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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Rezension zum Fernseh-Tatort
Eingestellt am 25. 12. 2003 18:49


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LuMen
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Rezension zum Fernseh-Tatort „Das Böse“ (ARD, 21.12.03, 20.15 Uhr)



Eine hier veröffentlichte Glosse zum Fernsehfilm „Mörderherz“ der ARD hat im Mai d. J. Anlaß zu einer lebhaften Diskussion über das Für und Wider von öffentlicher Kritik an Film und Fernsehen und ihrer potentiellen Einflussnahme auf Autoren und Produzenten gegeben, wobei insbesondere auch Sinn und Nutzen von sog. „Vorab“- und „Nach“-Kritik zur Debatte standen. Das Beispiel des letzten „Tatortes“ gibt einen frappierenden Anlaß, diese Diskussion noch einmal aufzugreifen und auszuloten, ob die Kritik im Nachhinein nicht doch ihre Daseinsberechtigung hat und man nicht versuchen sollte, in welcher Form auch immer, gegen die Verschwendung öffentlicher Mittel , darunter die von fast jedem Bürger in beträchtlicher und zunehmender Höhe zu zahlenden Rundfunk- und Fernsehgebühren, vorzugehen.
Mich juckt es jedenfalls in den Fingern, mir in einer Rezension Luft zu machen, selbst wenn dies praktisch für die Katz (oder nur für die User der „Leselupe“) sein sollte.

Wie man aus einem unspektakulären Thema einen guten Film machen kann, haben uns die Engländer mit “Billy Elliot – I will dance“ (ZDF, 23.12.03, 22.15 Uhr) gerade vorgemacht. Zwei Tage vorher, beim von vielen, manchmal sogar zu Recht, mit Spannung erwarteten neuen Tatort haben Regisseur und Drehbuchautor, beides ein gewisser Nicki Stein, in erstaunlicher Übereinstimmung mit einem renommierten Schauspieler-Ensemble gezeigt, wie man es auch umgekehrt machen kann: Mit dem schon von der besonderen Begrifflichkeit her große Erwartungen weckenden Thema des (absoluten) „Bösen“ einen durch die Bank schlechten Film zustande zu bringen.

Vorausgegangen war wie üblich die offenbar vom „Waschzettel“ des Produzenten bestimmte lobhudelnde Vorabkritik ( s. z.B. die Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 20.12.03, „Abgründe in der Banken-Metropole – ein ungewöhnlicher Tatort“) mit der bedauerlichen Folge, daß die höchste Zuschauerzahl des Abends, nämlich 7,17 Millionen gegenüber 7,06 bei der netten amerikanischen Liebesromanze “Pretty woman“, ihre Zeit dafür vergeudeten. Das einzige, was an dieser Kritik stimmt, ist die Bezeichnung des Filmes als „ungewöhnlich“, das allerdings im negativen Sinn.

Ersparen Sie mir den Versuch einer Inhaltsangabe, die Sie in ungewöhnlich gedrängter Kürze den einschlägigen Fernsehillustrierten entnehmen können. Es gibt nämlich gar keinen Inhalt, jedenfalls nicht im Sinne eines logischen Handlungsablaufs mit kriminalistischem Spannungsbogen. Dabei mache ich den Filmbastlern nicht zum Vorwurf, daß sie, wie es heute Mode ist, einen „doppelbödigen“ Krimi mit Psycho-Thriller-Komponente fertigen und sich vielleicht englische Serien wie “Hautnah: Die Methode Hill“ zum Vorbild nehmen wollten (zuletzt Sonntag, 20.12.03, ZDF, 22.00 Uhr, wo man gleich im Anschluß an das „Böse“ den eklatanten Unterschied zu einer zumindest handwerklich gekonnt gemachten Ausgabe dieser Spezies studieren konnte). Es fehlte im „Bösen“ jedoch an jeglicher Grundlage für eine zufrieden stellende Sonntagabend-Unterhaltung.

Die Hauptrolle, um die sich alles dreht, spielt Ulrich Tukur als verrückter Banker, dessen psychopathische, völlig unvorhersehbare Ausfälle im normalem Leben längst zum Rausschmiß, wenn nicht gar sofortiger Überstellung in eine geschlossene psychiatrische Anstalt geführt hätten. Hier aber bot sich Drehbuchautor und Regisseur unter tatkräftiger Mithilfe des Kameramanns eine – hoffentlich - einmalige Gelegenheit, sich in abstrusen, ausgeflippten Verhaltensbildern und Szenarien auszutoben, ohne dem Zuschauer Rechenschaft über Logik oder Motivation geben zu müssen. Ein durch und durch Verrückter erklärt eben alles und läßt alles zu!
Tukur spielt, was ihm vorgegeben wird, mit gewohnter Routine und Eindringlichkeit. Aber wem gibt er etwas damit, wenn das Geschehen schlechthin unverständlich bleibt und auch der kleinste Versuch einer Aufhellung des psychologischen Hintergrundes unterbleibt?

Stattdessen perfekte Konfusion und sinnentleerte Effekthascherei, wobei auch die übrigen Protagonisten ihre Mithilfe nicht verweigern. Dialoge, die zum Teil über Gesangseinlagen des Hauptdarstellers geführt werden, Telefon-Sex im kriminalistischen Alltag, Kriminalbeamte, die ihrer Arbeit auch im Smoking nachgehen, Prostitution in allen Lebens- und sonstigen Lagen und Vatermord zum krönenden Abschluß sogar in der völlig arglosen, bisher unbeteiligten Familie der Kommissarin….kurz und gut, alle Zutaten, zu denen manche Krimimacher heute gern greifen mögen, nur: Es fehlt die Speise selbst!!

Um die Verwirrung noch weiter zu treiben und die Geduld des Zuschauers bis auf den letzten Nerv auszureizen, veranstaltete der Regisseur schließlich noch ein Ratespiel. Er ließ seinen Hauptdarsteller in willkürlich durcheinander gewürfelten Szenen einmal mit Platzwunde an der Stirn und ein. anderes Mal ohne auftreten. Gute Ratefüchse haben sicherlich gleich zu Stift und Notizblock gegriffen und so möglicherweise die richtige Reihenfolge zwischen laufender Handlung und Rückblende herstellen können. Der normale Krimifreund dürfte diesen Kunstgriff kaum als ausreichenden Ersatz für ansonsten fehlende Spannung angesehen haben.

Mit der Zeit steuerte die Geschichte unvermeidlich die Grenze zur unfreiwilligen Komik an. Komisch finde ich es allerdings gar nicht, daĂź das gute Geld des BĂĽrgers fĂĽr derartiges von vornherein zweifelhaftes Herumexperimentieren verkannter oder sich verkannt fĂĽhlender KĂĽnstlergenies hinausgeworfen wird.

Eine Kopie dieser Rezension geht an die Verantwortlichen der ARD. Ich sehe der vermutlich ausbleibenden Reaktion gefasst entgegen und werde anderenfalls an dieser Stelle berichten.

LuMen







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