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Leselupe.de > Horror und Psycho
Remission
Eingestellt am 05. 09. 2014 12:47


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CPMan
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„Weißes MĂ€dchen, weißes MĂ€dchen“, sagt der schwarze Mann mit den dunklen Augen und den langen Fingern. „Weißes MĂ€dchen, du musst sterben. Es tut mir leid, es tut mir leid, dich trifft keine Schuld, aber deine VĂ€ter haben unser Land zerstört, sie haben uns beraubt, sie haben uns den Tod gebracht und doch am Leben gelassen. Jeden Tag sehen und fĂŒhlen wir den Tod, er ist mitten unter uns, er lacht und weint und isst und trinkt mit uns. Du musst bĂŒĂŸen, kleines, weißes MĂ€dchen, du musst bĂŒĂŸen fĂŒr deine VĂ€ter. Du musst sterben, damit Amoke und Atonga leben können.“

Heather weinte. Sie verstand nicht, was er meinte, aber sie hatte Angst, entsetzliche, lÀhmende Angst. Ich will nicht sterben, dachte sie. Dann schrie sie.

*

BrĂ€unlichgelber, trockener, tönerner Sand. Im Sahel in einem DĂŒrrejahr: Ein kleines Kind, allein auf weiter Flur, sitzt auf brĂŒchiger Erde. Ein erbĂ€rmlicher, dicklicher Bauch. Aus diesem Bauch ragen vier knochige Gliedmaßen hervor, Beine und Arme, wie Streichhölzer. Der Kopf des afrikanischen Kindes ist auf das Kinn gesackt. Der Blick des Kindes zeugt von der Benommenheit, von der SchwĂ€che, von dem nur Halbdasein des Verlassenen. Fliegen schwirren um die Augen des Kindes, laben sich an den mit gelbem Eiter vollgelaufenen TrĂ€nensĂ€cken. Sandkörner, aufgewirbelt vom schwachen Wind, schleifen und feilen die lederne und faltige Haut des Kindes. Es spĂŒrt nichts. Es sitzt nur da, wie ein elend alter Greis, der schon alles gesehen hat und nur noch sterben will. Das Fehlen jeglicher Energie lockt die Aasgeier aus weiter Ferne herbei. Über dem Kind fliegen sie in konzentrischen Kreisen. Könige der LĂŒfte, die einen Knochen mit etwas Fleisch gefunden haben.
Knapp hundert Meter entfernt: Die Mutter. Ebenso ĂŒbermannt von der Hitze, ebenso schwach und energielos versucht sie, sich an ihr Kind heranzutasten. Die Sonne, die Sonne. Anansi, der Gauner, auch „die Spinne“ genannt, hat sie erschaffen. Die Sonne, die Sonne. Weit und breit gibt es keine BĂ€ume. Zumindest keine, die Schatten spenden könnten. Und an den Schatten, die die dĂŒrren StrĂ€ucher werfen, kann man nur die Zeit ablesen. Zeit, die hier quĂ€lend langsam verrinnt.
Der Stamm ist einen guten Kilometer entfernt. Die MĂ€nner des Stammes haben die Frau und ihr Kind aufgegeben. Sie hat ihren Mann verloren und damit ihr Recht auf Leben. Der Stamm der Mbnosa lebt seit Jahrhunderten nach diesen Regeln. Eine Frau, die nicht mehr jung und bedĂŒrftig ist, braucht einen Mann. Wenn sie keinen hat, dann darf sie nicht auf die GĂŒte und Milde der Stammesgenossen hoffen. Sie kann sich, wenn sie GlĂŒck hat, bei einer anderen Familie als Sklavin verdingen. Aber das geschieht nur selten. In einer Welt, in der die Ressourcen knapp sind, ist der Sozialdarwinismus Naturgesetz. Die Starken ĂŒberleben und pflanzen sich fort. Die Schwachen, die Anstand und WĂŒrde besitzen, opfern sich auf, entfernen sich vom Stamm und sterben in Einsamkeit. Es ist ihre Pflicht, dem Stamm das eigene Sterben nicht zuzumuten.
Die sengende Hitze lĂ€sst die Erde ringsum aufglĂ€nzen wie Wasser. Der trĂŒbe Blick der Mutter erkennt die Fata Morgana. Sie sitzt auf einer Insel, die keine ist.

*

„Heather“, sagt der Aufnahmeleiter, „kann diesen Pyjama nicht tragen. Die Streifen irritieren die Kamera!“.
Der Regisseur, John Sloan, ĂŒberlegt nicht lange.
„Heather“, sagt er, „zieh den roten Pyjama an. Den bordeauxroten. Der passt besser.“
Heather, ein etwa zehnjĂ€hriges, blondes MĂ€dchen, nickt eifrig und lĂ€uft direkt aus dem Bild. An den Lichtstrahlern, Arriflex-Kameras und KabeltrĂ€gern vorbei, lĂ€uft sie direkt vom Set in die Maske. Julie, die fĂŒr die Requisite zustĂ€ndig ist, lĂ€uft ihr hinterher. John Sloan nutzt die freie Zeit, um die anstehende Szene noch mal mit dem Aufnahmeleiter zu besprechen.
„Also“, sagt er, „Heather, aufgeschreckt durch ein GerĂ€usch, fĂ€hrt aus dem Schlaf hoch. Der Regen prasselt an die Fensterscheiben und sie sieht einen Blitz, der fĂŒr einen Moment lang ihr Schlafzimmer erleuchtet. Sie beginnt zu zĂ€hlen, um die Entfernung des Gewitters zu messen. Wenn sie bis sieben gezĂ€hlt hat, lasst ihr den Donner ertönen. Dann, beim nĂ€chsten Blitz, sieht sie die Silhouette des Mannes vor ihrem Bett. Sie kann das blutverschmierte Gesicht ihres toten Vaters erkennen. Sie schreit. Panikartig greift sie zum Lichtschalter. Sie schaltet das Licht ein und findet sich alleine in ihrem Schlafzimmer wieder“.
„Sollen wir den Nachtfilter auf die Linse schrauben?“, fragt der Aufnahmeleiter.
„Nein“, erwidert Sloan. „Ich will diese kĂŒnstlichen Effekte nicht. Heather soll sich in die Situation versetzen. Macht alles so dunkel wie irgend möglich, aber zeig mir einen Screenshot, bevor ihr anfangt zu drehen. Es soll wie eine normale Gewitternacht aussehen. Nein, scheiß auf den Screenshot, macht einfach!“.
Der Aufnahmeleiter nickt und leitet die entsprechenden Anweisungen an den Kameramann und die Tontechniker weiter. Das Licht am Set wird abgedunkelt, die Regenmaschine angestellt.
Kurze Zeit spĂ€ter kommt Heather, nun im roten Pyjama, aus der Maske zurĂŒck. Sie geht zurĂŒck an den Set und klettert ins Bett. Alles ist bereit fĂŒr die Szene.
„Also“, bellt Sloan durch das zur Hand genommene Megaphon. „Alles auf seinen Platz. Los geht’s!“
Der Regieassistent stellt sich vor die Kamera. Er hÀlt die Klappe vor die Linse.
„Gewitter im Schlafzimmer, die Erste“, sagt er und schlĂ€gt die Klappe zu.
„Uuuund Action“, ruft Sloan und lehnt sich entspannt in seinen Regiestuhl zurĂŒck. Er lehnt sich zurĂŒck in der Gewissheit, die fĂŒr sein Filmprojekt am besten geeigneten Leute engagiert zu haben. Heather ist ein Goldesel, denkt er. Sie sieht sĂŒĂŸ aus, und doch strahlt sie etwas Dunkles, Geheimnisvolles aus. Die beste Besetzung fĂŒr einen Horrorfilm.

*
FĂŒr einen EuropĂ€er, der das leidende afrikanische Volk nur aus dem Fernsehen kennt, ist es schwer vorstellbar, dass diese Angehörige des Mbnosa Stammes eine eigenstĂ€ndige IdentitĂ€t hat. FĂŒr ihn ist diese Frau nichts weiter als eine von tausenden und abertausenden Afrikanerinnen, die seelenlos vor sich hin vegetieren und das Bewusstsein eines verendenden Tieres haben. GefĂŒhle und Erinnerungen kann man sich bei dieser Frau und ihrem Kind nicht vorstellen. FĂŒr den EuropĂ€er sind diese kranken Wesen nichts weiter als eine mit niederen Instinkten ausgestattete Spezies. Sie haben keine Kultur, keine Vergangenheit und erst recht keine Zukunft. Daher rĂŒhrt auch die GleichgĂŒltigkeit eines EuropĂ€ers, wenn er im Fernsehen diese Bilder unter die Nase gerieben bekommt. Er empfindet mit diesen Menschen nicht mehr Mitleid als mit einer sterbenden Eintagsfliege.
Die Frau aber hat eine IdentitĂ€t. Sie hat dreißig Jahre unter ihresgleichen gelebt. Sie hat eine Erinnerung an ihre eigene Kindheit, an die GĂŒte und WĂ€rme ihrer Mutter, an schöne Tage und an schlechte Tage. Sie hat eine Erinnerung an ihren Mann, Adetokunbo, der fĂŒr sie und ihr Kind gesorgt hat bis er an schlechtem Wasser starb, sie erinnert sich an Babafemi, den Medizinmann, der sich um sie kĂŒmmern wĂŒrde, wenn er da wĂ€re, und an Azinza, ihre Freundin.
Babafemi. Sie dachte an Babafemi. An den Tag, als die weißen MĂ€nner gekommen waren. Babafemi hatte sie stolz empfangen, er hatte seinen Stammestanz vorgefĂŒhrt und ihnen im Festgewand den ganzen Stamm vorgestellt. Die weißen MĂ€nner hatten gelĂ€chelt, ein Kenshasi hatte alles ĂŒbersetzt, was sie sagten. Sie wollten Babafemi mitnehmen, ihm ihre Welt zeigen. Babafemi war begeistert. Er wollte sofort mit ihnen mitgehen, doch da lachten die MĂ€nner. Sie mĂŒssten erst alles organisieren, sagten sie. Dann wĂŒrden sie wiederkommen. Babafemi war enttĂ€uscht. Er glaubte nicht daran, dass sie zurĂŒckkommen wĂŒrden.
Dann war Adetokunbo gestorben. Babafemi war in ihre HĂŒtte gekommen und hatte versucht zu helfen. Er hatte versucht, sie zu beruhigen. Vor der HĂŒtte hatte er gesagt, dass er sich um sie kĂŒmmern wĂŒrde, falls Adetokunbo sterben sollte.
Es war Nacht, als Adetokunbo starb. Er hatte die letzten Stunden schwer röchelnd auf dem Bett verbracht. Er hatte die Hand seines Kindes und die Hand seiner Frau ein letztes Mal schwach gedrĂŒckt und war dann veratmet. Die Frau weinte.
Am nĂ€chsten Morgen kamen die weißen MĂ€nner um Babafemi abzuholen. Babafemi zögerte einen Augenblick, aber dann ging er mit ihnen mit.
„Ich werde helfen“, sagte er ihr zum Abschied. „Ich werde dir und deinem Kind helfen“.

*
Heathers Eltern waren anfangs nicht begeistert von der Idee, ihre Tochter in einem Horrorfilm mitspielen zu lassen. Heather hatte bis dahin ein paar Werbeaufnahmen gemacht, in einem kurzen Werbefilm fĂŒr Fruchtsaft mitgemacht und in einem kleinen Film eine kleine Rolle bekommen. Heathers Eltern waren ĂŒber das zusĂ€tzliche Geld, das ihre Tochter dadurch verdiente, sehr erfreut, aber sie behaupteten stets, dass auch Heather diese Arbeit Spaß bereitete.
„Kann ich das Skript vorher sehen“, hatte Heathers Vater gefragt.
Sloan hatte diese Frage kommen sehen.
„Sehen sie, das Manuskript ist Eigentum der Produktionsfirma und wird streng geheim gehalten, damit die Zuschauer die Geschichte des Films nicht schon kennen, bevor sie ins Kino gehen. Lassen sie mich sagen, dass die einzelnen Szenen viel von ihrem Schrecken verlieren, wenn sie gedreht werden. Heather wird wissen, dass das viele Blut im Film Kunstblut ist, sie wird wissen, dass einzelne Szenen tricktechnisch nachbearbeitet werden, und aus diesem Grunde wird sie auch kein Trauma von dem Film davon tragen. Das kann ich Ihnen versichern“.
Heathers Eltern hatten sich nach diesem GesprĂ€ch fĂŒr zwei Tage zur Beratung zurĂŒckgezogen. In diesen zwei Tagen hatte Sloan die Produktionsfirma beauftragt, das Honorar fĂŒr Heather, sollte sie die Rolle annehmen, um vierzig Prozent aufzustocken und Heathers Eltern von dieser Aufstockung schnellstmöglich in Kenntnis zu setzen. Als dann zwei Tage spĂ€ter Heathers Eltern zusagten, konnte Sloan sich ein hĂ€misches Grinsen nicht verkneifen. Money makes the world go round, the world go round, the world go round, pfiff er vergnĂŒgt vor sich hin.
Dann erfolgten die anstrengenden Vorbereitungen. Die verschiedenen Sets mussten im Studio gebaut werden, der Drehbuchautor setzte sich mit einer Gruppe Schriftsteller und Schauspieler zusammen und ĂŒberarbeitete nochmals das Skript, und auch der Produzent diskutierte immer und immer wieder die Kostenplanung mit Sloan. Letztlich einigten sie sich auf sechzig Drehtage und ein Budget von zehn Millionen Dollar. In diesen Budgetplan war auch die Sache mit dem Medizinmann einkalkuliert. Sloan hatte lange dafĂŒr kĂ€mpfen mĂŒssen. Der Produzent hatte gemeint, man könnte doch irgendeinen Afroamerikaner aus L.A. als Medizinmann verkleiden.
„Nein!“, hatte Sloan insistiert, „Ich will einen echten Medizinmann.“

*
Die afrikanische Frau hieß Amoke. Sie war sehr schön und stolz gewesen. Die MĂ€nner des Dorfes hatten sich um sie gerissen. Aber sie hatte nur einen geliebt: Adetokunbo. Nur ihn befand sie fĂŒr wĂŒrdig. Er war groß und stark gewesen, ruhig und besonnen, tapfer und demĂŒtig.
Ihr Kind war der Beweis ihrer Liebe: Atonga. Ein sĂŒĂŸes, kleines MĂ€dchen.

Schuld an ihrem UnglĂŒck war der Fluss. Das Wasser darin war dreckig. Es hieß, die weißen MĂ€nner wĂ€ren vor langer Zeit gekommen, sie hĂ€tten eine Mine gebaut, nicht weit vom Stamm, und den Dreck und den Schutt hĂ€tten sie in den Fluss gekippt. Die Tiere, die Giraffen, Löwen, Zebras, Antilopen und Elefanten hĂ€tten sie gejagt, einfach so, zum Spaß. Dann wĂ€ren sie gegangen und hĂ€tten alles verlassen: die Mine, das Land, die Regierung.

Amoke kannte nicht viele Weiße. Manchmal kamen weiße Frauen und MĂ€nner in weißen Kitteln und weißen Autos vorbei und verteilten Lebensmittel oder gaben Spritzen, die sie vor Krankheit schĂŒtzen sollten. Amoke weigerte sich. Sie traute den Weißen nicht. Auch Atonga durften sie nicht berĂŒhren. Adetokunbo war darĂŒber sehr verĂ€rgert, weil er den Weißen glaubte. „Das sind nicht die Weißen von damals“, sagte er dann, „nicht alle Weißen sind böse.“
„Das nĂ€chste Mal“, vertröstete Amoke ihren Mann. Aber es gab kein nĂ€chstes Mal. Die Weißen kamen nicht zurĂŒck.

Dann tranken sie das Wasser aus dem Fluss und ihnen wurde schlecht. Adetokunbo bekam Durchfall, Amoke und Atonga auch. Amoke spĂŒrte einen Schmerz im Bauch, sie glaubte ein DĂ€mon habe von ihr Besitz ergriffen und plage sie. Sie rief Babafemi, den Medizinmann.
„Babafemi, ein Fluch lastet auf uns. Vertreibe den DĂ€mon!“
Babafemi nickte. Er ging weg und kam nach einer Stunde wieder. Er hielt ein Kraut in der Hand. Er bat Adetokunbo und Amoke sich mit dem Kind in einen Kreis zu setzen. In der Mitte des Kreises machte Babafemi ein Feuer. Er warf das Kraut in das Feuer und wehte mit einem großen Blatt den Rauch abwechselnd in die Gesichter von Adetokunbo, Amoke und Atonga. Dann warf er mitgebrachte, kleine Knochen in den Sand vor Adetokunbo.
„Deine Frau und dein Kind werden leben“, sagte Babafemi. „Du wirst sterben“.

Amoke weinte. Sie warf sich in den Sand und weinte.

*
„Also“, sagte Sloan, „Heather, das heißt Susan, besucht ihre Oma auf den Friedhof. Sie fĂ€hrt mit dem Fahrrad ganz allein durch Deamont bis ans Ende der Stadt. Als sie ankommt, verfinstert sich der Himmel, es wird langsam Nacht. Ein starker Wind weht. Sie lĂ€sst das Fahrrad vor dem Friedhof liegen und lĂ€uft in den Friedhof. Aber sie kann das Grab ihrer Oma nicht finden. Sie wird panisch, fĂ€ngt an zu rennen, ruft schließlich um Hilfe. Vor lauter Angst und Dunkelheit fĂ€llt sie in ein frisch ausgehobenes Grab. Sie schreit und schreit und dann
und dann greift eine Hand nach ihr und zieht sie aus dem Grab. Auftritt Mister Black.“
Mister Black. So nannten sie am Set den afrikanischen Medizinmann, den Sloan, dieser Sturkopf, extra fĂŒr diese Szene hatte einfliegen lassen. Wie er wirklich hieß, wusste keiner. Es machte sich auch niemand die MĂŒhe, ihn zu fragen. Er sprach kein Englisch und wenn man ihn ansprach, lĂ€chelte er. Gottseidank hatten sie ihm anhand des Storyboards erklĂ€ren kann, was er zu tun hatte.
Es begann. Angespannte Stille herrschte im riesigen Aufnahmeraum C der Universal Studios. Eine komplette Friedhofslandschaft war angelegt worden, erbaut nach PlĂ€nen des New Orleans Cemetery, der als Horrorfriedhof schlechthin traurige BerĂŒhmtheit erlangt hatte.
John Sloan saß im Kamerakran, das Megaphon in der Hand, bereit Action zu rufen. Er wollte einen long take haben, zehn Minuten ohne Cut. Viele am Set hielten das fĂŒr absoluten Wahnsinn, Sloan jedoch meinte, es wĂŒrde Heather, bzw. Susan helfen, die Situation als authentisch zu empfinden. Sloan wollte, dass sie sich tatsĂ€chlich ein wenig gruselte, um das Entsetzen in ihren Augen einzufangen. Nach den ersten zwei Minuten wĂŒrde sich der Kran von Heather entfernen, alles andere wĂŒrden die drei auf dem Friedhof positionierten, ferngesteuerten Kameras einfangen. Die Crew musste bis auf wenige, unverzichtbare Leute das Studio verlassen, alle Verbliebenen sollten sich, so gut es eben ging, unsichtbar machen.

Action. Es ging los. Sloan folgte ihr mit seinem Kran, bis sie den Friedhof betreten hatte, dann befahl er dem KranfĂŒhrer, sich in die Position zu begeben, von der aus er einen guten Überblick ĂŒber das gesamte Set hatte. Durch das abgedunkelte Licht kam es ihm tatsĂ€chlich so vor, als sei es Nacht und als liefe Heather, d.h. Susan völlig allein ĂŒber das Set. Mister Black sah Sloan nirgendwo. Nach gut fĂŒnf Minuten begann Heather zu laufen, immer schneller. Hoffentlich können die Kameras ihr folgen, dachte Sloan.
Heather, d.h. Susan, begann nun zu schreien, spitze, lange Schreie, die durch Mark und Bein gingen. Sloan sah Heather nun hinter einem kĂŒnstlichen Baum verschwinden, er konnte nicht sehen, was passierte. Der letzte Schrei des MĂ€dchens erstarb in einem fallenden Ton. Aha, dachte Sloan, jetzt ist sie in das Grab gefallen.

Stille. Nichts passierte.

Schier endlos erscheinende Sekunden lang geschah nichts. Dann sah Sloan aus der Entfernung die Silhouette des schwarzen Mannes. In gebĂŒckter Haltung schlich er ĂŒber den Friedhof, angestrahlt vom fahlen Licht des kĂŒnstlichen Mondes. Sein Körper warf einen langen Schatten. Schwarzer Nosferatu, dachte Sloan, und spĂŒrte, wie ihm ein Schauer ĂŒber den RĂŒcken lief.

*

Sie spĂŒrte den Tod in ihren Knochen. Das wenige Blut in ihren Adern war in der kochenden Hitze verdampft und mit jedem ihrer schwachen AtemzĂŒge verpuffte das unsichtbar gewordene Lebenselixier in den Orkus der afrikanischen WĂŒste.
In einem letzten Kraftakt machte Amoke sich auf zu Atonga. In diesem einem Instinkt waren sich alle Frauen dieser Erde gleich: Dem einer Mutter.
Amoke kratzte mit ihren langen Fingernagel eine Spur in den ausgetrockneten Sand, schleppte sich mĂŒhsam die Anhöhe aus unfruchtbarem Boden hoch, hinter der sie ihr Kind wußte.
Atonga, Atonga, flĂŒsterte sie.
Atonga, ich komme. Halt aus.
Sie kĂ€mpfte einen letzten Kampf, sie kĂ€mpfte fĂŒr ein Bild, das sich in ihrem Kopf festgesetzt hatte. Sie sah sich, vereint mit ihrer Tochter, auf dem seelenlosem Sand, der dĂŒrren Erde, der sie doch so viele Jahre hatte abringen können, einen versöhnlichen Tod sterben. Sie wĂŒrde in den Armen ihrer Tochter sterben, und ihr Leben wĂŒrde in dem enden, das sie selbst gezeugt hatte.
Sie spĂŒrte das heiße Fieber in ihrem Körper, das sich ĂŒber die Poren zu Schweiß verflĂŒssigte und in den trockenen Sand tropfte.
Atme, sagte sie zu sich selbst. Atme. Du musst deine Tochter erreichen.

Der Fieberwahn begann mit Sternen vor den Augen. Bunte, mit einem lauten Krach einher gehende Bilder tauchten vor ihr auf, Namen, Gesichter, HĂŒtten, Wege, Tiere, Götter und Monster bevölkerten ihren Geist wie Termiten. GenĂŒsslich fraßen sie ihr den letzten Rest Verstand aus dem Hippocampus, aßen ihr Gehirn wie Aasgeier die Eingeweide einer verreckten Antilope.

Aber sie erreicht ihre Tochter.

In Europa sterben Menschen. In Afrika verenden sie.

*

Heller Aufruhr im Studio. Die Technik scheint komplett ausgefallen. Überall herrscht Dunkel. In das Dunkel hinein vernimmt Sloan den markerschĂŒtternden Schrei seiner kleinen Hauptdarstellerin.
„Licht, Licht“, schreit Sloan, aber es scheint, als befinde sich niemand im Studio.
„Fahren sie den Kran runter“, bellt Sloan den WagenfĂŒhrer an, „fahren sie den gottverdammten Kranwagen runter!“
Es dauert eine Ewigkeit. Unten angekommen, springt Sloan aus dem Sitz, mittlerweile sind drei, vier weitere Crewmitglieder herbei gestĂŒrmt. Alle zusammen rennen sie auf das Set, in Richtung Schrei. Sloan erkennt, dass einer der Mitarbeiter einen Handscheinwerfer dabei hat, der Lichtkegel beleuchtet den vor ihnen liegenden falschen Friedhof. Wie durch einen Nebel erkennt Sloan im Laufen verschwommen die Schemen von Grabsteinen, MaulwurfshĂŒgeln und Christuskreuzen. Gemeinsam mit den drei MĂ€nnern rennt er zu der Stelle an der er Heather zuletzt gesehen hat: das frisch ausgehobene Grab.

Der Schrei des MÀdchens verstummt plötzlich.

An Grab angekommen, machen sie abrupt Halt. Der Mann mit dem Handscheinwerfer zögert einen kurzen Moment, Sloan sieht, wie er ihm einen Blick zuwirft, angsterfĂŒllt und fragend schaut er ihn an. Sie machen einen weiteren Schritt zum Grab hin, dann richtet der Mann seinen Scheinwerfer zuerst auf ihn, dann in das Erdloch.

Als Sloans Augen sich an die LichtverhĂ€ltnisse gewöhnen, erkennt er den Körper des kleinen MĂ€dchens. Sie liegt mit unnatĂŒrlich angewinkelten Beinen auf dem Boden des Erdlochs, die Arme weit von sich gestreckt. Das Gesicht ist von ihren blonden Haaren verdeckt, auf dem SchĂ€del des MĂ€dchens befindet sich jedoch eine recht ĂŒppige, kahle Stelle. Einige ausgerissene HaarstrĂ€hnen liegen neben ihrem Gesicht auf dem Boden, wo der Rest geblieben ist, kann Sloan nur ahnen. Der Mund des MĂ€dchens ist blutverschmiert, als sie ihn öffnet, um etwas zu sagen, erkennt Sloan, das ihr drei ZĂ€hne fehlen. Ein Schneidezahn und zwei ZĂ€hne im Unterkiefer.

„Er hat mir weh getan“, sagt Heather.

*

Plötzlich erkennt Amoke Babafemi. Am Horizont der flirrenden Hitze erkennt sie ihn eindeutig am Gang. Es scheint, als entstiege er dem Wasser, das es nicht gibt, als kehrte er aus dem Boden selbst in ihre Welt zurĂŒck.
„Babafemi“, krĂ€chzt Amoke, und durch ihre vertrockneten Lippen rieselt der Klang dieses Namens wie Sand aus dem Mund.
„Babafemi, rette mich!“.
Noch ist ihr Verstand lebendig genug, um an der Echtheit dieser Erscheinung zu zweifeln. Ist es wirklich Babafemi? Oder eine Halluzination?
Was es auch sei, es kommt nĂ€her. Die schwarze Silhouette nimmt klare Konturen an, Farben werden sichtbar, GegenstĂ€nde und KleidungsstĂŒcke.
Babafemi kommt auf sie zu. Er lĂ€chelt. In der rechten und in der linken Hand hĂ€lt er etwas. Er reckt es in die Höhe, sein Gesicht triumphiert. Er kommt immer schneller auf sie zu, er ist schon ganz nah. Als er bei ihr angelangt ist, öffnet er seine HĂ€nde. In seiner rechten Hand hĂ€lt er ein BĂŒschel blonder Haare, lang und sauber, ihr Glanz golden im Schein der WĂŒstensonne. In der rechten Hand hat er drei kleine weiße Steinchen, mit leichten Blutspritzern befleckt.
Babafemi wirft sich vor ihr in den Sand.
„Ich bin gekommen, euch zu retten!“, sagt er.
Aber spricht er wirklich? Hört Amoke ihn wirklich? Sie will ihre Hand ausstrecken um ihn fĂŒhlen zu können, aber sie zieht sie zurĂŒck, bevor sie sie ausstreckt, aus Angst er könnte sich durch ihre BerĂŒhrung in Luft auflösen.

Babafemi holt zwei knochentrockene Äste und Stroh aus seiner Tasche und legt sie vor sich auf den Boden. Er nimmt zwei Feuersteine und schlĂ€gt diese gegeneinander. Funken sprĂŒhen in den Sand, einige verfangen sich im trockenen Stroh und entzĂŒnden dieses. Unterdessen schaukelt Babafemi sich im Schneidersitz in einen okkulten Rhythmus und wiederholt summend eine Aneinanderreihung von Worten, die Amoke nicht versteht. Dann verbrennt er die blonden Haare im entflammten Feuer und fĂ€chelt Amoke und Atonga den Rauch zu.

„Atmet“, sagt er, „atmet tief ein“.

Amoke tut wie ihr geheißen. Dann nimmt Babafemi die kleinen, weißen Steinchen in die Hand und wirft sie immer und immer wieder vor sich in den Sand.

Babafemi verschwindet. Er löst sich auf. So schnell, dass Amoke glaubt, er wÀre nie dagewesen.

*

Sloan musste sich im Krankenhaus vor Heathers Eltern rechtfertigen. Die Versuche einer Rechtfertigung scheiterten allerdings klĂ€glich an der Tatsache, dass Heathers Zustand sich zusehends verschlechterte. Zu Beginn hatte Sloan geglaubt, es handle sich nur um ein BĂŒschel ausgerissener Haare und zwei, drei verlorene ZĂ€hne. Im Kopf war er schon die Forderungen der Eltern nach EntschĂ€digung durchgegangen, hatte ĂŒberlegt, welche Summe er den Eltern, auch im Namen des Studios anbieten könne, und wie viel Geld er bereit war, den Eltern aus eigener Tasche zu bezahlen. Auch beschĂ€ftigte er sich mit der Frage, ob er den Rest des Films mit einem Double abdrehen könne und ob die Szene, die zu dem (wie er es nannte) ‚Unfall‘ gefĂŒhrt hatte, noch zu gebrauchen war.
„Wir kommen selbstverstĂ€ndlich fĂŒr alle Arztkosten auf. Reha, plastische Chirurgie und Schmerzensgeld werden auch von uns ĂŒbernommen. Ich habe mit dem Studio telefoniert, wir ĂŒberweisen ihnen morgen provisorisch 100.000 Dollar!“
Sloan verkĂŒndete die Geldsumme wie der Moderator einer Quizshow den Hauptpreis, aber die Zahl verfehlte ihre Wirkung nicht. Heathers Eltern schauten zwar pikiert, und die Mutter erwiderte, dass es ihr hier nicht ums Geld ginge, aber ihr anschließender Protest fiel relativ verhalten aus.

Dies Ànderte sich allerdings mit der vorlÀufigen Diagnose des Arztes.
„Wir haben sie soweit stabilisieren können“, sagte dieser, „aber sie hat ungewöhnlich hohes Fieber und auf ihrem RĂŒcken haben sich BlĂ€schen gebildet. Wir können uns das nicht erklĂ€ren!“
„BlĂ€schen?“, fragte der Vater und schaute Sloan fragend und vorwurfsvoll an. „Ich verstehe nicht!“.
„Auf was fĂŒr einem Boden hat sie gelegen?“, fragte der Arzt.
Sloan zuckte mit den Schultern.
„Humus, glaube ich“, sagte Sloan, „Ich kann mal ein paar Anrufe machen, wenn sie wollen.“
„Tun sie das“, sagte der Arzt. „Ich muss wieder. Ich halte sie auf dem Laufenden“.
Der Arzt lief zurĂŒck in den OP. Sloan, zwei seiner Mitarbeiter und Heathers Eltern setzten sich in den Warteraum.

Als der Arzt vierzig Minuten spĂ€ter zurĂŒck kam, verhieß sein verkniffenes Gesicht nichts Gutes. Seine Ansage wirkte dann hölzern und automatisiert.
„Heathers Zustand hat sich plötzlich dramatisch verschlechtert. Das Fieber war lebensbedrohend, die FlĂŒssigkeitszufuhr zeigte keine Wirkung. Die BlĂ€schen auf dem RĂŒcken ließen auf eine allergische Reaktion schließen, die die Lunge in Mitleidenschaft zog. Die anschließende Intubation sowie Defibrillation fĂŒhrten leider zu keiner Besserung. Nach fĂŒnfzehn Minuten der Reanimation konnten wir nur noch den Tod feststellen. Es tut mir leid.“

*

Amoke sitzt neben ihrer Tochter. Sie holt tief Luft. Ihre Lunge fĂŒllt sich, ihr Brustkorb schwillt an wie lange nicht mehr, beim Ausatmen kann die Luft ungehindert ausströmen. Kein Röcheln, kein Rasseln, die Luftröhre fĂŒhlt sich an wie ein breiter Kanal ohne Dreck, alles fließt problemlos hindurch.
Amoke macht eine Faust. Sie fĂŒhlt Kraft in sich, Kraft genug, um eine Hand zu drĂŒcken, eine Frucht zu zerquetschen, einen Stein zu schleudern. Sie spĂŒrt und sieht die Anspannung in ihrem Unterarm, Blut fließt wie ein rauschender Sturzbach durch die dicker werdenden Venen.
Amoke steht auf. Die Beine wackeln erst ein wenig, die Knie schlottern, doch dann gelingt es Amoke, sie durchzudrĂŒcken. Sie richtet sich zu voller GrĂ¶ĂŸe auf, streckt den Kopf stolz in den schwachen Wind, ihr Blick streift wie der Blick einer stolzen Antilope ĂŒber den Horizont.
Amoke bĂŒckt sich, hebt Atonga vom Boden auf. Sie drĂŒckt ihre Tochter eng an ihren Körper, hĂ€lt ihren Kopf wie ein kostbares Gut.
„Atonga, Atonga“, sagt sie, „wir werden leben.“

Dann lĂ€uft sie ins Dorf zurĂŒck.



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Michael Schmidt
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2002

Werke: 47
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Eine sehr intensiv erzĂ€hlte Geschichte. Ein paar Ideen was man optimieren könnte (was aber immer auch ein StĂŒck weit Geschmackssache ist) habe ich auch.
Die SprĂŒnge zwischen der afrikanischen Welt und der Filmwelt sind erstmal so gut. ZusĂ€tzlich kommen aber noch die zeitlichen SprĂŒnge, die es ein wenig verwirrend machen. Da denke ich, wĂ€re eine ordnende Hand vielleicht gar nicht schlecht. Mann tot, dann zurĂŒck zum Mann, alle krank. Dann nur noch die beiden Frauen krank. Also das die beiden spĂ€ter krank sind (oder immer noch krank) wird gerade am Anfang nicht so klar.

Die Namen der drei Afrikaner machen es einem auch nicht einfach. Wenn zumindest der Mann einen anders klingenden Namen hÀtte, wÀre das wohl einprÀgsamer.

Heather könnte man als Person ein wenig mit Leben fĂŒllen. Alle anderen werden charakterisiert (wenn sie weiß sind meist negativ und das recht einseitig), sie nicht. Wenn sie z.B. als sympathische Person rĂŒber kĂ€me, wĂ€re das Ende noch ein wenig tragischer und wĂŒrde den Konflikt ein wenig mehr "befeuern".

Und das Ende der Geschichte könnte ein wenig mehr IntensitĂ€t verkraften. Es wirkt am Ende ein wenig schlapp fĂŒr meinen Geschmack.

Aber wie auch immer. Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Daumen hoch!
__________________
Der ErnstFall Michael Schmidt

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