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Leselupe.de > Kurzprosa
Reigen
Eingestellt am 16. 07. 2017 10:08


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Alberta
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Registriert: Jun 2017

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Reigen



Während sich der Zug unaufhaltsam dem Ziel ihrer Reise nähert, versucht die Tochter immer noch, innere Distanzen zu überwinden.
Zum Ort ihrer Kindheit, altbekannt und vertraut. Zur alt gewordenen Mutter, die dort noch lebt, inmitten ihrer Deko: FĂĽnfundvierzig Quadratmeter Vergangenheit, Sauberkeit, Vorzeigbarkeit.

Bei der Tochter ist es nur zu der Vorstellung eines vorzeigbaren Lebens gekommen - die Dinge haben sich immer wieder anders entwickelt.
Wenigstens lebt sie heute kein beliebig austauschbares Kolportagen-Schicksal hinter Fachwerk-Fassaden. Sie hält sich für etwas Besseres, weil sie Kleinstadtdünkel und Kleinstadtmief schon früh den Rücken gekehrt hat. Das ist jetzt vierzig Jahre her. Damals lockte die Großstadt, mit ihrer Subkultur.
In ihrer Geburtsstadt gab es nicht mal Kultur: Nur die Aula ihrer alten Schule, in der sie das Theater - und Kleinkunstabo absitzen musste. Sicher hockt man heute noch dort - auf denselben StĂĽhlen...

Die Tochter hat ein schlechtes Gewissen, seit Monaten hat sie die Mutter nicht mehr besucht.
Sie erinnert den Schrecken, der ihr letztes Mal in die Glieder gefahren ist, als sie die Mutter am Bahnhof erblickte: So klein, zerbrechlich, verschroben...
Sie hat sich der Fremdheitsgefühle geschämt, die sie dabei empfunden hat. Gegenüber dem Menschen, der ihr einst so nah war wie der eigene Herzschlag.

Bei jedem Besuch braucht ihre Seele jetzt mehr Zeit, sich wieder einzuleben und einzulieben in ehemals vertraute Gerüche und Rituale… wie das laute Ticken der Wohnzimmer-Uhr, das sie nachts nicht schlafen lässt. Seltsame Dinge geschehen dort mit ihr: Sie wird aus der Zeit herauskatapultiert - in eine Vergangenheit, die nicht ihre ist. Die alte Mutter hat ihre eigene. Die sie so zurechtrückt, wie es ihr gerade passt.
Die Tochter kann so etwas zur Weißglut bringen: „Mutter, was erzählst du denn? Ich war doch dabei, das war ganz anders…!
Die Tochter wird auf ihre Sicht der Dinge bestehen, die sie durch den Filter alter Angst und Ohnmacht erinnert. Sie werden ihr ins Bewusstsein kriechen wie Nebelschwaden, die ihr die Luft zum Atmen nehmen. Dem kleinen, abhängigen Mädchen, das einst ihr Ich war…
Und schon nach wenigen Tagen wird sie sich fragen, warum es in Seniorenwohnungen keine Notfall-Klingel gibt: Für Familienangehörige…







Die Mutter geht am Bahnhof schon lange unruhig auf und ab; wie eine Ewigkeit kommt es ihr vor, dass sie auf die Tochter wartet und wartet. Der angekündigte Besuch hat sie schon seit Tagen in Aufruhr versetzt, in ungeduldige Freude und auch in Sorge: Ob denn auch alles klappen wird. Mit der Fahrt – und auch mit der Tochter.

Bei der Mutter kommt es nur noch zu der Vorstellung eines lebendigen Lebens – die Dinge entwickeln sich immer wieder anders.
Was, wenn sich die Tochter wieder so aufführen wird wie letztes Mal: So seltsam schroff und unnahbar? Und hoffentlich wird sie nicht wieder so auffällig gekleidet sein…
Was sollen die Leute denken, wenn sie so unvorteilhaft daherkommt. Die Mutter lebt ihr Leben lang in dieser Stadt. Sie weiß, wie die Leute reden. Hier muss man sich entscheiden: Auffallen oder respektiert werden. Dass ihre Tochter auch immer im Ort umherstolzieren muss und sich damit exponiert zeigt wie ein Hase auf dem Stoppelfeld…

Die Mutter hat ein mulmiges GefĂĽhl. Seit Monaten hat sie keinen Besuch mehr gehabt, der ĂĽber Nacht geblieben ist.
Sie erinnert den Schrecken, der ihr letztes Mal in die Glieder gefahren ist, als sie die Tochter aus dem Zug steigen sah: So gereift, erwachsen, unbekannt…
Sie hat sich der Fremdheitsgefühle geschämt, die sie dabei empfunden hat. Gegenüber dem eigenen Kind, das ihr doch einst so nah war wie der eigene Herzschlag.

Bei jedem Besuch braucht ihre Seele jetzt mehr Zeit, sich wieder einzuleben und einzulieben in ehemals vertraute Gerüche und Rituale… wie das laute Lachen ihrer Tochter, das sie tagsüber nicht schlafen lässt. Seltsame Dinge werden mit ihr geschehen: Sie wird aus ihrer Zeit herauskatapultiert, in eine Gegenwart, die nicht ihre ist. Die Tochter hat ihre eigene. Die sie so zurechtrückt, wie es ihr gerade passt.
Die Mutter kann so etwas zur Weißglut bringen: „Kind, was erzählst du denn? Ich bin doch nicht blöd, das ist ganz anders…!

Die Mutter wird auf ihre Sicht der Dinge bestehen, die sie durch den Filter neuer Angst und Ohnmacht sieht. Sie werden ihr ins Bewusstsein kriechen wie Nebelschwaden, die ihr die Luft zum Atmen nehmen: Der kleinen, abhängigen Greisin, die einst ihr Ich sein wird…
Und nach wenigen Tagen wird sie sich fragen, warum es in Seniorenwohnungen keine Notausgänge gibt: Für Bewohner, die Familienbesuch bekommen...


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