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Leselupe.de > Kurzprosa
Reisebericht
Eingestellt am 28. 09. 2003 18:12


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flammarion
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Reisebericht

Nachdem meine Kinder erwachsen geworden waren, sa├č ich viele lange Stunden gelangweilt vor der Glotze und legte Patiencen. So auch an jenem Tag, der den Grundstein zu jener Reise legte, von der ich hier berichten m├Âchte.
Ich sa├č also da und f├╝hlte mich leer und nutzlos, da klingelte es an meiner T├╝r. Es war kein Besuch angemeldet, so ging ich mit gemischten Gef├╝hlen zur T├╝r. Hoffentlich will sich jetzt nicht jemand mit mir ├╝ber Gott unterhalten oder mir einen Staubsauger verkaufen, flehte ich innerlich.
Meine Freude kann sich kaum einer vorstellen, als ich vor der T├╝r meine Schulfreundin erblickte! Sie hatte 1970 ein Haus in Gotha geerbt und wir hatten uns „eine halbe Ewigkeit“ nicht mehr gesehen. Sie hatte zwei mir unbekannte Damen im Schlepptau und kl├Ąrte mich gleich ├╝ber ihre pl├Âtzliche Anwesenheit auf: „Wir sind bei einem AMWAY-Treffen in Berlin und ich wusste nicht, ob dazwischen genug Zeit sein w├╝rde, nicht nur meine Eltern und Geschwister, sondern auch dich zu besuchen. Darum habe ich dir nicht geschrieben, damit du nicht entt├Ąuscht wirst.“
Wir lie├čen uns zu einem gem├╝tlichen Kaffeeklatsch nieder und ich lie├č mich f├╝r AMWAY anwerben. Die Produkte nahm ich selber in Anspruch, einige Putzmittel und Kocht├Âpfe schwatzte ich meiner Familie auf und ein Minimum ging an Arbeitskollegen. Mir war von vornherein klar, dass ich keine Reicht├╝mer erwerben konnte bei dem kleinen Bekanntenkreis, den ich pflegte.
Aber meine Gedanken hatten ein nun neues Feld. Bei den regelm├Ą├čig stattfindenden Treffen war immer was los und ich sah meine Freundin ├Âfter. Die Busfahrten waren wesentlich billiger als eine Eisenbahnfahrkarte und es war auch viel gem├╝tlicher als in der Bahn. Es wurde gesungen, gelacht und selbstgebackener Kuchen herumgereicht.
Dann hie├č es eines Tages: „Das n├Ąchste Treffen findet in den Zillertaler Alpen statt.“ Ich konnte es kaum glauben – eine Fahrt nach ├ľsterreich! Old Icke aus Ostberlin f├Ąhrt nach ├ľsterreich! Nat├╝rlich war ich gleich Feuer und Fett. Ich freute mich so sehr auf die Fahrt, dass mir der Kostenpunkt v├Âllig schnuppe war.
Die Fahrt begann wie immer mit Liedern und Scherzen, aber kaum, dass wir Th├╝ringen verlassen hatten, wurde es sehr still im Bus. Die meisten Mecklenburger machten ein Nickerchen und die in Th├╝ringen zugestiegenen achteten das und schwiegen.
Ich freute mich noch immer, in diesem Bus zu sitzen. Ich w├╝rde nicht nur halb Deutschland sehen – ganz besonders freute ich mich dabei auf Bayern, wo meine Mutter geboren wurde – sondern auch noch ein St├╝ck von ├ľsterreich!
Leider brach die D├Ąmmerung herein und ich bekam von Bayern so gut wie nichts zu sehen. Nur einige kunstvoll gearbeitete Kreuze am Wegesrand.
Allm├Ąhlich taten mir von dem unbequemen Sitzen alle Knochen weh und ich sehnte den Moment herbei, wo wir endlich am Zielort ankommen.
Zun├Ąchst aber galt es, die Grenze nach ├ľsterreich zu ├╝berschreiten. Ein allgemeines St├Âhnen ging durch den Bus, als wir die kilometerlange Warteschlange sahen. Aber unser Busfahrer tr├Âstete uns: „Das sind nur die PKWs, wir m├╝ssen r├╝ber zur Busspur, die ist leerer.“
Und richtig, wir fuhren an all den wartenden Autos vorbei und waren nach wenigen Minuten abgefertigt. Der Grenzer sah sich nicht einmal unsere Ausweise an, die der Busfahrer eingesammelt hatte. Er inspizierte nur den Kofferraum.
Zwei Stunden sp├Ąter waren wir im sch├Ânen Zillertal angekommen. Nach einem ├╝ppigen Nachtmahl – ich a├č erstmalig Rehr├╝cken - suchten wir unsere Hotelzimmer auf. Ich hatte kaum mein zweites Bein im Bett, da schlief ich schon.
Am Morgen ging mein erster Weg nicht wie gew├Âhnlich zur Toilette, sondern an s Fenster. Und da standen sie dann, die Berge, diese Wunderwerke Gottes. Ich konnte mich kaum satt sehen. H├Ątte meine Zimmerkollegin mich nicht gemahnt, h├Ątte ich glatt das Fr├╝hst├╝ck verpasst.
Das Hotel war gleichzeitig eine Art Heimatmuseum. ├ťberall, wo es in den Fluren m├Âglich war, standen reich verzierte, buntbemalte Truhen und Schr├Ąnke aus dem Mittelalter, auch Spinnr├Ąder und anderes Ger├Ąt, was damals recht n├╝tzlich war, heute aber l├Ąngst aus dem Gebrauch ist.
Die Zimmer waren in ├Ąhnlichem Stil gehalten. Wir schliefen in gro├čen, altert├╝mlichen Bauernbetten mit ganz dicken, kuschelig weichen, warmen Federbetten. ├ťber dem Bett durfte nat├╝rlich das Heiligenbild nicht fehlen.
Und irgend wo im Flur stand auch ein kleiner Hausaltar, der stets mit frischen Blumen geschm├╝ckt war. Ich sah, wie manche Frauen im Vor├╝bergehen ihr Kreuz schlugen und knicksten.
Auf der Fahrt zum Schulungssaal blickte ich die ganze Zeit aus dem Fenster und bekam gar nicht genug von diesen stolzen Riesen mit den wei├čen H├Ąuptern. Sogar eine kleine Lawine konnte ich beobachten, die ohne Schaden anzurichten auf einem Bergr├╝cken verebbte.
In der Mittagspause hatten wir Gelegenheit, im Ort bummeln zu gehen. Wir sahen uns die Kirche an, den Marktplatz und den Boulevard. Auf selbigem war ein Bekleidungsgesch├Ąft und ich bekam endlich, weswegen ich diese Fahrt ├╝berhaupt mitgemacht hatte: ein Dirndelkleid. Blauwei├č kariert, mit wei├čem Bl├╝schen und blauer Sch├╝rze. Viel lieber h├Ątte ich nat├╝rlich eines mit Samtwams gehabt, aber die ├╝berstiegen bei Weitem meine Finanzen.
Endlich war ich fach- und sachgerecht gekleidet, wenn ich auf der Cabaret-B├╝hne meine K├╝chenlieder sang. „Das sch├Ânste Bl├╝mlein auf der Alm“ und „I hob mi mei H├Ąuserl am Waldrand aufbaut.“
Die Heimfahrt traten wir am sp├Ąten Nachmittag an. So bekam ich wieder nichts von Bayern zu sehen.
Die Fahrt dauerte zwei Stunden l├Ąnger als die Hinfahrt, weil sich diesmal bei der Busspur eine kilometerlange Schlange gebildet hatte, es war Samstag. Ich war wie ger├Ądert, wusste tagelang nicht, wie ich sitzen, stehen oder gehen sollte. Aber an dem Kleid hatte ich viele Jahre lang Freude. Sogar meine Tochter hat es mehrmals als Faschingskost├╝m getragen.


Das sch├Ânste Bl├╝mlein auf der Alm,
das ist das Edelwei├č.
Es bl├╝ht versteckt auf steiler H├Âh,
wohl unter Schnee und Eis.

Da sprach das Madel zu dem Bua:
„So a Str├Ąu├čerl h├Ątt i gern!
Geh, hol mir so a Str├Ąu├čelein
mit so a wei├čen Stern.“

Da ging der Bua im Augenblick,
so a Str├Ąu├čelein zu holn.
Der Abend naht, der Morgen graut,
der Bua kehrt nie zur├╝ck!

Verlassen liegt er ganz allein
auf steiler Felsenwand!
Das Bl├╝melein, vom Blut ganz rot,
h├Ąlt er in seiner Hand.

Und wenn des Sonntags tief im Tal
die Abendglocke l├Ąut,
dann steht das Madel an dem Grab:
„Hier ruht mein einzig Freud!“


I hob mi mei H├Ąuserl am Waldrand aufbaut,
hollodrihodijettei, hodijettei, am Waldrand aufbaut.

Da habn mir die B├╝bli zum Fensterl nei gschaut,
hollodrihodijettei, hodijettei, zum Fensterl nei gschaut.

Da hob i mei Fensterl mit Brettern verschlagn,
hollodrihodijettei, hodijettei, mit Brettern verschlagn.

Da hobn mir die B├╝bli die N├Ągli nauszupft,
hollodrihodijettei, hodijettei, die N├Ągli nauszupft.
Da hob i mei H├Ąuserl a Strohdach aufgsetzt,
hollodrihodijettei, hodijettei, a Strohdach aufgsetzt.

Und wann i mol heirat, da kummt das Stroh weg,
hollodrihodijettei, hodijettei, da kummt das Stroh weg.

Nu hob i geheirat, was hob i davon?
Hollodrihodijettei, hodijettei, was hob i davon?

Die Bude voll G├Âren, a saubl├Âdn Mann,
hollodrihodijettei, hodijettei, a saubl├Âdn Mann!

__________________
Old Icke

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enniaG
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Humorvoll

Hallo,liebe flammarion,
was so ein AMWAY - TREFF doch alles bewirken kann!

Du hast anschaulich und humorvoll geschrieben, gef├Ąllt mir recht gut.

Es verirren sich nicht viele Schreiber in diese Rubrik.
Gerade deshalb sollte man sich wohl ├╝berlegen,
wenigstens hier mal reinzuschauen oder sich selbst zu aktivieren.

Danke, dass ich an dieser Reise teilhaben durfte

sagt enniaG

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flammarion
Foren-Redakteur
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Registriert: Jan 2001

Werke: 278
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hm,

danke f├╝rs lesen und kommentieren. ja, es war ne irre zeit, damals kurz nach der wende . . .
ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Mara K.
Guest
Registriert: Not Yet

hallo flammarion,

er ist recht witzig, dein reisebericht und gef├Ąllt mir.
tja, wer kennt das nicht, den trubel nach der wende.
obwohl kein fan von heimatmusik, habe ich es gern gelesen und mich am├╝siert.
w├╝nsche eine gute zeit und nette gedanken.
herzlich Mara K.

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flammarion
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hm,

vielen dank, liebe mara f├╝rs lesen und kommentieren.
ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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