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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Requiem
Eingestellt am 27. 11. 2003 17:20


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Isola
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2003

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Requiem

...All my life’s buried here,
heap earth upon it. ... (O.Wilde)

In meiner Hand hielt ich ihre Rose, ich klammerte mich fest an sie und sp├╝rte, wie sich die Dornen in meine Handfl├Ąchen bohrten und mir das Blut die Handgelenke hinunter lief.
Ich knipste niemals die Dornen an einer Rose ab – das hatte sie mich gelehrt – nimm einer Rose nie ihre Waffen, sie ist doch so zart und kann sich sonst nicht wehren.
Diese Worte schwirrten mir durch den Kopf, als ich am Grab meiner Seelenverwandten stand. Ja, sie war auch so zart gewesen, wie eine Rose.
Die ganze Familie war angetanzt, obwohl ich abgewehrt hatte, ich br├Ąuchte keine Hilfe und wolle in Ruhe von meiner Freundin Abschied nehmen. Und zwar alleine.
Aber nein, sie mussten ja alle kommen, mit ihren Kuchen, den h├Âflichen Beileidsbekundungen und ihrer schwarzen Eleganz, die dem Tode Hohn sprach.

Ich stand im Regen am Grab meiner Freundin und nahm Abschied; die Familie hatte sich aufgeregt, dass ich nicht schwarz trug, doch sie h├Ątte es nicht gewollt. Schwarz stand mir nicht wirklich und sie h├Ątte auch nicht gewollt, dass ich eine Schau spielte.
Auch ich hasste die verstaubten Ansichten, man m├╝sse seine Trauer nach au├čen hin tragen und ein Schauspiel abgeben.
Was sollte das denn? Sah man mir meine Trauer denn nicht auch so schon an?
Meine Augen waren rot geschwollen von der ganzen Weinerei die letzten Tage. Ich war blass, nur noch ein Schatten meiner selbst und mir war st├Ąndig ├╝bel.
Ich f├╝hlte mich wirklich so, als sei ein Teil von mir mit ihr gestorben – und zwar ein guter Teil, vielleicht sogar der beste Teil an mir. Ich wusste es nicht und als ich dar├╝ber nachdachte, stieg wieder ├ťbelkeit in mir hoch und ich presste ein Taschentusch vor meinen Mund, um das Gef├╝hl zu ersticken. Es schlich sich immer wieder hoch und bedr├Ąngte mich unheimlich.
Am Morgen noch hatte ich eine halbe Stunde l├Ąnger als sonst im Badezimmer gebraucht, nur, weil mir ├╝bel geworden war. Nachdem ich dann geschlagene f├╝nfzehn Minuten am Klo gehangen hatte, zog ich mich f├╝r die Beerdigung an – eine dunkle Jeans, ein wei├čes Hemd, das sie immer so gerne an mir gesehen hatte und Stiefel.
Jetzt kam ich mir etwas albern und kindisch vor, weil ich auf diese Art gegen die Konservationen rebelliert hatte, aber ich war auch stolz auf mich, dass ich einen ihrer letzten W├╝nsche erf├╝llen konnte. Sie hatte es so gewollt und ich tat es deswegen auch.
Schlie├člich tut man doch alles f├╝r einen geliebten Menschen, nicht wahr?
Selbst wenn er schon tot und nicht mehr bei uns ist . . .
Der Regen wurde immer st├Ąrker, doch ich stand noch da, regungslos und achtete nicht auf die Worte des Pfarrers, die man sowieso nur noch verschwommen h├Ârte.
Das Blut tropfte auf den Boden, weil ich den Stiel der Rose immer krampfhafter umschloss und die Dornen tiefer und tiefer drangen. Aber ich sp├╝rte es nicht, ich wollte es nicht sp├╝ren.
Tr├Ąnen liefen mir die Wangen hinunter, doch man h├Ârte keinen Laut von mir.
Traurig starrte ich auf ihren Grabstein. Ihr Name war da eingemei├čelt, in sch├Ânem Marmor standen dort ihre Lebensdaten und der Spruch, den sie sich gew├╝nscht hatte.
Alles erinnerte mich schmerzlich an die letzten Stunden im Krankenhaus mit ihr, als sie am Beatmungsger├Ąt angeschlossen und schon vollkommen weggetreten war.
Leise hatte ich mit ihr gesprochen, hatte nicht geglaubt, dass sie mich verstehen k├Ânne.
Geweint hatte ich, w├Ąhrend man sie wegschob und dem Bestatter ├╝bergab. Still geweint ├╝ber meine beste Freundin, die einzige, die ich je gehabt hatte. Ich vermisste sie ja so!
Jeden Tag wachte ich in meinem Bett auf, ging ins Badezimmer, das mich an sie erinnerte, schaute im Wohnzimmer fern, das mich an sie erinnerte. Zusammen gewohnt hatten wir, das war schon seit der vierten Klasse beschlossene Sache gewesen.
Blutsbruderschaft hatten wir uns schon im Kindergarten geschworen und die Pubert├Ąt gemeinsam durchgestanden. Nie h├Ątte uns irgendein Kerl auseinander bringen k├Ânnen, wir bedeuteten uns die Welt und starben, wenn wir die Andere nicht um uns hatten.
In unserem Leben – wir kannten uns schon unser gesamtes Leben – hatten wir uns vielleicht mal drei Wochen nicht gesehen, wir hingen aneinander, als seien wir zusammengewachsen.

Und jetzt war sie tot und auch ich war tot, weil sie nicht mehr da war.
Sie war in meinem Herzen, ja, aber ich empfand nur tiefe Trauer, in dem Moment, als ich an ihrem Grab stand und Erde auf ihren Sarg warf, die Rose hinterher.
Sie war tot, der Welt entschwunden.


by V.L., 24.11.03



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Denn jeder t├Âtet, was er liebt. (Oscar Wilde)

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