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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Reminiszenzen
Eingestellt am 26. 10. 1999 00:00


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Eagon Wellington
Festzeitungsschreiber
Registriert: Dec 2000

Werke: 51
Kommentare: 41
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Er fuhr ├╝ber Landstra├čen und weite offene, teils schneebedeckte Fl├Ąchen, welche an ihm vorbei glitten, als er der aus dem Radio dudelnden Musik lauschte und teilweise selbst seine Stimmb├Ąnder maltr├Ątierte. Die Sonne schien ihren dunklen, wolkenen Morgenmantel f├╝r einen Moment fallen zu lassen und blendete ihn leicht. Die Strahlen schienen seine Kleider zu durchdringen und direkt in sein Herz zu strahlen. L├Ąchelnd blinzelte er nach vorn, weit voraus. Es kam ihm beinahe so vor, als ob er die ganze Stra├če f├╝r sich alleine h├Ątte, und er konnte sich gerade noch beherrschen, das Gaspedal nicht vollends durch zu treten.
So trieb er eine Weile auf den Wogen des Gl├╝ckes dahin, wie ein Reisender auf der Reise zu einem lang vermi├čten Zuhause. Er atmete tief durch, geno├č diesen Moment, dieses Gl├╝cksgef├╝hl, welches er so lange entbehrt hatte. Hin und wieder passierte er andere Reisende, die ihm entweder entgegenkamen oder vor ihm auftauchten und nach und nach wieder verschwanden. Leise summte der Selige vor sich hin. Nach einer Weile wurde die Musik im Radio schlechter und Manuel schaltete es aus, so da├č er nunmehr allein vom leisen, zufriedenen Brummen des Motors begleitet wurde. Er schaute durch die Windschutzscheibe zum Himmel hinauf: Die Sonne schien ihre Vorstellung beendet zu haben und begann, sich wieder hinter die Wolkendecke zur├╝ckzuziehen. Mit einem leisen Seufzen verabschiedete sich der Zuschauende dankbar von ihr, geno├č die schwindende W├Ąrme ihrer Strahlen auf seiner Haut und richtete seine Aufmerksamkeit wieder ganz auf die Stra├če vor ihm. Die Landschaft um ihn herum begann sich allm├Ąhlich wieder st├Ąrker zu vereisen, und die Stra├če wurde unwegsamer, so da├č Manuel die Geschwindigkeit verringern mu├čte. Langsam nahm der sporadische Gegenverkehr, des Ortes stiller Vorbote, zu. Bald w├╝rde er ihn erreichen. ├ťberrascht stellte Manuel fest, da├č dieser Gedanke von einer wachsenden inneren Unruhe begleitet wurde; w├Ąhrend er weiter und weiter in die immer d├╝ster und karger werdende Landschaft eintauchte. Kurz darauf erschien der Nachbarort im Blickfeld. Er lag etwas absch├╝ssig der Stra├če, wie eine Hochburg des Winters von einer Aura der K├Ąlte und Trostlosigkeit umh├╝llt, im Tal. Er erinnerte sich der Lebendigkeit, die den Ort fr├╝her einmal durchstr├Âmte, als er sie durch die Augen eines Liebenden sah. Es schien damals durch alle Gassen und Wege zu pulsieren, wie ein in Gl├╝ckseligkeit schlagendes Herz. Noch stets f├╝hrten die Stra├čen und Gassen wie Adern und Venen ins Ortsinnere und daraus heraus. Aber alles schien anders, als er es in Erinnerung hatte. Nun wirkte alles dunkel, leer und furchtbar kalt dort unten, so als habe der Winter ihm alles Leben genommen und nur Leere zur├╝ckgelassen. Als er etwa f├╝nfundzwanzig Minuten nachdem er zu Hause weggefahren war, das Ortsschild erreichte, schienen auch die letzten Sonnenstrahlen fort zu sein, und er tauchte vollkommen in die D├╝sternis ein, nur begleitet vom leisen Knirschen der gefrorenen Stra├čen. Er kam sich allein und verlassen vor in dieser Umgebung, die er damals immer so freudestrahlend durchflogen hatte, immer wenn er auf dem Weg zu ihr gewesen war, als sie noch in ihrem Elternhaus gewohnt hatte, bevor sie zusammengezogen waren. Nun waren alle leuchtenden Gedankenbilder verbla├čt und hinterlie├čen nur noch die eine kalte Realit├Ąt, die ihm geblieben war. Dieser Ort enthielt keine Freude f├╝r ihn mehr, kein Licht, wie das Leuchten ihrer Augen, da├č er so geliebt hatte, und welches verbla├čt war, mit ihrem Leben. Manuel sch├╝ttelte gedankenverloren den Kopf. Er merkte, wie sich seine Gedanken wieder seiner Kontrolle zu entziehen schienen, ihn wieder hinab zu rei├čen drohten, wie schon so oft. Doch dieses Mal w├╝rde er es nicht mehr zulassen, beschlo├č er, nicht dieses Mal, nie mehr. Er hatte entschieden zu leben, ohne sie und seine Erinnerungen, die ihn zu einem unbeseelten Leblosen gemacht hatten, der immer nur wartete und wartete. Worauf sollte er den auch warten? Es gab nichts mehr. Es war vorbei, endg├╝ltig. Sie war tot, und er, er mu├čte leben. Wollte leben, korrigierte er sich schnell in Gedanken. W├╝tend schaltete Manuel das Radio wieder an, dieses Mal unn├Âtig laut, denn er h├Ârte sowieso nicht mehr hin. Zugleich merkte er, wie er das Gaspedal ein bi├čchen weiter durchdr├╝ckte. Er starrte auf die Stra├če. Vor ihm baute sich eine Fahrtzeugschlange auf, die ihn wieder ausbremste. Frustriert ging Manuel wieder vom Gas und schaltete das Radio wieder aus. Er blickte nach vorne und erkannte einen Traktor an der Spitze als Quelle des Verkehrsinfarkts. So rollte Manuel eine Zeit lang dahin, in seinem kleinen Kasten, nur Umgeben von dem leisen Knirschen des Schnees, den Scheinwerferlichtern der Wagen und der D├╝sternis. Wie ein Trauerzug rollten sie dahin, dachte er f├╝r sich. Langsam aber stetig voran. Das gelegentliche Hupen der Fahrzeuge vor ihm und das endlose Knirschen des Schnees muteten wie das Requiem an. Es war l├Ącherlich, scholt sich Manuel in Gedanken, wer sollte denn hier begraben werden? Langsam wuchs und wuchs die Unruhe in Manuel, und ein leichter Schauer kroch seinen R├╝cken empor. Er konnte es sich nicht erkl├Ąren, aber pl├Âtzlich f├╝hlte er sich wie ein Gefangener in seiner blechernen Kiste. Ein paarmal unterdr├╝ckte er den impulsiven Drang, einfach die T├╝re aufzurei├čen und davonzulaufen. Er begann zu schwitzen, wenngleich er fror. Sein Blick fiel auf die wei├če Rose, welche auf dem Beifahrersitz lag. Wie ein Symbol, welches keine Bedeutung mehr in sich trug, dachte Manuel traurig. Eine leere H├╝lle wie ihr K├Ârper, welcher dort irgendwo unten in der K├Ąlte lag. Ihm war, als w├╝rde etwas an seinem Verstand zerren. Wie die W├╝rmer ... Das Zittern wurde st├Ąrker. Wann w├╝rde dieser Wahnsinn endlich aufh├Âren, dachte Manuel schwerm├╝tig. Bald, sehr bald schon ... Manuel hielt sich wie ein Ertrinkender am Lenkrad fest und fixierte seinen Blick auf die Stra├če vor ihm, als er versuchte die Stimme zu ignorieren. ... die Zeit der Trauer ist bald vergangen. Dein Warten hat bald ein Ende ... Ende ... Ende ...Eine kleine Tr├Ąne flo├č ├╝ber seine linke Wange, welche wie Feuer zu brennen angefangen hatte und k├╝hlte sie. Ja, verdammt, es mu├čte ein Ende haben, dachte Manuel verbissen, als er bemerkte, da├č ihn die Stimme wieder verlassen hatte. Er mu├čte wieder leben. Abrupt bremste Manuel. Er w├Ąre fast auf den Vordermann aufgefahren. Etwa f├╝nfzig Meter vor ihm sah er die Einfahrt der Stra├če zum Friedhof, welche dementsprechend ausgeschildert war. Manuel bemerkte, wie sein Blick fast wie von selbst an der Silbe ' Fried' h├Ąngenblieb, sie f├╝r einen kurzen Augenblick fast z├Ąrtlich umklammerte und dann wieder von ihr glitt. Friede... ja Friede, dachte er, war das nicht das einzige, was alle Menschen sich irgendwo irgendwann tief in ihrem Herzen ersehnten? Manuel erschrak ob seiner eigenen Gedanken. Es war, als h├Ârte er sich selbst mit fremder Zunge sprechen. Es waren seine Gedanken, dessen war er sich sicher, aber doch kam es ihm vor, als ob nicht er es war, der sie dachte. Nachdenklich bog er in die Gasse ein. Er war schon so oft diesem Wege gefolgt und doch kam es ihm diesmal anders vor als sonst. Er konnte es nicht erkl├Ąren, aber irgendwie f├╝hlte er, das es dieses Mal das letzte Mal sein w├╝rde, das er ihn nahm. F├╝r eine lange Zeit. Vielleicht f├╝r immer? Er fuhr die Gasse entlang zum kleinen Parkplatz, der vor dem Friedhof gelegen war. Doch es war ihm, als ob er nicht wirklich fuhr, als sei dies alles nicht mehr als eine Reflexion seiner fr├╝herer Fahrten hierher. Alles lief wie ein Film vor ihm ab, dem er wie ein Au├čenstehender zusah und der erst endete, als das Quietschen der Bremsen erklang und der Wagen auf dem Parkplatz zum Stehen kam. Als der Motor verstummte, zog Stille ein. Er blickte zum Friedhoftor. Es stand einladend ge├Âffnet. Da war er nun, dachte er bei sich und bemerkte, da├č irgendwie ein Widerstreben in ihm zu wachsen begann auszusteigen. Manuel seufzte. Es ist schwierig geworden, mit dir zu leben, dachte er mit dem verbitterten Galgenhumor, der nach dem Tod seines Lachens dessen Platz eingenommen hatte. Er griff nach der Rose, welche geduldig auf dem Beifahrersitz ruhte. Er zuckte zur├╝ck. Fast h├Ątte er sich geschnitten. Wachsam hob er sie auf. Dann ├Âffnete er vorsichtig die Autot├╝re. Das Ger├Ąusch wirkte laut gegen die vorherrschende Stille, welcher Manuel sich nun um so bewu├čter wurde. Als er ausstieg, gewahrte er zum ersten mal den leichten Bodennebel, der sich zu seinen F├╝├čen zu bilden begann. Die kalte Luft schlug ihm ins Gesicht. Es f├╝hlte sich an wie der Eintritt in eine kalte, unwirkliche, fremde Welt. Er machte einige Schritte in Richtung Friedhoftor und verharrte dann abrupt wieder. Diese totale Stille, welche nur durch das leise Knirschen des Kieses unter seinen F├╝├čen durchbrochen wurde, begann ihn immer mehr zu beunruhigen. Fast w├╝nschte er sich die R├╝ckkehr dieser wirren Stimme, um der Einsamkeit zu entfliehen. Verr├╝ckt! , dachte er und tauchte durch das Tor in diese fremde Scheinwelt ein. Er konzentrierte sich bewu├čt auf das vertraute Gef├╝hl und den Klang seines Atems, sowie auf das Knirschen des Kieses unter ihm und dem leichten Druck der Rose in seiner rechten Hand. Die K├╝hle, welche durch seine Lungen in seinen K├Ârper drang, lie├č ihn erschaudern. Er schien an diesem Ort das einzige Lebende zu sein. Keine Menschenseele schien sich hierhin verirrt zu haben. Er schritt die vertrauten, nebeldurchwogenen Pfade entlang dem ruhenden Scho├če seiner Liebe entgegen. Oder etwa nicht? Wieder kam ihm alles so irreal, so unwirklich vor, als bef├Ąnde er sich in einem Traum aus Vergangenheit. Eine leichte Windbrise schlug ihm ins Gesicht, teilte sich spielerisch auf seiner Nasenspitze und verschwand. Manuel erschrak ob der pl├Âtzlichen ├äu├čerung von Leben an diesem Orte und hielt inne. Der Klang der Windmelodie hallte in seinen Sinnen nach, wie ein Lied fast vergessener Seelen, wie eine Begr├╝├čung. Manuel stockte der Atem f├╝r einen Moment, dann sch├╝ttelte er die wirren Stimmen seiner Sinne von sich und schaute nach vorne - er erkannte die Weggabelung, die rechts zu ihrem Grab f├╝hrte. Ihm fr├Âstelte. Er atmete noch einmal bewu├čt tief durch - und begann beinahe zu husten, als die kalte Luft in seinen Lungen zu brennen begann. Dann stapfte er unsicher voran, fast wie ein Getriebener. Die Luft schien nahezu greifbar zu sein und es schien Manuel so, als m├╝sse er sie durchbrechen. Er konnte sich kaum mehr ans die letzten Schritte erinnern, aber kurz darauf stand er an ihrem Grab. Es schien, als w├Ąre auch die Zeit f├╝r einen kurzen Moment stehengeblieben. Dann wurde ihm bewu├čt. Hier lag sie, in ewigem Schlafe ruhend, unter einer Decke aus Schmutz und Staub. Er blickte auf den Grabstein. Da stand: Karin Schimmer, geboren am 04.04.1962, gestorben am 15.01.1997. W├Ąhrend er dies las, begann eine kleine Tr├Ąne aus seinen Augen zu quellen und bildete einen kleinen Rinnsaal seine Wangen hinunter. Doch er f├╝hlte nichts, wie er ├╝berrascht feststellte. Weder Trauer noch Schmerz - er empfand nur das Gef├╝hl von Taubheit und Leere in sich. So stand er eine Weile da und starrte auf die in Stein gemei├čelten Worte. Dann zuckte er pl├Âtzlich ein wenig zusammen, als ein Gedanke die Leere durchstreifte: Die Rose. Ja, nat├╝rlich, die Rose ... "Ich habe dir eine wei├če Rose mitgebracht", sagte er laut. " Ich wei├č, wie sehr du sie gemocht hast. Ich vermisse dich." Dann beugte er sich ├╝ber das Grab und tauchte sie in den Nebel, in eine mit Regenwasser gef├╝llte Vase, welche am Rande des Grabes im Boden steckte. Als er die Vase aus dem Erdreich zog und begann, sie auf der Mitte des Grabes zu plazieren, sp├╝rte er, wie der Wind wieder aufkam. Er umspielte seine Jacke und zupfte z├Ąrtlich an ihm, gab nach und wurde wieder st├Ąrker, wie ein fr├Âhlich spielendes Kind, welches sich ├╝ber den Besuch einer vertrauten Person freute. Manuel l├Ąchelte leicht in sich hinein, w├Ąhrend er die Vase in die Erde stie├č. Dann richtete er sich wieder vor dem Grab auf, unentwegt vom z├Ąrtlichen Spiel des Windes umtrieben. ├ťberrascht stellte Manuel fest, da├č er gar nicht mehr fror. Der Strom wirbelte um ihn herum, streichelte seine H├Ąnde, k├╝├čte seine Stirn und schien ihm etwas zuzufl├╝stern. Er richtete sich bewu├čt auf und verscheuchte das Wohlgef├╝hl. Jetzt, dachte er traurig, jetzt - oder nie. Er seufzte. "Karin", sagte er laut gegen das S├Ąuseln des Windes. "Ich mu├č dir etwas sagen." Der Wind wogte unabl├Ąssig um ihn herum. "Ich werde nicht mehr kommen." Er hielt inne. "Vorerst zumindest." Er atmete tief durch und f├╝hlte sich irgendwie schuldig. Aber wem gegen├╝ber, dachte er verbittert, jemandem, der leblos drei Meter unter ihm ruhte? Es war l├Ącherlich. Doch er lachte nicht, er weinte. Der Rinnsaal auf seiner Wange war zu einem breiten Strom geworden. Stille umgab ihn. Er war einsam, alleine das unabl├Ąssige Fl├╝stern des Windes war bei ihm, welches nun zuzunehmen schien. "Ich ... ich vermisse dich so sehr, aber ... aber ich kann so nicht weiterleben, wei├čt du?" rechtfertigte er sich. "Wenn ich ├╝berhaupt noch lebe", f├╝gte er leise hinzu und senkte den Blick, wie ein Kind, welches sich sch├Ąmte. Eine Windb├Âe strich ihm z├Ąrtlich ├╝ber die Wange und er richtete seinen Blick wieder auf. Dann schlo├č er seine Augen. Er f├╝hlte das Brennen seiner Tr├Ąnen in den Augen, den k├╝hlenden Strom den sie ├╝ber sein Gesicht zogen, wie sie es ├╝ber seine Wangen verlie├čen. Er sp├╝rte den Wind, welcher seinen K├Ârper in sachten, behutsamen B├Âen umspielte. Dann lie├č er sich in die Dunkelheit fallen. Er gewahrte, wie erste Bilder sich in ihr formten und allm├Ąhlich in den Fokus seines Geistes glitten. Er zog seine Aufmerksamkeit von seinen Sinnen zur├╝ck, den Bildern entgegen, um sie n├Ąher betrachten zu k├Ânnen. Und w├Ąhrend das S├Ąuseln des Windes verschwand, w├Ąhrend er die Ber├╝hrung des Windes verlor, wuchsen die Bilder und gewannen an Klarheit und Kontur. Dann sah er das Gesicht, dessen Anblick er so schmerzlich ersehnt hatte. Sie l├Ąchelte ihn an, so wie sie es an ihrem vierunddrei├čigsten Geburtstag getan hatte, als er ihr einen Verlobungsring geschenkt hatte. Dann sah er sie fr├Âhlich auf einer Sommerwiese laufen, wie er ihr nachlief und sie fest in seine Arme nahm. Es folgten weitere Erinnerungsfragmente, von vergangenen Gespr├Ąchen, Ber├╝hrungen, Liebe und ewigen Liebesschw├╝ren. Es war ihm fast, als k├Ânne er diese Geborgenheit und innere Ruhe, die ihre N├Ąhe ihm gegeben hatte, sp├╝ren. Doch zugleich war er sich schmerzlich bewu├čt, da├č es sich nur um tr├╝gerische Reminiszenzen vergangener Zeiten handelte, nichts als Staubk├Ârner der Vergangenheit, welche im Winde der Gegenwart aufgewirbelt wurden und komplexe Muster unendlicher Sch├Ânheit bildeten. Ich w├╝nschte, du w├Ąrst hier, dachte er ergriffen. Bei meinem Leben, ich w├╝nschte du w├Ąrst hier ... Dann lie├č er sein Selbst wieder langsam nach au├čen gleiten, gewahrte in der Ferne wieder das leise S├Ąuseln des Windes, das Brennen in seinen Augen. Doch die Bilder verbla├čten nicht. Im Gegenteil. W├Ąhrend er nach oben glitt, wurden die Bilderfolgen immer schneller und nahmen an Intensit├Ąt zu. Bald durchdrang er die Wand zur Au├čenwelt und war umgeben von einem flimmernden Farbenspiel. Er taumelte. Die Welt schien sich um ihn zu drehen, zu wirbeln und vibrieren. Er keuchte und wankte. Die Bilder verschwanden pl├Âtzlich. Und dann, als er in den Wirren nach Halt suchte, sah er auf einmal - Sie. Sie stand einfach nur vor ihm da und schaute ihm direkt in die Augen. Er konnte ihrem Blick nicht ausweichen, denn ihre Augen stellten in dem Chaos, welches ihn umgab, die einzigen ruhigen Fixierpunkte dar. Irgend etwas an ihrem Anblick irritierte Manuel. Sie weinte. "Kommst ... kommst du zu mir?" brachte sie ihm traurig entgegen. "Oder hast du mich vergessen?" Sprachlos starrte Manuel in die Tiefe ihrer braunen Augen. Er hatte sie noch nie in seinem Leben so aufgel├Âst gesehen. Nie hatte sie trauriger, nie reiner, nie wirklicher gewirkt. Es war ihm, als k├Ânne er ihre Sehnsucht sp├╝ren, die zugleich die seine war. Noch nie ...Dann fiel ihm ein, weshalb in ihr Anblick so irritierte. Denn dies ... dies wahr keine Erinnerung, dessen war er sich sicher. Sie war es, sie war es wirklich, aber doch anders. Um sie schien das Chaos st├Ąrker seine Kreise zu ziehen. "Liebst du mich noch?", fragte sie unter Tr├Ąnen und reichte ihm eine Hand entgegen, w├Ąhrend er taumelnd, haltlos nach Fassung rang. Auch er wollte sie ber├╝hren, doch etwas in ihm schien ihn festzuhalten. Er k├Ąmpfte gegen seine Muskeln an, die erstarrt waren, hob unter Schmerzen seinen Arm St├╝ck f├╝r St├╝ck. Aber es war schwer, viel zu schwer. Ihm war, als h├Ątte sich sein ganzer K├Ârper gegen ihn verschworen. Er strauchelte, noch immer im Inbegriff ihre Hand zu ergreifen. Aber sie war weg, so weit weg. Er k├Ąmpfte mit der Verzweiflung, die nur Liebe geb├Ąren konnte. Er wollte sie ber├╝hren. Er wollte sie nicht noch einmal verlieren. Er atmete schwer und sein K├Ârper schien nur noch aus Schmerz zu bestehen, der von einem einzigen Wunsch beseelt wurde. Manuel sp├╝rte wie sein Herz sich vor Schmerzen in seiner kleinen H├Âhle wand, wie es an seine Rippen trommelte, so als versuchte es seiner Brust zu entfliehen, um den Schmerzen zu entkommen. Es zappelte, es zerrte und dann, dann begann es zu schreien. Er begehrte weiter gegen diese Kraft auf, die ihn hinderte, sie zu ber├╝hren, schob seine Hand weiter und weiter der ihren entgegen. Bald w├╝rde er sie erreichen ... Doch kurz bevor er sie sp├╝ren konnte, schwanden seine Sinne. Dunkelheit schob sich wie eine Wand zwischen die Liebenden, und er merkte kaum mehr, da├č er fiel.
Als er erwachte, lag er von dichten Nebel umh├╝llt auf ihrem Grab. Langsam wich der Vorhang der Benommenheit und begann ihn in der Wirklichkeit zu hinterlassen. Erste Gedanken huschten in den Wirren des inneren Chaos umher und begannen sich in seinem Geiste zu formieren. Er sp├╝rte Schmerzen in allen Gliedern und sein Atem ging schwer. Schlagartig, wie ein aufgescheuchtes Tier, sprang er auf und blickte um sich. "Wo ...?" Doch er blickte nur in die Leere der Nebel, die ihn umgaben. Sie war fort, sie war nicht mehr da. Augenblicklich sank er wieder in sich zusammen, als der Schmerz sich mit rei├čenden Z├Ąhnen in seinen K├Ârper bi├č. Ersch├Âpft sch├╝ttelte er den Kopf. Wo war sie? dachte er verzweifelt. Wo bist du? Doch er kannte die Antwort, und die Erkenntnis brannte in ihm wie Feuer. Er schaute auf ihr Grab und erblickte die wei├če Rose, welche er unter sich begraben hatte. Sie lag zerbrochen in einer Pf├╝tze aus Wasser und Tr├Ąnen vor ihm. Apathisch erhob er sich erneut und sah seufzend um sich. Er blickte teilnahmslos an sich herab. Er sah seine nassen und schmutzigen Kleider. Seine wei├če Hose lie├č ihr urspr├╝ngliches Wei├č kaum mehr erahnen. Vorsichtig sch├╝ttelte der Beschmutzte die nasse K├Ąlte von sich so gut es ging und verharrte zitternd. Er vermochte nicht zu sagen, wie lange er so da gelegen hatte, aber dem Nebel zufolge mu├čte es eine Weile gewesen sein. Er schnaufte. Dann verfiel er in ein Gewitter aus Gedanken. Verdammt, es war ein Fehler gewesen, hierher zu kommen, um sich von ihr zu verabschieden. Er h├Ątte wissen m├╝ssen, da├č er dazu nervlich nicht in der Lage war. Doch er schuldete es ihr, oder? Aber wem, sie war tot, wie sollte es sie noch interessieren, was er tat. Verdammt er liebte sie. Er liebte sie noch immer. Aber er wollte leben ... nein - lieben. Aber sie war tot. Er wollte bei ihr sein. Doch sie war tot. Er mu├čte weiterleben. ... Oder nicht? Liebe. Verdammt, er wollte nichts als lieben. Sie lieben. Aber der Preis war hoch, so hoch. Denn wahre Liebe erlaubte kein Vergessen. Sicher, er hatte soviel vergessen. Dinge, die ihm vielleicht irgendwann einmal wichtig gewesen waren, aber nicht ihr L├Ącheln, nicht das Glitzern in ihren Augen, wenn sie sagte: Du und ich, wir beide, wir geh├Âren zusammen. Aber es war vorbei. Alles vorbei. Oder? Er f├╝hlte sich zerrissen, tief zerrissen zwischen seiner Sehnsucht und seiner Vernunft. Seine Vernunft, die er f├╝rchtete vollends zu verlieren - genauso wie ihre Liebe. Sie war tot. So redete er sich immer wieder ein: sie war tot! Er mu├čte weiterleben, er durfte nicht aufgeben! Aufgeben. Hatte er das nicht schon getan? Er wollte bei ihr sein. Sie sp├╝ren, ihr durchs Haar streichen ... Nein, er wollte weg, ri├č er sich zusammen. Weg, schnell weg. Er wollte leben. Alles andere w├Ąre wahnsinnig. Wahnsinn. War er vielleicht schon wahnsinnig geworden? Oh Gott, war er schon verr├╝ckt geworden. Angst stieg in ihm auf, kalter Schwei├č rann ihm ├╝ber die Stirn. Wahnsinnig, ich werde wahnsinnig, murmelte er vor sich hin. Wie ein panisches Tier blickte er in die Nebel, rannte davon. Immer weiter weg, weiter weg von ihr. Er mu├čte leben. Er wollte leben. Er rannte, rannte. Irgendwie Richtung Auto. Nach einer Weile erreichte er es, sprang hinein und startete den Wagen. Dann fuhr er mit quietschenden Reifen vom Parkplatz, ohne sich umzusehen. Weg, weg, weg, einfach weg. Weg. Wohin, da├č wu├čte er nicht. Er wu├čte nichts mehr. Er irrte durch die Nebel. Lichter scho├čen wie Feuerb├Ąlle an ihm vorbei, denen er versuchte auszuweichen. Quietschen umgab ihn. Schilder flogen wie Geister an ihm vorbei. Mit weit aufgerissenen Augen irrte er in seinem blechernen Kasten umher. Der kalte Schwei├č drang in seine Augen. Verzweifelt suchte er in seinen Taschen nach einem Taschentuch. Seine Hand ertastete etwas und er holte es zum Vorschein. Es war ihr zerkn├╝llter Zettel. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er ihn an. Um ihn herum flog das Chaos in immer schneller werdendem Tempo vorbei. Er versuchte ihn zu entfalten. Dabei entglitt er ihm. Einen kurzen Moment verharrte er z├Âgernd - dann griff er nach ihm. Dabei verlor er die Kontrolle ├╝ber den Wagen, schlingerte umher. Dann gab es einen lauten Knall und er wurde durch die Windschutzscheibe hinaus gerissen. Hinaus in die Nebel. Es splitterte. Und dann, dann dehnte sich die Zeit: Er flog, f├╝r eine Weile schwebte er wie ein Engel durch die Nebel. Er glitt dahin und f├╝hlte sich leicht und frei, frei. Dann st├╝rzte er zu Boden, schlug auf, schleifte und rollte ├╝ber den Grund, und blieb blutend liegen. Er f├╝hlte sich bet├Ąubt und alles um ihn herum erschien ihm so unwirklich. Er gewahrte ferne Stimmen, die er aber nicht verstand. Er sah um sich und erblickte Lichter und Dunkelheit. Dann blickte er an sich herunter. Und entdeckte das Blut. Blut, ├╝berall Blut. Rot. Es glitzerte. Ja, Rot, dachte er. Das war die Farbe der Liebe. Er l├Ąchelte in sich hinein. Sein Atem und sein Puls beruhigten sich. Er sp├╝rte ihre N├Ąhe. Sanfte Tr├Ąnen des Gl├╝ckes rannen ├╝ber seine Wangen, k├╝hlten seine Wunden, verschwammen seinen Blick. Er lachte leise. Dann verlor die Welt um ihn herum Konturen und Licht. Jegliche Unruhe wich von ihm. Und pl├Âtzlich f├╝hlte er nur noch - Frieden. Dann - Dunkelheit.
Weit entfernt von dem Geschehen in einem lichtdurchfluteten Schlafzimmer tickte eine kleine Uhr. Langsam trafen die Zeiger zusammen. Dann blieb sie stehen, und w├Ąhrend drau├čen die Sonne ihren ewigen Kreis fortsetzte, kehrte nun endlich Stille ein. Ungest├Ârt, vollkommen, ewig...

(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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