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Leselupe.de > Kurzprosa
Reisenotizen 2
Eingestellt am 01. 10. 2005 21:25


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Warne Marsh
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Registriert: Sep 2005

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Endlich wieder ein alter Eisenbahnwagen. Da ist das Zugfahren noch wirkliches Eisenbahnfahren. Man hört, dass er fährt, spürt jede Unebenheit der Geleise und rattert ohrenbetäubend und knallhart über die Weichen hinweg – wird hin und her geworfen. Beim Pullern die Vorstellung, wie das nun alles in der Umgebung versprüht wird. Man fühlt sich hier nicht wie in einer Konservenbüchse und ist nicht Gefängnisinsasse; kann die Fenster öffnen, was angenhmer ist, als jede noch so moderne Klimaanlage, welche meinetwegen effizienter sein mag. Im Tunnel schlägt einem der Lärm des Zuges fast ungedämpft entgegen, und fährt ein Zug in Gegenrichtung vorbei, so meint man manchmal, die Trommelfelle würden beinahe platzen. Placebogähnen hilft. Man rast aus einem Tunnel raus, ist überrascht von all dem Licht und Grün und hüpft sogleich über die Sihl und durch das Sihltal, um sich schon in den nächsten Tunnel zu stürzen, wo nach einer Weile die Bremsen zu rauschen und die Ohren zu drücken beginnen. Schon lächelt einem „Willkommen in der Zentralschweiz“ entgegen. Stahlgraue Schallschutzwände der Autobahn, vor herbstlichem Waldgrün. Man schreit laut und italienisch in das Handy. Ich schmunzle sehnsüchtig in mich hinein. Die Melodie des Südens, von wo meine Vorfahren eingwandert sind, deren Sprache ich kaum beherrsche. Und schon hält der Zug in Zug, ist das Überschreiten der Geleise verboten. Geleise, welch poetisches Wort. Hinter den sieben Geleisen. Selbst im stehenden Zug schreien sie sich an. Ein Grund, damals, im Norden wohnhaft zu bleiben. Abermals von einem Tunnel verschluckt, lächle ich, da das Wort „Furbo“ gefallen ist. Rechts der Zugersee. Wolkengrau. Ich schaue mir das Innere des Wagens an, die warmen, runden Formen nostalgisch geniessend. Kaninchenstallähnliche Wohnsiedlungen. Zugebaute Wiesen. Villen mit Seeanstoss lassen träumen, wie meine Bedientesten den Frühstückstisch abräumen, den Laptop zum Schreiben aufstarten, vielmehr noch: wie sich die Küchenhilfe, Diktat bereit macht und die Zoffe mir die Koffeeininjektion ansetzt. Ein Kartoffelfeld sieht aus, wie ein braunes Pflaster auf grüner Haut. Sie sind mir sehr suspekt, die kleinen Ortschaften, denen wir uns nun nähern, wo jeder jeden kennt. Dort fällt mir das Atmen schwer in dieser von Uhren und Essenszeiten geprägten Welt, wo überhaupt alles zu einem festgelegten Zeitpunkt stattfindet. Mit moderater Geschwindigkeit fahren wir durch all die Kurven und werden von einem kurzen Tunnel wieder ausgespuckt, als hätten wir nicht gut geschmeckt. Walchwil, und ich habe Hunger. Auf dem See das weisse Dreieck eines Segels. In das Grün gefressene Narben, weil Rinnsale zu reissenden Bächen anwuchsen, Schlamm und Geröll angewidert auf die Wiesen kotzen. Dum Ding Dang Duuummmmm. Arth-Goldau. Niederstammplantage. Der Apfel soll nicht weit vom Stamm fallen. Mittlerweile ist mein Schmunzeln der Angst gewichen, die beiden Stimmen könnten an ihrem Redeschwall ersticken. Eine Angst, die Bald der Hoffnung weichen wird, sich sogleich in Luft auflöst, da die Lautstärke herunter gedreht wurde und sich die beiden dazugehörigen Körper soeben an meinem Fenster vorbei bewegten. Da stehen wir nun. Da sitze ich alleine im hintersten Wagen des Zuges. Nur die Heizung und der Nahverkehr rauschen. Gleich werden die Türen sich knallend schliessen, nehme ich an. Wolkneverhangen die dunkelgrünen Hügelkuppen. Immer wieder das Verblüffen über die Reinlichkeit unserer Bahnsteige; wohingegen in Deutschland die wilde Natur solche kleinen Bahnhöfe wie diesen hier aussehen lässt, als wären sie ungepflegte Gärtnereien, oder lägen a stillgelegten Linien. Seit Jahrzehnten schon. Dass dieser Aufenthalt nun schon viel länger dauert, als es in den Fahrplänen geschrieben steht, hat sich aus einem difusen Bauchgefühl zur Gewissheit gemausert. So beende ich diese Seite und werde bald schon ein neues Notizbuch entjungfern. Anderthalb Monate war dieses hier willig, von mir besudelt zu werden. Es wurde schon fleissiger notiert. Den Entjungferungsakt habe ich nüchtern begangen und die Handyuhr dabei konsultiert. Und sie bewegt sich doch. Verspätet. Vorbei an wartenden Menschen. Wenn das mit der Rückfahrt bloss gut geht. Sohnemann in Empfang nehmen, via Kiosk zurück zum Bahnsteig rennen; in der Hand die kleinen Finger, im Ohr den grossen Mund. Ich freue mich, und wir fahren durch das Gebiet des Felssturzes, dessen Geschichte mich – vom Vater vorgelesen– so sehr erschütterte. Unbeindruckt kauende Kühe. Abgesägte Hörner. Steinen liegt nun hinter uns. Der Zug rast beängstigend schnell und auf einer Baustelle wird noch betoniert. Erinnerungen, wie ich in den Schulferien mit dem schweren Vibrator über Armierungseisen stolperte. Schwyz. Schulzimmererinnerungen. Und mir wird nun unbehaglicher. Es scheint, als wär’ ich mit den Jahren zu einem ganz schön militanten Städter geworden.
__________________
"Alles ist Werk."

Ludwig Hohl

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NewDawnK
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Hallo Warne Marsh,

Dein Text hat eine hohe Bilder- und Gedankendichte.

Das, was mir nicht so gefällt, ist das unpersönliche Wörtchen "man", weil es meiner Meinung nach zu viel Distanz schafft. Sätze wie "Ein Grund, damals, im Norden wohnhaft zu bleiben." wirken ein bisschen gestelzt - aber das ist nur meine persönliche Lesermeinung.

Ansonsten gefällt mir Dein Text sehr gut, gerade weil ich Bildersprache liebe. Mich würde mal interessieren, wie er in dieser Bilderdichte auf andere wirkt.
Vielleicht findet sich ja noch eine/r von den routinierten TextkritikerInnen, der/die einen Kommentar dazu liefert!

Schöne Grüße ins Wochenende,
NDK

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Warne Marsh
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Hallo NDK

Vielen Dank für Deine Zeilen. Dein Interesse teile ich selbstvertsäbdlich bezüglich aller meiner hier zu lesenden Texten, wobei es mir egal ist, wie sehr jemand routiniert im Lesen und Kommentiern ist; sicher können Detaillekritik genauer und begründeter werden bei Routinierteren. Aber ich bin froh um und erwarte jede Reaktion mit Spannung!!!

Das "man" ist sicher noch den einen oder anderen Gedanken wert: Will ich's distanziert, oder doch lieber mit "ich"!?

Dasselbe trifft auf die "gestelzte" Stelle zu, auch dort steht nochmals die "Willensfrage" an.

Ein gedanklich, stilistisches Grundthema, momentan, fĂĽr mich, bei allen meinen Texten "ich" "er" "man"?!?!

Ansonsten einfach noch einmal vielen herzlichen Dank!!!

Der Warne grĂĽsst.


__________________
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Ludwig Hohl

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