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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Rheingold
Eingestellt am 13. 09. 2017 20:57


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a.lipschitz
Routinierter Autor
Registriert: Oct 2009

Werke: 8
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1. JĂ€ger und Sammler

Sommer 1982. So lautet der Titel von Rudis gegenwĂ€rtigem Lieblingsbuch. Und so wird er vielleicht auch einmal seine Erinnerungen an die sechswöchigen Ferien zwischen der siebten und der achten Klasse bezeichnen, wobei die Jahresangabe hier keine so große Rolle spielt, wie bei dem Buch. Denn der Sommer 1982 ist bislang nicht viel anders verlaufen als der vorherige. Auch im letzten Sommer ist er nicht in den Urlaub gefahren, weil seine Mutter arbeiten musste. Und auch dieses Jahr hat sie wieder gesagt: "Wir können es uns nicht leisten. Aber dafĂŒr bestimmt nĂ€chstes Jahr."
Seit der Scheidung arbeitet sie ganztags im Supermarkt. Aber die Scheidung ist jetzt schon vier Jahre her.
"Bald verdiene ich mehr", hatte sie im Sommer 1981 gesagt, "und dann fahren wir auch mal weg."
"Mit dem Zug?", hatte Rudi gefragt.
"Ja, auch mit dem Zug. Wenn es nicht zu teuer wird."

Das Buch mit dem Titel "Sommer 1982" hat er sich zum 13. Geburtstag gewĂŒnscht und auch bekommen. Es hat ein annĂ€hernd quadratisches Format und ist so dick, wie mindestens zwei TelefonbĂŒcher einer deutschen Großstadt zusammen. Rudi liest fast tĂ€glich darin.
"Kennst du das Ding nicht bald auswendig?", fragt seine Mutter.
"Man findet immer wieder etwas Neues", sagt er.
Vor allem dann, wenn er das Buch vom Winter 1981/1982 daneben legt und vergleicht, was sich alles geÀndert hat. Denn auch vom letzten Winter besitzt er die Gesamtausgabe des Kursbuchs der Deutschen Bundesbahn.
Über seinem Schreibtisch hĂ€ngt eine Übersichtskarte mit allen Bahnstrecken in Deutschland neben dem Poster einer 103er Elektro-Lok und drei Zuglaufschildern.

Und geĂ€ndert hat sich einiges. Es verkehrt ein neuer Intercity mit dem Namen "Lötschberg" von Hamburg ĂŒber Köln bis nach Brig in der Schweiz. Er fĂ€hrt ĂŒber Rudis Lieblingsstrecke, die KBS 600, wie die linke Rheintalstrecke zwischen Köln und Mainz im Kursbuch bezeichnet wird. Auch der legendĂ€re Trans-Europ-Express "Rheingold" ist noch unterwegs, wenn auch seit diesem Sommer nur noch mit verkĂŒrztem Laufweg bis Basel. Den "Rheingold" hat er noch nie gesehen und es wĂ€re wirklich ein Jammer, wenn der mal nicht mehr fahren wĂŒrde. So wie der TEE "Friedrich Schiller", der mit EinfĂŒhrung des Sommerfahrplans gestrichen wurde.

Wenn er nicht im Kursbuch liest, dann geht Rudi auf die Jagd. Jetzt in den Ferien manchmal schon in den Morgenstunden, noch bevor seine Mutter zur Arbeit geht, denn das ist die beste Zeit am Aachener Hauptbahnhof. Morgens kommen die NachtzĂŒge aus Kopenhagen, Berlin, Warschau und Wien, bunte ZĂŒge mit Wagen aus vielen verschiedenen LĂ€ndern, sogar welche aus Moskau, die weiter nach Paris oder Oostende fahren. Dann steht Rudi auf dem Bahnsteig und beobachtet die ZĂŒge und gerade jetzt in den Ferien auch die Familien, die mit diesen ZĂŒgen in den Urlaub fahren. Er beobachtet, wie sie ein- und aussteigen, und hin und wieder lĂ€uft er ihnen auch unauffĂ€llig ein kleines StĂŒck hinterher.

Immer wenn Rudi unterwegs ist, hat er seine blaue Adidas-UmhĂ€ngetasche mit Reißverschluss dabei, die an einem Riemen quer ĂŒber der Schulter getragen wird. Nur in die Schule nimmt er sie niemals mit. Keiner aus seiner Schule hat ihn je mit der Tasche gesehen, denn die Tasche und das, wofĂŒr er sie benutzt, gehören zu einer anderen, seiner eigenen Welt.

Seine Finger spielen mit dem Reißverschluss der Tasche, als er neben einer Gruppe von Urlaubern an Gleis 6 auf den D-Zug nach Oostende wartet. Als der Zug kurz darauf am Bahnsteig steht, stellt er sich hinter eine Familie und beinahe wĂ€re er mit ihnen zusammen eingestiegen, aber nach einem Blick auf seine Armbanduhr ĂŒberlegt er es sich doch anders und bleibt schließlich allein zurĂŒck, wĂ€hrend der Zug aus dem Bahnhof hinaus und dann immer weiter bis an die belgische KĂŒste fĂ€hrt.

Vor der Ankunft des nĂ€chsten Zuges studiert er den Wagenstandanzeiger und setzt sich auf eine Bank am anderen Ende des Bahnsteigs. Der Platz ist gut gewĂ€hlt, denn der Zug kommt genau so vor ihm zum Stehen, dass er durch die geöffnete TĂŒr in den Vorraum eines Wagens blicken kann. Wieder sind Familien mit Kindern und Jugendlichen unterwegs in die Ferien.
Rudi beobachtet eine Familie, wie sie in den Wagen einsteigt, dann steht er auf, kontrolliert erneut seine Armbanduhr und dieses Mal passt alles. Er folgt der Familie in den Zug. Aber er geht ihr nicht durch den Gang zu den Abteilen nach, sondern blickt sich nur kurz im Vorraum des Wagens um, dass ihn auch niemand beobachtet, öffnet dann in einer schnellen und geĂŒbten Bewegung den Reißverschluss seiner UmhĂ€ngetasche und schiebt das Zuglaufschild, das an der Wand neben der ToilettentĂŒr hĂ€ngt, aus der Halterung heraus und lĂ€sst es in der Tasche verschwinden. Er öffnet die ÜbergangstĂŒr in den Vorraum des nĂ€chsten Wagens und nimmt dort ein weiteres Zuglaufschild an sich. Dann steigt er wieder aus dem Zug aus und lĂ€uft zielstrebig hinter einer Gruppe von Reisenden die Treppe vom Bahnsteig hinab.
Erst auf der Burtscheider BrĂŒcke, hoch oben ĂŒber dem Hauptbahnhof, verlangsamt er seinen Schritt.

In der kleinen Zweizimmerwohnung in einem Ă€lteren Mehrfamilienhaus, die er mit seiner Mutter bewohnt, ist er allein als er nach Hause kommt. Deshalb kann er in der KĂŒche auspacken und die fĂŒnf PVC-Schilder, die er in der UmhĂ€ngetasche hat, vorsichtig abwaschen und zum Trocknen in den StĂ€nder stellen, den seine Mutter sonst fĂŒr das Geschirr verwendet. Er betrachtet die Schilder zufrieden, wĂ€hrend er etwas aus einem Topf isst, den er im KĂŒhlschrank gefunden hat. Er ist nicht sicher, ob das in dem Topf besser schmecken wĂŒrde, wenn man es vorher warm gemacht hĂ€tte, daher schĂŒttet er eine Menge Ketchup darĂŒber, denn Ketchup hilft immer.
In seinem Zimmer werden die Schilder in die Sammlung integriert, die nach Zugnummern geordnet ist, und so finden vier davon einen Platz in dem Karton unter dem Schreibtisch, in dem bereits mehr als 100 StĂŒck der DIN A4-großen Schilder verpackt sind, und ein weiteres gehört, der Systematik folgend, zu den Schildern, die in seinem Kleiderschrank ganz unten hinter den Winterklamotten liegen.

Als die Mutter abends von der Arbeit kommt, sitzt er am Schreibtisch und liest in einem Kursbuch. Sie fragt, ob er das Essen im KĂŒhlschrank gefunden hat. Sie fragt ihn auch, was er heute gemacht hat und er sagt nur: "Bahnhof, ZĂŒge kucken".
"Wird das nicht irgendwann langweilig? Sind doch immer die gleichen ZĂŒge."
Rudi verneint.
Sie schlÀgt ihm vor, sich mal mit anderen Kindern zu treffen.
Rudi verneint auch das.


2. Der seltsame Typ von Gleis 8

Rudi mag es nicht, wenn etwas nicht nach Plan verlĂ€uft. Aber er hasst es, wenn ZĂŒge sich nicht an den Plan halten. Und der D 434 "Parsifal" nach Paris Nord hat sich heute nicht an den Plan gehalten und ist abweichend auf Gleis 8 eingefahren, so dass Rudi kurzfristig seinen sorgfĂ€ltig gewĂ€hlten Standort aufgeben, einmal treppab und treppauf den Bahnsteig wechseln und an Gleis 8 eine nur improvisierte Position beziehen musste.

Wenn Rudi keinen Plan hat, dann geht meistens etwas schief. Dabei hat er das Schild schon in der Tasche und ist aus dem Zug raus, als ihn jemand anspricht. Und es gibt nur eine Sache, die er noch mehr hasst als unplanmĂ€ĂŸige ZĂŒge, und das ist, wenn ihn jemand anquatscht. Wenn man etwas von ihm will, dann dauert es nie lange und er steckt in Schwierigkeiten, wenn er sich nicht schleunigst aus der AffĂ€re ziehen kann.

"Wart mal", sagt jemand direkt hinter ihm. Und ein "Wart mal", noch dazu, wenn es von hinten kommt, ist immer ganz ĂŒbel. Er steht oben an der Bahnsteigtreppe und ist noch lange nicht aus dem Bahnhof raus, wegrennen bringt also nichts, zumal der Typ ihn an der Schulter festhĂ€lt. Und wenn Rudi etwas auf der Welt noch mehr hasst, als wenn ihn jemand anquatscht, dann...
"Wetten, dass es in der Tasche steckt?"
Er dreht sich um und scannt zunĂ€chst die Klamotten, dann erst das Gesicht: Alte Turnschuhe, Jeans, kariertes Hemd, also jedenfalls keiner von der Bahn. Aber das mulmige GefĂŒhl im Magen lĂ€sst trotzdem nicht nach. Kann der mir die Tasche abnehmen, ĂŒberlegt er fieberhaft. Vermutlich nicht, also dummstellen und rausreden.
"Was wollen Sie?"
"Du hast das Parsifal-Schild."
"Was fĂŒrÂŽn Schild? Ich muss meine Oma vom Zug abholen."
"Es hing vor zwei Minuten noch in dem Wagen, aus dem du gerade ausgestiegen bist, und jetzt ist es weg und ich setze meinen Arsch darauf, dass es in deiner Tasche steckt."
Rudi scannt den Rest von seinem GegenĂŒber: ziemlich dick, schon Ă€lter, große Brille, ungepflegte Haare, aber kein Penner, und er fragt sich nervös, worauf der aus sein könnte.

Aber der Typ redet nicht lange herum und macht ihm klar, dass er ihn auffliegen lassen kann und er dann richtig Ärger bekommt.
"Als 13-jÀhriger? Wegen einem Plastikschild?" Rudi gibt sich nicht so schnell geschlagen.
"Nicht wegen einem, aber wegen dem, was vermutlich alles bei dir zu Hause rumliegt. Ich hab® dich heute nicht zum ersten Mal gesehen. Die Polizei wird sich mit deinen Eltern unterhalten. Ich gehe jede Wette ein, dass du sammelst und alles, was man bei dir findet, jedes einzelne Schild, wird man dir wieder abnehmen, denn jeder weiß, die sind alle geklaut."
"Eins habe ich auch mal neben den Gleisen gefunden", sagt Rudi, aber er weiß, dass seine Sammlung auf dem Spiel steht und er sich hier nicht rauswinden kann.
"Ich sag dir jetzt was", fĂ€ngt der Typ wieder an und Rudis mulmiges GefĂŒhl wird schlimmer, denn offenbar hat der etwas vor. Das ist kein Erwachsener, der ein Kind beim Klauen erwischt hat und ihm jetzt eine Lektion erteilen will, der ist auf was aus, aber Rudi hat keine Ahnung, was das sein könnte, nur, dass der Typ unter Druck zu stehen scheint. Und er schwitzt, noch mehr als Rudi selbst.
"Du kommst jetzt mit, ein paar Straßen weiter, und dann machen wir was. Und wenn du die Klappe hĂ€ltst und vergisst, was gleich passieren wird, dann vergesse ich auch, was ich gerade gesehen habe."
"Was machen wir denn?"
"Wirst du schon sehen. Wird dir vielleicht sogar Spaß machen."
Ein paar Straßen weiter, denkt Rudi, das ist womöglich gar nicht so schlecht. Erst mal aus dem Bahnhof raus und dann sehen, wie man sich verkrĂŒmeln kann.
Aber auch dieser Plan geht heute nicht auf, denn der seltsame Typ hat sein Auto direkt neben dem Ausgang geparkt und will, dass Rudi mit ihm zusammen einsteigt.
"Nee, Sie haben gesagt, dass wir ein paar Straßen weiter laufen", versucht er zu bluffen.
Zwei Bahnpolizisten stehen nebenan. Dein Freund und Helfer, denkt Rudi. Er könnte jetzt schreien, aber ist das wirklich besser? Der Typ scheint seine Gedanken gelesen zu haben und macht eine unauffÀllige Geste in Richtung der Polizisten.
"Soll ich die da rufen? Auto oder Bullen? Los, rein da!"
Und Rudi steigt ein.

Die Kiste ist klapprig und riecht muffig, so dass Rudi sich fragt, ob hier vielleicht schon mal eine Leiche drin gelegen haben könnte. Der Typ fĂ€hrt schnell, er redet kein Wort, auch nicht als er wĂŒtend angehupt wird, nachdem er jemandem die Vorfahrt genommen hat, und nach ein paar Minuten sind sie am Ende einer Sackgasse angelangt, vor ihnen eine zugewachsene Böschung mit ein paar kleineren BĂ€umen, hinter der es hinunter zu den Gleisen geht. Rudi kennt die Stelle. Irgendwo da unten ist die Abstellgruppe des Aachener Hauptbahnhof. Hier ist es einsam, bis auf ein paar ziemlich schĂ€bige HĂ€user. Und der Typ ist clever. Er parkt den Wagen so, dass Rudi direkt vor einem GebĂŒsch aussteigen muss und nicht abhauen kann. Noch ehe Rudi draußen ist, ist auch der Typ draußen und war auch schon am Kofferraum, aus dem er eine alte graue Decke und einen großen SchraubenschlĂŒssel mit einem langen Griff genommen hat. Er macht sich nicht einmal die MĂŒhe, den Wagen abzuschließen und drĂ€ngt Rudi sofort in das GebĂŒsch rein.
"Los, mach hin, ich will die Nummer heute auf jeden Fall machen."

Ihm bleibt nichts anderes ĂŒbrig, als sich durch das GebĂŒsch zu zwĂ€ngen. Sein Begleiter hat damit mehr MĂŒhe, aber er folgt ihm dennoch auf den Fersen, mitsamt seinem SchraubenschlĂŒssel. Vor ihnen geht es jetzt die Böschung runter und der Typ bleibt stehen und sondiert die Lage.
"Auf den Baum rauf!", kommandiert er.
"Was soll ich?" Rudi glaubt mittlerweile, dass er an einen Irren geraten ist.
"Kletter rauf, ein Meter reicht, nur bis du die Gleise ĂŒberblicken kannst und dann pass auf. Und wenn einer von der Bahn auftaucht, dann rufst du, klar?"
Rudi starrt ihn verstÀndnislos an.
"Du weißt doch ganz genau, von wem man nicht gesehen werden will, wenn man hier was einsteckt. Und denk nicht dran abzuhauen, ich krieg dich. Es dauert auch nur ein oder zwei Minuten."

Aber es dauert nie nur ein oder zwei Minuten, wenn man auf einem Baum neben den Gleisen Schmiere steht und darauf wartet, dass ein VerrĂŒckter, der mit einer Decke und einem SchraubenschlĂŒssel bewaffnet gerade eine Böschung runter gekraxelt ist, wieder zurĂŒck kommt. Es dauert immer mindestens fĂŒnf bis sechs Minuten, bis der Typ den selben Abhang atemlos und nur mit MĂŒhe und Not wieder raufgekrochen kommt, weil er etwas ziemlich Schweres in der Decke eingewickelt hat, das er stöhnend vor Rudi auf den Boden legt, der schon mit einem Sprung vom Baum runter ist.
Rudi weiß nicht, ob er vor Erleichterung lachen oder heulen soll, als er die Decke wegzieht und das große eiserne Loknummernschild entdeckt.
"Wow!"
Der Typ nickt nur, immer noch keuchend vor Anstrengung, Aufregung und KörperfĂŒlle.
"Haben Sie das etwa gerade von der 110 da unten abmontiert?"
"Dachtest du vielleicht, ... dachtest du, du bist der Einzige, der hier was sammelt?"

Rudi fragt ihn, wie viele er schon hat und der Typ meint, er hĂ€tte mit diesem jetzt 71 StĂŒck. Rudi erzĂ€hlt, dass er mit den Schildern in seiner Tasche schon 206 StĂŒck hat. Der Typ behauptet, dass Lokschilder klauen viel schwieriger sei, weil man von außen an die Lok ran und ein paar Minuten schrauben muss, jeder kann einen sehen und man kann es oft nicht alleine durchziehen, weil einer Schmiere stehen muss. Im Vergleich dazu sei Wageninnenschilder klauen eine Kleinigkeit.
Rudi hĂ€lt dagegen, dass er es dafĂŒr als Kind schwerer habe. In einer Umgebung wie einem Bahnhof ist ein einzelnes Kind, anders als ein Erwachsener, auffĂ€llig. Er muss sich stĂ€ndig unsichtbar machen und unauffĂ€llig verhalten, gerade wenn er frĂŒh morgens oder abends ZĂŒgen auflauert, damit ihn keiner fragt, was er da treibt. Er hingegen als Erwachsener habe es leichter, weil er viel besser in die Umgebung "Bahnhof" passt.
Rudi rĂ€t ihm, sich eine Warnweste von der Bahn zuzulegen und die zu tragen, wenn er hier draußen an den Gleisen unterwegs ist, und schon hat er sowas wie eine Tarnkappe. Rudi wĂŒnscht sich auch eine Tarnkappe und wĂ€re gerne unsichtbar.
Der Typ fragt ihn, wie er denn versucht sich unauffĂ€llig zu verhalten, wenn es darauf ankommt, und Rudi erzĂ€hlt, dass er immer so tut, als wĂŒrde er zu anderen Leuten gehören, dass er sich wenn möglich zu anderen Kindern oder einer Familie stellt oder hinter ihnen her geht, eben genau so, als ob er dazugehöre.

Dann will der Typ plötzlich mit seiner Beute weg, weil sich unten auf den Gleisen eine Rangierlok nĂ€hert und er rennt mit dem Lokschild und dem SchraubenschlĂŒssel durch das GebĂŒsch zurĂŒck zu seinem Auto, schmeißt alles in den Kofferraum und braust davon, ohne sich auch nur noch einmal nach Rudi umgedreht zu haben.

Rudi weiß, das hĂ€tte auch ins Auge gehen können, wenn der Typ von der Bahn gewesen wĂ€re. Er war sich noch nie dessen bewusst, dass er am Aachener Hauptbahnhof schon ein bekanntes Gesicht sein könnte. Vielleicht ist die Zeit reif fĂŒr einen Standortwechsel. Auch braucht er auf jeden Fall noch den "Rheingold" in seiner Sammlung. Was, wenn der bald eingestellt wird? Die rein erstklassigen TEE-ZĂŒge sind schon seit einigen Jahren auf dem absteigenden Ast. Die Zeit bleibt nicht stehen. Und in diesem Fall lĂ€uft sie gegen ihn.


3. Bahnhof ist Bahnhof

Am nĂ€chsten Morgen sitzt Rudi schon vor seiner Mutter am FrĂŒhstĂŒckstisch. Sie wundert sich, dass er so frĂŒh auf ist und fragt, was er vorhat. Er antwortet nur knapp: "Zum Bahnhof. Das ist doch OK?"
"Ja, Bahnhof ist OK", sagt sie. Er ist ja ohnehin jeden Tag dort.

Er bittet nicht oft um einen Vorschuss auf sein Taschengeld, aber heute muss es sein.
"WofĂŒr brauchst du das denn?" Sie klingt genervt.
Er mag die Frage nicht. Sie ist die unvermeidliche Einleitung dafĂŒr, dass er am Ende nichts bekommen wird. Sie fragt immer, wofĂŒr er das Geld braucht, um dann zu sagen, dass genau das doch nicht so wichtig ist, spĂ€ter noch Zeit hat, zu groß, zu klein, zu teuer, ĂŒbertrieben ist. So als ob jeder seiner WĂŒnsche immer falsch wĂ€re. Als ob er hier das Problem wĂ€re. Warum sagt sie nicht einfach 'Ich hab nix'?

Aber er versucht es trotzdem weiter, denn das, was er fĂŒr heute geplant hat, ist zu wichtig. Er will nĂ€mlich auch mal etwas in den Ferien unternehmen. Alle Anderen aus seiner Klasse können Dinge unternehmen, nur er nicht.
Rudi hat zwar keine Ahnung, was die Anderen aus seiner Klasse in den Ferien machen, er hat genau genommen auch keine Ahnung, was sie wÀhrend der Schulzeit machen, aber dennoch ist er ziemlich sicher, dass er ihr die Wahrheit sagt.

Auch ihre Antwort ist so unvermeidlich und vorhersehbar wie die Frage, wofĂŒr er das Geld haben will. Er könne froh sein fĂŒr das, was er hat, vielen Kindern gehe es noch viel schlechter und er weiß doch ganz genau, dass... bla, bla, bla.
Sie nimmt das Geschirr vom FrĂŒhstĂŒckstisch und stellt es laut scheppernd in die SpĂŒle. Rudi knallt mit der TĂŒr von seinem Zimmer. Die Mutter lĂ€sst Wasser ĂŒber das benutzte Geschirr laufen. Manchmal wenn sie es stehen lĂ€sst, ist es abends gespĂŒlt wenn sie nach Hause kommt, auch ohne dass sie ihn darum gebeten hat. Sie wischt sich mit dem KĂŒchenhandtuch ĂŒber die Augen und wirft es in die Ecke neben dem Waschbecken. Beim Verlassen der Wohnung knallt sie die TĂŒr ins Schloss, als Antwort auf seine ZimmertĂŒr.
Als Rudi ein paar Minuten spĂ€ter den 10-Mark-Schein an seinem Platz auf dem KĂŒchentisch entdeckt, ballt er die Faust wie ein Tennisspieler, der nach einem langen Ballwechsel gerade einen wichtigen Punkt gemacht hat.

Vor ihm auf dem Schreibtisch steht das Zweitwertvollste, das er nach seiner Schildersammlung besitzt. Es ist eine gelbe Plastikdose mit einem bunten Comic-Welpen darauf. Rudi mag keine Hunde.
"Kinderkram", sagt er verĂ€chtlich, nachdem er die Spardose, die ein Werbegeschenk der Volksbank zu seinem zehnten Geburtstag war, mit einer aufgebogenen BĂŒroklammer geöffnet hat. Der Inhalt der Dose ist wie der allerletzte Trumpf, den man beim Skat auf der Hand hĂ€lt. Wenn der nicht sticht, dann verliert man.

Er packt zwei Dosen Fanta und eine halbe Tafel Schokolade als Proviant in die UmhĂ€ngetasche. Mehr nicht, denn er braucht Platz in der Tasche. Kurz nach seiner Mutter verlĂ€sst er an diesem Morgen die Wohnung. Auf den KĂŒchentisch hat er einen Zettel gelegt 'Bin ZĂŒge kucken, kann spĂ€ter werden'.

Am Schalter kauft er sich erst zum zweiten Mal in seinem Leben eine Fahrkarte. Mit der ersten und bis heute Morgen einzigen ist er im letzten Winter nach Eschweiler zur Oma gefahren.
Auf Gleis 2 wird ein Nahverkehrszug nach Köln bereitgestellt. Rudi zögert nur einen kleinen Moment und steigt dann ein. Bahnhof ist OK, hat sie ja gesagt. Aachen oder Köln, Bahnhof ist Bahnhof.
Er setzt sich auf einen Fensterplatz und nur Minuten spĂ€ter sieht er vom Viadukt hinunter, wie Aachen erst unter ihm und nach "Rothe Erde" auch hinter ihm zurĂŒck bleibt.
Als der Zug in Eschweiler abfÀhrt, ist er weiter als je zuvor alleine von zu Hause weg. Und es geht weiter in Richtung Köln.

Er hat sich eine Story zurecht gelegt, warum er alleine nach Köln fÀhrt, nÀmlich weil er sich dort mit seinem Onkel und seiner Tante treffen wird, die ihn am Bahnhof abholen und ihm die Stadt zeigen wollen. Sein Kinderausweis, so hofft er, wird die Story falls nötig untermauern und beweisen, dass er selbstverstÀndlich mit dem Wissen seiner Mutter unterwegs ist.
Aber der Schaffner fragt nicht danach und auch nicht nach seinen ReiseplĂ€nen. Er macht seinen Zangenabdruck auf die Fahrkarte und geht weiter, als wĂ€re Rudi ein Erwachsener, der jedes Recht hat, in diesem Zug zu sitzen und sich gegenĂŒber niemandem erklĂ€ren muss.

Mehr als zwei Stunden vor Abfahrt des "Rheingold" kommt er am Kölner Hauptbahnhof an. Beinahe ehrfĂŒrchtig steht er in der großen Bahnhofshalle, Menschenmassen strömen aus allen Richtungen an ihm vorbei, aus Lautsprecheransagen hört er StĂ€dtenamen wie Hamburg, Amsterdam, MĂŒnchen, Innsbruck. Er weiß kaum, wo er zuerst hinsehen soll. Wartezeiten wie in Aachen gibt es nicht, die ZĂŒge fahren hier im Minutentakt von den insgesamt elf Gleisen. Gute Planung ist daher alles.

In einer UnterfĂŒhrung unter der Halle schreibt er einige Bahnsteigangaben von einem der aushĂ€ngenden FahrplĂ€ne ab und bemerkt das Wesen erst, als es schon unmittelbar neben ihm steht.
"Was gibtsÂŽn hier zu Schreiben?"
Rudi dreht sich um. Etwas starrt ihn mit Augen an, die aussehen, als wÀren sie in den Kopf eingesunken, wie die Erde auf einem neuen Grab.
"Haste Geld?"
"Nein." Rudi will einen Schritt zur Seite treten.
"Bleib mal hier. Du musst doch Geld haben." Es streckt einen seiner knochigen, vernarbten Arme nach ihm aus.
"Mein Onkel wartet auf mich."
"SehÂŽ hier kein Onkel", grinst der Junkie und entblĂ¶ĂŸt die schwarzen Ruinen, die vor langer Zeit vielleicht einmal ein Gebiss waren. Und obwohl er einen Kopf grĂ¶ĂŸer als Rudi ist, wirkt er auf ihn beinahe substanzlos und so zerbrechlich wie eine Fledermaus.
Aber schon nĂ€hert sich ein zweiter von der anderen Seite. Wie aus dem Gesicht geschnitten, denkt Rudi unwillkĂŒrlich an eine Redewendung, die seine Mutter öfter benutzt. Wieder einmal wĂŒnscht er sich sehnlichst, unsichtbar zu sein.
Bevor der zweite Junkie ihm noch nĂ€her kommen kann, dreht er sich mit einem Ruck von dem ersten weg, der nur den Ärmel von seinem T-Shirt zu fassen bekommen hat, und taucht so schnell er kann in der Menge unter, die scheinbar unablĂ€ssig durch die GĂ€nge unter der Bahnhofshalle strömt.
Und auch das ist anders als in Aachen: Man braucht in Köln keine Familien, um sich zu tarnen. Man löst sich stattdessen einfach in einer gesichtslosen Masse auf.

Noch mehr als 90 Minuten bis zur Abfahrt des "Rheingold".
Er lĂ€uft am D 204 "Riviera-Express" entlang nach vorne. Die italienischen Wagen lĂ€sst er aus und konzentriert sich nur auf die DB-Wagen. Aber in den nĂ€chsten beiden Wagen ist nichts mehr zu holen. Vermutlich hat der Zug auf seinem langen Weg vom Mittelmeer nach Köln schon Bekanntschaft mit anderen Sammlern gemacht. Die Zeit wird zu knapp, um es noch in Richtung Zugschluss zu versuchen. Jetzt kommt nur noch ein Schlafwagen direkt hinter der Lok, aber ein Schlafwagen ist immer heikel, nur wenige Reisende und mindestens ein Schaffner, der seine Leute kennt und der den Wagen nicht selten wie ein Schießhund bewacht.
Rudi schaut durch die geöffnete WagentĂŒr und dort hĂ€ngt es tatsĂ€chlich, keine fĂŒnf Schritte von ihm entfernt, Laufweg Ventimiglia-Dortmund und der Zugname in roter Schrift darĂŒber. Ein selten schönes StĂŒck, an das sich bisher offenbar noch keiner heran getraut hat. Aber wo steckt der Schlafwagenschaffner? Wenn er dem in die Arme lĂ€uft, ist auch die Nummer hier gelaufen. Er versucht vergeblich, durch die Fenster des Wagens zu erkennen, was drinnen los ist. UnauffĂ€llig sieht er sich auf dem Bahnsteig um und vertraut dann einfach auf seine Schnelligkeit.

Etwa eine Stunde vor Abfahrt des "Rheingold".
In den Katakomben unter der Bahnhofshalle, in einem Gang, der zu den Toiletten fĂŒhrt, wird er von zwei MĂ€nnern angesprochen. Aber sie schnorren nicht einfach nur, so wie die Junkies, sie schlagen ihm ein GeschĂ€ft vor. Der mit den tĂ€towierten Unterarmen fragt, ob er eine Nutte oder Koks kaufen will. Rudi antwortet "Nichts, danke", wie bei der BĂ€ckereiverkĂ€uferin auf die Frage, ob es noch etwas sein darf.
Wie immer schlĂ€gt sein Herz in solchen Situationen schneller, aber nicht mehr so schnell wie frĂŒher. Er glaubt, dass er cooler geworden ist, seit er in Köln ist und den Schlafwagen des Riviera-Express klar gemacht hat, an den sich sonst keiner heran wagt. Er lĂ€sst daher das grölende Lachen einfach hinter sich zurĂŒck und auch die leere Bierdose fliegt ein gutes StĂŒck an seinem Kopf vorbei.

Noch 45 Minuten bis zum "Rheingold".
Nachdem der Intercity "Lötschberg" durch ist, wartet Rudi auf einen Zug, der den Namen eines Schiffes trĂ€gt, den "Gorch Fock". Der hat es ihm schon im Kursbuch angetan mit seinem langen Laufweg vom Meer bis zu den Alpen, von Kiel nach Garmisch Partenkirchen. Und auch der "Gorch Fock" fĂ€hrt ĂŒber seine Lieblingsstrecke, die KBS 600, durchs Rheintal.
Das Meer und die Alpen, Rudi kennt beides nur aus dem Atlas und aus seinem Streckenplan. Er stellt sich vor, den höchsten Berg Deutschlands zu sehen, wenn er mit dem "Gorch Fock" in Garmisch einfÀhrt.

Ein Ă€lterer Mann auf dem Bahnsteig interessiert sich fĂŒr ihn und es ist eine bemerkenswerte Abwechslung, dass der Mann kein Geld von ihm will, sondern ihm im Gegenteil welches anbietet.
"Willst du dir 60 Pfennig verdienen?"
"Sicher, warum nicht", sagt Rudi und erst in einigen Jahren wird ihm klar sein, warum man als alleinreisender 13-jÀhriger Junge auf dem Kölner Hauptbahnhof eine solche Frage nicht vorschnell mit Ja beantworten sollte.
Aber der Mann will nur eine Zeitung und weil sein Zug gleich kommt, will er den Bahnsteig nicht mehr verlassen. Wenn Rudi ihm fĂŒr die Mark, die er ihm in die Hand drĂŒckt, eine Bild-Zeitung fĂŒr 40 Pfennig vom Kiosk unten holt, dann ist das Wechselgeld sein. Rudi sprintet die Treppe runter und kurz darauf wieder hinauf und liefert die Bestellung in dem Moment aus, als der Zug einfĂ€hrt. Eigentlich kein schlechter Job, auf einem Bahnhof zu arbeiten, denkt er. Und besser als Schule wĂ€re es auf jeden Fall.
Eine gĂŒnstige FĂŒgung will es zudem, dass der Ă€ltere Mann mit dem Intercity "Gorch Fock" fĂ€hrt und darum trĂ€gt Rudi ihm noch den Koffer bis in den Vorraum des Wagens. Kurz darauf steigt er zufrieden wieder aus dem Zug aus, wĂ€hrend er den Reißverschluss seiner UmhĂ€ngetasche schließt.

Noch eine knappe halbe Stunde bis zur Abfahrt des "Rheingold".
Rudi grĂŒbelt vor einem Wagenstandanzeiger ĂŒber seinen optimalen Standort am Bahnsteig. Aber er weiß, dass er in den zwei Minuten, die der Zug in Köln Aufenthalt hat, kaum eine Chance hat und dass das Geld im Falle eines Scheiterns in absehbarer Zeit nicht mehr fĂŒr einen weiteren Trip nach Köln reichen wird. Also muss er eine Station mit dem "Rheingold" mitfahren. Denn genau einmal reicht sein Geld noch, und zwar bis Bonn und zurĂŒck mit dem Abschnitt Köln-Bonn in der ersten Klasse plus 10 Mark TEE-Zuschlag. Alles passt genau zusammen. Und jetzt ist der "Rheingold" fĂ€llig.

Er hat in Aachen nur eine Fahrkarte bis Köln gekauft, immer nur abschnittsweise, falls noch etwas dazwischen kommt. Der Mann am Schalter in Köln erklĂ€rt ihm, dass er auch mit einem Intercity zweiter Klasse nach Bonn fahren kann, das ist billiger und es fĂ€hrt noch ein Zug frĂŒher. Aber Rudi hat die Story parat, dass ihn seine Patentante abholen wird und die weiß, dass er mit dem "Rheingold" kommt, und deshalb kann er keinen anderen Zug nehmen. Und außerdem haben ihm seine Eltern das Geld auch extra dafĂŒr gegeben.

Ausgestattet mit der Fahrkarte nach Bonn setzt er sich auf eine leere GepĂ€ckkarre am Ende des Bahnsteigs, von wo aus er die BrĂŒcke im Blick hat. Er hat sich entschieden, den "Rheingold" vom letzten Wagen an nach vorne abzuarbeiten.
Er zĂ€hlt sein verbliebenes Geld und es reicht gerade noch fĂŒr eine RĂŒckfahrt von Bonn ĂŒber Köln nach Aachen in der zweiten Klasse, wenn er nur NahverkehrszĂŒge benutzt. Auch prĂŒft er, ob der Reißverschluss der UmhĂ€ngetasche nicht etwa klemmt.

Ein Zug rollt von der Deutzer Seite her langsam auf die HohenzollernbrĂŒcke und ĂŒber den Rhein hinweg auf den Hauptbahnhof zu. Rudi erkennt schon von weitem die 103er Lok an der Spitze und dahinter mindestens sechs oder sieben beige-rote Wagen. "Alles erste Klasse, alles erste Sahne", murmelt er aufgeregt. Die Lautsprecheransage kann er mitsprechen, ohne auch nur einmal Luft zu holen: "Achtung, an Gleis 7 hat jetzt Einfahrt Trans-Europ-Express Rheingold von Amsterdam zur Weiterfahrt nach Basel SBB ĂŒber Bonn, Koblenz, Mainz, Mannheim, Karlsruhe, Freiburg, Basel Badischer Bahnhof, planmĂ€ĂŸige Ankunftszeit 10:47 Uhr, planmĂ€ĂŸige Abfahrtszeit 10:49 Uhr, bitte Vorsicht am Bahnsteig."
Der "Rheingold" kommt und jetzt giltÂŽs.


4. Rheingold

Rudi steigt als einziger Reisender an der hinteren TĂŒr des letzten Wagens ein. Er wartet noch, bis der Zug aus dem Bahnhof raus ist und steckt dann das erste Schild ein. Ein Kinderspiel. Er hat ab jetzt genau 19 Minuten Zeit und behĂ€lt daher stĂ€ndig die Armbanduhr im Blick.

Der Zug ist höchstens halbvoll, wie er beim Durchgehen durch die hinteren Wagen bemerkt. Niemand beachtet ihn und er macht keine halben Sachen und rĂ€umt systematisch ab. Als er den dritten Wagen durch hat, sind es nur noch vier Minuten, bis er wieder aus dem Zug raus muss. Mehr geht nicht, daher bleibt er an der nĂ€chsten TĂŒr stehen und wartet auf Bonn.

Er kann von GlĂŒck reden, dass er in den Gang gesehen hat, sonst hĂ€tte er den Schaffner womöglich zu spĂ€t bemerkt, der von vorne durch den Zug kommt. Jetzt kein unnötiges Risiko mehr eingehen, er wird einfach wieder einen Wagen nach hinten und dem Schaffner aus dem Weg gehen.
Aber auch aus der anderen Richtung kommt jetzt ein Schaffner durch den Zug. Die Frage, wo der plötzlich herkommt und warum er ihm vorhin nicht aufgefallen ist, ist nebensĂ€chlich angesichts der Frage, wo er jetzt hin soll. Er steht genau im Übergang zwischen zwei Wagen, in beiden hat er abgerĂ€umt, also bleibt ihm nur noch die Toilette, in die er sich kurzerhand einschließt. Und genau im Vorraum vor der ToilettentĂŒr bleiben die beiden Schaffner stehen. Rudi versteht nicht alles durch die geschlossene TĂŒr, aber dass beide stinksauer sind, weil in den hinteren Wagen diverse Schilder fehlen, die kurz vor Köln noch da waren, ist nicht zu ĂŒberhören.
Der Zug wird langsamer und fĂ€hrt in Bonn ein. Rudi hört ein deutliches "...kann noch nicht weit sein...". Er muss jetzt raus, aber die beiden Schaffner stehen immer noch genau im Vorraum an der WagentĂŒr und fertigen den Zug ab. Wenn er jetzt aus der Toilette kommt, genau dort, wo das letzte Schild verschwunden ist, dann ist er dran. Und ehe er sich eine Story zurecht legen oder einen Plan schmieden kann, fĂ€hrt der Zug nach zwei Minuten Aufenthalt schon wieder ab.

Rudi versucht verzweifelt, einen klaren Gedanken zu fassen. Die Story mit der Patentante in Bonn hat sich soeben erledigt, die Fahrkarte ist jetzt ungĂŒltig. Aber sie hat noch keinen Zangenabdruck, das heißt, er ist bis jetzt noch nicht kontrolliert worden. Er wĂŒhlt hektisch in der Tasche, findet den Kugelschreiber und versucht, aus dem aufgedruckten "Bonn" ein "Basel" zu machen und auch den Fahrpreis entsprechend zu Ă€ndern. Das Ergebnis ist verheerend und die Fahrkarte kann er jetzt definitiv nicht mehr vorzeigen. Er schaut zwar kurz zur Notbremse hin, aber er weiß, dass er dann bestenfalls irgendwo auf freier Strecke steht, falls er ĂŒberhaupt ungesehen vom Zug weg kommt.

Nachdem vor der ToilettentĂŒr alles ruhig geworden ist, wagt er sich raus. Die Schaffner sind verschwunden, aber ohne gĂŒltige Fahrkarte sieht es bei einer Kontrolle ganz ĂŒbel fĂŒr ihn aus. Und wenn einer auf die Idee kommt zu fragen, was er eigentlich in seiner Tasche hat, dann ist Polen offen.
Er entschließt sich, weiter nach vorne durchzugehen, ein StĂŒck weg vom Tatort, und sich dort bis Koblenz in einer Toilette oder anderswo zu verstecken.

Im nĂ€chsten Wagen sind drei Kinder auf dem Gang: ein MĂ€dchen, etwa in seinem Alter, und zwei kleinere Jungen, die er auf sechs bis höchstens acht Jahre schĂ€tzt und von denen einer aufs Klo muss. Aus einem Abteil ruft eine Frau: "Angie, geh doch mal mit deinem Bruder zur Toilette." Das MĂ€dchen geht mit den beiden Jungs an Rudi vorbei, da tritt plötzlich aus einem Abteil knapp vor ihm einer der Schaffner auf den Gang und kommt direkt auf ihn zu. Rudi dreht sich um, lĂ€uft den Kindern nach und ruft laut: "Angie, warte auf mich!" Das MĂ€dchen sieht sich verwirrt um, aber Rudi hat sie und ihre BrĂŒder schon in den Vorraum des Wagens geschoben. Sie fragt ihn, ob er eigentlich spinne, sie kenne ihn doch gar nicht, doch er bittet sie eindringlich, nur ganz kurz mitzuspielen.
"FĂ€hrst du etwa schwarz?" Ihre Frage klingt vorwurfsvoll, aber, wie er glaubt, auch ein wenig belustigt.
"Nein, also nur ein bisschen, sozusagen aus Versehen."
Er sieht in den Gang zurĂŒck. Der Schaffner kommt.
"Bitte, ich kann das alles erklĂ€ren, es ist nicht so wie du denkst." Den Satz hat er so Ă€hnlich schon ein paar Mal im Fernsehen gehört und es ist die beste Beschwörungsformel, die ihm in der Eile einfĂ€llt, bevor er sich mit ihrem kleinen Bruder zusammen auf der Toilette einschließt und das Ohr an die TĂŒr hĂ€lt. Die beiden kleineren Jungs verstehen noch nichts, aber wenn das MĂ€dchen nicht mitspielt, ist er in zwei Minuten erledigt.
Er hört, wie der Schaffner fragt, zu wem sie gehören. Angie sagt, ihr Bruder mĂŒsse dringend und sie gehören alle zur Familie Kestner, die da vorne im Abteil sitzt, und ihre Eltern hĂ€tten ihre Fahrkarten.

Der Schaffner geht zurĂŒck und fragt einen Mann und eine Frau, ob sie die Familie Kestner und die Kinder auf dem Gang alles ihre Kinder sind. Der Mann, der Rudi noch nicht gesehen hat, sagt lachend: "Ja, das sind alles unsere." Der Schaffner prĂŒft eine Vielzahl von Fahrkarten, Platzreservierungen und ZuschlĂ€gen und schaut noch mal auf den Gang zurĂŒck, als wĂ€re er nicht ganz sicher, wie viele Kinder er genau gesehen hat.
"Der Kleine hat noch keine Fahrkarte?"
"Doch hat er", sagt die Mutter und fragt besorgt, ob alles in Ordnung sei und der Schaffner sagt: "Ja, ja, alles klar", macht seinen Zangenabdruck auf alles, wĂŒnscht gute Fahrt und geht weiter.

Ich mĂŒsste mich unsichtbar machen, um hier lebend rauszukommen, denkt Rudi und wischt sich schon mit dem dritten Papierhandtuch den Schweiß von der Stirn. Warum kann ich nicht unsichtbar sein, verflucht er lautlos sein Spiegelbild ĂŒber dem Waschbecken, wĂ€hrend der kleine Bruder neben ihm ungeniert pinkelt.
"Wasch dir hinterher die HĂ€nde", sagt Rudi geistesabwesend. Der Junge schaut ihn erstaunt an und tut dann aber, was man ihm gesagt hat.
In Rudis Kopf setzt sich etwas in Bewegung. Gedanken, die hin und her flitzen, wie der kleine flinke 260er Rangierhobel, der morgens am Aachener Hauptbahnhof so geschwind die Kurswagen umstellt, von einem Zug zum anderen, und dem man gar nicht zutraut, was der alles ziehen kann.
Angie und ihre beiden BrĂŒder, das sind drei Kinder, und sie hat gerade zum Schaffner etwas ĂŒber ihre Eltern gesagt, das sind zwei Erwachsene. Eine fĂŒnfköpfige Familie, die in einem Sechser-Abteil sitzt, das bedeutet, dass ein Platz noch frei ist. Denn niemand wĂŒrde sich auf den einzigen freien Platz im Abteil zu einer Familie mit drei Kindern setzen, wenn der Zug nur halbvoll ist. Niemand. Es sei denn, er gehört zu dieser Familie.

Nachdem der Schaffner an Angie und einem ihrer BrĂŒder vorbei gegangen ist, die immer noch vor der ToilettentĂŒr stehen, klopft sie an und sagt, dass die Luft rein ist. Rudi kommt raus und sie will von ihm wissen, ob er alleine unterwegs ist und ob er von zu Hause abgehauen ist und wieso er keine Fahrkarte hat. Er erzĂ€hlt ihr ohne lange nachzudenken, dass er zu seiner Patentante nach Basel fahren wolle, weil seine Eltern beruflich nach Amerika mussten, und er ist natĂŒrlich nicht abgehauen und er fĂ€hrt auch nicht schwarz. Zum Beweis hĂ€lt er ihr seine Fahrkarte hin, mit der bekritzelten Seite nach unten, dazu noch die Quittung ĂŒber den TEE-Zuschlag, denn MĂ€dchen verstehen sowieso nichts von Bahnfahrkarten, jedenfalls nicht auf diesem Planeten.
"Ich habe nur vergessen, eine Platzreservierung zu kaufen und jetzt weiß ich nicht, wo ich sitzen soll. Und der Schaffner hat mich schon einmal aus einem Abteil vertrieben und darum will ich dem nicht noch mal begegnen."
"Ach so." Sie lÀchelt ihn an. "Dann komm doch mit zu uns. Wir haben noch einen Platz im Abteil frei."
"Ja, wenn das geht. Aber sag deinen Eltern nichts von der Sache gerade mit dem Schaffner, OK?"
"Nein, keine Sorge. Wie heißt du eigentlich?"
"Rudi."
"Lustiger Name. Ist das eine AbkĂŒrzung fĂŒr irgendwas?"
"RĂŒdiger. So hieß auch mein Großvater."
"Ich heiße Angie", sagt sie.
"Ja, ich weiß", sagt er.

Angie erzĂ€hlt ihren Eltern, dass sie ihn gerade auf dem Gang getroffen hat und er ganz alleine zu seiner Tante in die Schweiz fĂ€hrt. Sie fragt, ob er bei ihnen sitzen kann und die Eltern haben nichts dagegen. Rudi erfĂ€hrt, dass die Familie zum Titisee in den Urlaub will und bis Freiburg mit dem "Rheingold" fĂ€hrt. Die Eltern fragen ihn, wie er heißt und auch, wo die Tante wohnt, er sagt "Biel" und Angie meint erstaunt, dass er doch eben noch Basel gesagt hĂ€tte. Aber hier ist er auf sicherem Terrain, denn wie er jetzt ausfĂŒhrlich erklĂ€rt, meinte er, dass er im "Rheingold" bis Basel fĂ€hrt und dann mĂŒsse er umsteigen in einen Schweizer Intercity, der um 15:58 Uhr ab Basel SBB ĂŒber DelĂ©mont und Biel in Richtung Genf fĂ€hrt.
Wieder kommt der Schaffner am Abteil vorbei und lĂ€chelt kurz zu ihnen hinein. Rudi schiebt seine Tasche mit dem Fuß wie beilĂ€ufig unter die Sitze. Auf die Frage, ob er sonst kein GepĂ€ck dabei hat, sagt er: "Den Koffer habe ich aufgegeben", und fĂŒgt noch hinzu: "Meine Mutter macht das immer, sie sagt, das ist praktischer".

Dann hĂ€lt der Zug in Koblenz und er realisiert, dass seine Story einen großen Haken hat. Er kann jetzt nĂ€mlich nicht einfach hier aussteigen, da die Familie denkt, er fĂ€hrt nach Basel und mindestens ein Schaffner denkt, er gehört zur Familie und fĂ€hrt nach Freiburg. Wenn er jetzt versucht, sich abzusetzen, geht er ein enormes Risiko ein, zumal er am Bahnhof auch noch nicht aus dem Einflussbereich der Bahn raus ist. Und am Ende findet womöglich noch jemand heraus, was in seiner Tasche ist.
Und noch bevor er seine Optionen abwĂ€gen kann, nimmt ihm der "Rheingold" die Entscheidung ab und fĂ€hrt weiter. NĂ€chster Halt Mainz Hauptbahnhof, weitere 90 km Richtung SĂŒden.

Die Mutter nimmt das im Abteil ausliegende Faltblatt "Ihr Zugbegleiter", einen Fahrplanauszug, der den Fahrtverlauf des "Rheingold" und seine wichtigsten AnschlusszĂŒge enthĂ€lt. Sie fragt ihren Mann, in welchen Zug sie umsteigen mĂŒssen, und Rudi weiß als Kursbuchleser ohne nachzusehen, dass sie ab Freiburg den 15:10 Uhr-Zug in Richtung Seebrugg nehmen mĂŒssen, wenn sie zum Titisee wollen. Und zur Belustigung Angies und ihrer Eltern sagt er ihnen auch noch alle Halte des "Rheingold" mit Ankunft- und Abfahrtzeit und ein paar weitere AnschlusszĂŒge auswendig auf.

Der Zug fĂ€hrt durch das Rheintal zwischen Koblenz und Mainz und die beiden jĂŒngeren BrĂŒder schauen nach den alten Burgen, die hier und da auf die HĂ€nge gebaut sind. Der Zug passiert auch den Loreley-Felsen und die Mutter erzĂ€hlt von der Sage und den Gedichten ĂŒber das MĂ€dchen Loreley, das auf dem Felsen sitzt und seine langen blonden Haare kĂ€mmt und wie die Rheinschiffer dadurch abgelenkt auf den Felsen auffahren und untergehen. Angie fragt, von wem die Loreley-Geschichte eigentlich ursprĂŒnglich stammt. Der Vater tippt auf Heinrich Heine, Rudi sagt: "Clemens Brentano".
Die Mutter meint amĂŒsiert, dass jemand, der sich so gut FahrplĂ€ne merken kann, bestimmt auch viele Gedichte auswendig weiß. Rudi sagt, dass er sich von Gedichten gar nichts merken könne, bis auf die Jahreszahl, wann es geschrieben wurde. Und Brentano war eben frĂŒher als Heine.

Rudi und Angie sitzen sich gegenĂŒber auf den beiden GangplĂ€tzen neben der AbteiltĂŒr. Angie hat ihre Schuhe ausgezogen und die FĂŒĂŸe neben Rudi auf dessen Sitz gelegt. Rudi stellt seine FĂŒĂŸe hingegen ordentlich auf den Boden und verstellt so weit wie möglich den Blick auf die UmhĂ€ngetasche mit dem brisanten Inhalt, die unter seinem Sitz liegt.
Sie spielen ein Kartenspiel und legen abwechselnd ihre Karten auf dem kleinen Klapptisch ab. Rudi schaut konzentriert in das Blatt auf seiner Hand und hin und wieder aus dem Fenster und versucht angesichts der Tatsache, dass der Zug mittlerweile schon ĂŒber Mannheim hinaus ist, den Gedanken zu verdrĂ€ngen, dass die ganze Tour mit jeder verstrichenen Minute weiter außer Kontrolle gerĂ€t.
Angie stupst ihn mit dem Fuß an. Er sieht zu ihr auf und sie schaut ihn mit großen Augen erwartungsvoll an.
"Na? Und?"
Rudi, der heute zum ersten Mal "Uno" spielt und jetzt gerade seine letzte Karte in der Hand hĂ€lt, braucht zwei Sekunden, bis der Groschen gefallen ist und er begriffen hat, dass er jetzt "Uno" rufen muss, um das Aufnehmen einer Strafkarte zu vermeiden. Er holt also tief Luft und deklamiert sein "Uno" laut und deutlich durch das Abteil. Einer der kleinen BrĂŒder kichert.
"Eigentlich mĂŒsste ich ja jetzt eine ziehen", meint Rudi.
"Ich will nicht gewinnen, weil ich deine Unerfahrenheit ausnutze", sagt Angie freundlich und fĂŒgt dann aber ernst hinzu: "Beim nĂ€chsten Mal gibtÂŽs aber keine Hilfe mehr, dann musst du selber dran denken."
"Alles klar", sagt Rudi und denkt, dass sie ihn beim nĂ€chsten Mal auch gerne wieder anstupsen dĂŒrfte.

Vor der AbteiltĂŒr zieht indes neues Ungemach auf. Rudi muss nicht von seinen Karten aufsehen, ein Seitenblick auf schwarze Hosenbeine mit BĂŒgelfalte genĂŒgt und er weiß, dass wieder ein Schaffner im Anmarsch ist, diesmal ein anderer, und der jetzt fragt, wo sie zugestiegen sind und ob sie schon kontrolliert wurden.
Der Vater holt seinen Stapel an Fahrkarten hervor, wĂ€hrend Rudi versucht, sich so tief wie möglich in seinen Sitz zu drĂŒcken und dabei die Stimme des Schaffners nur noch wie von Ferne hört. Er braucht verzweifelt eine Story, falls man seine Fahrkarte sehen will, aber er hat keine Story und sein einziger Plan besteht darin, dass er dem Schaffner seine dilettantisch manipulierte Bonn/Basel-Fahrkarte mit einem lauten "Uno"-Ruf vor die FĂŒĂŸe werfen wird und dann wĂŒrde er den Moment der Verwirrung nutzen und rennen, alles zurĂŒck lassen, vor allem auch die UmhĂ€ngetasche, und nur noch durch den Zug nach hinten rennen, dabei die Notbremse ziehen und dann aus der TĂŒr im letzten Wagen raus und auf die Gleise springen. Aber er wĂŒrde nicht weit kommen, denn er sieht, wie der dicke seltsame Typ von Gleis 8 breitbeinig auf den Schienen steht, in einer Hand den SchraubenschlĂŒssel, in der anderen ein paar silberfarbene Handschellen, und mit einem albernen Winken und hĂ€misch grinsend ruft: "Sag Bye Bye zu deinen Schildern! Sag 206 mal Bye Bye!"
"Wenn ich hochgehe, gehst du mit hoch!", schreit Rudi ihm entgegen, aber den seltsamen Typ lÀsst das kalt.
"Das ist die Strafe", sagt er und lÀsst die Handschellen lÀssig um seinen ausgestreckten Zeigefinger kreiseln. "Und Strafe muss sein."

Aber es war Angies Stimme. Sie war es, die etwas von Strafe gesagt hat. Und tatsĂ€chlich sieht sie auch gerade vorwurfsvoll und mit hochgezogenen Augenbrauen zu ihm hinĂŒber. Rudis HĂ€nde zittern und der Schweiß lĂ€uft ihm von der Stirn. Der Vater sieht ihn fragend an, ebenso der Schaffner, Rudi weiß nicht mehr, was er tut, und krĂ€chzt aus seiner von Angst wie zugeschnĂŒrten Kehle auf gut GlĂŒck einfach mal ein "Uno" heraus. Der kleine Bruder kichert wieder, aber Angie bleibt diesmal hart.
"Nee, das war jetzt wirklich zu spĂ€t. Jetzt musst du eine ziehen. Strafe muss sein." Und sie hĂ€lt ihm den Stapel mit den Spielkarten hin. WĂ€hrend Rudi wie betĂ€ubt die Karte nimmt, erklĂ€rt der Vater dem Schaffner, dass sie bereits kontrolliert wurden und zeigt einen Fahrschein mit Zangenabdruck. Der Schaffner macht sich nicht die MĂŒhe, erneut alle Fahrkarten zu prĂŒfen und verschwindet wieder.
Der Vater hat die Schweißperlen und auch die zitternden HĂ€nde gesehen und spĂ€testens jetzt ist ihm klar, dass mit Rudi etwas nicht stimmt, der scheinbar auf keinen Fall kontrolliert werden will. Aber er sagt zunĂ€chst nichts, denn fĂŒr ein Kind, das von zu Hause abgehauen und einfach in den erstbesten Zug eingestiegen ist, kennt sich Rudi zu gut aus. Er scheint einen Plan zu haben und der Vater will ihn von sich aus mit der Wahrheit herauskommen lassen.
Rudi hat allerdings, abgesehen von dem Fahrplan in seinem Kopf, ĂŒberhaupt keinen Plan. Nachdem der Zug auch Karlsruhe hinter sich gelassen und Angie seine kurze Panik dann doch fĂŒr einen deutlichen "Uno"-Sieg ausgenutzt hat, weiß er nur, dass er jetzt dringend etwas unternehmen muss. Freiburg ist der letzte Halt vor der Schweizer Grenze. Danach kommt Basel Badischer Bahnhof und dort steigen Deutsche und Schweizer Zollbeamte in den Zug und dann wird ihn keine Story der Welt mehr retten.

Vor dem Fenster tauchen die ersten grĂŒnen Berge des Schwarzwalds auf. Der "Rheingold" nĂ€hert sich Freiburg und die Familie packt zusammen und bereitet sich zum Aussteigen vor. Als sie mit ihrem GepĂ€ck das Abteil verlassen und Angie sich schon von ihm verabschieden will, sagt er kurz: "Ich steig auch hier aus."
Der Vater ist nicht ĂŒberrascht und hat schon so etwas erwartet. Angie meint erstaunt, dass er doch zu seiner Tante in die Schweiz mĂŒsse und Rudi sagt, dass er keine Tante in der Schweiz habe. Der Vater sagt daraufhin nur: "Na, dann komm mal mit."

Rudi steigt zusammen mit "seiner" Familie in Freiburg aus. Der Schaffner steht an der TĂŒr, verabschiedet sich freundlich und wĂŒnscht noch eine gute Weiterreise. Dann schaut er auf die leere Halterung an der Wand neben der ToilettentĂŒr, in der bis kurz vor Bonn noch ein Zuglaufschild hing, und murmelt etwas davon, dass diese Typen immer dreister werden, Eisenbahnfans hin oder her.

Auf dem Bahnsteig setzen sie sich alle auf eine Bank und der Vater fragt Rudi, ob er nun erzĂ€hlen will, was los ist. Rudi erzĂ€hlt fast alles: Dass er aus Aachen kommt und Eisenbahnfan ist und dass er mit dem "Rheingold" fahren wollte, aber in Bonn den Ausstieg verpasst hat, weil er auf dem Klo war. Und dass er danach nicht mehr dem Schaffner begegnen wollte, weil er ja keine gĂŒltige Fahrkarte mehr hatte. Er umklammert dabei die UmhĂ€ngetasche, fest entschlossen, dass diese Leiche im Keller bleiben soll, so lange es geht. Die Mutter will nicht glauben, dass er wirklich eine Fahrkarte bis Bonn hat und Rudi zeigt sie vor. Der Vater sieht, dass er versucht hat, "Bonn" in "Basel" abzuĂ€ndern und meint nur, ob er denn ernsthaft glaube, dass irgendein Schaffner darauf jemals reingefallen wĂ€re. Rudi zuckt nur die Achseln. "Mit dem Mut der Verzweifelung".
Der Vater kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Er fragt Rudi, wie es jetzt weitergehen soll. Angie schlÀgt vor, dass er doch mit ihnen zum Titisee fahren könne, weil er ja nicht mehr nach Hause kann, seine Eltern sind doch in Amerika. Ihre Eltern schauen sich derweil vielsagend an.
"Ach, in Amerika?"
Rudi schĂŒttelt nur wortlos den Kopf.
"Und wo sind deine Eltern?", fragt der Vater.
Rudi schaut auf die Uhr. "Meine Mutter arbeitet jetzt noch im Supermarkt."
"Und dein Vater?"
"Weiß ich nicht. Meine Eltern sind geschieden", muss er zugeben.
Die Mutter will ihn mit dem nĂ€chsten Zug wieder nach Aachen zurĂŒck schicken, aber es ist schon spĂ€ter Nachmittag und er gesteht auch, dass er kein Geld mehr hat.
"Ach herrje, auch das noch", kommentiert sie sein zweites GestĂ€ndnis. Zur Bahnhofsmission will er auf gar keinen Fall und Angie bittet wieder darum, dass er doch mit ihnen zum Titisee kommen darf, von wo aus er seine Mutter anrufen und ihr sagen könne, dass alles OK ist und dass er am nĂ€chsten Tag das Geld fĂŒr eine RĂŒckfahrkarte bekommt und er könne doch die eine Nacht mit ihnen in der Ferienwohnung bleiben. Die Eltern sehen sich kurz an und sagen ihm dann, dass er, wenn er denn will, mitkommen könne. Rudi freut sich. Angie auch.
Rudi sagt, dass sie sich jetzt aber beeilen mĂŒssen, denn der Zug in Richtung Seebrugg fĂ€hrt in vier Minuten von Gleis 7. Schon zum zweiten Mal an diesem Nachmittag auf dem Freiburger Hauptbahnhof kann sich der Vater das Grinsen nicht verkneifen: "Na, wenn wir dich nicht hĂ€tten."


5. Nur eine Nacht am Titisee

Der Zug, mit dem sie weiterfahren, steht lange im Bahnhof "Himmelreich" und die Mutter fragt, warum es denn nicht weitergeht. Rudi erklĂ€rt, dass sie auf den Gegenzug warten mĂŒssen, weil die Strecke hier nur eingleisig ist. Angie will wissen, ob er schon mal hier war. Rudi verneint und erklĂ€rt, dass es einen Streckenplan der Höllentalbahn im Kursbuch gibt und darauf sieht man, dass die Strecke eingleisig ist und auch, dass sie elektrifiziert ist.
Als es weitergeht sagt der Vater, dass sie jetzt gleich ĂŒber eine schöne hohe BrĂŒcke fahren.
"RavennabrĂŒcke", sagt Rudi und fĂŒgt hinzu: "Steht auch im Streckenplan".

Am Bahnhof Titisee angekommen, soll er zunĂ€chst seine Mutter anrufen. Er geht in eine Telefonzelle und ĂŒberlegt sich eine Story. Er kann seiner Mutter, die nicht einmal ahnt, dass er nach Köln gefahren ist, unmöglich erklĂ€ren, dass er gerade im Schwarzwald ist. Aber zu Hause nimmt ohnehin niemand ab. Er ruft daraufhin bei der Oma an und versucht herauszuhören, ob er schon vermisst wird, denn die Mutter hĂ€tte in dem Fall als Erstes die Oma angerufen. Aber die Oma weiß von nichts. Er sagt ihr daher eher beilĂ€ufig, dass er bei Markus sei. Er ist nĂ€mlich immer "bei Markus", wenn er eine Story braucht, denn es gibt drei Typen namens Markus in seiner Klasse. Und wenn wirklich jemand bei einem der Markus-Typen das Alibi prĂŒfen sollte, dann kann Rudi immer noch sagen: "Ach, diesen Markus meinte ich doch gar nicht".
Er sagt der Oma, wenn die Mutter anruft, solle sie sich keine Sorgen machen, er bliebe ĂŒber Nacht "bei Markus". Die Oma findet es nicht gut, dass er einfach so wegbleibt, aber mehr kann er jetzt nicht tun und damit sieht er seine Pflicht als erfĂŒllt an.
Auf die Frage, ob er seine Mutter erreicht hat, sagt er: "Nein, aber die Oma weiß Bescheid. Alles geregelt."

Von der Terrasse der Ferienwohnung kann man den ganzen Titisee ĂŒberblicken. Rudi schaut auf sommergrĂŒne HĂŒgel und TĂ€ler unter einem weiten blauen Himmel. Auf dem See schaukeln kleine weiße Dreiecke in einer leichten Brise.
"Ich kann auch ein kleines bisschen Segeln", erzÀhlt Angie nicht ganz ohne Stolz.
"Cool. Ich habe noch nie selbst ein Boot gefahren."
"Aber schwimmen kannst du doch, oder?"
"Na klar. Bis da drĂŒben zur anderen Seite, wennÂŽs sein muss."
"Prima", sagt sie. "Dann weiß ich nĂ€mlich, was wir heute Abend machen."

Die Eltern haben Abendessen gemacht und Rudi sitzt mit der Familie zusammen am Tisch, den sie hinter dem Haus auf die Wiese unter einen Baum gestellt haben. Ein paar Teelichter brennen schon, obwohl es noch lange nicht dunkel ist.
Sie haben einen Garten, denkt er. Und sie essen ihre Spaghetti auch nicht nur mit Ketchup.

Die Eltern wollen mit den Kindern nach dem Essen noch etwas spielen, aber Angie will mit Rudi noch mal raus. Sie bekommt Geld, damit sie sich ein Eis kaufen und auch ein Tretboot mieten können.
"Kommt zurĂŒck, wenn ihr soweit seid, Angie kennt sich hier ja aus", sagen die Eltern, ohne ihnen eine Zeit vorzugeben.

Als sie mit dem Boot auf dem See sind, fragt er Angie, ob ihre Eltern eigentlich sehr reich sind. Sie sagt, dass sie glaube, die Ferienwohnung sei nur gemietet. Rudi meint, weil sie es sich leisten können, mit dem "Rheingold" zu fahren.
"Ist der denn so teuer?"
"Nur erste Klasse", sagt er.
"FĂ€hrst du sonst nie erste Klasse?"
"Ich bin eher der zweite Klasse-Typ."
"Aber darauf kommt's doch nicht an", sagt sie. Und als wolle sie ihn trösten: "Das sind doch nur ZĂŒge."
Rudi weiß, dass ZĂŒge fĂŒr Menschen wie ihn eben nicht einfach "nur ZĂŒge" sind, aber trotzdem gefĂ€llt ihm, wie sie das gerade gesagt hat.
Die DĂ€mmerung ist hereingebrochen und ĂŒber dem Waldhang an der Ostseite des Titisees, an dem die Bahnstrecke steil bergauf nach Feldberg-BĂ€rental verlĂ€uft, geht ein heller Halbmond auf.
"Lass uns zum Mond fahren", sagt Angie und lenkt das Tretboot hinĂŒber zu der silbernen Spiegelung im Wasser.

In der Ferienwohnung teilen sich die Eltern und die beiden kleinen BrĂŒder je ein Schlafzimmer. Rudi bekommt zum Schlafen eine Luftmatratze und er legt sie neben das Sofa im Wohnzimmer, auf dem Angie schlĂ€ft.
Als er aus dem Badezimmer kommt, bemerkt er, dass er seine Tasche mit offenem Reißverschluss auf dem Boden stehen gelassen hat und dass Angie hĂ€tte hineinsehen und die Schilder entdecken können. Aber sie sagt nichts darĂŒber, vielleicht weiß sie auch gar nicht, was das ist, sie kĂ€mmt stattdessen ihre langen dunkelblonden Haare. Rudi sagt: "Loreley-Haare". Sie lĂ€chelt und wĂŒnscht ihm gute Nacht. Er schließt den Reißverschluss der Tasche und ist ganz sicher, dass sie nichts gesehen hat.

Am nÀchsten Morgen steht Angie vor einem Spiegel. Sie trÀgt ein Kleid im Stil einer SchwarzwÀlder Tracht. Die Mutter wundert sich, dass sie es anzieht, weil sie das ja sonst nicht so oft trÀgt. Rudi sieht Angie zu. Sie sagt: "Meine Oma hat mir das Kleid geschenkt. Meine Oma stammt nÀmlich aus dem Schwarzwald". Er stellt sich neben sie vor den Spiegel und zeigt auf seine billige C&A-Jeans, die an den Knien bald durchgescheuert und auch nicht mehr wirklich sauber ist: "Meine Mutter hat mir diese Hose gekauft. Meine Mutter stammt nÀmlich aus dem Ruhrpott." Beide fangen an zu lachen.

Die Mutter meint, dass Rudi bald zum Bahnhof mĂŒsse. Er sagt, dass er noch etwas Zeit hĂ€tte, wenn er ab Freiburg den "Lötschberg" um 14:50 Uhr nimmt.
"Was fĂŒrÂŽn Berg nimmst du?", fragt einer der kleinen BrĂŒder.
"Intercity 106 Lötschberg, Zugstammlauf Brig-Hamburg Altona mit Kurswagen aus Interlaken", erklÀrt er. Die Eltern und Angie grinsen.
"Du bist schon ÂŽne Type", sagt der Vater. Rudi ist stolz auf das Kompliment, auch wenn er es nicht direkt zeigen will.

Die Familie bringt ihn zum Bahnhof, das ist Ehrensache, und sie kaufen ihm auch die Fahrkarte nach Aachen. Angie trĂ€gt das Schwarzwaldkleid und sie gehen nebeneinander durch die kleine Ortschaft, die den gleichen Namen trĂ€gt wie der See. Der grĂ¶ĂŸere der beiden kleinen BrĂŒder will Rudi zum Abschied etwas schenken und Rudi schaut sich in einem Souvenir-Kiosk um und entscheidet sich fĂŒr eine Ansichtskarte vom Titisee.

"Wir haben noch gar kein Foto von uns allen gemacht", meint Angie daraufhin. Doch die Kamera des Vaters liegt zu Hause und so bleibt ihnen nur der Passbildautomat am Bahnhof. Aber da passt nicht die ganze Familie rein.
"Macht ihr beiden mal", sagt die Mutter zu Angie und Rudi und wirft Geld in den Automaten. Es kommen vier Fotos raus, die alle in einem Streifen zusammen hÀngen.
"FĂŒr jeden zwei", sagt Rudi und will den Bilderstreifen in der Mitte vorsichtig durchreißen. Aber Angie hĂ€lt ihn auf, lĂ€sst sich das Schweizer Taschenmesser von ihrem Vater geben und schneidet die Fotos sauber an der Kante durch.

Der Zug kommt und Rudi verabschiedet sich von Vater und Mutter mit einem HĂ€ndedruck.
"Danke fĂŒr die Fahrkarte. Ich bezahl Ihnen das irgendwann zurĂŒck."
"Brauchst du nicht", sagt der Vater. "Aber einen Gefallen musst du mir schon dafĂŒr tun."
"Klar."
"Keine Extratouren und keine Umwege. Auf dem direkten Weg nach Aachen."
Rudi grinst. "Versprochen".
"Sorgen muss man sich ja sonst nicht um dich machen, oder?", fragt die Mutter. "Das mit den ZĂŒgen hast du ja drauf."
"Ja, hab ich", sagt er.
Bevor er einsteigt, steht er noch vor Angie. Erst wissen beide nicht so recht, was sie tun sollen, dann umarmt sie ihn und sagt TschĂŒss.
Als der Zug abfÀhrt, winkt er aus dem offenen Fenster und die Familie winkt ihm hinterher, bis der Zug verschwunden ist.


6. Die Loreley hat kein GedÀchtnis

Rudi steht am Bahnhof in Freiburg, ziemlich am Ende des Bahnsteigs. Der Zug fĂ€hrt vor ihm ein, viele Wagen mit Laufweg Brig-Hamburg. Er schaut bei jedem vorbei rollenden Wagen auf das Außenschild und sagt vor sich hin: "Hab ich schon, hab ich schon, hab ich schon..." Schließlich hĂ€lt der vorletzte Wagen des Zugs vor ihm an. Es ist einer der beiden Kurswagen aus Interlaken. Rudi sagt: "Hab ich noch nicht", und steigt in den Wagen ein.

Er sucht sich ein leeres Abteil. Er ist jetzt offiziell wieder ein alleinreisendes Kind und so dauert es auch nicht lange, bis ein Schaffner in der AbteiltĂŒr auftaucht und unangenehme Fragen stellt. Aber Rudi ist heute auf der sicheren Seite. Er hat eine gĂŒltige Fahrkarte und er hat eine Story.
Der Schaffner fragt ihn, wo er herkommt und wo er hinfahren will und Rudi erklĂ€rt, dass er mit einer befreundeten Familie am Titisee Urlaub gemacht habe und jetzt wieder zu seiner Mutter zurĂŒck nach Aachen fĂ€hrt. Der Schaffner prĂŒft seine Fahrkarte. Rudi zeigt auch die Ansichtskarte. Er fragt, ob Rudi einen Ausweis dabei hat und der hĂ€lt ihm seinen mehrfach gefalteten und schon deutlich abgenutzten Kinderausweis hin, der seinen angegebenen Wohnort bestĂ€tigt.
"Du fĂ€hrscht also heim", fasst der schwĂ€bische Schaffner die Beweisaufnahme zusammen. Rudi nickt, der Schaffner ist zufrieden, dieses Kind haut offenbar nicht gerade von zu Hause ab, er wĂŒnscht noch eine gute Fahrt und geht.
"ZurĂŒck", sagt Rudi leise und schaut aus dem Fenster, vor dem die grĂŒnen Berge des Schwarzwalds in der Nachmittagssonne langsam im SĂŒden verschwinden. "Nicht heim, ich fahr zurĂŒck."

Kurz vor St. Goar legt sich der Intercity "Lötschberg" in voller Fahrt geschmeidig in eine enge Kurve des Rheintals, wĂ€hrend auf der gegenĂŒberliegenden Flussseite der Loreley-Felsen vorbeizieht. Rudi steht an einer TĂŒr des Wagens und schaut raus, er schaut der Loreley nach. Neben ihm hĂ€ngt ein Schild mit Laufweg Interlaken-Hamburg Altona in der Halterung an der Wand. Er beachtet es nicht, bis hinter ihm jemand aus der Toilette kommt und verschwindet.
Nur noch dieses eine und auch nur als Andenken, denkt er. Und er dreht sich um, schaut in den Gang zurĂŒck, dass ihn auch keiner sieht, und dann die gewohnte Aktion: Tasche auf, Schild rein, Tasche wieder zu und weg. Er geht durch den Zug zwei Wagen weiter nach vorne, ein StĂŒck weg vom Tatort, und setzt sich dort in ein anderes leeres Abteil. Er sieht wieder aus dem Fenster, doch die Loreley ist schon lĂ€ngst wieder verschwunden. Der Zug fĂ€hrt schon durch Boppard.
Die Loreley hat nichts gesehen, denkt Rudi. Und falls sie doch was gesehen hat, dann sagt sie nichts, denn sie hat es wahrscheinlich jetzt schon vergessen. Die Loreley ist schön, aber sie hat kein GedÀchtnis. Sie vergisst alles wieder. Sie ist ja auch nur eine MÀrchenfigur und nicht real.


7. RĂŒckkehr

Am Kölner Hauptbahnhof steigt er aus dem Zug. Am Bahnsteig gegenĂŒber steht ein anderer Intercity. Die TĂŒren sind offen, der Vorraum im Wagen leer, ein Zuglaufschild hĂ€ngt an der Wand neben der ToilettentĂŒr. Aber Rudi kĂŒmmert es nicht. Keine Extratouren und auch kein Risiko, dass womöglich wieder etwas in einer Extratour endet. Er hat es versprochen und was er verspricht, das hĂ€lt er auch.

Der Weg von Gleis 6, auf dem der "Lötschberg" angekommen ist, zu Gleis 8, auf dem der Eilzug nach Aachen abfĂ€hrt, ist nicht weit, aber es reicht, dass ihn prompt wieder ein Junkie anschnorrt, einer der so aussieht, dass er auch ohne Maskenbildner jederzeit fĂŒr einen Zombie-Film gecastet werden könnte. Rudi gibt ihm seine letzten 50 Pfennig, nur um den Kerl schnell los zu werden, und denkt: Seid ihr auch wieder da, na dann ist ja alles klar.

Auch den Typen, die abends im Eilzug nach Aachen fahren, wĂŒrde man nicht unbedingt sein Portemonnaie zur Aufbewahrung anvertrauen, aber das Problem stellt sich fĂŒr ihn heute Abend sowieso nicht. Noch vor Köln-Ehrenfeld wird seine Fahrkarte kontrolliert und er zeigt auch gleich unaufgefordert seinen Kinderausweis vor, um das Prozedere abzukĂŒrzen. Beim Versuch das abgegriffene Dokument wieder in seiner Hosentasche zu verstauen, löst sich endgĂŒltig der nur noch dĂŒnne Knick zwischen den beiden aufklappbaren Seiten und er hĂ€lt den Ausweis in zwei Einzelteilen in der Hand.

Er sieht wieder aus dem Fenster: Ein paar alte GĂŒterwagen in Horrem, das Braunkohlekraftwerk in Niederaußem, von dem man nur die Wolken ĂŒber den KĂŒhltĂŒrmen sieht, die rosa erscheinen, aber das ist nur ein Spiel der letzten schrĂ€gen Sonnenstrahlen. Eine ZuckerrĂŒbenfabrik in der NĂ€he von Sindorf, DĂŒren und das Kohleabbaugebiet in der JĂŒlicher Börde, die untergehende Sonne, einfache Arbeitersiedlungen in Langerwehe, ein weiteres Kraftwerk bei Weisweiler, das schon fĂŒr die kommende Nacht beleuchtet ist, ein einzelnes Schaf, das auf einer Wiese steht und scheinbar keine Herde hat, Eschweiler, wo die Oma allein in einer kleinen Mietwohnung lebt, SchrebergĂ€rten, Stolberg und schließlich Aachen Rothe Erde, das alte GebĂ€ude der Nadelfabrik, das Rudi aber nur erahnt, denn es ist schon so dunkel, dass er im Fenster nur noch sein eigenes Spiegelbild erkennt.
Auch wenn er nicht leugnen kann, dass dies hier, die KBS 480, seine Hausstrecke ist, seine Lieblingsstrecke wird es niemals werden.
Das Viadukt und der Hauptbahnhof. Endstation.

Anders als sonst auf dem Nachhauseweg wirft er dem Hauptbahnhof heute Abend keinen letzten Blick mehr von der Burtscheider BrĂŒcke zu. Er sieht stattdessen zur anderen Seite hinĂŒber, wo im Westen tief ĂŒber dem Wald noch ein letztes orangefarbenes Licht des Tages liegt. Schon ganz im Dunklen liegt in dieser Richtung auch die Abstellgruppe, Rudi erkennt nur eine 215er Lok, vermutlich eine mit bloß aufgemalter Nummer, und sonst nur jede Menge Wagen. Nichts, was ins Beuteschema des Typs von Gleis 8 passt. Und selbst wenn er jetzt da unten zu Gange sein sollte, wollte Rudi heute Abend nicht an seiner Stelle sein.

Vor der WohnungstĂŒr holt er den SchlĂŒssel raus und atmet einmal tief durch. Story oder Wahrheit?
Aber die Mutter sitzt scheinbar entspannt vor dem Fernseher. Womöglich nur ein Trick, um ihn in Sicherheit zu wiegen.
"Ist schon ziemlich spÀt."
"Ich hab doch einen Zettel hingelegt, dass es spÀter wird", sagt er.
"Lag der nicht schon gestern da?", fragt die Mutter.
"Keine Ahnung, was du meinst."
"Na, ich war ja gestern auch sehr spÀt dran, musste lÀnger machen. Du warst wohl schon im Bett", sagt die Mutter.
"Hm hm", murmelt Rudi vor sich hin. Aachen oder Schwarzwald, Bett ist Bett.
Sie will wissen, wo er so lange war. Er sagt nur: "Bahnhof, ZĂŒge".
"Wird dir das nicht bald langweilig?"
"Nee, war ganz OK."
"Such dir doch mal Freunde."
"Vielleicht hab ich ja schon welche", erwidert er.
"Das wĂ€re ja schön", sagt die Mutter, aber Rudi ist schon in seinem Zimmer. Er legt die UmhĂ€ngetasche ab und macht den Reißverschluss auf. "Kommt raus, Freunde", flĂŒstert er lĂ€chelnd. Er holt die Schilder aus der Tasche und stellt sie auf dem Schreibtisch nebeneinander auf. Auch die Ansichtskarte. Auf das schönste "Rheingold"-Schild steckt er das Foto von Angie und sich mit einer BĂŒroklammer oben an die Ecke. Lange und nachdenklich schaut er dann auf das Ergebnis seiner Reise.

Das Foto ist nur aus dem Automaten, denkt er, es wird verblassen, aber die Schilder nicht. Die sind aus PVC. Elf StĂŒck hat er von der Tour mitgebracht und fĂŒnf davon vom "Rheingold". Rudi hat das GefĂŒhl, es lĂ€uft gerade ziemlich gut fĂŒr ihn.

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Penelopeia
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Lieber A. Lipschitz,

ich finde die Geschichte vom "Rheingold" ganz außergewöhnlich! Dir ist es gelungen, einen Sog zu erzeugen, von dem man sich freiwillig mitziehen lĂ€sst - in die Identifikation mit dem kleinen, sympathischen Nerd Rudi...

Den Stil empfinde ich ingesamt als passend: relativ kurze, prÀgnante SÀtze, manchmal könnte eine Formulierung im Konjunktiv stehen, muss aber nicht unbedingt.

Große Klasse!

Herzlich

p.

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a.lipschitz
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Hallo Penelopeia und Alberta,

vielen Dank fĂŒr eure positiven RĂŒckmeldungen.

Ich hatte schon die BefĂŒrchtung, dass ein Text von dieser LĂ€nge und dann auch noch zum Thema "Eisenbahn" eine gewisse Zumutung fĂŒr manchen Leser darstellen könnte. Umso mehr freut mich, dass ihr trotzdem etwas damit anfangen konntet.

Was den Konjunktiv angeht: Mit dem bin ich bewusst ein wenig sparsam umgegangen, weil ich die Sprach- und Gedankenwelt eines 13-jĂ€hrigen möglichst authentisch rĂŒberbringen wollte, und habe dabei der deutschen Grammatik vermutlich hier und da Gewalt angetan.
Ich hÀtte auf die indirekte Rede auch öfter verzichten können, wollte aber auch eine Ausgewogenheit von direkter, indirekter und erlebter Rede erreichen, um nicht zu eintönig zu werden.

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a.lipschitz
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Hallo Arno,
auch dir vielen Dank fĂŒr deine RĂŒckmeldung.
Falls du deine Erinnerungen an deine eigene Zeit als Kursbuchleser einmal niederschreiben möchtest, wÀre ich gespannt sie zu lesen. Zumal man das Thema auch nicht oft in der Literatur findet, abgesehen von einer Kurzgeschichte von Peter Bichsel, die mir als einziges Beispiel dazu einfÀllt.

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