Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5661
Themen:   98016
Momentan online:
402 Gäste und 16 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erzählungen
Requiem für einen Wichser
Eingestellt am 12. 07. 2019 15:37


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
rotkehlchen
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Mar 2019

Werke: 12
Kommentare: 28
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um rotkehlchen eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Requiem für einen Wichser

1
Es kam alles so überraschend. Gestern Nachmittag um fünf trieb er noch Unfug mit seinem Hund, dem Köter, dann war er unter die Dusche gestiegen und hatte sich gründlich abgeseift – er schwitzte leicht und roch dann unangenehm –, um dreiviertel neun saß er mit dem Forstrat im Wohnzimmer und trank Whisky, um zehn war er nach oben gegangen. Kurz: Es hatte alles nach einem normalen Abend mit Vater und Sohn ausgesehen. Als der Forstrat, allein gelassen, den dritten Whisky kippte, fing auf einmal der Hund, der Köter, an, jämmerlich zu jaulen und an der Tür zu kratzen, ließ sich auch, obwohl der Forstrat mehrmals scharf „Aus!“ rief, nicht beruhigen. Schließlich erhob sich der Forstrat mit einer kräftigen Verwünschung auf den Lippen und folgte dem Hund leicht schwankend ins Dachgeschoss. Er betrat die Bodenkammer, sah seinen Sohn, griff sich an die Brust und ließ sich schwer atmend und seiner Sinne nicht mehr mächtig auf einen Stuhl fallen.

2
Der kleine Trauerzug formierte sich und setzte sich in Bewegung. Hinter dem Sarg Schritt Herr Zinkan, ein guter Bekannter der Mutter, dessen schwarzer Zylinder sich im Rhythmus seiner Schritte auf und nieder bewegte als gleite er auf Wellen. Zinkan hatte sich aus Verbundenheit mit dem Hause und weil er gerne redete bereit erklärt, an die Stelle eines Geistlichen zu treten und die Trauerrede zu halten. Dann folgten die Eltern; der Abgesandte der Fakultät, ein Herr Wiedemann; der ehemalige Physiklehrer des Verstorbenen, Herr Schürholz; der Pate, Herr Weichnagel, ebenfalls ein guter Bekannter der Mutter aus Jugendtagen sowie einige Zaungäste.
Geschwister? Keine. Freunde? Nein. Freundinnen? Erst recht nicht. Der Verstorbene war ein Einsamer vor dem Herrn gewesen, wie Herr Zinkan wenig später mit pastoralem Pathos mitteilen wird.
Ein heftiger Windstoß fuhr durch die Bäume des Friedhofs, und jetzt begann es auch noch zu regnen. Ein Wetter für Selbstmörder, dachte der junge Herr Wiedemann und ballte eine Faust, denn eigentlich sollte gar nicht er es sein, der hier den Pfützen auswich, sondern ein anderer, aber der hatte in letzter Minute wegen Grippe abgesagt. Auch die Gedanken des Paten waren alles andere als anlassbezogen: Vor seinen Augen erschien gerade ein Cappuccino mit Schokoschnipseln und Sahnehäubchen. Er hegte eine tief sitzende Antipathie gegen schlechtes Wetter und Beerdigungen. Die Mutter, eine geborene von Bülow, unnahbar, wie desinfiziert, zog sich weiter in ihr Schneckenhaus zurück; ihr fröstelte. Der Forstrat, wieder zu Sinnen gekommen und mit einer Körperlichkeit, für die sogar der weiträumige Friedhof zu eng schien, hielt sich sehr aufrecht und schwitzte das Selbstbewusstsein des überzeugten Egomanen aus. Sein Blick ging über den Sarg hinweg in eine unbestimmte Ferne; er hatte sich vorgenommen, dieses sakrale Möbelstück, in dem sein missratener Sohn lag, keines Blickes zu würdigen.
Doch es half nichts. Den Sarg konnte er übersehen, aber nicht seinen Sohn. Den sah er jetzt, deutlicher denn je. Der Anblick war über die Maßen entwürdigend. Der Forstrat schloss für einen Moment die Augen, als könne er dadurch das furchtbare Bild verscheuchen.
Er dachte: Es ist ein Unterschied, ob man so etwas liest oder auf dem eigenen Dachboden sehen muss, und wenn es dann noch der eigene Sohn ist und dann in dieser entwürdigenden Pose...
Der Forstrat gestand sich ein: Er war zu schwach gewesen, um diesen Sohn zu lieben, denn der war wohl von seinem Schlag, aber nicht von seiner Art gewesen. Anfangs, als der Sohn noch ein kleines Kussmäulchen war und bei jeder Gelegenheit: „Pappi, Aam!“ rief, da hatte es eine Weile so ausgesehen, als sei der Kleine so recht nach seinem Herzen. Aber als er dann größer wurde und die ersten Widerworte gab...
Und später... Allein diese lächerliche Angst vor dem Knall der Büchse! Und dann diese übertriebene Tierliebe. Wieder hörte er die mutierende Stimme des Sohnes: Vater, das ist doch pervers! Du lässt Futter auslegen, um sie dann beim Äsen abzuknallen...
Da hatte der Forstrat erkannt: Das wird nichts mehr.
Der Forstrat zog die Unterlippe ein. Es war an einem Sonntagmorgen um halb fünf, zu Beginn der Jagdsaison...

Zum Revier war es eine gute dreiviertel Stunde strammen Fußwegs den verschlungenen Waldweg hoch. Über dem schwarzen Forsten stand wie die Kuppe eines glühenden Fingernagels die aufgehende Sonne. Die Moospolster am Bach waren mit Millionen funkelnder Tautropfen übersät. In der Ferne hämmerte ein Specht.
Der Hochsitz lag am Ende einer Schneise, die als Futterplatz diente. Für David Marie war es der Gipfel an Perversität, dass der Vater dem Wild erst Futter auslegen ließ und es dann beim Äsen abknallte. Schon dafür hasste er ihn. Sie bestiegen den Hochsitz, und der Forstrat stellte Fernglas und Flachmann hin. Er war ein einsamer Jäger und verabscheute Jagdgesellschaften, die das Wild nur vertreiben statt es zum Stehen zu bringen.
Eine ganze Weile saßen sie schweigend. David Marie fröstelte. Diese weibische Kälteempfindlichkeit, dachte der Forstrat missmutig und zog hässlich die Nase hoch, ein Erbteil seiner Mutter.
Nach einiger Zeit zeigte sich auf der Schneise ein kapitaler Eber und näherte sich dem Leckstein. Da im Revier die Afrikanische Schweinepest verbreitet war, waren die Jäger gehalten, den Bestand an Schwarzwild erheblich zu dezimieren. Der Forstrat nickte, legte den Finger an den Mund und überreichte seinem Sohn die Jagdbüchse. „Schieß du“, flüsterte er, „aber triff!“
In den Augen des Forstrats blitzte es böse. Er hatte mehrfach versucht, seinem Sohn das Schießen beizubringen. Es waren fast die einzigen gemeinsamen Aktivitäten gewesen. Hinter dem Forsthaus stellte er Blechdosen auf. Doch David Marie traf nie. Der starke Rückstoß und der scharfe Knall bewirkten, dass er die Jagdwaffe jedesmal verriss. Außerdem fiel es ihm schwer, nur ein Auge zuzudrücken. Bald gab es der Forstrat auf und murmelte: „Weichei!“
David Marie nahm den Wiederlader, entsicherte ihn und legte an. Wieder fürchtete er sich vor dem Knall und dem Rückstoß. Der Eber, ein Prachtexemplar von Tier, stand jetzt so, dass ein Blattschuss möglich gewesen wäre. „Nun schieß doch endlich“, zischte der Forstrat. David Marie linste durch das Zielfernrohr, nahm den Druckpunkt, doch er zögerte. Er kam sich vor wie ein Heckenschütze, der aus dem Hinterhalt auf einen wehrlosen Menschen schießt. Dieser Mensch hat nicht die geringste Chance, sich zu wehren, und der Eber auch nicht, dachte er.
Der Forstrat sah das Zögern seines Sohnes und lachte hämisch. „Versager!“ Der Schuss krachte, der Eber stob davon. Der Knall prallte von den Bäumen ab und kam abgeschwächt, aber vervielfältigt zurück. Die Kugel hatte ein Brett hart neben dem mächtigen Kopf des Forstrats durchschlagen.
Nicht nur der Vater, auch der Sohn war von Entsetzen gelähmt. Dann sprang der Forstrat auf, entriss seinem Sohn das Gewehr und prügelte damit auf ihn ein. Im Krankenhaus gab er an, David-Marie sei vom Hochsitz gestürzt.

*
Der Trauerzug bewegte sich auf einem Seitenweg der Grabstelle zu. Der Forstrat hatte die billigste Form der Grablegung angeordnet: Den Stillen Abtrag, ohne Trauerfeier, Trauerfloristik und ohne Priester. Obwohl er in großen Dingen recht großzügig sein konnte, besaß er in manchen Dingen einen geradezu stinkenden Geiz.
Die Forsträtin, geb. Niedergesäß, sah das schmucklose Grab und seufzte. Warum hatte sie diesen Zerstörer ihrer Lebensfreude eigentlich geheiratet? Sie hatte ihn mit neunzehn geheiratet, weil sie endlich diesen furchtbaren Namen los werden wollte. Und als der Bewerber dann auch noch von Adel war, hatte sie seinen blauen Augen kurzentschlossen nachgegeben...
Jetzt war sie zu bequem geworden, um an eine Veränderung zu denken. Und warum auch. Sie hatte sich eingerichtet. Wenn sie es wieder einmal nicht aushalten konnte, fuhr sie in die Kreisstadt zum Shoppen. Aber sie hatte es unterlassen, für ihren Sohn zu streiten...

Eines Tages bemerkte die Putzhilfe, dass es in David Maries Zimmer eigenartig roch. Sie blickte unters Bett und entdeckte dort einige prall gefüllte Plastiktüten. Die herbei gerufene Forsträtin öffnete eine dieser Tüten und blickte hinein. Verschimmelte Wurstbrote. Die Putzfrau schlug die Hände über dem Kopf zusammen und rief: „Er ist doch so ein hibsches Jungche!“ Tränen standen in ihren Augen.
Die Forsträtin merkte jetzt, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmte. Da war anscheinend einiges seit Jahren schiefgelaufen. Warum um alles in der Welt hat er es denn nötig, Lebensmittel zu horten?, fragte sie sich in einem Anfall von Nachdenklichkeit. Er ist gut ernährt, gut gekleidet, sieht ordentlich aus – also warum? Warum versteckt er Wurstbrote unterm Bett? Sie suchte nach einer Erklärung und fand keine. Aber anstatt die richtige Maßnahme zu ergreifen, ergriff sie die falsche: Sie unterrichtete den Forstrat. Der, kochend vor Zorn, stellte seinen Sohn brüllend zur zur Rede. Worte wie: Verschwender, Nichtsnutz, Versager fielen. Und auch: Kürzung der täglichen Ration. Die Mutter stand daneben und schwieg. Dass der Sohn zu wenig Taschengeld bekam und um jeden Euro betteln musste, fiel ihr nicht ein.
Auch David-Marie schwieg. Was hätte er such sagen sollen? Dass er manchmal mit dem Gedanken spielte, sich aufzuhängen?

*
Die Forsträtin schreckte auf und runzelte ihre immer noch glatte Stirn. Ein Regentropfen hatte ihre Nase getroffen und die unangenehmen Gedanken verscheucht. Doch schon waren neue zur Stelle.
Zum Beispiel die Sache mit dem Hund, dem Köter...

„Was willst du denn mit diesem Köter?“, bellte der Forstrat, „der kommt mir nicht auf den Hof! Wo hast du den überhaupt her?“
Na ja, schön war er nicht, der Köter. Dackelbeine, abstehende Ohren, struppiges Fell, schielende Augen, und stubenrein auch noch nicht, wie das Pfützchen auf dem Teppich bewies.
„Mit dem kannst du dich bei einer Ausstellung der hässlichsten Hunde der Welt bewerben.“
Natürlich, dieses Tier war ein Gegenentwurf zu den hochnäsig-edlen Jagdhunden des Forstrats, die Haus und Hof terrorisierten. Aber weder hatte David-Marie an diesen Hunden, noch hatten die Hunde an David-Marie Gefallen gefunden.
„Dann gehe ich mit ihm zu Oma“, sagte David-Marie.
Die Forsträtin stand daneben.
Dann gehe ich mit ihm zu Oma... Warum hat er nicht gesagt: Dann gehe ich mit ihm zu Mama?
Der Forsträtin lief es kalt den Rücken herunter. Weil er seine Mutter nicht liebt...
Wie konnte er auch? Liebe beruht auf Gegenliebe. Hatte sie ihn jemals liebevoll in die Arme geschlossen? Hatte sie ihn jemals geküsst? Na ja, er war kein munterer Knabe im lockigen Haar wie die neunmalklugen Posterboys der Verwandtschaft, eher ein hölzerner Pinocchio... Aber kann das ein Grund für eine Mutter sein, ihren Sohn nicht zu lieben?
Ja, sie hatte für ihn gesorgt... aber wirklich geliebt...?
Die Forsträtin erreichte damals, dass ihr Mann den Köter zuließ. Sie hatte erkannt, dass der Hund ein Spiegelbild der Seele ihres Sohnes war.
Wenn er mich nicht lieben kann, dann soll er wenigstens den Hund lieben.

Während die Forsträtin über den Weg stiefelte, gestand sie sich ein: Ich bin nicht hartherzig, aber ich habe nie wirklich geliebt...
Jemand sprach sie von der Seite an. Der Abgesandte der Fachschaft, der junge Herr Wiedemann. „Ein Wetter ist das heute“, sagte er, „so richtig für Selbstmörder.“
Die Forsträtin, fast einen Kopf größer als er, sah ihn abweisend an. Ihre braunen Augen sprühten Funken. „Wie meinen Sie das?“
Dem Abgesandten verschlug es die Sprache. Wieder einmal hatte er sich in die Nesseln gesetzt. Dabei hatte er doch ganz etwas anderes sagen wollen.
„Äh... ich meinte... ich wollte...“ Er hatte sagen wollen...

Die Studentenkneipe war stippevoll. Eine Frauenstimme juchzte auf, dann klatschte es. Lautes, heiteres Gelächter. Jemand rief: „He, Traudel, machste mal drei Bier?“
David-Marie, Mathe- und Physikstudent im ersten Semester, und sein Bekannter zwängten sich durch das Spalier der fröhlichen Trinker. In einer schummrigen Ecke rückte man zusammen, sie setzten sich.
Er war aufgeregt. Diese dampfende Ausgelassenheit stand im krassen Gegensatz zu der bierernsten, nach Bratkartoffeln riechenden Stammstischgemütlichkeit der Gaststätten, in die ihn der Forstrat gelegentlich mitgeschleppt hatte, wenn die 'Strecke' begossen werden musste.
Nach dem ersten Bier wurde sein Bekannter, ein schmales Jüngelchen namens Jens-Uwe, gesprächig. Schließlich rückte er mit der Nachricht heraus, er sei verlobt und werde bald heiraten.
„Du willst heiraten?“
David-Marie merkte, wie sich alles in ihm zusammenzog. Der Bekannte plauderte munter weiter und merkte nicht, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte. Während die meisten anderen jungen Männer in David-Maries Alter schon in festen Beziehungen lebten – einige hatten bereits Kinder – hatte er noch nie einen Frauenmund geküsst, geschweige denn einen Frauenleib umarmt. Er war sich immer nur selbst zur Genüge gewesen. Diese Erkenntnis traf ihn wie ein Keulenschlag. Er gestand sich ein, dass er auch auf dem Gebiet der Liebe ein Versager war.
Jens-Uwe unterbrach sich. „Ist was? Du guckst so komisch!“
David-Marie wehrte ab. „Was soll schon sein!“
Doch der junge Mann ließ sich nicht täuschen. Ihm waren die Abgründe der männlichen Seele nicht fremd, nicht nur, weil er selbst ein Mann war. Er studierte Psychologie im vierten Semester und hatte schon manchen 'Fall' auf dem Schreibtisch gehabt. Jetzt saß ein echter Fall neben ihm, und sein akademischer Jagdinstinkt erwachte.
„Hast du Pech bei Frauen?“, fragte er.
David-Marie ließ sich mit der Antwort Zeit.
„Komm schon, nun hab dich nicht so. Du bist doch nicht der einzige, der keinen Weiberrock festhalten kann! Ich schätze mal, der halben männlichen Besatzung hier geht´s so. Viele wollen auch gar nicht. Manche scheuen feste Beziehungen wie der Teufel das Weihwasser. Ein gelegentlicher One-Night-Stand reicht ihnen.“
„Ich hab noch nie einen versucht“, gestand David-Marie kleinlaut.
„Was, du hast noch nie –“
David-Marie schwieg, und Jens-Uwe blickte ihn verwundert an.
„Wie alt bist du jetzt?“
„Einundzwanzig einhalb.“
„Und wie wirst du den Druck los?“
David-Marie machte eine entsprechende Handbewegung.

Jens-Uwe Wiedemann hatte sagen wollen: David-Marie war ein sehr einsamer Mensch. Doch jetzt passte es nicht mehr, und er schwieg.

*
Der Zug stockte, hielt. Vor ihnen lag das offene Grab. Herr Zinkan, korpulent, im schwarzen Anzug, schwarzer Fliege und Zylinder auf dem Rundschädel, trat, mit einem weißen Zettel in der Hand, vor. Er wirkte wie eine überdimensionale Amsel, nur war sein Schnabel nicht gelb, sondern blaurot. Die Sargträger stellten den Sarg neben der Grube ab und nahmen Haltung an, ihre Gesichter erstarrt in abstrakter Trauer.
Der Zylinder begann seine Rede.
„Geehrte Trauerversammlung!“, sprach er, „wir stehen hier am Grabe von David-Marie von Donnerhall, ein schwerer Schlag für alle, die ihn kannten. Er besaß außerordentliche Begabungen –“
Herr Schürholz horchte auf.
Außerordentliche Begabungen...
„– und starb an gebrochenem Herzen. Der Entschlafene wurde geboren am...“
Der Forstrat grunzte: „Idiot! Donnerhall!“
Schürholz nickte. Ja, die besaß er, der Junge, die außerordentliche Begabungen: Mehrmals erster Preisträger im Bundeswettbewerb Physik, Jahrgangsbester beim Abitur in Physik und Mathematik – ein Schüler, der das Herz eines jeden leidenschaftlichen Pädagogen höher schlagen lässt und zu den kühnsten Hoffnungen verleitet.
Wenn da nicht auch das Andere gewesen wäre...
Sein Blick ging über die vom Alter gebeugte und unter dem Efeupelz ächzende Friedhofsmauer hinweg auf den Giebel des alten Gymnasiums, der hinter den hohen Linden hervor lukte und vergessene Erinnerungen herüberschickte. Vor vielen Jahren war er dort David-Maries Lehrer gewesen...

Das Spiel war eine Mischung aus Mutprobe, Provokation und Blödheit. Es galt, mit ausgestreckten Beinen im Flur zu sitzen und abzuwarten, ob der Lehrer darübersteigen würde. Manche Lehrer taten es, andere nicht. Oberstudienrat Schürholz gehörte zu letzteren. Er blieb stehen und wartete kurz; als sich nicht rührte, stieß er mit der Schuhspitze schmerzhaft gegen ein Schienbein, sagte „Hoppla!“ und tat so, als sei er gestolpert. Das machte er einmal, zweimal, dann hatte er das Spiel gewonnen, und die Beine klappten ein, sobald er sich näherte.
Da war ein Schüler, der nicht nur in vorauseilendem Gehorsam die Beine anwinkelte, als er Schürholzens roten Kopf die Treppe hochschaukeln sah, jetzt stand er sogar auf und machte, als der Lehrer an ihm vorbeiging, eine alberne Verbeugung. Bei Hausbesuchen in rechtslastigen Familien, bei denen auf Hochglanz gewichste Armeestiefel vor der Tür standen, hatte Schürholz erfahren, dass solche 'Diener' noch da und dort praktiziert wurden. Aber in der Schule? Schürholz empfand die Situation als ausgesprochen lächerlich.
Um der Situation die Peinlichkeit zu nehmen, in einer Art Fremdscham, verbeugte er sich ebenfalls. Es sollte wie eine Komödie in gegenseitigem Einverständnis aussehen.
Doch Schüler können alles sein, aber sie sind nicht blind. Schürholz vernahm deutlich das Wort: Wichser.
Der mit diesem Unwort belegte Schüler hieß David-Marie von Donnerfall. Er galt als hoch begabter Sonderling und wurde weitgehend gemieden. Als besonders anstößig galt unter den Mitschülern seine kriecherische Art manchen Lehrern gegenüber, vornehmlich solchen, die als besonders durchsetzungsfähig galten. Auch ohne ein Lehrbuch der Tiefenpsychologie in der Westentasche war dem Pädagogen klar, dass dieser Schüler auf die Couch des Schulpsychologen gehörte.
Während der Redner seine Sätze herauskeuchte, spielte sich eine andere Szene in Schürholzens Kopfkino ab...

David-Marie stand an der Tafel und bearbeitete ein Gleichung mit sechs Variablen. Wie immer, wenn David-Marie an der Tafel stand, war es bemerkenswert ruhig – wenn die Schüler seine schwammige Art auch nicht mochten, seine Begabung nötigte ihnen Respekt ab.
Schürholz sah ihn wieder vor sich, wie er, mit leicht geöffnetem Mund, eine Unbekannte nach der anderen eliminierte. Wozu andere Schüler Stunden brauchten, brauchte er Minuten, der Tausendsassa. Nein, hübsch war es nicht, dieses gewaltige Naturtalent mit dem Superhirn. Zu großer Kopf, unbezähmbarer Haarschopf, verpickelte Stirn, Stubsnase, teigige Haut... Dass er nicht als hässlich durchging lag einzig und allein an diesen wunderbaren großen Augen mit den mädchenhaft langen Wimpern... Aber die Haltung...
Schürholz konnte sich noch genau erinnern, was er damals gedacht hatte. Er hatte gedacht: Er müsste mehr Sport treiben, sonst hat er mit fünfunddreißig einen Professorenbuckel!

Der adipositäre Redner schwieg und starrte auf seinen Zettel. Anscheinend war er aus dem Konzept geraten. Dann fuhr er in erhöhter Stimmlage fort: „Geehrte Trauernde! Der Tod verändert alles, obwohl es zunächst nicht danach aussieht. Doch der Verlust eines geliebten Menschen...“
Wieder gingen die Gedanken des Pädagogen auf Abwege...

Und dann war laut und deutlich diese Bemerkung gefallen.
David-Marie hatte die Gleichung gelöst. Er war zur Seite getreten und blickte seinen Lehrer erwartungsvoll an. Doch noch bevor Schürholz etwas sagen konnte, rief jemand: „Gut gemacht, alter Wichser!“
David-Marie machte ein Gesicht, als habe ihn gerade jemand bei etwas höchst Unanständigem ertappt. Eine furchtbare Weile stand er reglos da, seine Lippen zitterten. Dann rannte er mit Tränen in den Augen aus dem Saal.
Eine atembeklemmende Stille trat ein. Ein Mädchen rief: „Arschloch!“ und rannte hinter dem Geflüchteten her.
Schürholz nahm sich vor, den Bildungsweg dieses hochbegabten Unglücklichen im Auge zu behalten.

*
Schon seit einiger Zeit machte sich eine Person an dem frischen Nachbargrab zu schaffen. Den Hut hatte sie tief nach unten gezogen, sodass ihr Gesicht nicht zu erkennen war. An der Fahrigkeit ihrer Bewegungen erkannte die Forsträtin, dass es der Frau nicht um Grabpflege ging, sondern um etwas anderes: Sie lauschte mit schief gestelltem Kopf Zinkans Worten.
„... David-Marie war kein glücklichere Mensch. Das ewige Lachen der Sonne hat er kaum genossen. Als ich ihn das letzte Mal sah...“
Die Frau richtete sich auf und blickte auf das Grab. Die Forsträtin sah ihr Gesicht und erschrak: Ungeschminkt grau und verlebt, ein Abgrund gesammelter Enttäuschungen, ihre Lippen bewegten sich wie im Gebet.
„David-Marie“, murmelte die Frau, „ja, ich erinnere mich, so hieß er. Also hat Mona doch recht.“

Der junge Mann stand auf der anderen Seite der engen Gasse und blickte herüber. Sie erkannte ihn sofort: Gestern hatte er dort gestanden und vor drei Tagen auch. Sie winkte ihm zu, nun kam er näher. Er blickte sie an, in seinen Augen Verzweiflung.
Verführerisch lächelnd lehnte sie sich zurück; ihr schwellendes Fleisch leuchtete Schweinchen-schlau-farben im Licht der Speziallampe. Sie öffnete das Fenster und rief: „Na, Süßer, wie wär´s heute mit uns beiden?“
Der Geruch billigen Parfüms lag in dem schlecht gelüfteten Zimmer. David-Marie blickte sich unsicher um. Den Plüsch und Plunder sah er wohl, aber er nahm ihn nicht wahr. Sie sagte: Setz dich doch! Möchtest du etwas trinken?“ Ohne auf die Antworten zu warten, goss sie zwei Sektgläser voll und setzte sich neben ihn. „Geht aufs Haus! Prösterchen!“
Sie hatte sich angewöhnt, mit den Kunden erst zu reden. Manche kamen überhaupt nur, weil sie mit ihr reden wollten. Sie sehnten sich nach einem Busen, an dem sie ihren Kummer los wurden, und nach ein paar Streicheleinheiten. Es muss ja nicht immer gleich Sex sein. Der Preis war der gleiche.
Sie fragte: „Wie heißt du eigentlich?“
„David-Marie.“
Sie erkannte, dass er nicht log. Viele ihrer Kunden logen schon beim Vornamen, weil sie sich vor Indiskretion fürchteten.
„David-Marie! Ein schöner Name!“ Was man so sagt, wenn man sich nichts zu sagen hat.
Sie sah seine Unsicherheit und fragte: „Ist es das erste Mal?“
„Ja.“
„Es ist immer das erste Mal“, sagte sie, „das ganze Leben besteht aus ersten Malen. Und irgendwann ist es das letzte Mal. Steh mal auf!“ Sie begann, ihm die Hose aufzuknöpfen.
„Mann“, rief sie, als sie fündig geworden war, „du bist aber gut bestückt!“ und machte sich ans Werk. Doch es wollte nichts werden, und nach einiger Zeit gab sie auf. „Mach dir nichts daraus“, sagte sie, „manchmal geht´s eben so, du bist nicht der einzige, dem es so geht. Hattest du heute viel Stress?“
Sie sah in seine Augen und sah seine Seele, rissig wie Eichenborke. Da wusste sie Bescheid. „Das hast du doch nicht nötig! Was du brauchst ist eine verständige Freundin.“ Doch schon während sie den Satz aussprach, erkannte sie: Das Problem liegt ganz woanders. Zerstörtes Selbstbewusstsein. Kein Fall für ein Freudenhaus.
Sie steckte sich eine Zigarette in den Mund, fragte: „Gibst du mir Feuer?“
„Kopf hoch“, sagte sie und stand auf, „vielleicht klappt´s ja beim nächsten Mal.“
Sie nahm das Geld und steckte es in ihren Ausschnitt. Als er ging, sah sie ihm nach.
Hoffentlich geht es gut mit ihm, dachte sie.

*
Ein leiser Wind spielte mit den abgeschabten Rockschößen der Sargträger, die gerade wieder das Standbein wechselten, und immer noch fand der Redner kein Ende.
„Warum“, tönte er jetzt, „warum, David-Marie, warum musstest du so früh von uns gehen? Dein Weggang erfüllt uns mit Schmerz und Trauer, wir werden dich nie vergessen. Dein Herz war ein einsamer Jäger; du hast Liebe gesucht und nicht gefunden. Und so –“
„August, es reicht jetzt!“
Alle Augen wandten sich dem Forstrat zu. Herr Wolf-Grim von Donnerfall hatte bisher mit der Starrheit und Massigkeit einer alt-ägyptischen Kolossalstatue über den Redner hinweggesehen und nicht zu erkennen gegeben, dass ihn das ganze irgendetwas anging. Nun kam zumindest körperliche Bewegung in ihn. Er ging auf die Sargträger zu und befahl: „Lassen Sie den Sarg hinunter!“
Die Köpfe der Männer entblößten sich. Der Zylinder verschwand und nahm die Haare seines Trägers mit, denn er hinterließ einen völlig kahlen Schädel. Als der Sarg unten angekommen war, ergriff der Forstrat mit grimmigem Blick die Schaufel und warf einen Erdklumpen hinunter, der erwartungsgemäß mit dumpfen Geräusch auftraf.
Jetzt geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte – die betreffende Person am wenigsten – die Forsträtin schluchzte auf, schwankte und musste vom Forstrat gestützt werden.
Herr Zinkan, der sich wieder gefasst hatte, warf den nächsten Klumpen und murmelte: „Requiem aeternam da ei, Domine.“

3
Der Hauptkommissar fragte: „Liegt eigentlich der Bericht über den Toten im Forsthaus schon vor?“
„Liegt seit gestern auf deinem Schreibtisch, alter Uhu.“
„Ach! Muss ich wohl übersehen haben. Was steht denn drin?“
„Warum liest du nicht selbst?“
„Ich kann meine Brille nicht finden.“
„Exit durch Strangulation, leicht erhöhter Alkoholspiegel.“
„Also nichts, was wir nicht schon wissen oder vermutet haben. Hmm...“ Der Hauptkommissar rührte seinen Kaffee um. „Was ich nicht verstehe... Warum war der Tote unbekleidet? Und dann diese Spermaflecken auf dem Boden vor dem Hocker... Verstehst du das?“
Der Kommissar wiegte bedächtig den Kopf. „Einen Erklärungsversuch hätte ich.“
„Na dann heraus damit!“
„Ich erinnere mich an einen ähnliche Fall, ich glaub, in England war´s. Einer dieser durchgeknallte Rapper erhängte sich beim Wichsen. Er war auf einen Stuhl gestiegen, hatte sich die Schlinge um den Hals gelegt, dann war der Stuhl aus irgend einem Grunde umgekippt.“
„Bizarr! Und warum tut einer das?“
„Was?“
„Sich beim Rubbeln eine Schlinge um den Hals legen.“
„Weil Gehenkte einen Ständer kriegen. Liegt wahrscheinlich daran, dass das Blut dann nach unten sackt. Wenn du die Schlinge leicht zuziehst und etwas in den Beinen nachgibst, hat das bei manchen einen ähnlichen Effekt. Ist so etwas wie ein ultimativer Kick. Manche steigen auf den Mount Everest, andere auf einen Stuhl und legen sich die Schlinge um den Hals.“
Der Hauptkommissar grinste. „So! Und das kennst du aus Erfahrung.“
„Nein, aus der Fachliteratur. Du weißt doch, lesen bildet!“
„Okay! Das heißt, bei dem Jungen vom Forsthaus muss es nicht unbedingt Selbstmord gewesen sein. Es könnte sich auch um ein Unfall gehandelt haben.“
„Ja, so sieht es aus.“

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Binsenbrecher
Autorenanwärter
Registriert: Apr 2018

Werke: 14
Kommentare: 68
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Binsenbrecher eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Rotkehlchen,

habe diese Geschichte und dann auch die "Mutprobe" und das "Riesenarschloch" mit einigem Vergnügen gelesen.

Jetzt sitze ich hier und überlege angestrengt, wie ich das, was mir an den Geschichten fehlt, so in Worte fasse, dass man eventuell sogar etwas damit anfangen kann. Es ist vielleicht gar nicht mal etwas, das fehlt, sondern etwas, das zu viel ist. Alles ein wenig zu dick aufgetragen; die Personen sind zuweilen das, was man beim Theater "Knallchargen" nennt, die Handlung oder sagen wir lieber das Geschehen erscheint manchmal überdeterminiert, vorhersehbar.

Nichts gegen Karikatur, satirische Überzeichnung, nichts gegen holzschnittartige Vergröberung! Aber dann muss gewissermaßen nicht alles gleichlaut aufgerufen werden, sondern dann muss moduliert werden, da müssen Kontraste zwischen laut und leise rein. Das fehlt mir ein wenig.

Ich weiß, wie schwer es manchmal für einen Autor ist, auch mal auf einen Einfall, eine Pointe oder so etwas zu verzichten, etwas im Vagen zu lassen, was einem im Augenblick doch so wichtig erscheint - aber wenn man das lernt, dann kann des Ergebnis nur gewinnen!

Grüße, Binsenbrecher

Bearbeiten/Löschen    


1 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Erzählungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung