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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Rhapsodie
Eingestellt am 19. 01. 2006 00:26


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ENachtigall
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Rhapsodie

Oben auf seinen Astspitzen balanciert der Fliederbaum, wie einen schelmisch schief getragenen Heiligenschein, den blauen Hulahupreifen.

Seit den letzten warmen Sommertagen wacht er dort. Unkontrollierter Wildwuchs legt seine Patina aus Moos und Laub, Schnee und Staub √ľber die Gartenerde. Keck schm√ľckt sie sich mit einem Fitzelchen Bonbonpapier und der Spitze einer Sylvesterrakete. Bei Tage sieht er freche Spatzen mit flei√üigen Meisen um die letzten Samen der trockenen Schmetterlingsstr√§ucher zanken; bei Nacht schrecken ihn die Katzen, wenn sie sich verwegene Schimpfsalven zufauchen. Am Stamm lehnt seltsam asymmetrisch der Rest von Tannenbaum, den die Gartenschere beim Einsetzen eines Eisregens verschm√§hte. Einige geschnittene Zweige warten schon im spinnenbenetzten Holzregal, um knisternd die ersten lauen Fr√ľhjahrsd√§mmerungen mit ihrem Feueratem zu schw√§ngern, um hei√ü und harzig im Bauch des Gartenkamins zu gl√ľhen und Feuerbienen in den Himmel zu schicken, die ihm verk√ľnden, dass ich es breche, das letzte Siegel der Verschwiegenheit.

Dann, Kinder, werde ich euch erzählen, was die jungen Spatzen eines Tages von den Spottdrosseln hören werden, bevor sie es von den Dächern pfeifen, in einem verfluchten Moment unserer Schwäche, wenn wir die Augen vor Angst schließen und uns vorstellen, keiner sähe uns.

Ich will euch wappnen mit unserem Vertrauen ‚Äď diesem Schild, das uns sch√ľtzt - damit ihr ihnen ins Gesicht schreien k√∂nnt. ‚ÄěNa und, k√ľmmert euch um euren eigenen Schei√ü!‚Äú Wahrscheinlich tun sie uns nichts, wenn sie sp√ľren, dass wir gewappnet sind. Sie haben nur Lust daran, ins ungesch√ľtzte Fleisch zu schneiden, mit ihren scharfen Stimmen.

Noch schlafen die G√§nsebl√ľmchen, die hier keiner mehr aussticht, im frostigen Boden. Bald s√§ge ich die Tanne und spalte ihr Holz. Es bleibt noch ein unbestimmter Rest von Winter. Die Schneegl√∂ckchen brechen durch. Gedachte Worte w√§lzen sich wie schlaflos √ľber meine Zunge.

Ich komponiere die letzte Rhapsodie zu seinem Suizid.


Januar 2006-01-18

__________________
Wer Spuren sucht, wird Wege finden.

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