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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Rita lebt
Eingestellt am 24. 12. 2007 13:18


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Haarkranz
???
Registriert: Oct 2006

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Rita lebt.

Ich versuche die rote Wolke im Hirn loszuwerden. Kommt, geht, kommt, geht, wabert hinter der Stirn. Kann die Augen nicht aufmachen, die Lider wie verklebt. Wach werden, Uwe! Ja? Keine Antwort. Bin das ich? Hab ich gesagt, wach werden, Uwe? Scheint so. Aber jetzt bin ich wach, muss gegen die Schwere k├Ąmpfen. Uwe! Ja? Ich wei├č, bin unterwegs, muss aufstehen. Aufsetzen. Geht nicht. Komm nicht hoch. Schei├če, was ist das? Da ist was, h├Ąlt mich was fest. Nochmal, dr├╝cken, fest dr├╝cken. Mann! Keinen Zentimeter. Einen Moment nur, nicht wieder einschlafen! Aufwachen!
Jetzt konzentrieren, muss mir den Uwe vorstellen. Aber der bin doch ich. Klar, ich bin der Uwe. Wie weit weg bin ich? Seh mich irgendwo mit ner Flasche Bier. Durst, jetzt wei├č ich was mit mir ist. Ich verdurste! Also aufstehen, trinken! Geht nicht! Geht schon wieder nicht. Da h├Ąlt mich was, ein Riemen, nein zwei Riemen quer ├╝ber der Brust. Da rutsch ich durch, geh nicht, die Beine sind auch fest. Schreien! Da hilft nur schreien.
Br├╝ll Uwe, br├╝ll! Genug, wird jemand geh├Ârt haben.
Wie komm ich hierher, bin nicht zuhaus in meinem Bett. ├ťberlegen, eins und eins zusammenz├Ąhlen. Komm Uwe, rei├č dich zusammen, nicht wegd├Ąmmern. Z├Ąhlen, eins, zwei, drei, vier, f├╝nf, sechs, sieben, sieben, sieben, sieben, Uwe, acht, acht. Wer sagt da acht? Ja wer schon, ich, ich hab acht gesagt. Kann nicht mehr. Wie komm ich hierher? Zur├╝ck, zur├╝ck, wie war das, du musst es wissen, warst dabei. Warum sag ich immer du zu mir? Bin doch ich, ich!
Nein, nicht ausruhen, denk nach, nein, nicht du! Ich denk jetzt nach.
N├Ąchste Woche haben wir Silberne Hochzeit, freuste dich, hat die Rita gefragt. Ich hab genickt. Komm, sei nicht so miesepetrig, Uwe, sagt sie, und strich mir ├╝ber den Kopf. Ich nahm ihre Hand. Tu nochmal, bat ich. Sie strich mir nochmal ├╝ber den Kopf, bis runter zum Nacken, hat mich z├Ąrtlich gekniffen und nu komm gesagt. Ich fing an zu weinen.
Rita setzt sich mir auf den Scho├č, putzt mir mit ihrem Taschentuch die Nase. Du bist nicht der Einzige mit Hartz IV, tr├Âstet sie mich. Millionen leben mit Hartz IV. K├Ânnen wir uns bei dem feinen Herrn Schr├Âder bedanken, dem Arbeiterf├╝hrer mit den dicken Zigarren und den teuren Anz├╝gen. Seit wann w├Ąhlen wir SPD, Uwe? Immer schon, wir Ochsen.
Ja so war das, sie sa├č auf meinem Scho├č am K├╝chentisch, und wir sprachen von der Silberhochzeit und der SPD.
Dann, es war schon nach zehn, sind wir schlafen gegangen. Die Rita ist nochmal zu mir r├╝bergerutscht, hat mir en Gute Nacht Kuss gegeben und gesagt, Uwe schlafen, nicht gr├╝beln. Jetzt f├Ąllt es mir wieder ein: Ich hab gedacht, du hast mit deinem Job als Beamtin gut reden, dich k├Ânnen die nicht einfach vor die T├╝r setzen.
Also da bin ich jetzt, wie ging das weiter?
Der n├Ąchste morgen war ein Samstag, Rita musste nicht ins B├╝ro, kein Wecker. Ich werde immer fr├╝h wach, alte Gewohnheit. Wenn du 32 Jahre um sechs aus den Federn bist, wirste um sechs wach, brauchste keinen Wecker.
Ich auf Zehenspitzen raus, unterwegs mein Zeugs geschnappt, die T├╝r leise hinter mir zugezogen. Rita hat nix gemerkt. Ich mich angezogen, die zwei Treppen ins Parterre runter, die Zeitung geholt. So, die konnt ich in Ruhe studieren, B├Âcks machten den Laden erst um halbacht auf, da gibt es frische Br├Âtchen. Dann den Tisch decken: Br├Âtchen mit zwei Scheiben mittelaltem Gouda und Quittengelee von unserem Baum im Schrebergarten. Wenn ich den Kaffee aufbr├╝h, mach ich die Schlafzimmert├╝r weit auf, damit Rita der Kaffeeduft in die Nase steigt, da ist die ruck zuck auf den Beinen.
Das geht doch, hab ich prima hingekriegt, jetzt frag ich mich, warum bin ich hier festgeschnallt?
Hab alles gemacht wie immer, nur wie ging das weiter, ich seh Rita nicht. Die kam sonst tip tip, durch die K├╝che gelaufen, sagte, eben Pipi machen, das Klo rauschte, und? Da war kein Klorauschen und keine Rita. Gott, was tut mir der Kopf weh, ob die mich geschlagen haben? Jemand muss mich doch hier festgemacht haben, ich bin doch nicht zuhaus! Uwe, Uwe! H├Âr auf zu rufen, ich bin so verdammt kapput, einen Augenblick ausruhn muss ich, einen winzigen Augenblick.
Rita, wo bist du? Da steht die Carmen.
Wie war das, die Carmen hat geschellt und ich hab auf gemacht. Na endlich, sagt die zu mir, was ist los?
Ich sitz auf dem Balkon, hab ich gesagt, kann sein, dass ich das Telefon nicht geh├Ârt hab, bei dem L├Ąrm von der Stra├če. Aber komm rein, die Mama schl├Ąft noch.
Wie, die schl├Ąft noch? Ist sie krank, und warum erfahr ich das nicht? Unser Carmen ist so.
Jetzt wei├č ich wieder nicht weiter, wie war das noch?
Doch, ich hab den Kaffeeduft ins Schlafzimmer ziehen lassen und auf Rita gewartet, dass sie tip tip kommt, aufs Klo geht, das Wasser rauscht. Aber nix war.
Rein gar nix. Verdammt, wie war das noch. Komm Uwe, erinnern! Ich bin, glaub ich, zu ihr hin ans Bett, da lag sie so friedlich mit nem L├Ącheln um die Lippen, da hab ich sie schlafen lassen. Sollt der Kaffee doch kalt werden, den konnt ich neu aufbr├╝hen. Mich auf den Balkon gesetzt. Ab und zu bin ich gucken gegangen, aber die Rita konnte nix st├Âren. Gegen Mittag wurd es mir dann doch mulmig, ich hab sie leise gestreichelt, so ganz sanft ├╝ber die Stirn und ├╝bern Arm, der auf der Bettdecke lag. Die ganze Zeit schon, lag der Arm auf der Bettdecke. Die Rita f├╝hlte sich so k├╝hl an, merkw├╝rdig dacht ich, und bin schnell zur├╝ck auf den Balkon.
Als es dunkel wurde, bin ich neben Rita in mein Bett gekrochen, und hab bei mir gedacht und es dann lieber gelassen. Was half das denken, wohin f├╝hrt dich das, Uwe, hab ich dann doch wieder gedacht, aber nur wohin f├╝hrt dich das, Uwe, sonst nix.
Am n├Ąchsten Morgen hab ich wie immer die Zeitung geholt, Kaffee gekocht und die Br├Âtchen vom Vortag, die wir ja nicht gegessen hatten, aufgew├Ąrmt. Als der Kaffeeduft durch die Stube zog, keine Rita. Ich hab mit dem Geschirr geklappert, selbst ein Br├Âtchen mit Gouda gegessen, eine Tasse Kaffee getrunken und wieder raus auf den Balkon.
Weiter war nichts, der Tag verging, als es dunkel wurde bin ich neben Rita in mein Bett und sp├Ąter hat die Carmen geklingelt.
Jetzt wei├č ich wieder alles, die fragte, ob die Mama krank w├Ąr, und warum sie das nicht erf├╝hre, und geht durch ins Schlafzimmer zu Rita, schreit: ÔÇ×Wie kommen die Fliegen hier rein?ÔÇť Und bevor ich was sagen konnte, schreit sie: ÔÇ×Mama! Die Mama ist tot! Was machst du, Papa, wie lang liegt die Mama schon hier, mach die Balkont├╝r zu, da kommen immer mehr Biester rein. Hast du ein Fliegenspray.ÔÇť Das sagt sie alles auf einmal, zwischen Weinen, Schluchzen und Fragen, wann und wie das passiert w├Ąr.
Ich sag, Kind, wie kannst du so was sagen, die Mama schl├Ąft. Die schl├Ąft schon seit Samstag. Ich hab sie nicht geweckt. Mama hat schon mal so lange geschlafen, da warst du noch nicht auf der Welt.
ÔÇ×Papa, sie atmet nicht, siehst du das nicht! Gib mir endlich den Spray, damit ich die widerlichen Fliegen kapput machen kann.ÔÇť
Ich hab ihr den Spray gegeben, sie hat das Zimmer eingenebelt und nachher lagen sechs dicke gr├╝ne Fliegen auf Ritas Bettdecke. Carmen hat Dr. Schubert angerufen, dem erz├Ąhlt, ihre Mutter l├Ąg tot im Bett.
Mein Verh├Ąltnis zu unserer Tochter war nie besonders, aber jetzt musste ich an mich halten, sonst h├Ątte ich die umgebracht. Die Art wie die in mein und Ritas Leben einbrach, den Doktor und sp├Ąter den Bestatter anrief. Ich blieb auf dem Balkon. Als der Doktor fertig war, kam er raus zu mir und kondolierte. Ich erkl├Ąrte ihm, f├╝r mich ist sie nicht tot, f├╝r meine Tochter vielleicht, f├╝r mich nicht.
Dann kam der Bestatter und wollte Rita mitnehmen. Der Doktor stand noch bei mir auf dem Balkon, als Carmen dazu kam und sagte: Papa bitte. Pl├Âtzlich war da die wabernde rote Wolke.

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Samara
Guest
Registriert: Not Yet

sehr bewegend, menschlich
hab ich gern gelesen und lass die Geschichte in mir nachklingen

LG
die Sam

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