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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ride A Long, Long Chevrolet
Eingestellt am 24. 04. 2004 20:08


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bluesnote
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2002

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Ride A Long, Long Chevrolet



Eine wahre Geschichte.
Die Namen sind verÀndert...,
um die Schuldigen zu schĂŒtzen.

Seit Wochen suche ich ein neues, gebrauchtes Auto.
Mein alter Kadett rostet stark und bleibt hier und da schon mal stehen.
Die Versicherungen streiken. Es gibt keine Vorauszahlung, um mit Bargeld in der Tasche einen Gebrauchten zu erstehen.
Ich kann arbeiten gehen wie ein Bulle, doch mein Sparbuch bleibt verwaist.
Ich fahr beruflich eine Kehrmaschine und reinige Strassen und Werke, Betriebshöfe und Baustellen.

Es war ein Freitag. Feierabend auf dem Waschplatz, geduscht und sauber stand meine dicke Ludmilla neben mir. Der Dreck, der sich im Laufe eines langen Arbeitstages auf ihrer Blechhaut ansammelte, zierte nun meinen Arbeitsanzug.
Ich legte die Pistole des Dampfstrahlers zur Seite und sprach mit einem Kollegen darĂŒber, das ich immer noch kein Auto gefunden hatte, welches ich mir leisten konnte.
Plötzlich kam ein Anruf, > du mußt noch nach eM bE! Die riefen grad hier an, morgen ist Neueröffnung und die Allee, welche zu den Neuwagen fĂŒhrt, ist noch dreckig. <
Ich konnte es mir aussuchen. Den Job sofort erledigen oder den Samstag opfern.
Also sofort erledigen und den Samstag retten!

Ich drehte den SchlĂŒssel im ZĂŒndschloß, kurz danach rollte mein Brummer mich durch das Spalier der Luxusschlitten.
Gemeinheit des Schicksals.
Ich brauchte links und rechts nicht nĂ€her hinzusehen, solche Autos wĂŒrde ich mir niemals leisten können.
Der noble Autohandel und Tuningwerkstatt ist mein Nachbar, ich wohne in einem gemischten Gewerbegebiet.

Einer der reichsten MĂ€nner unseres Landes stand vor dem Hauptportal und schickte mir seinen ersten Leiter, mich einzuweisen.
Wir sprĂŒhten Wasser auf dem Asphalt, reinigten die Strasse, die zu den auf Hochglanz polierten Fahrzeugen fĂŒhrte.
> Morgen ist Premiere! Ich strapaziere ihre Geduld nur ungern, aber könnten wir den Tank ihres Besenwagens noch mal mit Wasser fĂŒllen? Mein Chef hat in der Rinne noch etwas Staub entdeckt! <
Man ist kundenfreundlich. Also, Wasser marsch und noch mal vorbei an den protzigen Karossen.
> Ich hol mal meinen Boss! Er soll mal schauen, ob’s nun gut ist. <
Geduldig warten ich und mein ArbeitsgerĂ€t abseits des Portals. Nach einiger Zeit kommt der Mitarbeiter zurĂŒck, > könnten wir noch mal...? <

Es wurde spÀt! Der Freitagabend war lange angebrochen und der viertel nach acht Spielfilm lief schon einige Zeit.
> Die Strasse ist gleich weggeschrubbt, wĂ€re es nicht besser, ihr Chef macht noch mal ne’ Abnahme? <
Ich konnte den Leiter ĂŒberzeugen.
Ich stand am Anfang der Allee. Ich hatte die Schnauze voll, dauernd an diesen Edelkarossen vorbeigefĂŒhrt zu werden. Überall war es nun schon still im Industriebgebiet.
Mein Brummi öffnete ein Ventil und ließ schnaufend Druckluft ab, ich wartete rauchend neben den Tellerbesen, weitab vom hell erleuchteten Eingang.
Diese Welt ist zu hoch fĂŒr mich.
Der Betriebsleiter kam nach einer Viertelstunde heraus aus dem GebĂ€ude mit dem GrĂŒnder dieses weltweit erfolgreichen Unternehmens.
Sie schauten in die Rinne, gingen die Strasse entlang auf mich zu. Der Spielfilm war jetzt fast zu Ende!

Faltenfreies, strahlendblaues Hemd, Edelkrawatte. Die grauen Haare gestylt und das Gesicht sonnenbankgebrÀunt, so stand der Besitzer der Nobelautoschmiede vor mir.
> Danke! < LĂ€chelnd drĂŒckte er mir eine Minitafel Schokolade in die Hand und lachte mich an.
Mir kam der Gedanke: So fÀngt wahrer Reichtum an?
Die Entlohnung eines reichen Mannes an mich.
Von jedem Bergmann hĂ€tte ich in diesem Fall einen Pott Kaffee, ein PĂ€ckchen Tabak und mindestens fĂŒnf Euro bekommen.
Aber ich wollte nicht undankbar sein. Das LĂ€cheln dieses Herrn war echt, er hatte es gut gemeint!

SpÀter dann auf dem Parkplatz trat ich an mein Auto.
MĂŒde warf ich meine Arbeitstasche durch die geöffnete TĂŒr auf den Sitz, der Mond stand schon hoch am Himmel.
Ich betrachtete meine faltigen, ölverdreckten HĂ€nde und senkte meinen Kopf auf das Dach meiner alten Rostlaube. TrĂ€nen rannen ĂŒber das Blech.
Es waren LachtrÀnen eines bitteren Lachens!
Mir fiel der Text eines alten Songs von ACDC ein:

So if you've got the money, we've got the sound
You put it up and we'll put it down
If you've got the dollar, we've got the song
Just wanna Boogie Woogie all night long
I got holes in my shoes
I got holes in my teeth
I got holes in my socks
I can't get no sleep
I'm trying to make a million
And I got patches on the patches
On my old blue jeans


Sekt oder Selters?
Vom Buffet des Lebens habe ich eindeutig das Ende des gedeckten Tisches erwischt, auf dem ellenlang nur Mineralwasser steht.
Zwischen tausend millionenteuren Luxusautos fahr ich nur eine Kehrmaschine.
Den Sekt trank der Kunde mit seinen GeschÀftspartnern in seinem neuen Palast!
Und auf dem Weg zum Parkplatz sah ich in der Werkstatt der Firma, fĂŒr die ich arbeite, den bE eM meines Bosses stehen, der von den Mechanikern der SpĂ€tschicht eingewachst wurde.
Mein Chef hatte den Spielfilm sicher mitgekriegt.
Ich aber kann arbeiten, bis die Sonne untergeht und hab nicht mal das Geld fĂŒr einen einigermaßen guten Gebrauchtwagen.
Nur fĂŒr einen Moment spĂŒrte ich den Einstich des Speeres der Verbitterung. Dann zog ich die blutige Spitze heraus aus meiner Brust. Ich bin reichlich entlohnt worden, weil dieser Tag fĂŒr mich zu einem Kunstwerk wurde, ohne das ich eine Menge Geld bezahlen musste.
Denn, Freunde! HÀngt uns auch der Arsch voller TrÀnen.
Wir können schreiben! Wir können uns die Zeit und die Muße nehmen, um solch kleine Geschichten aufzuschreiben und um so etwas zu erleben, dafĂŒr bin ich dankbar.

Die Minitafel Schokolade, welche ich geschenkt bekam, werde ich aufbewahren.
Denn sollte ich eines Tages mit meinen Storys ein reicher und berĂŒhmter Autor werden, lasse ich sie mir in Kunststoff gießen. Ich werde sie mir auf das Armaturenbrett meines chromglĂ€nzenden, nagelneuen Autos kleben.
Und wenn ich dann mit meinem langen, langen Chevrolet die Avenue entlang gleite, wird sie mich immer an diesen Tag erinnern. Und auf das ich niemals vergesse, wo ich herkomme!
Und wo wahrer Reichtum anfÀngt.


Im Westen, April 2004

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Monfou Nouveau
???
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Brutal wirklich!

Hi bluesnote,

deine Story hat mich berĂŒhrt. Begeistert. Mitgerissen.

Es scheint mir jedoch unwahrscheinlich, dass der Boss des „weltweit erfolgreichen Unternehmens“ sich ausgerechnet um die Straßenreinigung kĂŒmmert – dafĂŒr hat er wohl andere Leute, Kojoten, Beißhunde, beflissenste Helfer, die ihresgleichen besser und bis aufs Blut peinigen.

Es muss nicht der Konzernchef sein, glaube ich, deine Aussage kommt genauso rĂŒber, wenn es ein Bezirks-, Abteilungsleiter oder ein Stellvertreter ist. Die sind ja oft schlimmer als die wahren Bosse. Der „GrĂŒnder dieses weltweit erfolgreichen Unternehmens“ kĂŒmmert sind um andere Dinge (wenn er denn tatsĂ€chlich noch leben sollte, denn es dauert wohl ein paar JĂ€hrchen bis ein frischgegrĂŒndetes GeschĂ€ft zum weltweiten Autokonzern wird), jedenfalls nicht um den Mann an der Kehrmaschine.

Wie gesagt, ich sehe ĂŒberhaupt kein Problem, wenn du da in der Hierarchie zwei Ebenen runter gehst, es wird in diesem Punkt noch ehrlicher, glaubhafter.

Deine Story ist grandios, was es an Punkten gibt, hast du dir dafĂŒr erschrieben. Selbst wenn die Story noch den einen oder anderen Makel hĂ€tte – ich habe beim ersten Lesen aufs Ganze geachtet -, der gesellschaftliche Aspekt deines Textes, die Sicht des Malochers, des Arbeiters, ist etwas, was einen Haufen bittere RealitĂ€t in die Geschichte trĂ€gt - darum habe ich die Geschichte doppelt gern gelesen.

Deine Geschichte riecht nach Schweiß, sie schmeckt nach Schmiere und Öl! Sie ist brutal wirklich und dennoch nicht ohne Hoffnungsprinzip!

Ich kann dir dazu nur entschieden gratulieren!

Monfou

PS:
Am Ende der Geschichte gehst du etwas ins Allgemeine, ziehst den Schluss, dass man schreiben kann ĂŒber das Elend, das geht vielleicht ĂŒber den Horizont des Geschehens zu weit hinaus. Gestört hat es mich nicht, aber ich habe es registriert als etwas, was stören könnte.

PPS:
Janis Joplins Mercedes-Song passt exzellent als Motto.

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bluesnote
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Tatsachenbericht!

Hallo Monfou

Ich geb dir recht, mein Text gibt dem Leser nicht genug Informationen mit.

Die Story ist wirklich so passiert, ich bin der Kehrmaschinist.
Der Konzernchef war anwesend, weil hinter seinem ersten alten Werk das neue errichtet wurde und der "BigBoss" wohnt in der NĂ€he. Es war Abend, also die letzten Stunden vor der grossen Premiere am Morgen.
Der Chef schickte mir ja auch regelmÀssig seinen Leiter aus dem Hauptportal heraus.

Ich befĂŒrchtete, das meine Zeilen in der Jetztzeit am Anfang und ein Satz am Ende die ĂŒbrige ErzĂ€hlung in der Vergangenheit eher stören.

Der Rest passt nicht mehr so richtig in die RealitÀt. Ich wusste nicht, wie soll ich ihn erklÀren, meinen ersten Gedanken: So fÀngt wahrer Reichtum an.
Ich hielt es fĂŒr Geiz im ersten Moment; so' ne doofe Tafel Schokolade. Aber er hat es wirklich gut gemeint. Das mir die ganze Sache seltsam vorkam, habe ich mit einem wahrscheinlich zu lĂ€ssigen Satz erklĂ€rt: Diese Welt ist zu hoch fĂŒr mich.
Ich stand mit meinem Brummer auch lieber weit weg vom Portal.

Lieber Monfou, wie immer hat mir dein Kommentar eine Menge Aufschluss ĂŒber meine "Schreibe" gegeben. Ich möchte dir dafĂŒr danken!

Viele GrĂŒsse.

Udo

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Penny
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Registriert: Apr 2004

Werke: 4
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Hi bluesnote,
Deine Geschichte hat mir gut gefallen. Sie hielt mich bis zum Ende fest. Der Grundgedanke ist zwar schon oft verwendet worden, aber doch noch auf jeden Fall erwÀhnenswert.
Allerdings ist eine Moral sehr viel effektiver, wenn sie angedeutet wird und der Leser sich den Rest selbst denken darf.
Aber ansonsten ist die Geschichte wirklich simpel und eben genau passend geschrieben. War schön sie zu lesen!
Lieben Gruß
Penny
__________________
Penny Lane

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Pali
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Nov 2002

Werke: 8
Kommentare: 29
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Ich fand's gut. Der Text fließt gut, liest sich schön und flĂŒssig, aber ab einer Stelle hat's mich n bisschen aus dem Flow gezerrt:

quote:
Wir können schreiben! Wir können uns die Zeit und die Muße nehmen, um solch kleine Geschichten aufzuschreiben und um so etwas zu erleben, dafĂŒr bin ich dankbar!

Die Minitafel Schokolade, welche ich geschenkt bekam, werde ich aufbewahren.
Denn sollte ich eines Tages mit meinen Storys ein reicher und berĂŒhmter Autor werden, lasse ich sie mir in Kunststoff gießen. Ich werde sie mir auf das Armaturenbrett meines chromglĂ€nzenden, nagelneuen Autos kleben.


Bah, Holzhammer. Wie schon die gute Penny angemerkt hat, da passt keine Moral. Ich wĂŒrd's wie der alte Bukowski machen: Einfach Ende und fertig. Wenn's gut geschrieben ist (und das ist es in diesem Falle), dann kann sich der Leser den Rest selber denken.

__________________
Ich lebe ĂŒber meinen VerhĂ€ltnissen, aber unter meinem Niveau.

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bluesnote
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2002

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Ist was wahres dran

Hallo Penny, hallo Pali

Es stimmt, jetzt, wo ich mir die Story noch ein paar Mal in Ruhe durchgelesen habe: das Ende passt nicht.
Gehört auch eher nicht in eine Kurzgeschichte, sondern in ein Vorwort.


Danke fĂŒr eure Hinweise!

Viele GrĂŒsse.

Udo

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