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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Regenmann
Eingestellt am 13. 04. 2014 20:50


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Nordtext
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Feb 2014

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Regenmann

Nach 18 Monaten fiel es Hernando nicht mehr schwer, zu erkennen, wann er seine Zeit verschwendete. Schon nach einer Ampelschaltung wusste er, ob er umsonst seinen Mantel von der Garderobe genommen hatte, und ob die Zugseile der Aufzugsanlage umsonst ihre heruntergekommene Kabine qualvoll durch den Schacht gezerrt hatten, nur um ihn die 10 Stockwerke bis zur Cr. Fernando Mazuera hinunter zu bef├Ârdern.

Meistens, das wusste er sicher, verschwendete er die Zeit, wenn er in seinem wasserdichten Twill immer und immer wieder den ├╝bel schmeckenden Rauch der in Blech verpackten Motoren an sich vorbeiziehen lie├č. Es h├Ątte ihm gleichg├╝ltig sein k├Ânnen. Denn es machte keinen Unterschied, ob er sie oben in seinem Wohnzimmer oder drau├čen an der Fu├čg├Ąngerkreuzung verschwendete. Die Cumbia-Fl├Âten fanden ohne ihn den Weg aus dem Radio durch die zwei Zimmer seiner Wohnung, wenn er den Knopf nicht runterdr├╝ckte, sodass er sich zu den ├ťbrigen einreihte. Und wenn er die Bilder malte, machte er das gewiss nicht der Kunst wegen, sondern der einfachen Freude wegen, mit dem Pinsel seine Bilder auf der Leinwand zu hinterlassen. Obwohl er sich tagelang ├╝ber den ├ťbergang von schroff und glatt eines neuen Musters freuen konnte, ohne sich daf├╝r zu sch├Ąmen, war er jedes Mal peinlich ber├╝hrt, wenn wom├Âglich jemand auf der Stra├če zusah, wie er unbeweglich den Regen auf seinen Schirm trommeln lie├č.

Unter den Wartenden f├╝hlte er sich, als m├╝sse er Rechenschaft dar├╝ber ablegen, mit wie wenig Inhalt er die kurzen Ampelperioden f├╝llte. Dabei war es zum Regenguss gerade einfach, an der Kreuzung unentdeckt zu bleiben. Er kam erst dann, wenn die Verk├Ąufer ihre Schleuderware schon gut mit den Planen verdeckt hatten und ihre vermummten H├Ąndlertische aus trockener Distanz im Auge behielten. Kurz nach dem Wolkenbruch. Die Fu├čg├Ąnger verlie├čen den B├╝rgersteig, sobald die Ampel es ihnen erlaubte. Eine Bedrohung stellten allenfalls die in den Stra├čen verwachsenen nach Kloake und Missetat riechenden Stadtkreaturen dar, die ohne Vorbehalte dicht an seinen Mantel herankrochen und ihre Pranken nach ihm ausstreckten, weil sie l├Ąngst vergessen hatten, wie man sich auf den Stra├čen zu verhalten hatte. Er hasste sie daf├╝r, dass sie nicht nur ihr Elend entbl├Â├čten, sondern es auch noch zur Schau stellten hier drau├čen.

Hernando selbst achtete besonders genau darauf, nicht hilflos auszusehen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Meist hielt er sein Smartphone in den H├Ąnden und dr├╝ckte in regelm├Ą├čigen Abst├Ąnden auf den Men├╝-Knopf, indessen er wartete. Es bewahrte ihn nie vor dem beklemmenden Gef├╝hl, dass sie ihn die ganze Zeit anstarrten.

Es gab zu viele Momente, in denen die Zeitverschwendung ├╝berhandnahm. Die Situationen, in denen es regnete, aber niemand unterwegs war. In denen er alleine wartete und wusste, die Frau w├╝rde niemals die Stra├če ├╝berqueren. Oder in denen der B├╝rgersteig so ├╝berf├╝llt war, dass es unm├Âglich gewesen w├Ąre, ihn unter seinem Regenschirm zwischen den anderen zu erreichen. Er hatte seinen Schirm immer dabei, auch wenn er ihn gerade so hielt, dass seine rechte Hand vor dem Regen nicht verschont blieb. Vor 18 Monaten waren die Regentropfen so erbarmungslos gegen sein Fenster geschlagen, dass er sich f├╝r den Schirm entschieden hatte. Von da an hatte er ihn gegen seinen Stock ausgetauscht.

ÔÇ×Schauen Sie, Se├▒or, wie kr├Ąftig die Tropfen sind. Sie schlagen so lange und hart auf den Asphalt, dass es doch nur eine Frage der Zeit ist, bis der Widerstand bricht. Sie vereinigen sich zu Rinnsalen, die sich zusammenschlie├čen und die Stra├če in einen rei├čenden Fluss verwandeln m├Âchten. Sehen Sie doch Se├▒or, der Tropfen f├╝gt sich da vielleicht noch dem Gebauten, aber fr├╝her oder sp├Ąter werden sich doch alle im rei├čenden Fluss vereinen.ÔÇť

Sie war bei Gr├╝n einfach mit den anderen mitgegangen. Er hatte die M├Âglichkeit verpasst, sie am Mantel zu packen. Wenn er gewusst h├Ątte, dass er noch 547 Tage sp├Ąter auf sie wartete, wenn er ihre waghalsigen Worte nur sofort begriffen h├Ątte, dann h├Ątte er ihren Mantel gepackt, der seine Hand geschliffen hatte, und sie vor Gr├╝n zur├╝ckgezogen, um sie zurechtzuweisen. Ihre Stimme war zu jung und flatterig gewesen, um sich der Gefahr bewusst zu werden, vor der Leichtigkeit, mit der sie ihre Worte w├Ąhlte. Er selbst war bereits im Fluss geschwommen. In den aufgesprungenen Arterien mitten in der Stadt, die mit geballter Wut zwischen den H├Ąusern heruntergeflossen waren und weder die Fu├čg├Ąnger, die Verk├Ąufer auf den Stra├čen noch die armseligen Stra├čenkreaturen verschont hatten. Das purpurfarbene Gew├Ąsser hatte mitgenommen, was mitzunehmen m├Âglich war und hatte seine letzten Tropfen aus der Stadt getragen, dorthin, wohin der Regen nicht gereicht hatte.


-Ist eigentlich alles in Ordnung bei Ihnen?

Das erste Mal, seit er hier war, redete jemand mit ihm, ohne ihm dabei seine Pranken auf die Schultern zu packen.

- Jaja, es ist alles in Ordnung.

Er w├╝rde sich jetzt stellen m├╝ssen. Dem Nichtstun.

- Warum sind Sie hier immer?

Er w├╝rde wom├Âglich sagen m├╝ssen, dass er nichts tat.

- Und Sie?
- Ich verkaufe Oberhemden da an der Ecke. Ahja, bunte und
wei├če Oberhemdchen.
- Dann werde ich mal vorbeischauen.
- Jaja. Die braucht man immer. Aber, Se├▒or. Sie stehen
hier immer im Regen. Das ist doch schei├če. Seh mir das
schon `ne Weile an.
- Ganz richtig. Ich steh hier im Regen. St├Âr┬┤ ich Sie dabei?
- Ja genau, Sie st├Âren mich irgendwie.
- Ich st├Âre Sie, indem ich hier stehe.
- Ja, Sie st├Âren. Ich bin ja derjenige, der Ihr
verzweifeltes Dasein aus dem Fenster miterleben muss. Sie
machen irgendwie gar nichts. Sie sehen
bemitleidenswerter aus als jederPenner, der hier im
Viertel rumlungert.
- Ich bin blind.
- Das kann ich wohl sehen.
- Und ich warte hier auf jemanden.
- Ahja. Das hat Teresa schon gesagt.
Meine Frau.
Sie hat immer ne verkl├Ąrte Vorstellung von allem.
Der Regenmann ist wieder da, sagt sie mir immer.
Der wartet bestimmt auf die Regenfrau.

Der Oberhemdenverk├Ąufer lachte jetzt ├╝ber Teresa.

- H├Âren Sie auf zu lachen. Ich warte auf `ne
Regenfrau.
- Jetzt verarschen Sie mich.

- Nein. Nein. Das tue ich nicht. Es geht eigentlich eher um
ihre Vorstellung vom Regen. Ich hab sie hier zuf├Ąllig
getroffen. Und sie hatte so eine radikale Vorstellung vom
Regen.
- Eine radikale Vorstellung vom Regen.
- Dass da eine Macht m├Âglich
ist, wenn sich alles vereint. So ein rauschender Fluss.
Aber es geht ja gerade darum, dass die St├Ąrke des Regens
darin liegt, sich nicht stoppen zu lassen, dort
aufzutreffen, wo es unangenehm ist, und keinen dabei
r├╝cksichtslosen Schaden zu hinterlassen.
- Manchmal macht er das.
- Klar. Meistens aber doch nicht. Und dann sp├╝r ich ihn
ja doch.
- Da haben Sie wohl Recht.

Er war froh, als der Oberhemdenmann das endlich sagte.

- Sie sprechen sicher vom purpurfarbenen Fluss.
- Ich habe ihn mit verursacht.
- Das habe ich nicht gefragt.
- Es hat mich mein Augenlicht gekostet.
- Andere hat es noch viel mehr gekostet.
- Deswegen bin ich hier.
- Wissen Sie, es sollte Ihnen klar sein, dass Sie hier nicht
blind im Regen irgendeine Frau wiedertreffen, die nicht auf
Sie zukommen wird.
- Wahrscheinlich.
- Lassen Sie sie doch einfach r├╝bergehen.
Das k├Ânnen Sie nicht sehen. Aber Teresa h├Ąngt da am
Fenster und guckt ganz aufgeregt hier her. Es war mir
eine Freude, Herr Regenmann.
- Mhh.
- Ich hoffe, ich sehe Sie nicht mehr so oft hier stehen.

Es war das Letzte, was er sagte, bevor auch er ├╝ber die Stra├če ging. Hernando selbst wollte nicht l├Ąnger an der Kreuzung bleiben. Es regnete noch immer. Er klappte seinen Schirm zusammen und ging zur├╝ck zu seiner Wohnung. Nur ein Bruchteil der Tropfen blieb auf seiner Hand haften. Die Tropfen trafen zuf├Ąllig auf seine Haut. Er war das gr├Â├čere Hindernis als die asphaltierte Stra├če. Sie k├Ąmpften mit seiner rauen Oberfl├Ąche, mit den feinen H├Ąrchen, die bis zur Mitte seiner Handoberfl├Ąche reichten.
Der B├╝rgersteig wurde von Fu├čg├Ąngern ├╝berflutet. Das Auftreten der F├╝├če erz├Ąhlte von der Eile, mit dem sie ├╝ber die Pf├╝tzen hasteten. Die Stra├čenverk├Ąufer hatten ihre Chance ergriffen, Schirme zu verkaufen und waren p├╝nktlich zum Witterungsbeginn l├Ąngst in ein tosendes Gebr├╝ll verfallen, das nun gegen die Fassaden der verfallenen Hochh├Ąuser Bogot├ís krachte. Die Kombination der Ger├Ąusche gefiel Hernando besser als die h├Ąsslichen Fl├Âten der Cumbia. Wenn er nach Hause kam, um an seinen Bildern zu arbeiten, w├╝rde er sicher den Sender wechseln.


Version vom 13. 04. 2014 20:50

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