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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Reiche Ernte
Eingestellt am 30. 06. 2012 14:36


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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

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Auf dem Weg zum Gro├čen See fuhr er am Staatsgut vorbei, um sich eine Portion Erdbeeren zu pfl├╝cken. Wenn er sie nach dem Schwimmen genie├čen w├╝rde, k├Ânnte er an diesem hei├čen Sonntag auf das Mittagessen verzichten.
Viele Familien mit Kindern waren auf dem Feld verteilt. Die Erwachsenen pfl├╝ckten mit ernster Miene in die verschiedensten Beh├Ąlter. Die Kinder sprangen anfangs fr├Âhlich und verspielt von Reihe zu Reihe, um die dicksten Fr├╝chte in ihren M├╝ndern verschwinden zu lassen.
Er ging zur linken Seite des Feldes, auf der nur wenige Gestalten in geb├╝ckter Haltung zu erkennen waren. Sie war ungepflegt; Unkraut ├╝berwucherte die Erdbeerpflanzen. Er suchte gezielt die Stellen in der N├Ąhe von Disteln, die von den Pfl├╝ckern gemieden wurden.
Im Nu hatte er sein Sch├Ąlchen voll und wollte sich auf den Weg zur Kasse machen. Da kam ihm von rechts eine Frau in die Quere, eine gro├če Plastiksch├╝ssel in der Hand, in der nur der Boden bedeckt war. "Ich gebe Ihnen einen Tipp", sagte er spontan. "Unter den Disteln finden Sie die reifsten und gr├Â├čten Fr├╝chte."
Sie lachte. "Disteln stechen! Es sei denn, Sie helfen mir!"
Mit dieser Schlagfertigkeit hatte er nicht gerechnet. Warum nicht? Schwimmen konnte er auch noch sp├Ąter. "Das kann ich machen!" antwortete er und musste auch lachen.
Sie winkte ab. "Es war nur ein Scherz! Lassen Sie sich nicht aufhalten!"
Er ging aber trotzdem mit, dr├╝ckte die Disteln mit dem Schuh beiseite, so dass sie ungef├Ąhrdet pfl├╝cken konnte.
Als sie das Ende des Feldes erreicht hatten, an das sich
├╝bergangslos ein Acker mit Kartoffeln anschloss, war auch ihre Sch├╝ssel gef├╝llt.
Sie wunderten sich, dass einige Leute, eben noch auf der Jagd nach Erdbeeren, hierher geeilt waren, bereits in der Erde w├╝hlten und die Kartoffeln zu einen Haufen schichteten. Etwa ein Drittel des Ackers war mit einem roten Plastikband umspannt. Sie erfuhren, dass das Kraut von F├Ąule befallen war. Es sollte, bevor sie auf die anderen Pflanzen ├╝bergriff, untergepfl├╝gt werden. Die Kartoffeln sollten aber noch nicht angegriffen und genie├čbar sein. Deshalb war diese Fl├Ąche jetzt - sozusagen als kostenlose Zugabe - freigegeben worden.
Sie schauten sich das ein Weile am├╝siert an. Das Problem war
der Transport. Niemand war darauf vorbereitet gewesen. Sie beobachteten zwei M├Ąnner, die sich die Hosentaschen voll stopften. Andere beulten ihre T-Shirts oder Hemden aus.
Eine Familie mit drei Kindern und drei Eimern kippte einen davon aus, um Platz zu schaffen. Sie gingen danach alle in die Hocke und verschlangen die unbezahlten Fr├╝chte. Wenn es etwas umsonst gab, hatte die Phantasie keine Grenzen!
"Das ist ja eigentlich zu schade!" sagte sie. "Lebensmittel
unterzupfl├╝gen, wo sie noch genie├čbar sind."
"Da gebe ich Ihnen recht!" Er zog das Futter seiner Hosentasche heraus und blickte sie fragend an. "Soll ich eine Mahlzeit mitnehmen?"
Sie lachte aus vollem Halse. "Ich habe eine bessere Idee! Ich bezahle unsere Erdbeeren, bringe sie nach Haus und komme mit einem Sack zur├╝ck. Ich wohne dahinten" - sie zeigte ├╝ber das Feld - "in der neuen Siedlung. Ich bin in zwanzig Minuten zur├╝ck. Sie k├Ânnen ja inzwischen schon buddeln. - Ich gebe Ihnen einen Tipp: Unter den Disteln finden sie die reifsten und dicksten!"
Was waren schon frische, preiswerte Erdbeeren und kostenlose Kartoffeln gegen diese gut aussehende, schlagfertige und witzige Frau von vielleicht f├╝nfzig Jahren? Es lohnte sich, auf sie zu warten!
Das Kraut hing welk und war teilweise klebrig und schwarz verf├Ąrbt. Er zog eine Staude hoch und riss dabei gleich zwei gro├če Kartoffeln mit heraus. Er schob sie zur Seite und grub mit den H├Ąnden. Da kamen noch andere zum Vorschein. Er sortierte sie. Die kleinen und gr├╝nen warf er in das entstandene Loch zur├╝ck, die anderen schob er zusammen.
Bis sie zur├╝ckkam, hatte er in dieser Vorgehensweise bereits zw├Âlf Stauden geschafft. "Das macht Spa├č!" rief er ihr entgegen. "Ich bin jedesmal wieder ├╝berrascht, wieviele Fr├╝chte man unter einer einzigen Pflanze finden kann!" Er hob seine H├Ąnde und meinte l├Ąchelnd: "Ich f├╝hle mich richtig erdverbunden, obwohl ich nicht mal wei├č, ob das nun sp├Ąte Fr├╝hkartoffeln oder fr├╝he Sp├Ątkartoffeln sind!"
Sie betrachtete lachend seine schmutzigen H├Ąnde. "Da kenne ich mich auch nicht mit aus. Aber jetzt ist mir klar, warum man auch Erd├Ąpfel sagt!"
Sie hatte tats├Ąchlich einen Sack mitgebracht und warf ihm eine kleine Metallschaufel vor die F├╝├če. "Die hat meine Enkeltochter vergessen. Welch ein Zufall! Jetzt k├Ânnen Sie Ihre H├Ąnde schonen!"
W├Ąhrend er weiter grub, sammelte sie die Kartoffeln ein. Als der Sack zur H├Ąlfte gef├╝llt war, h├Ârten sie auf. Sie trugen ihn gemeinsam zum Auto und verstauten ihn im Kofferraum.
Bei ihr angekommen, stellte er den Sack in den Keller und wollte sich verabschieden. "Das kommt gar nicht infrage!" protestierte sie. "Au├čerdem habe ich noch Ihre Erdbeeren."
"Die h├Ątte ich durch unsere Kartoffelaktion glatt vergessen!"
Er lachte und folgte ihr nicht ungern in den ersten Stock.
Er warf einen Blick auf das Namensschild und sagte: "Frau Pl├Âger, Entschuldigung, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Mein Name ist Bungart."
"Dann kommen Sie man herein, Herr Bungart!" Sie f├╝hrte ihn in die K├╝che und bot ihm einen Platz an. "Ein bisschen Geduld! Ich werde Ihre Erdbeeren absp├╝len und von den Kelchen befreien."
Er beobachtete sie dabei und fragte: "Was wollen Sie mit Ihrer Menge anfangen?"
"Ich werde sie einkochen. Jeden Morgen knusperige Br├Âtchen mit Marmelade. Nicht f├╝r mich, mein Mann ist so ein S├╝├čer!"
Er l├Ąchelte. "Das kann nicht jede Frau von ihrem Mann behaupten!"
Sie winkte ab. "Dabei ist das gar nicht gesund f├╝r ihn. Er ist noch zehn Tage im Sanatorium."
"Oh! Hoffentlich nichts Ernstes!"
"Wie man`s nimmt! Mein Mann ist gut im Futter. Seit er vor zwei Jahren in den Vorruhestand gehen musste, hat er 19 Kilo zugenommen."
"Eine stolze Leistung! Dann macht er eine Abmagerungskur?!"
"Ja, kann man so sagen. Medizinisch hei├čt das wohl anders."
Sie stellte die Erdbeeren und zwei Glasteller auf den Tisch.
"M├Âchten Sie Vanilleeis dazu? Ich k├Ânnte auch Sahne schlagen."
"Nein danke, ich m├Âchte mein Gewicht halten!"
Eine Weile schwiegen sie und genossen die Fr├╝chte.
"Sie sprachen vorhin von Ihrer Enkeltochter", nahm Bungart das Gespr├Ąch wieder auf, "die hat ja eine j u n g e Gro├čmutter!"
Frau Pl├Âger verschluckte sich fast. "Bitte kein S├╝├čholz raspeln!"
"Nein, ich meine es ehrlich!"
"Was machen Sie beruflich?"
"Ich bin im Au├čendienst t├Ątig."
"├ťbernachten Sie unterwegs oder kommen Sie abends nach Haus?"
"Das ist unterschiedlich. Morgen fahre ich in die Schweiz und werde Mittwoch wieder in Hamburg sein."
"Mittwochabend w├╝rde mir gut passen!" sagte sie sofort. Und dann lachend: "Wir m├╝ssen doch unsere gemeinsame Ernte probieren! Ich hoffe, dass Ihre Frau nichts dagegen hat."
"Was sollte meine Exfrau dagegen haben?!" Er stand auf. "Ich werde jetzt zum Schwimmen fahren, um mich f├╝r die n├Ąchste stressige Woche fit zu machen! - Wollen Sie nicht mitkommen?"
"Nein danke, auf mich wartet ja noch Arbeit!"
"Na, dann viel Spa├č beim Marmeladekochen!"
Schmunzelnd reichte sie ihm die Hand. "Bis Mittwochabend! -
Was halten Sie von Roastbeef?"
"Sehr viel, aber bitte mit Bratkartoffeln!" Er grinste sie dabei unversch├Ąmt an. Sie err├Âtete und l├Ąchelte verlegen. Sie wussten, das war der Beginn von einem Bratkartoffel-Verh├Ąltnis.

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