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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Regen
Eingestellt am 22. 08. 2002 14:35


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Mazirian
???
Registriert: Jul 2002

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Regen

Als man zum ersten Mal, davon sprach, dass Sturm und Regen immer hĂ€ufiger kamen, da meldeten sich Menschen mit sanften Herzen und selbstgestrickten Pullovern zu Wort. Sie hoben mahnend den Zeigefinger, bedeutungsschwer prophezeiend, dass man so nicht weiter machen könne. Und sie forderten, man mĂŒsse sich besinnen und einen anderen Weg zu leben einschlagen.
Aber ihre Furcht war die des GefĂŒhls und sie konnten nichts erwidern, als die Fachleute in ihren Archiven nachschauten und erklĂ€rten:
"Das ist ganz normal. So etwas kommt alle zehn Jahre mal wieder. Geht nach Hause, genießt das Leben und lasst euch nicht von euren TrĂ€umen irre machen."

Indes, Sturm und Regen nahmen weiterhin zu. Da begannen die Bauern zu murren, denn es verregnete die Ernten und verhagelte ihnen den Gewinn. Doch ein Oberfachmann, forschte in seinem Archiv und sagte:
"So etwas geschieht nur alle hundert Jahre einmal, aber es kommt vor und hat darum keine Bedeutung. Also seht nicht zu schwarz. NĂ€chstes Jahr wird alles wieder besser."
Da achtete niemand mehr groß auf die Bauern, denn sie waren nur wenige und bekannt dafĂŒr, dass sie gerne jammerten. Gut gehen lassen konnte man sich's trotzdem.

Als es aber nicht besser wurde und Sturm und Regen immer heftiger tobten, als der Hagel die DĂ€cher zerschlug und die hochwassernden FlĂŒsse die Ufer mit stinkendem Schlamm bedeckten, da machten sich viele Gedanken und es meldeten sich die Kaufleute zu Wort:
"Das kann niemand mehr bezahlen!", riefen sie "Keiner hat mehr Geld, unsere Waren zu kaufen. Wie kann man sich's da gut gehen lassen?".
Aber ein Hauptfachmann kam, mit einem alten Pergament, und sagte:
"Hier schaut, so etwas ist vor 500 Jahren schon einmal passiert. Also ist es normal und es hat nichts damit auf sich. DafĂŒr werden wir die nĂ€chsten 500 Jahre schönes Wetter haben."
Und die Leute waren's zufrieden, gingen nach Hause und setzten ihre DĂ€cher instand. Man konnte ja in 500 Jahren wieder darĂŒber reden.

Doch Sturm und Regen dauerten an, bis man Land von Wasser nicht mehr unterscheiden konnte. Da schrien die Leute vor Angst:
"Wer hilft uns jetzt? Wir ersaufen in unseren HĂ€usern und der Boden wird uns unter den FĂŒĂŸen weggespĂŒlt. Wir wollen, dass das wieder aufhört!"
Und endlich kam der oberste und weiseste aller FachmÀnner und sagte:
"Was schreit ihr und regt euch auf? Auch das hatten wir schon. Siebentausend Jahre ist es her", er öffnete ein schwarzes Buch mit einem geprÀgten goldenen Kreuz auf dem Deckel. "Seht, hier steht es geschrieben."
Sein LĂ€cheln war warm und zuversichtlich.

__________________
Es ist alles schon gesagt worden - nur noch nicht von jedem (Karl Valentin)

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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hallo mazirian,

schöne ĂŒbersetzung von
"erst wenn der letzte baum gerodet ist, ...daß man geld nicht essen kann."
frage mich seit tagen, wann die erste reaktion auf die, haha, jahrhundertflut hier auftaucht. die paar flĂŒchtigkeitsfehler sind geschenkt bei formulierungen wie:

"Und die Leute waren's zufrieden, gingen nach Hause und setzten ihre DĂ€cher instand."

vielleicht gewinnt die geschichte noch mehr, wenn du den alten stil der sprache konsequenter durchziehst.

kleines p.s.: wird auch heutzutage die taube einen palmzweig bringen können?"

gruß

rainer

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Conny
One-Hit-Wonder-Autor
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sehr schön und anschaulich geschrieben. die sprache hat was. auch vom inhalt her sehr zeitgemĂ€ĂŸ und daher explosiv.
__________________
"Die HĂ€lfte ist manchmal mehr als das Ganze."

Hesiod

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ElsaLaska
Guest
Registriert: Not Yet

kleine ergÀnzung

Hallo rainer,
es war ein Olivenzweig. Das ist wichtig.
Die Palmen waren am Palmsonntag in Jerusalem, ein paar JÀhrchen spÀter

LG
Elsa

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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schÀm

@ elsalaska

selbst als alter atheist muss ich mich schĂ€men, danke fĂŒr die richtigstellung, muss wohl mal wieder im buch der bĂŒcher lesen.

gruß

rainer

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Mazirian
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 21
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Dank an alle

Hallo zusammen,

erstmal vielen Dank fĂŒr das unerwartete Lob. Freu mich wie ein PlĂ€tzchen.

@Rainer
Mit durchgehend archaischer Sprache wĂ€r's natĂŒrlich konsistenter und hĂ€tte mir stilistisch auch besser gefallen. Aber es hĂ€tte auch ein wenig nach dem erhobenen Zeigefinger ausgesehen. Und den wollte ich im ersten Absatz "brechen" (ich vermute den meinst du)

Hm, abgesehen davon, dass in der Geschichte eben kein Gott warnt und keine Arche gebaut wird, könnt' ich mir vorstellen, dass die Taube den Schnipsel einer aktuellen Programmzeitschrift mitbringt ("Hurra, Harald Schmidt ist wieder da, alles ist in Ordnung.")
PS.: Äh, wenn du Zeit und Lust hast, könntest du mir vielleicht sagen welche FlĂŒchtigkeitsfehler du meinst - ich find' nĂ€mlich keine *schĂ€m*


schönen Gruß und schönes Wochenende

Achim

__________________
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