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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Rentneraufstand
Eingestellt am 05. 09. 2012 20:12


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HajoBe
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Registriert: Feb 2012

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Er hat sich noch einmal aufgerafft, wei├čhaarig, mit wachem etwas tr├Ąnenverwaschenem Blick, der alte Mann der Fischer-Ch├Âre, und eine Untergruppierung gegr├╝ndet:
Die "Singgemeinschaft altersarmutbedrohter Rentner" - kurz SaR.

Das Programm steht unter dem Motto: "Abgesang vom Arbeitsleben", in Moll nat├╝rlich.
Beitragsfrei kann jeder Arbeitsjubilar mit Niedrigstrente in H├Âhe der 850 Euro monatlich, nach mindestens 35-j├Ąhriger Berufst├Ątigkeit oder ebenso langer Arbeitslosigkeit oder -unlust, Mitglied werden. Gefragt sind alle Tonlagen, vorz├╝glich mit klagendem Unterton. Geplant sind ├Âffentliche Auftritte vor Ministerien, Rath├Ąusern und anderen Einrichtungen politgesteuerten ├ťberlebens, m├Âglichst beobachtet vom aufmerksamen Auge der Presse oder der TV-Linse.
Publikumswirksamkeit ist oberstes Gebot der gesanglichen Darbietung der Klagelieder vom Ende des Arbeitslebens entt├Ąuschter und um eine ausreichende Lebensgrundlage betrogener Rentner.
Nat├╝rlich ist ein angemessenes Outfit der Choristen vorgeschrieben: Klamotten aus Re-Importen von Kleiderspenden in Drittl├Ąnder, m├Âglichst mit un├╝bersehbaren Gebrauchsspuren als Markenzeichen f├╝r sozialstaatlich inaugurierte Altersarmut.
So ger├╝stet stehen sie Transparente schwingend auf Pl├Ątzen und Stra├čen und ich darf Zeuge sein eines dieser anklagenden Auftritte.

"Salve res publica socialis! Morituri te salutant!", klingt es sinngem├Ą├č aus tausend verbitterten Alterskehlen. Und:
"Wof├╝r im Leben wir geschafft, wird uns im Alter weggerafft!", l├Ąsst sich die erste Strophe vernehmen.
Ein greiser Dirigent steht auf einer Apfelsinenkiste und schwingt den Taktstock zum (An)-Klagelied.
Dann wird es still. Auf dem Balkon des Arbeitsministeriums ├Âffnet sich verhei├čungsvoll eine T├╝r. Ein Volksvertreter - mehr oder weniger demokratisch gew├Ąhlt - tritt vor die Protestler.
"Sehr verehrte, altersarmutbedrohte und Niedrigstrenten beziehende Mitb├╝rger der bundesrepublikanischen Nachkriegs-Wiederaufbau-Generation...", die Worte gehen im w├╝tenden Aufschrei der Jubilare unter. Wahrlich keine Jubelschreie!

Neben mir bemerkt Einer:
"Wenigstens sind wir <Sehr verehrte...>. Dennoch raubt man uns die Ehre."

Der Redner f├Ąhrt fort:
"Ich verstehe - (schon beginnt die erste L├╝ge)- Ihren Unmut und Ihre ├ängste. Aber wir haben wie immer vorgesorgt. Niemand soll hungern. Schlie├člich gibt es vom Staat subventionierte Suppenk├╝chen..."
Tobendes Gebr├╝lle - und man wollte doch singen.

"Und wer die Miete nicht mehr bezahlen kann, dem bieten wir Unterkunft in Zeltlagern, konzentriert vor den Stadtmauern..."

"Pfui!", der Aufschrei. Zwischenrufe:
"Lager...konzentriert...das hatten wir schon einmal mit t├Âdlichem Ausgang. Damals <machte Arbeit(angeblich)frei>. Ihr wollt die Rentner weg haben..."

"Fr├╝hzeitiger Rentnertod - f├╝r die Kassen Morgenrot!", so steht es auf einem anderen Transparent.

Aus Seitenstra├čen n├Ąhern sich Jugendliche. Plakate. Ich lese:
"Die Rentner fressen uns die Haare vom Kopf."
Aha, bei Neo-Nazis haben sie schon damit angefangen, denke ich mir.

Die Szene beginnt bedrohlich auszuarten. Sozialstaatliches Versagen hetzt die Menge aufeinander. Der Redner hat sich l├Ąngst zur├╝ckgezogen hinter dichte Gardinen und seine dampfende Kaffeetasse.
Der Generationenkonflikt nimmt augenscheinliche Formen an. Der Staat f├╝hrt Regie. Schlecht bezahlte Polizeikr├Ąfte - die Altersarmut bereits im Hinterkopf - greifen bes├Ąnftigend ein. Lieder und Proteste verstummen. Die SaR zerstreut sich. Manche gehen in die Kneipe. F├╝r ein kleines Pils reicht es gerade noch.
Setze mich an einen Tisch neben die Anderen.

"He, Paul, letzter Tag heute im Blaumann...?"
"Ja, ab morgen Survival-Programm."
"Warst du schon bei der AfS?"
"Was ist das?"
"Agentur f├╝r Schwarzarbeit. Nennt sich auch Rentenaufstockungsprogramm mit eingeschr├Ąnkter ├ťberlebensgarantie."
"Und was vermitteln die?"
"Na, Babysitter f├╝r gleichgeschlechtliche Paare, Bordell-Catering, Gartenarbeit bei Fu├čball-, Bank- und Manager-Million├Ąren, schweizerischen Steuerhinterziehern usw. Eben Grauzonenbesch├Ąftigung."
"Klingt gut."
"Ja, keine Steuern oder Sozialabgaben. V├Âllig freier Arbeitsmarkt einer rentnergepr├Ągten Parallelgesellschaft."
"Und wenn du krank wirst?"
"Dann zahlt die Kasse nur noch f├╝r Bagatellleiden den Mindestsatz. M├╝ssen ihre R├╝cklagen steigern. Ernste Krankheiten ├╝berl├Ąsst man ihrem Schicksal, immer in der stillen Hoffnung: Das kann doch nicht gut gehen..."
"Lohnt es sich dann noch zu leben?"
"Dar├╝ber wagt von Denen-da-oben bisher noch keiner zu spekulieren. Obwohl...volkswirtschaftlich gesehen eine Option, oder?"

Ist still geworden am Tisch. Nachdenkliche Gesichter. Die Ersten verabschieden sich.Notenbl├Ątter eingesteckt. Ein kleines Pils etwas wenig, um diesen verdammten Unmut runterzusp├╝len.
Aber sie werden wiederkommen. Singen - und die Lieder werden lauter werden.



__________________
Wer nicht verr├╝ckt ist, ist nicht normal!

Version vom 05. 09. 2012 20:12

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Maribu
???
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Rentneraufstand

Hallo Hajo Be,

Gl├╝ckwunsch, dass du den Text unter "Kurzgeschichte" und nicht unter "Satire" `reingestellt hast!
Du sprichst mir aus der Seele!!!
Es werden aber wohl nur wenige ihn zu w├╝rdigen und zu bewerten wollen. - Erotisches, Horror und Science-Fiktion sind doch viel spannender! Vor der Realit├Ąt soll man doch lieber die Augen schlie├čen! Wenn man sich wirklich dar├╝ber Gedanken macht, bekommt man nur Magengeschw├╝re oder einen Herzinfarkt!
Von mir bekommst du 10 Punkte. Wenn die unter "anonym" angezeigt werden, liegt das an disem seltsamen System!

Herzliche Gr├╝├če
Maribu

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