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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Regen.
Eingestellt am 23. 10. 2017 16:04


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PetervonVehter
Hobbydichter
Registriert: Oct 2017

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REGEN


Wasser fiel in dicken Tropfen aus der Wolkendecke hinab, die den Himmel wie ein blauschwarzer Schleier einzuh├╝llen schien. Wirkte dabei so dunkel und tr├╝b wie die Gedanken der Menschen in dem Boot, auf das es gerade unaufh├Ârlich hinabprasselte und das unter ihm fast unwirklich, so unsagbar klein anmutete. Die armen Gesch├Âpfe, die sich darin befanden, sahen dabei wie die Komposition eines Malers aus, der mit dem Pinsel scheinbar willk├╝rlich bunte Farbkleckse auf seiner Leinwand in der Mitte einer einfarbigen Wasserlandschaft platziert hatte. Blickte man in ihre Gesichter, meinte man die Lethargie f├Ârmlich sp├╝ren zu k├Ânnen, die bereits Besitz von ihnen ergriffen hatte. In manchen Augenpaaren spiegelte sich wiederum ein angesichts der Situation fast absurd erscheinender Hoffnungsschimmer wider, der sich von ihren ausdruckslosen Mienen deutlich abhob.

Ein junger Mann im hinteren Bereich der schwimmenden, ├╝bervollen Nussschale klammerte sich zitternd abwechselnd an der Reling und am Nacken seines Vordermannes fest. Das Krachen der Wellen, durch den aufkommenden Wind l├Ąngst zu Wogen erwachsen, lie├č ihn in jenen Augenblicken, als sie gegen die Holzplanken schlugen, immer wieder aufs Neue zusammenzucken. Er wusste nicht, was schlimmer war: Das Bewusstsein f├╝r die Schuld, seine Familie, seine Heimat, sein bisheriges Leben hinter sich, ja, im Stich gelassen zu haben, und die nun wie eine schwere Last auf seinen Schultern ruhte. Oder dieser immer wieder aufkeimende Angstzustand, der ihn seit dem Besteigen des kleinen Schiffes qu├Ąlte, und noch um den Verstand zu bringen drohte.

Zu Hause in Nigeria waren es ganz andere Dinge gewesen, die ihn besch├Ąftigen. Wie der Krieg, der zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen seines Landes tobte. In seinen Augen etwas F├╝rchterliches, Unbegreifliches. Waren sie doch letzten Endes alle B├╝rger des ein und desselben Landes, verbunden durch Kultur, Nationalit├Ąt und Mentalit├Ąt. Religion allein konnte und durfte einfach keine Rolle in der Entscheidung ├╝ber Leben und Tod spielen. Mit Schrecken kam ihm dabei die Erinnerung an die Ger├Ąuschkulisse in den Sinn, die sich einem an den vielen Kriegsschaupl├Ątzen, die ├╝ber das ganze Land verstreut waren bot, und die sich ihm mit der Zeit schier unausl├Âschlich ins Ged├Ąchtnis eingebrannt hatte. Wie ein Echo hallten die verzweifelten Schreie und ratternden Gewehrsalven noch immer durch seinen Geh├Ârgang, der bis tief in seine Erinnerung reichte.
Heute wie damals empfand er diese wie schwere, z├Ąhfl├╝ssige Regentropfen, die vom dunkelgrauen Himmel auf die staubtrockene afrikanische Erde herabfielen, und die ihn f├Ârmlich dazu zwangen, sich die Ohren mit Watte zu verstopfen.

Minuten waren allm├Ąhlich zu Stunden geworden. Ein Tag folgte dem n├Ąchsten, um ihn psychisch derma├čen an den Rand der Ersch├Âpfung zu treiben, als h├Ątte er ein ganzes Jahr durchlebt. Er wusste nicht mehr, wann seine F├╝├če zuletzt festen Boden betreten hatten, geschweige denn, wo genau er sich im Moment tats├Ąchlich befand.

Auf der anderen Seite des Wassers wartet das bessere Leben, hatten sie gesagt. Seine Familie, die Freunde, alle. Also war er gegangen, um etwas zu ├Ąndern, es besser zu machen. F├╝r sie. Und dennoch f├╝hlte er sich schuldig, sie verlassen zu haben. Wom├Âglich f├╝r immer.

Vielleicht waren es nur noch eine Handvoll Kilometer bis nach Italien. Der Hunger und die in unregelm├Ą├čigen Abst├Ąnden wiederkehrende Seekrankheit taten ihr ├ťbriges dazu, dass er w├Ąhrend dieser zu seiner pers├Ânlichen Odyssee gewordenen Reise nicht nur einmal meinte, er k├Ânne bereits den schmalen K├╝stenstreifen Siziliens vor seinen Augen tanzen sehen. Ob der alte Fischkutter, auf dem er mitsamt den anderen Passagieren zusammengepfercht wie ein St├╝ck Vieh kauerte, wom├Âglich aber auch erst die H├Ąlfte der Strecke zur├╝ckgelegt hatte, daran wagte er gar nicht erst zu denken.

Je mehr er sich den Kopf dar├╝ber zermarterte, desto klarer erschien es ihm mit einem Mal:
Er musste es irgendwie schaffen, von hier fortzukommen. Und sei es auch nur f├╝r einen winzigen Moment. Wenn es seinem K├Ârper auch nicht gelingen w├╝rde, dieses schwimmende Gef├Ąngnis zu verlassen, so blieb ihm zumindest noch, sich von dort aus in seine Gedanken zu fl├╝chten, die ihn weit wegtrieben vom Hier und Jetzt. Vom Meer hinauf in die Wolken. Dorthin, von wo es gekommen war. Das Wasser. Er schloss die Augen, um die Welt f├╝r einen Augenblick in den Hintergrund treten zu lassen.

Und so fand er sich selbst als Tropfen wieder, der sich langsam vom Himmel losl├Âste. Im Fallen begegnete er Gleichgesinnten. Viele Einzelne formten allm├Ąhlich eine Einheit, wurden zum wilden Strom. Er taumelte, st├╝rzte, flog irgendwohin. Fiel immer weiter. W├╝rde zerschellen, verlaufen, verloren gehen. Sich dennoch wieder finden. Irgendwann wieder, dann. Er w├╝rde auf Gesichter treffen.
Diese schienen, gen Himmel gereckt, nur darauf zu warten, dass er sie benetzt. Wollte mit ihnen verschmelzen, sie einh├╝llen, verzieren. W├Ąhrend des Falls noch Wasser, nun vertrocknet, blo├č Staub. Die Reise nahm ein Ende, der Weg war weit.

Als sich seine Augenlider langsam und schwerf├Ąllig wieder ├Âffneten, war ihm, als w├╝rde er aus einem bleiernen Schlaf erwachen.
Er h├Ârte nicht das Gel├Ąchter spielender Kinder im Garten vor seinem Haus, war nicht an Bord eines Flugzeuges auf dem Weg nach Lagos. Er war immer noch irgendwo inmitten des nicht enden wollenden, fl├╝ssigen Nichts. Trieb orientierungslos vor sich hin wie ein Blatt, das der Wind l├Ąngst seinem Schicksal ├╝berlassen hatte. F├╝hlte den Regen, der sich mit seinen Tr├Ąnen zu einer warmen Fl├╝ssigkeit verband, und nun wie Tautropfen von seinen Wangen perlte.
Er war am Leben. Er war hier.

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DocSchneider
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Viele Gr├╝├če von DocSchneider

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