒsse nicht viel zu..."
"Du glaubst wahrscheinlich auch noch, dass Deutschland keine Atombomben hat. NatĂŒrlich sind die AbflĂŒsse nicht zu klein. Das gaukelt dir die Gesellschaft nur vor."
Ihr Gesicht war leicht gerötet, in ihrer Mimik schlug sich ein Anflug von NervositÀt nieder. Wahrscheinlich hatte sie recht.
"Ich muss jetzt nachdenken", verkĂŒndete sie großspurig und zog die Augenbrauen hoch und die Stirn in Falten, dass niemand an der Wahrhaftigkeit ihrer Aussage zweifelte.

Der Plan klang denkbar einfach: Eine Freundin hatte das Marihuana aus den Niederlanden im TeddybÀr ihrer kleinen Schwester eingeschmuggelt und dort wollten wir es an jenem Nachmittage abholen.
FĂŒr Miriam klang der Plan leider zu einfach und mit ihrem GespĂŒr fĂŒr staatliche Verschwörungen nahm sie an der einen oder anderen Stelle diverse Änderungen vor, die die DurchfĂŒhrung nur unwesentlich erschwerten.
"Gesicht einschmieren", befahl sie und hielt mir zwei Tuben hell und dunkelgrĂŒner Farbe hin. Meinen fragenden Blick erwiderte sie mit einem ungeduldigen "Jetzt mach' schon".
"Zur Tarnung?"
"WofĂŒr sonst?"
"Aber wir laufen durch die Stadt, da ist doch GrĂŒn eine eher unbekannte Farbe", zweifelte ich, "auch wenn wir auf dem Land wohnen."
"Das denkst du? Glaub' nicht alles, was du hörst und siehst."
"Die Naziwichser?" fragte ich.
"Die Naziwichser", antwortete sie, "sie verbreiten LĂŒgen wie Zeitungen."
Nach der kosmetischen Behandlung setzte sie mir noch eine schwarze Sonnenbrille auf und grinste zufrieden.
"So mĂŒsste es funktionieren."
Mit einem GefĂŒhl der Erhabenheit traten wir in die Öffentlichkeit der Straße und bemĂŒhten uns, möglichst unauffĂ€llig zu wirken.
"Keine plötzlichen GerĂ€usche", warnte Marina, "und bloß kein offenes Feuer, das fĂ€llt sofort auf."
"Den Naziwichsern?" fragte ich.
"Den Naziwichsern", antwortete sie. "Die könnte hinter jedem Busch hocken und nur darauf warten uns auffliegen zu lassen. Der Staat mag es nicht, wenn man eine Revolution zu seinen Ungunsten plant."
Gab es etwa eine Revolution zu Gunsten des Staates? Nun ja.
Wir brauchten fast eine halbe Stunde, um das Ende unserer Straße zu erreichen, so unauffĂ€llig bewegten wir uns. Das war eben unsere erste Revolution, da musste man gewisse Verzögerungen in Kauf nehmen, das war beim ersten Sex oder beim ersten Fahrradfahren nicht anders.
Als ich, wie nun mal als angepasster StaatsbĂŒrger gewohnt, ĂŒber eine Hauptstraße gehen wollte, zog Marina abrupt an meinem Ärmel.
"Bist du bescheuert?" Sie blickte mich mit entsetzten Augen an, die mir ganz offensichtlich Gedankenlosigkeit unterstellten"willst du dem Feind, den Naziwichsern in die Arme laufen? Wir nehmen die Seitenstraße. Beim nĂ€chsten Mal solltest du etwas aufmerksamer sein."
Wir stahlen uns also durch die Seitenstraße und als wir die nĂ€chste Hauptstraße erreichten, wollte ich wie gewohnt - ganz der RevolutionĂ€r - auf der nĂ€chsten Seitenstraße zur Rechten den Weg fortsetzen, doch ich hatte die Rechnung ohne Marina gemacht.
"Das meinst du jetzt nicht ernst?", fragte sie und warf mir einen abfÀlligen Blick zu.
"Ich meine was jetzt nicht ernst?"
Ihre erster Ärger wich einer gewitterhaft plötzlich aufziehenden Zornesröte.
"Na, du willst doch nicht ernsthaft rechts einbiegen, oder?"
"Was spricht dagegen rechts zu gehen." Kaum hatte ich diesen Satz ausgesprochen, war mir klar, was sie störte.
Eine dreiviertel Stunde spĂ€ter erreichten wir unseren Zielort. Wir nahmen zwecks Ablehnung faschistischer StraßenzĂŒge einen ziemlich großen Umweg in Kauf. Genauer genommen umkreisten wir die Stadt und zogen unsere Radien immer kleiner, bis uns ziemlich ĂŒbel geworden war.
Marina drĂŒckte auf die Klingel und erwartete mit Hochspannung ihre Freundin. Diese öffnete leicht verspĂ€tet, einen Schrubber samt Lappen in der Hand haltend.
"Hallo Anna", flĂŒsterte Marina und drehte sich argwöhnisch nach allen Seiten um, "ich dachte, ich hole schon mal den Stoff. Ich weiß, du kommst ohnehin heute Abend, aber ich dachte ich nehme ihn schon mal mit. Unsere Gegend ist relativ sicher. Die Revolution darf nicht gefĂ€hrdet werden."
Ich nickte zustimmend und fĂŒhlte mich prompt wie Klein-Che.
"Welche Revolution?" fragte Anne und betrachtete ebenso verdutzt unserer bemalten Gesichter.
Meine Nachbarin brummte genervt.
"Welche Revolution? Na DIE Revolution. Wo der Staat gestĂŒrzt wird, die Naziwichser, das System. Wo wir die Macht ĂŒbernehmen. Verstehst du?"
"Nö."
"Na egal, ich werde es dir heute Abend erklĂ€ren. Kannst du mir den Stoff nun geben oder soll ich hier Wurzeln schlagen? Wer weiß, wann der staatlich-faschistische Geheimdienst hier antanzt und uns fĂŒr den Rest unseres Lebens einbuchtet."
Anne runzelte die Stirn.
"Mmm, kann ich das Zeug nicht besser heute Abend mitbringen? Ich habe gerade geputzt und will jetzt nicht ĂŒber den nassen Boden in mein Zimmer laufen."
Marina verzog entsetzt ihr Gesicht.
"Bist du krank? Nur weil du zu faul bist, um noch einmal zu putzen, gefÀhrdest du die Revolution. Bist du am Ende vielleicht auch einer dieser Naziwichser? HÀh? Gib's schon zu, ich habe dich lÀngst durchschaut."
"NatĂŒrlich nicht. Aber du musst mich verstehen." Anne versuchte sich an einem vor Arbeit gezeichnetem Gesicht. "Ich habe fast den ganzen Vormittag hierfĂŒr gebraucht."
Marina spielte noch kurz mit dem Gedanken ein weiteres Argument hervorzubringen, willigte dann aber ein.
"Na gut, dann bringst du es heute Abend mit. Aber sei pĂŒnktlich. Mitternacht und keine Minute spĂ€ter." Und bevor wir gingen. "Wenn was schief geht, mache ich dich dafĂŒr verantwortlich. Ist das klar?" Anne nickte nur beilĂ€ufig. Sie war bereits wieder in ihrer Putzarbeit vertieft.
Der RĂŒckweg geriet zu einem Ă€ußerst dramatischen Unterfangen. Die ersten Meter legten wir problemlos zurĂŒck, an die argwöhnischen Blicke der "ein- und beschrĂ€nkten Massenmenschen", wie meine Nachbarin unsere Mitmenschen zu nennen pflegte, hatten wir uns bereits gewöhnt. Kurz vor unserer Straße, wir wĂ€hnten uns bereits in Sicherheit, kam uns ein großformatiger Herr im schwarzen Anzug entgegen, gewichtig im Gang und autoritĂ€r in seinem Erscheinungsbild. Noch bevor Marina etwas wie "Nichts wie weg hier" brummte, hatte sich der Mann bereits vor uns plaziert und schenkte uns ein meilenweites Grinsen, das uns seltsam ĂŒberlegen und bösartig erschien. Wir erwarteten Handschellen, den auf uns gerichteten Lauf eines Maschinengewehrs, das Abzeichen eines Geheimagenten, einen wohl formulierten Haftbefehl.
"Hat jemand von euch beiden Feuer?", fragte er freundlich und schenkte uns ein Grinsen. Hatten wir uns etwa geirrt oder war das nur...
"Sie wollen Feuer? Sie wollen Feuer?", rief meine Nachbarin ohne Wert auf ĂŒbermĂ€ĂŸige Freundlichkeit zu legen, "sie können froh sein, wenn wir ihnen kein Feuer unter dem Hintern machen und ihrer verdammten Visage eine Abreibung verpassen. Sie scheiß Naziwichser! Sie wollen uns doch nur auffliegen lassen." Und bevor dieser etwas zu seiner Verteidigung erwidern konnte: "Los, Kevin, renn! Der Typ ist ein Bulle."
WĂ€hrend wir um unser Leben rannten, klingelte der Mann aufreizend gemĂ€chlich an der nĂ€chsten TĂŒr und begrĂŒĂŸte die bald darauf erscheinende Frau.
"Hallo, ich hoffe, ihr habt mir noch ein StĂŒck von eurer Hochzeitstorte ĂŒbrig gelassen."
Zu Hause wuschen wir unsere Gesichter und bereiteten im Keller alles auf die große Revolution vor. Meine Nachbarin schnitt rote Sterne aus und klebte sie an die Wand, versuchte sich an einem Che Guevara Portrait und legte eine Rage Against the Machine Scheibe in den CD-Player. UnwillkĂŒrlich musste ich an Weihnachten denken. FĂŒr den Empfang des "Weihnachtsmannes" wurde auch immer alles hĂŒbsch hergerichtet und an diesem Tage warteten wir ja auch auf eine Art Weihnachtsmann. Auf den Weihnachtsmann der Revolution, der uns illegales GrĂŒnzeug mitbrachte.
Im Fernsehen jedoch suchten wir vergeblich nach der Sendung "Wir warten auf die Revolution".
"Die Naziwichser?", fragte ich.
"Die Naziwichser", antwortete meine Nachbarin. "Sie kontrollieren alles."
WĂ€hrend wir uns einen Spielfilm ansahen, wir waren mittlerweile alleine zu Hause, knabberte Marina Ă€ußerst gerĂ€uschvoll rote Beete. Was sonst? Ich verzichtete mit RĂŒcksicht auf meinen empfindlichen Magen auf die absolute Stufe der Revolution, weshalb ich mir böse Blicke meiner Nachbarin einhandelte.
"Du kannst dir nicht nur die Rosinen heraus picken", sagte sie vorwurfsvoll, worauf ich sie fragte, was es denn ĂŒberhaupt bringen solle rote Beete zu löffeln.
"Ach, du verstehst das nicht", meinte sie barsch und verwehrte mir fĂŒr die folgenden zehn Minuten den Blickkontakt, nahm ihn aber schließlich wieder auf, als ihre Sehnsucht nach der Revolution nur allzu groß wurde.
"Ich hoffe Anna verspÀtet sich nicht", sagte sie und seufzte, "ich brauch jetzt unbedingt einen Joint."
"Woher willst du das wissen? Du hast noch nie einen geraucht."
"Sei gefĂ€lligst nicht immer so pingelig, du verdammter Spießer", erwiderte sie beleidigt und strich die Tischdecke glatt, bis auch die letzte Falte ausgebĂŒgelt war.
Wir schauten weiter fern, ließen die Welt an uns vorĂŒberziehen und lauschten kommunistischen KlĂ€ngen. Als in den Nachrichten zufĂ€llig vom Verbot einer Autonomen-Demo berichtet wurde, sprang Maria empört auf und ich tat meine Pflicht.
"Naziwichser?" fragte ich.
"Naziwichser", antwortete sie, "denen sollte man den Hals umdrehen. Ich fĂŒhle mich wie im dritten Reich. Fehlt nur noch, dass Morgen ein verrĂŒckter österreichischer Hobbymaler mit Sexualneurosen den Bundestag stĂŒrmt."
Ich fragte sie, ob sie da nicht ein wenig den Teufel an die Wand male, worauf sie mir vorwarf ein naiver Allesglauber zu sein.
"Aber ich habe dir doch eben etwas nicht geglaubt", hakte ich nach, "das mit dem österreichischen Hobbymaler meine ich."
Verbittert schĂŒttelte sie den Kopf. "NatĂŒrlich bezieht sich das nur auf den Staat. Mir hingegen darfst du alles glauben?"
"Ich soll dir also blind glauben, dem Staat aber nicht?"
"Jetzt hast du es verstanden. Ist doch gar nicht so schwer." Sie lÀchelte zufrieden und schob sich die letzte Rote Beete Scheibe in den Mund.
Ich versuchte es mir zu merken, wollte es aber nicht so recht akzeptieren. Bedeutete Revolution nicht Grundlegendes zu Àndern?
"Weißt du, ich trĂ€ume von der absoluten Gleichberechtigung aller Menschen, mit Ausnahme der Naziwichser natĂŒrlich."
"NatĂŒrlich."
"Ein System der absoluten Gleichberechtigung...in dem Unsereins, die AnhÀnger der kommunistischen Idee, die Macht innehalten, um so im Zeichen der Gerechtigkeit zu regieren."
Mir war nicht ganz klar wie die Worte Gleichberechtigung und Macht einer bestimmten Gruppe zueinander passen, doch wollte ich Marina nicht irgendeiner Illusion berauben. Ich wusste nicht, warum mir gerade in diesem Moment Georg Orwells Animal Farm in den Kopf schoss. Reiner Zufall wahrscheinlich.
AllmĂ€hlich ging uns der GesprĂ€chsstoff aus, Marina schwelgte weiter in sozialistischen Idealen und die Uhr nĂ€herte sich unweigerlich der 12. Wir waren gerade damit beschĂ€ftigt einzuschlafen, als uns das barsche Klingeln des Telefons in die RealitĂ€t zurĂŒckholte. Wie gewohnt wollte ich zum Hörer greifen, als Marina mich an meinen Ärmel packte und mir mit eindeutigem Gesichtsausdruck gebot die Finger vom Telefon zu lassen.
"Naziwichser?"
"Naziwichser. Sie könnten uns aushorchen oder wenigstens wissen wollen, ob wir zu Hause sind, um unsere schöne Revolution noch zu verhindern. Die wollen doch nur ihren Arsch retten. Die haben eine scheiß Angst, in der neuen Gesellschaftsordnung keinen Platz mehr zu finden, verstehst du?"
Ehrlich gesagt verstand ich nicht, doch weil ich fĂŒrchtete bei einer weiteren Offenbarung meiner kindlichen SchwerverstĂ€ndlichkeit auch körperliche SchĂ€den davonzutragen, nickte ich gefĂ€llig.
"Also nicht abnehmen?"
"Nein, nicht abnehmen."
Nach einer knappen Minute verstummte der Apparat und wir setzten das Warten auf die Revolution fort.
Marina verfielt zunehmend in eine Art Delirium, sie begann bruchhafte SĂ€tze zu fantasieren und redete immerzu von "Ja, nieder mit dem Kapitalismus, nieder mit den Naziwichsern!" Und dazwischen "Gras, Gras, gib' mir Gras! Wir brauchen die Revolution."
Niemand gab ihr Gras. Ihre Freundin hatte offensichtlich ein leicht zwangloses VerhÀltnis zur Zeit.
"Und wenn sie eben angerufen hat, um abzusagen?"
Marina warf mir einen bösen Blick zu.
"Ich meinte, das könnte doch durchaus sein", stotterte ich.
"Wie oft muss ich dir das denn noch erklÀren. Das waren die verdammten Naziwichser, nicht Anna. Du solltest echt mal nachdenken, bevor du etwas sagst."
"Wer im Glashau...nun ja, vielleicht hast du recht. Warten wir noch eine Weile."
Wir warteten mindestens drei Weilen. Marina war bereits in einen komatösen Halbschlaf gefallen, stammelte nur noch "Gras, Gras! Revolution, Revolution! Naziwichser raus! Naziwichser raus!" und rieb sich gelegentlich ihre rot unterlaufenen Augen, um den Umsturz nicht zu verschlafen. Schließlich riss uns das Telefon erneut aus der Ruhe. Verbissen starrte ich auf den Hörer.
"Dann nimm schon ab", meinte Marina verĂ€rgert und meinen Blick korrekt interpretierend, "du glaubst mir ja ohnehin nicht." Und als ich zögerte: "Na los, keine falsche ZurĂŒckhaltung. Du wirst schon sehen, was du davon hast."
Also nahm ich ab und siehe da - Anna war am Apparat und sagte die Revolution ab.
"Warum?" fragte Marina mit entsetztem Gesichtsausdruck und war mit einem Male hellwach.
"Magen verdorben. Vielleicht das Essen." Und noch ehe sie antworten konnte, fĂŒgte ich hinzu: "Naziwichser?"
"Naziwichser", antwortete sie und seufzte resigniert, "na dann wird's wohl nichts mit der Revolution. Verdammte Scheißwelt!"

Am nĂ€chsten Morgen hörte ich in den Radionachrichten, dass zwei SchĂŒler am Vortag einem Marokkaner das Leben gerettet hatten. Er wurde gerade von einem rechtsradikalen Halbstarken mit einem BaseballschlĂ€ger verprĂŒgelt, als die beiden eintrafen und den TĂ€ter mit gezielten Tritten außer Gefecht setzten.

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