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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Reise in die Vergangenheit nach Sellin
Eingestellt am 09. 02. 2006 19:11


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sylvanamaria
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2005

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Liebste Anne, lange hast du nichts mehr von mir geh├Ârt. Ich stehe in deiner Schuld. Wei├čt du, ich habe meine Reise in die Vergangenheit verwirklicht. Erinnerst du dich an meinen vorletzten Brief ├╝ber die Kaiserzeit, die Kaiser- und Ostseeb├Ąder ? Ich habe recherchiert und bin den Spuren nach gegangen und habe ein Kleinod entdeckt. Einen kleinen Ort namens Sellin auf R├╝gen, ca. 2000 Einwohner - exclusiv gelegen bietet die Steilk├╝ste einen grandiosen Anblick. Der besondere Reiz geht von den prachtvollen gro├čen und kleinen Villen im Stil der B├Ąderarchitektur aus. Ein besonderer Baustil zwischen 1890 und 1914, der die Ostseeb├Ąder pr├Ągte. Wei├č schimmernd, kunstvoll ornamentiert und gestaltet gr├╝├čen die H├Ąuser den ankommenden Besucher schon von weitem und laden ihn an, das ermattete Haupt zur Ruhe zu betten. Klangvolle Namen lassen bitten und das Lebensgef├╝hl l├Ąngst vergangener Epochen ist mit jedem Atemzug zu sp├╝ren.
Viele Sommerg├Ąste aus Berlin reisten damals mit der Bahn nach Stettin und von dort per Schiff zu den R├╝genschen und polnischen Osteseb├Ądern wie Misdroy, Swinem├╝nde, G├Âhren, Sellin, Binz. In Sellin wurde deshalb 1906 mit dem Bau einer Seebr├╝cke begonnen , die bald als Wahrzeichen das kleine St├Ądtchen pr├Ągte. Urspr├╝nglich nur angelegt zur besseren Anbindung durch den Schiffsverkehr wurde die Seebr├╝cke ein beliebter Treff der Sommerg├Ąste um z.B. zu flanieren, im Kaiserpavillon zu fr├╝hst├╝cken und dinieren und um gesehen zu werden. Das Manko oder eben der besondere Reiz der Selliner Landschaft besteht darin, dass im Gegensatz zu den anderen Ostseeb├Ądern aufgrund der Steilk├╝ste keine am Seeufer langgestreckte Seepromenade angelegt werden konnte. Man behalf sich daher mit einer Promenade, die ins Meer hineinging und ├╝ber der See schwebte. Sch├Ân und phantastisch bei sch├Ânem Wetter, gruselig und gef├Ąhrlich bei schlechtem Wetter. Man merkt die Str├Âmung und das zur├╝ckflutende Wasser an den Bohlen; der Pfahlbau bebte im Rhythmus des Wellenschlages. Der hintere Teil der Landbr├╝cke ist bei Sturm landunter. Aus diesem Grund musste die Originalbr├╝cke 1978 abgerissen werden wegen Zerfall und Verrotttung. 1998 wurde ihre Nachfolgerin eingeweiht und das nostalgische Gef├╝hl ist hautnah wieder zu erleben. Wahrscheinlich war es f├╝r die G├Ąste damals sehr beschwerlich, den kleinen Exclusiv ÔÇô Seeort zu erreichen- entweder ├╝ber die Landstra├čen, die zugegebenerma├čen sehr beeindruckend sein konnten durch sch├Âne Orte wie die wei├če Stadt Putbus oder Garz oder Granitz mit seinem Jagdschloss, verbunden durch jahrhundert alte Alleen, die schon damals Kriege ├╝berstanden hatten. Es lohnte sich, aber man sollte es sich nicht so einfach vorstellen. Die Direktverbindung der B 96 gab es noch nicht und Automobile konnten sich nur die Reichen leisten. Aber wer nach Sellin fuhr, musste mindestens wohlhabend sein, denn dieser Ort war wirklich exklusiv und auf diese Sommerg├Ąste ausgerichtet. Auch heute kann man den Luxus entfernt wieder f├╝hlen: die offenen Veranden der Villen laden zum Eintreten ein. Die Fenster verglaster Veranden und Erker lassen einen Blick erhaschen auf gedeckte Tische mit schimmernden Porzellan und Kristall. Schneewei├če Gardinen wetteifern mit der Farbe der H├Ąuser. Im Garten werden die Bem├╝hungen der Eigent├╝mer sichtbar, Erholung pur an zu bieten: Liegest├╝hle und Son-nenschirme auf gew├Ąsserten frischgr├╝nen Rasen, blank geputzte rustikale Holzb├Ąnke und Tische laden zum Sonnenbad oder zum geselligen Treff ein. Damals wie heute- die Exklusivit├Ąt wurde teuer zur├╝ck erkauft, denn jahrelang war Sellin ein sterbender Ort und versuchte, nicht im Dunkel der Geschichte unterzugehen. F├╝r mich ist es wie ein Wunder, dass es dieser Ort geschafft hat, seine Vergangenheit wieder aufzubauen, auch wenn es nach wie vor Schwierigkeiten gibt. Aber die Grundstimmung ist wieder gegeben und es wurde viel getan,um die alten Momente wieder einzufangen.
Im Gegensatz zu den Badeg├Ąsten des mond├Ąnen Seebades in alten Zeiten ist es f├╝r den heutigen Besucher auch reizvoll, die Umgebung zu erkunden. Wanderwege erschlie├čen die Landschaft ├╝ber weite Strecken durch das angrenzende Naturschutzgebiet bis nach Binz, Granitz und weiter. So bin ich zum Schwarzen See gewandert, einen Torfsee mit Moorreinschl├╝ssen ÔÇôein sehr seltener Gew├Ąssertyp. Noch fr├╝h am Tag war er in Sonnenlicht gebadet, verwunschen im Buchen/Schwarzkiefernwald, mit Froschquaken, Libellensirren und himmlischer Ruhe. Man erwartete fast, dass wie im M├Ąrchen aus dem Frosch ein Prinz wurde, bis die Stille durch andere Wanderlustige unterbrochen wurde. Sehr raten kann ich auch zu einem Gang ├╝ber den Kliffweg hoch oben auf der Steilk├╝ste mit wunderbaren Aussichten auf das Meer, wie du sie nie gesehen hast. Je nach Wetterlage verwandelte sich die See in ein br├╝llendes, rei├čendes Ungeheuer, dessen Wellenarme gierig den Strand ├╝berfluteten und die Steilk├╝ste umtosten oder aber es lag ein spiegelglattes im Sonnenlicht reflektierendes wie fl├╝ssiges Gold erscheinendes Tafeltuch vor der K├╝ste. Beeindruckend das Meer bei Sturm. Ich hatte ganz vergessen, wie laut das Meer sein ÔÇô ein unabl├Ąssiges Donnern. Vom Kliff war erkennbar, wie die See an der Seebr├╝cke lang peitschte und die Br├╝cke ├╝berflutete. Wellen ÔÇôunberechenbar, unkalkulierbar. Das fast filigrane Holzwerk gegen den w├╝tenden Sturm. Ein Segelschiff tanzte fern am Horizont einen H├Âllentango auf den Wellen, die Segel zum Bersten geschwellt. Wagemut? Verpflichtungen? Wie mag es an Bord gewesen sein? Zumindest nass und windig. Zwei Schiffe lagen vor Binz mit Notbeleuchtung und zeigten die K├╝ste an im Tosen der Schaumkronen. M├Âwen jagten tief ├╝ber dem Wasser und oft hatte ich das Gef├╝hl, sie w├Ąren von der See verschlungen worden. Ihr Kreischen gellte in den Ohren. Die Ruhe nach dem Sturm wirkte umso stiller. Man hatte das Gef├╝hl taub zu sein. Der Strand war wie blankgeputzt. Viele Dinge wurden vom Sturm an Land gesp├╝lt und im Sand freigelegt: Dinge aus alten und neuen Zeiten, ganze Muschelkolonien, Steine, M├╝nzen aus heutiger und alter Epochen, aber auch M├╝ll ÔÇô Produkte unserer Zivilisation. Ich habe Bernstein gefunden und mir zu Schmuck fassen lassen. Ein besonderes Gef├╝hl. Er sieht aus wie eine kleine Katze.
Ach Anne, du h├Ąttest doch dort sein sollen. Ich wei├č, wie gut es dir gefallen h├Ątte. Einen sch├Âneren Ort f├╝r dein sonniges Gem├╝t kann ich mir nicht vorstellen. Ich glaube, das Meer und du, ihr h├Ąttet zusammengepasst. Bei sch├Ânem Wetter, wenn die Meeresoberfl├Ąche wie ein Spiegel das Sonnenlicht reflektierte und kein noch so kleiner Wellenschlag die Harmonie tr├╝bte, musste ich immer an dich denken. Wei├čt du, du fehlst mir. Warum musstest du auch dorthin gehen, wohin dir keiner folgen kann? Ich h├Ątte dir meine Reisegeschichte gern erz├Ąhlt statt dir zuschreiben mit dem Wissen, dass du sie nie lesen wirst. Oft habe ich den Fr├╝hnebel ├╝ber dem Meer beobachtet und das Flattern der Nebelschwaden t├Ąuschte Bewegungen vor. Ich dachte , du w├╝rdest heraustreten und alles w├Ąre nur ein schlechter Traum gewesen. Leider ist dem nicht so.
Deshalb werde ich weiter besondere Ort besuchen und dir meine Erlebnisse und Erinnerungen aufschreiben.

Vale deine dich auf ewig vermissende Schwester Sylva

__________________
syl

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