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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Regeln
Eingestellt am 15. 05. 2016 19:37


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Magnus Gosdek
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Registriert: May 2016

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Regeln

Es war einfach. Aber das hatte ich auch nicht anders erwartet. In meinem Beruf war das eine Grundvoraussetzung. „Geh schwierigen Sachen aus dem Weg und mach die einfachen Dinge!“ Dies war die erste Regel, die ich gelernt hatte und ich befolgte sie gewissenhaft. Es war auch gar nicht nötig, mich mit komplizierten Dingen zu beschĂ€ftigen, dafĂŒr gab es zu viele Alternativen. Eine von ihnen war der Mann in der grauen Regenjacke, der in der FußgĂ€ngerzone vor dem Schaufenster einer Boutique stehen geblieben war und in seiner Einkaufstasche herumkramte.
Ich kannte solche Typen. Alleinstehend, ein wenig eigenbrötlerisch und etwas zerstreut. Gerade diese letzte Eigenschaft zog mich unwiderstehlich an. Wie ich es erwartet hatte, bemerkte er mich fast gar nicht, bis ich ihn anrempelte. Aus Versehen, wie er es deutete, unbedingt notwendig, wie ich wusste.
„Entschuldigen sie“, sagte ich und legte ihm die Hand auf die Schulter. Fest genug, dass er sie dort spĂŒrte.
Der Mann war sicherlich ĂŒber sechzig und etwas kleiner als ich. Als er mir nun den Kopf zuwandte, sah er schrĂ€g zu mir empor.
„Was?“ fragte er und klammerte sich fester an seiner Einkaufstasche.
Ich aber hatte meine Hand bereits wieder von seiner Schulter gelöst und ging weiter. „Wenn der Job erledigt ist, sieh nicht zurĂŒck!“ Dies war die zweite Regel und dieser Job war erledigt. Ich spĂŒrte die Brieftasche des Mannes in meiner Hand, die ich nun im meiner Jacke verborgen hielt. SpĂ€ter wĂŒrde ich das Geld herausnehmen und alles andere wegwerfen. „Behalte nichts, was zurĂŒckverfolgt werden kann!“ Das war der letzte Grundsatz, den ich mir zu Eigen gemacht hatte. So ging ich die Straße der FußgĂ€ngerzone unbeirrt entlang, in jener entspannten Hektik, wie es die Passanten um mich herum auch taten.
Komplizierte Sachen entstehen in der Regel durch unsere eigene Fehlerhaftigkeit. Irgendein kluger Mann sagte einmal: Entwerfe einen Plan und wenn dieser in deinem Kopf fertig ist, so handele danach. Weichst du nur einen Millimeter davon ab, so fĂŒhrt das unweigerlich zur Katastrophe. An diesem Tag aber dachte ich nicht daran.
Ich dachte ĂŒberhaupt nichts. Zu oft hatte ich den Trick schon durchgefĂŒhrt, um mir Sorgen zu machen. So blieb ich stehen, zĂŒndete mir eine Zigarette an und sah die Straße zurĂŒck zu dem Mann, der mein letztes, unwissendes Opfer geworden war.
Ich sah ihn immer noch dort an dem Schaufenster jener Boutique, die Sommerkleidung fĂŒr Frauen anbot. Der Mann aber achtete nicht auf die Auslagen. Er kramte auch nicht mehr in seiner Einkaufstasche. Der Mann kniete auf dem Boden und fasste sich an seine Brust. Gerade in dem Augenblick, als ich zu ihm hinĂŒbersah, knickte er zur Seite weg und fiel auf seine Einkaufstausche, die er bereits los gelassen hatte.
Die Passanten wandten ihm im Vorbeigehen den Kopf zu. Doch blieben sie nicht stehen. Vielleicht mochten sie ihn fĂŒr einen SĂ€ufer halten. Ich wusste, dass er es nicht war.
Um die Zigarette anzuzĂŒnden, hatte ich meine Hand aus der Jackentasche gezogen. Nun aber befĂŒhlte ich mit ihr unwillkĂŒrlich den Inhalt und spĂŒrte die harten Abmaße der Brieftasche. Dies war der Augenblick, in dem ich meinen Weg noch hĂ€tte fortsetzen können. Dreh dich um und geh weiter, sagte ich zu mir. Aber ich wandte mich nicht um. Ich sah immer noch zu dem Mann hinĂŒber, der nun fast reglos auf dem Pflaster der FußgĂ€ngerzone lag, ohne dass einer der Passanten stehen blieb.
Menschen wie ich besitzen kein Mitleid. Andernfalls könnten wir unsere TĂ€tigkeit nicht ausĂŒben. Wir stehlen Brieftaschen, manchmal auch Schmuck. Keinesfalls machen wir uns Gedanken ĂŒber die Opfer. Sie mussten den Verlust schon verschmerzen. Manchmal bemerkten sie es erst nach einigen Stunden. Sicherlich waren sie wĂŒtend und einige von ihnen erstatteten eine Anzeige. Das gehörte nun einmal dazu. Doch keinesfalls, dass meine Opfer auf dem Boden lagen und sich krĂŒmmten.
Ich wartete einige Sekunden, um zu sehen, dass sich einer der Passanten schließlich doch zu dem Mann hinunterbeugte und ihm half. Daraufhin hĂ€tte ich meinem Instinkt folgen und fortgehen können. Doch niemand tat mir den Gefallen. Wieder befĂŒhlte ich die Brieftasche in meiner Jacke. Sie wog inzwischen so viel wie eine Monolith.
Aber ich zögerte, dem Mann zu helfen. Wenn ich zurĂŒckging und mich neben ihn kniete, mochte ein Beobachter glauben, ich wĂŒrde ihn berauben. Woher hĂ€tte er auch wissen sollen, dass es schon lĂ€ngst geschehen war? Das Risiko war zu groß.
So stand ich kaum einhundert Meter entfernt unschlĂŒssig herum und hoffte, dass der Mann wieder aufstehen wĂŒrde. Aber er tat es nicht und ich bekam Angst. Immerhin war es kein Unbekannter fĂŒr mich. Ich hatte ihn bestohlen, ich hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt und nun rĂŒhrte er sich nicht mehr. Vielleicht hatte er eine Herzattacke erlitten. Irgendwann wĂŒrde schon jemand stehen bleiben, dann aber war es möglicherweise zu spĂ€t. Sie wĂŒrden den Verlust der Brieftasche wahrscheinlich nicht sofort bemerken, ganz sicher aber spĂ€ter. Mochte der Diebstahl in einem direkten Zusammenhang mit der Herzattacke stehen oder nicht, die Zeitungen wĂŒrden es jedenfalls so darstellen. Bei dem Gedanken, fĂŒr den Tod des Mannes öffentlich verantwortlich gemacht zu werden, wurde mir ĂŒbel. In dieser Branche war ich nicht tĂ€tig. Ich war nur ein Dieb.
Dann ging alles sehr schnell. Achtlos ließ ich die Zigarette auf den Boden fallen und rannte zu dem Mann hinĂŒber. Als ich mich neben ihn niederkniete, zuckte er noch ein wenig. Ich legte ihm meine Hand auf die Schulter und ruckelte heftig an ihr. Der Mann aber reagierte nicht darauf. Ich wandte mich um. Einige Passanten waren stehen geblieben und beobachteten uns wie eine FußgĂ€ngerattraktion.
„Rufen sie den Notarzt!“ rief ich dem NĂ€chstehenden zu.
Der junge Bursche sah mich verwirrt an. Er schien ĂŒberrascht, dass ich ihn direkt angesprochen hatte.
„Machen sie schon!“ schnauzte ich ihn an und er zuckte zusammen. Dann aber zog er sein Mobiltelefon aus der Tasche und wĂ€hlte die Nummer.
Ich versuchte mich an alles zu erinnern, was ich ĂŒber erste Hilfe gehört hatte, aber es fiel mir nichts ein. War die Seitenlage besser oder sollten die FĂŒĂŸe hochgelegt werden? Ich wusste es nicht, doch erinnerte ich mich daran, dass in Filmen immer auf den Brustkasten gedrĂŒckt wurde. Ich legte meine HĂ€nde ĂŒber Kreuz und begann, zu pumpen.
Der junge Bursche hatte inzwischen sein Mobiltelefon wieder eingesteckt und schien sich nun persönlich verantwortlich. Jedenfalls kam er zu mir und kniete sich ebenfalls neben den Mann.
„Der Notarzt ist sofort da“, sagte er und sah mich verschwörerisch an.
Ich hatte keine Zeit zu antworten. Nun, nachdem ich mit dem Pressen begonnen hatte, konnte ich nicht mehr aufhören. Ich wusste nicht, ob es richtig war, doch wollte ich keinesfalls aufgeben. Der Mann am Boden ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken.
Aus der Ferne hörte ich die Sirene des Notarztes. Das GerÀusch beruhigte mich ein wenig, mehr jedoch noch, als der Wagen unmittelbar danach neben dem Schaufenster hielt und zwei Ersthelfer heraussprangen.
„Was ist passiert?“ fragte der eine von ihnen, ein Berg von einem Mann, dem ich ohne weiteres zugetraut hĂ€tte, ohne weitere Hilfe einen Ochsen von Boden empor zu wuchten.
„Ich weiß nicht. Er ist einfach zusammen gebrochen“, sagte ich und sah zu ihm empor, ohne das Pressen zu unterbrechen.
„Kennen sie ihn?“ fragte der Ersthelfer.
„Nein, ich war nur zufĂ€llig da“, sagte ich fast wahrheitsgemĂ€ĂŸ.
Der andere Helfer, schmĂ€chtiger als sein Kollege, aber mit langen, eleganten Fingern ausgestattet, die ihm auch in meinem Beruf Erfolg versprochen hĂ€tte, kniete sich wortlos neben den alten Mann. Ich nahm meine HĂ€nde von dem Brustkasten und die geschickten Finger des Ersthelfers ĂŒbernahmen nun meine Aufgabe. Der zweite SanitĂ€ter sah einen Augenblick zu. Dann aber wandte er sich entschlossen um und lief zurĂŒck zu dem Rettungswagen. Er öffnete die hintere TĂŒr und zog eine Trage hervor.
Ich trat ein paar Schritte zurĂŒck in die Gruppe der Schaulustigen, die sich inzwischen angesammelt hatte. Der junge Mann mit dem Mobiltelefon stand neben mir und beobachtete ebenfalls die Szene. Einige Male sah er zu mir herĂŒber. Ich streckte ihm die Hand entgegen und klopfte ihm auf die Schulter.
„Danke, dass sie geholfen haben“, sagte ich.
„Man kann doch nicht tatenlos zusehen“, sagte der Bursche.
Ich nickte. Inzwischen hatten die Ersthelfer den Mann auf der Trage verschnĂŒrt und schoben ihn nun in den hinteren Teil des Wagens. Sie sprangen in die Fahrzeugkabine und nur einen Augenblick spĂ€ter schaltete der Notarztwagen die Sirene ein. Als er am Ende der FußgĂ€ngerzone verschwand, löste sich die Gruppe der Zuschauer auf.
Auch ich ging fort und hatte ein gutes GefĂŒhl. Der alte Mann befand sich nun in den richtigen HĂ€nden. Wenn die Krankenschwestern spĂ€ter nach seinen Papieren sahen, wĂŒrden sie sie in der Brieftasche finden, die ich ihm wĂ€hrend meiner BemĂŒhungen zurĂŒck in die Jacke gesteckt hatte.
Das war zwar nicht das ĂŒbliche Verhalten eines Diebes, doch fand ich es in dieser Situation angemessen. Immerhin besaß ich nun dafĂŒr ein neues Mobiltelefon und ich rechnete nicht damit, dass der junge Mann auf der Straße zusammenbrechen wĂŒrde, wenn er den Verlust bemerkte.
Geh schwierigen Sachen aus dem Weg und mach die einfachen Dinge. Regeln waren dafĂŒr da, dass man sie befolgte.

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jon
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steyrer
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Hey, das ist eine fast perfekte Geschichte! :)

Ich hÀtte nur noch ein paar kleinere Anmerkungen:

quote:
Ich spĂŒrte die Brieftasche des Mannes in meiner Hand, die ich nun im in meiner Jacke verborgen hielt.


quote:
Das war der letzte Grundsatz, den ich mir zu Eigen zu eigen gemacht hatte.


quote:
Irgendein kluger Mann sagte einmal: Entwerfe Entwirf einen Plan, und wenn dieser in deinem Kopf fertig ist, so handele danach.


quote:
Gerade in dem Augenblick, als ich zu ihm hinĂŒbersah, knickte er zur Seite weg und fiel auf seine Einkaufstausche, die er bereits los gelassen losgelassen hatte.

quote:
Sie wog inzwischen so viel wie eine Monolith.

quote:
„Rufen sie den Notarzt!“ rief ich dem NĂ€chstehenden NĂ€chststehenden zu.

quote:
Ich versuchte mich an alles zu erinnern, was ich ĂŒber erste Hilfe Erste Hilfe gehört hatte, aber es fiel mir nichts ein.


quote:
Er ist einfach zusammen gebrochen zusammengebrochen“, sagte ich und sah zu ihm empor, ohne das Pressen zu unterbrechen.

quote:
Der andere Helfer, schmÀchtiger als sein Kollege, aber mit langen, eleganten Fingern ausgestattet, die ihm auch in meinem Beruf Erfolg versprochen hÀtten, kniete sich wortlos neben den alten Mann.

Schöne GrĂŒĂŸe
steyrer


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Magnus Gosdek
HĂ€ufig gelesener Autor
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Vielen Dank, Steyrer. Das ist mir glatt durchgegangen. Werde ich Àndern. Und schön, dass Dir die Geschichte gefÀllt.
Lieben Gruß
Magnus

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