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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Rita und Gunnar
Eingestellt am 13. 12. 2015 00:57


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Arno Abendschön
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An einem Sonntagabend mitten im Sommer trieb er sich mit einer Gruppe junger Leute in Wilmersdorf herum. Sie waren auffallend angezogen und neigten zu kleinen Eskapaden. Er zog mit ihnen von einem CafĂ© ins andere. Alle gaben sich schriller, als es ihrem Wesen tatsĂ€chlich entsprach – stellte er spĂ€ter fest. Der exzentrischste von allen war ein großer, schlanker junger Mann, der mit seinen langen, dunklen Locken aussah wie das bekannte Selbstbildnis des jungen DĂŒrer. Zwei pinkelten in der Ludwigkirchstraße in einen Hausflur.

Es waren auch zwei junge Frauen darunter, die, wie man es im Tierreich oft findet, im Vergleich zu den mĂ€nnlichen Exemplaren etwas unscheinbar wirkten. Rita, die eine von ihnen, war klein, ein biederes, vernĂŒnftiges BĂŒromĂ€uschen. Sie schien die Königin der Truppe zu sein. Ben war zum ersten Mal mit ihnen unterwegs und verstand nicht, welche KrĂ€fte da wirksam waren.

Dann saß er mit den anderen in Ritas kleiner Wohnung herum. Alle stichelten gegeneinander, man kannte sich schon allzu gut.

Sie redeten auch ĂŒber ein Haschlokal in der NĂ€he, das in der letzten Nacht ausgebrannt war. Auf dem Weg hierher hatten sie die StammgĂ€ste vor der Ruine hocken sehen, leise vor sich hin grummelnd, ihres Marktes beraubt. Obwohl fast alle noch in jungen Jahren, wirkten sie schon Ă€ltlich.

Ben sah am liebsten zu dem hĂŒbschen Blonden hinĂŒber. Er hieß Gunnar, war BeamtenanwĂ€rter und auf den ersten Blick recht attraktiv. Er bewegte sich knabenhaft kess mit Anwandlungen von junger Fraulichkeit dazwischen. Dabei schien er gut erzogen, nicht dumm, nicht ungebildet. Er sagte, er liebe es, wenn zu Hause im Hintergrund das Radio leise laufe. Das beruhige ihn, da könne er besser lernen. Manchmal lachte er aufreizend. Das kam Ben wie ein Versprechen vor, wie eine Andeutung irgendeiner Rebellion oder von gemeinsam zu erlebender Unzucht.

Rita verschwand mit Gunnar in der KĂŒche. Sie schienen sich zu streiten. Die anderen wiesen bedenklich mit dem Kopf zur Wand hin. Was ging da vor? Da kam Gunnar heraus, mit rotem Kopf, sah sĂŒĂŸ und ungezogen aus.

Gunnar sagte: „Bei allen toleriert sie es, nur bei mir nicht.“ Er sagte zu einem blonden Schönling – er war auch noch Friseur -: „Komm, gehen wir.“ Ben begriff erst jetzt, die beiden waren ein Paar.

Als sie fort waren, sagte Rita: „Ich hab ihn rausgeschmissen.“ Es blieb fĂŒr Ben unklar warum. Da er erst mit ihr ins Bett gegangen war und neuerdings auch mit Jungen schlief? Rita sagte: „Wenn man einen acht Jahre gekannt hat, vertraut man ihm natĂŒrlich. Ich hab dreimal mit ihm geschlafen, aber es war nichts Richtiges. Er hat mir fast den Globus abgerissen und da hab ich ihm gesagt 
“

Sie hechelten allesamt den Fall noch anderthalb Stunden lang durch, fachmÀnnisch, fachfraulich.

Dann drehte sich das Karussell bis in den Herbst hinein. Ben sah fast jeden Tag Leute aus der Clique. Da gab es ein CafĂ© dicht am Kudamm, das er tĂ€glich am Nachmittag oder am Abend besuchte, allein oder mit Freunden. Es lag da, wo die Uhlandstraße den Kudamm schneidet. Einmal rief ein Busunternehmen an, das Stadtrundfahrten anbot. Ob sie eine FĂŒhrung mit Touristen machen dĂŒrften? Der Barkeeper holte den GeschĂ€ftsfĂŒhrer. „Nein, bedaure, das ist gegen die Prinzipien unseres Hauses.“

SpĂ€ter traf man sich im MC oder einem anderen Nachtlokal am Nollendorfplatz. Manchmal saßen sie alle oder nur einige von ihnen in Ritas Wohnung zusammen. Oder es gab eine Fete bei Gunnar, der bald wieder zum Kreis gehörte. StĂ€ndig wurde telefoniert. Es bildeten sich GrĂŒppchen, Abspaltungen. Der Klatsch blĂŒhte, die Intrige regierte. Man amĂŒsierte sich oder tat so.

„Du, ich mag dich, das ist jetzt keine Phrase. Ich wollte dir auch sagen, dass du sehr hĂŒbsche HĂ€nde hast 
“ Ben fand Herbert ĂŒberspannt. Er zog ĂŒber Gunnar her. Der AnwĂ€rter hatte ihn einmal aus seiner Wohnung hinausgeworfen und ihm das Haustor nicht geöffnet. Herbert war im Hinterhof ĂŒber eine Mauer geklettert und hatte im Nachbarhaus an einer WohnungstĂŒr klingeln mĂŒssen, um auf die Straße gelassen zu werden. Ben verbiss sich das Lachen.

Oder er ging mit Herbert, Gunnar und dem Friseur ĂŒber den Kudamm. Auch der junge DĂŒrer war dabei. Diesem fiel plötzlich ein, er mĂŒsse noch etwas bei Rita abholen. Der Friseur bot sich als Begleitung an. Nach ihrem Weggang sagte Herbert: „NatĂŒrlich muss man flirten dĂŒrfen, aber man sollte doch wissen, wo sein Bett steht.“

VerdĂŒstert pflichtete Gunnar bei: „Ja, und jetzt reden sie dort nur ĂŒber mich.“

DĂŒrer und der Friseur kamen zurĂŒck. Bei Rita sei dieser Max gewesen, nur im Hemd. Die beiden seien gerade auf einem Trip gewesen, nichts mit ihnen anzufangen. Sie saßen dann zu fĂŒnft in Gunnars Wohnung zusammen. Über Gunnars Bett war eine nackte und ĂŒberlebensgroße Papierblondine befestigt, mit roter Rose vor der Vagina. Rita erzĂ€hlte Ben spĂ€ter, Gunnar habe Herbert nicht zum Geburtstag eingeladen. „Er will nicht, dass seine normalen Freunde etwas merken.“ Max sagte, er habe Lust, diese Freunde mal ĂŒber Gunnar aufzuklĂ€ren.

Gunnars Ruf als feuriger Liebhaber litt immer mehr. Herbert tratschte herum, Gunnar sei im Bett ziemlich passiv und das sei fĂŒr ihn, Herbert, recht unbefriedigend gewesen.

Ben saß einmal nur mit dem Friseur in ihrem StammcafĂ© zusammen. Der Friseur sagte. „Herbert hat gestern im MC Fassbinder gesehen 
 Übrigens, ich ziehe nĂ€chste Woche zu Gunnar.“ Er nimmt ihn also auf, trotz der Rose vor der Vagina, ging es Ben durch den Kopf. Das muss Liebe sein 
 Und er selbst wĂŒrde vorerst nicht an Gunnar herankommen. Max und Herbert gaben der jungen Ehe keine große Zukunft. DĂŒrer war anderer Meinung.





Herbert sagte wieder einmal von Rita, die Frau sei fĂŒr ihn gestorben. Und von Gunnar erfuhr Ben, er sei mit Rita in eine Schulklasse gegangen. Erst durch sie war er neuerdings mit Homosexuellen in BerĂŒhrung gekommen. „Sie hat mich bis zuletzt fĂŒr normal gehalten, bis zu diesem Sonntag, du weißt schon 
“

Gunnar verreiste einige Tage. Ben traf den Friseur im CafĂ© und musste sich das anhören: „Auf die eine Art verstehe ich mich recht gut mit ihm, auf die andere weniger. Wahrscheinlich zieh ich bald wieder aus.“

Max setzte sich ein anderes Mal zu Ben und sagte mit wegwerfender Handbewegung: „Gunnar? Was willst du denn mit dem? Das ist doch `ne glatte Fehlinvestition, mein Lieber.“

Ben musste sich eine neue Bleibe suchen. Die alte JĂŒdin, seine Vermieterin, löste ihre Wohnung in der Uhlandstraße auf und zog ins SĂŒddeutsche. Er nahm sich ein winziges möbliertes Appartement in einem Boardinghaus. Die Kleiststraße war gleich um die Ecke, dafĂŒr der Weg ins StammcafĂ© einige hundert Meter lĂ€nger geworden.

Bald danach schlug der Friseur Ben vor, an seiner Stelle zu Gunnar zu ziehen. „Er kann nicht allein wohnen, weißt du. Und ich kann nicht mehr lange bei ihm bleiben.“

Gunnar vertraute sich einige Tage spĂ€ter ebenfalls Ben an. Die Anfangsschwierigkeiten seien ĂŒberwunden, er richte sich auf eine lang dauernde Beziehung zu seinem Freund ein. Ben verstand ihn so: Er will wissen, was mir der andere schon gesagt hat. Dann kamen DĂŒrer und Herbert und bemerkten, der Friseur sehe jetzt alles andere als glĂŒcklich aus. Ob es denn im Bett immer noch immer nicht richtig funktioniere? Gunnar sagte auch ihnen, diese Probleme seien gelöst. Und sie verstĂŒnden sich sogar so gut, dass er seinem Freund bisher die Miete fĂŒr das Zimmer gestundet habe. Herbert und DĂŒrer blickten sich vielsagend an.

DĂŒrer sagte ĂŒber Gunnar in dessen Abwesenheit, der Junge sei ja fade und völlig nichtssagend.

Als Ben den Friseur das nĂ€chste Mal allein traf, bekam er zu hören: „Gott sei Dank, ich hab demnĂ€chst eine neue Wohnung. Wir streiten uns fast jeden Tag. Gunnar ist engstirnig und intolerant, im Grunde ein kleiner Spießer. Aber jetzt ist er wieder zu haben. Na, los doch!“ Er grinste Ben aufmunternd an.

Ben unterhielt sich oft mit Gunnar und kam ihm im GesprĂ€ch allmĂ€hlich nĂ€her. Sie sprachen sich nicht offen aus, doch Ben glaubte sich verstanden. Es hieß, geduldig zu sein und abzuwarten.

Bei Gunnar tauchten jetzt ab und zu weitere Frauen auf. Paula, eine Kollegin des Friseurs, zog vorĂŒbergehend sogar zu den beiden Freunden. Einmal öffnete sie die WohnungstĂŒr und stellte ihm ihre Freundin Silke vor. Silke hatte einen sehr schwul angezogenen Jungen mitgebracht. Aber Paula sagte in der KĂŒche leise zu Ben: „Er ist normal und Silke hat keine Ahnung, was hier los ist.“ Bald kam der Friseur von der Arbeit und behandelte Ben recht kĂŒhl. Als sie aber alle gemeinsam in die Stadt aufbrachen, zwinkerte er ihm zu. Ben fand ihn jetzt sympathischer als Gunnar. In der U-Bahn unterhielt er sich nur mit Paula. Er gestand sich ein, dass Gunnar ihn zu langweilen begann. Sie besuchten eine Bar. Silke betrachtete alles mit großem Interesse und wunderte sich, dass keine Frauen da waren. Sie machte rasch hintereinander verschiedene MĂ€nnerbekanntschaften und war beim Abschied von Ben ihrerseits recht kĂŒhl. Ben verabschiedete sich gleichgĂŒltig von Gunnar. Am Tag darauf fuhr er in den Urlaub, den er noch einmal zu Hause bei den Eltern verbrachte.

Als er nach Berlin zurĂŒckkam, war der Friseur von Gunnar weggezogen. Jeder der beiden erzĂ€hlte allen anderen zu den GrĂŒnden seine eigene Version der Geschichte. Abgesehen von dieser Trennung ging alles weiter wie vor Bens Reise. Man traf sich in kurzen AbstĂ€nden und in wechselnder Zusammensetzung in einem CafĂ©, einer Bar oder einer Privatwohnung. Man erörterte den Stand der Beziehungen eines jeden zu jedem anderen. Bens Zuneigung zu Gunnar kehrte teilweise zurĂŒck. Er probierte Gunnar gegenĂŒber ZĂ€rtlichkeiten aus und gestand sich nachher ein, es seien weniger Tests gewesen, wie weit er gehen könne, als vielmehr Proben, wie stark Gunnar ihn selbst noch reize. So Ă€hnlich prĂŒft der Zahnarzt die VitalitĂ€t eines verdĂ€chtigen Zahns.

Rita wĂŒrzte den Ablauf dieser Herbstwochen damit, dass sie ab und zu weitere alte oder neue Freunde von sich prĂ€sentierte. Es waren immer Homosexuelle. Unter ihnen war Waldemar, ein Handelsvertreter auf der Höhe seiner Zeit. Er liebte politische und andere Diskussionen, wenn sie mit ihm auch regelmĂ€ĂŸig nicht zum Kern der Sache fĂŒhrten, sondern zerfransten. War dies allen deutlich geworden, zog Waldemar sich mit dem enttĂ€uschten Ausdruck eines SpĂŒrhundes zurĂŒck, der in den TrĂŒmmern eines eingestĂŒrzten Hauses keine Leichen gefunden hat.

Waldemar veranstaltete eine Fete. Alle aus Ritas Clique kamen, dazu Freunde von Waldemar. Aus ihrem Kreis erhielt Rita eine Reihe von Einladungen. Sie war wochenlang Abend fĂŒr Abend ausgebucht. Dann konnte sie doch einmal mit Gunnar zu Ben kommen. Sie waren noch nie bei ihm gewesen, in seinem kleinen Vogelbauer.

Ben notierte nachher: Gunnar hat sich einen großen Vorteil dadurch verschafft, dass sein Verhalten mir gegenĂŒber widersprĂŒchlich ist, dass ich ihn nicht fassen kann und ĂŒber seine Vorstellungen von der Zukunft im Unklaren bleibe. Er ist mal spröde, mal betont herzlich, er vernachlĂ€ssigt mich gelegentlich und lĂŒgt sogar und zeigt dann wieder ein Interesse an meinem Leben und meinen Sorgen, das durch Höflichkeit und Lust an Geselligkeit allein nicht zu erklĂ€ren ist. Er ließ es sich gefallen, dass ich ihn zum Abschied auf die Wange kĂŒsste. Doch jede Reaktion blieb aus, die zustimmende wie die ablehnende. Er hĂŒtet sich, irgendeine Stellungnahme abzugeben und behandelt mich nur wie einen guten Kameraden.

Seine beiden GĂ€ste tratschten auch ĂŒber den Friseur. Es hieß, er sei vor seinen Schulden nach Westdeutschland geflohen. Gunnar sagte: „Wegen der Mietschulden werde ich nĂ€chste Woche einen Zahlungsbefehl erwirken.“

Als sie wieder einmal zu mehreren im MC gewesen waren, gab Ben Gunnar nachher auf der noch immer belebten Kleiststraße den Freundschaftskuss. Gunnar war RĂŒhrung anzumerken. Aber die Sache selbst kam nicht voran. Sie sahen sich jetzt seltener.

Gunnar rief wieder einmal an. Der Zahlungsbefehl war hinausgegangen. Sonst hatten sie sich wenig zu sagen. Es war Ben beinahe peinlich zu fragen, wann man ihn denn wieder mal sehen werde. Es hieß, möglicherweise am Sonntagabend im MC.

Im BĂŒro fragte ihn um diese Zeit die junge, hĂŒbsche Frau O. einmal ziemlich schĂŒchtern, ob er vielleicht alleinstehende junge MĂ€nner kenne. Sie plante eine Fete und hatte bisher nur junge Frauen einladen können. Er grinste innerlich und hielt die zutreffende Antwort mit MĂŒhe zurĂŒck: Na, und ob! Ich kenne fast nur solche – und dann noch Rita. Stattdessen wich er aus: Sein Bekanntenkreis sei noch nicht sehr groß. Er war dabei so abweisend, dass sie es nicht einmal wagte, ihn selbst einzuladen. Gewiss, es hĂ€tte seinen Reiz gehabt, mit zwei, drei Schwulen auf einer normalen Party mit FrauenĂŒberschuss aufzutreten: Ritas Masche mal andersherum gestrickt. Aber ich will nicht mehr so viel spielen.

Der subkulturelle Reigen ging pausenlos weiter. Rita konnte Fred, einen von Waldemars Freunden, nicht fĂŒr lĂ€nger an sich binden. Schließlich waren Gunnar und Fred das neue Paar. Es ließ Ben schon kalt. Womit hatte er diese letzten Monate nur vertan?

Ben sah Gunnar wochenlang nicht. Dann entdeckte er ihn eines Abends im MC, wie er mit Max tanzte. Die beiden winkten ihm von der TanzflÀche aus zu.

SpĂ€ter im Herbst rief Gunnar ab und zu wieder an. Manchmal trafen sie sich dann in einem Lokal in Neukölln, das ebenso gut das einzige Schwulenlokal einer westdeutschen Mittelstadt hĂ€tte sein können. Sie spielten dort nur Ă€ltere deutsche Schlager. Die GĂ€ste waren in sich ruhende KleinbĂŒrger aus der Nachbarschaft. Der Kontrast zwischen ihrer allzu offensichtlichen NormalitĂ€t und Durchschnittlichkeit und ihrem besonderen sexuellen Geschmack hatte fĂŒr Ben etwas Exotisches.

Gunnar erwartete dort regelmĂ€ĂŸig Paula. Die Friseuse war inzwischen Barfrau geworden und lebte mit einem Transvestiten zusammen, ausgerechnet in Rudow. Dass manche immer bis an die Grenze gehen mĂŒssen 
 Ben begriff, dass Gunnar im Lokal nicht allein auf sie warten wollte und ihn nur aus diesem Grund dahin bestellt hatte. Doch was ihn frĂŒher gewurmt hĂ€tte, ließ ihn nun kalt. Er konnte sich jetzt viel besser mit Gunnar unterhalten als zu der Zeit, da er vielleicht in ihn verliebt gewesen war.

Gunnar berichtete, er habe inzwischen die Zwangsvollstreckung gegen den Friseur auf den Weg gebracht. NatĂŒrlich werde der nicht zahlen können, wenigstens vorerst nicht. Doch er, Gunnar, könne sich ja Zeit lassen. Wie es schien, begegnete er ihm als Schuldner mit der gleichen GefĂŒhlsstĂ€rke wie frĂŒher als seinem Geliebten. Er legte Ben die Rechtslage dar, sprach mit Verve von Fristen und von Hemmung. Ben dachte: Er hat alle Hemmungen verloren, wahrscheinlich liebt er ihn noch immer. Das also ist die Liebe eines BeamtenanwĂ€rters 


Die ganze Clique traf sich kurz vor Weihnachten noch einmal bei Gunnar, der eine große Fete gab. Und man sah auch neue Gesichter, denn die jungen Frauen hatten ihre neuesten Eroberungen mitgebracht, alles junge MĂ€nner, die sie in den Schwulenbars aufgegabelt hatten. Einer von ihnen war ein guter Knef-Imitator, ein anderer, ein SĂŒdamerikaner, rief in kurzen AbstĂ€nden „Santa Maria! Santa Maria!“. Und als Letzter traf ein Italiener ein, den Paula sich in der Rio-Bar angelacht hatte, die jetzt viel beliebter als das MC war.

Es war der letzte oder, um genau zu sein, der vorletzte Kongress, den sie hatten. Denn einige Zeit spĂ€ter rief Waldemar Ben an und platzte gleich mit der großen Neuigkeit heraus: „Rita hat sich verheiratet!“ – „Wie, verheiratet?“ – „Na, richtig auf dem Standesamt.“

Es war Klaus, ihn hatte es getroffen. Er war ein Kollege von Rita, sie arbeiteten im gleichen GroßraumbĂŒro. Man hatte ihn ihn nie viel sagen hören. Er war meistens da, wo Rita sich zeigte, war hĂŒbsch, sanft, still, schien unaufhörlich die anderen zu beobachten und sich seinen EindrĂŒcken von ihnen zu ĂŒberlassen.

„Aber – ist er nicht stockschwul?“

„Ja, natĂŒrlich.“ Die beiden hatten schon alle nĂ€heren Kontakte zu den anderen abgebrochen. Man sah sie in keinem CafĂ©, in keiner Bar mehr. Als die Übrigen zusammensaßen, gab keiner von ihnen der jungen Ehe irgendeine Chance, nicht einmal DĂŒrer.

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TaugeniX
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Ich kann die einzelnen Stimmen nicht verfolgen, ich höre die Melodie nicht heraus, aber das Klangbild erreicht mich sehr wohl. Das enge Gewimmel der menschlichen Neigungen und Eitelkeiten. Es entsteht das GefĂŒhl von stĂ€ndigen BerĂŒhrungen in einem engen Raum, eine Subkultur wie ein Zimmer, in dem es von Menschen wimmelt.

War es Deine Absicht, dass es keine "Leitstimme" gibt, nicht wahr?

Die vielen Strassen- und Lokalnamen passen zum "Wimmelbild". Nur das "MC" hat mich gestört, weil ich die Abbreviatur nicht kenne und der Klang allein ist ganz farblos. (Wenn jeder normale deutsche Leser diesen Club kennt, nehme ich den Einwand natĂŒrlich zurĂŒck)

Die Passage "er war auch noch Frisör" verstehe ich nicht. Wieso "auch noch"? Aber vielleicht liegt es am SprachverstÀndnis oder irgendwelchen "Interna" der Subkultur.
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Was uns obliegt, ist nicht die Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche, sondern lediglich die Pflicht. Th. Fontane

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Rehcambrok
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Hallo Arno,
es hat mich schon amĂŒsiert wie man in die Gender Problematik eintaucht und es in einen sarkastischen Verschiebebahnhof bringen kann. Es zeugt von vielen Feingeistigen EinfĂ€llen. Nur einmal bist du ĂŒbers Ziel hinausgeschossen. >Die alte JĂŒdin, seine Vermieterin< . Das ist mehr als nur triefendes Klischee, kommt bei mir auch nicht gut an.
MC – ich denke es wird in Berlin auch die AbkĂŒrzung fĂŒr die Bikertreffs sein, oder?

LG Rehcambrok
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Wer Frieden auf der Welt will muss bei den Kindern anfangen .

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Arno Abendschön
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Bei TaugeniX und Rehcambrok bedanke ich mich herzlich fĂŒr die grĂŒndliche Befassung mit meinem Text. Zu folgenden Details ErgĂ€nzungen von mir:

1. Ja, der Eindruck von "Gewimmel" und "Wimmelbild" besteht zu Recht, ist auch so beabsichtigt. Indem Erotisches im Zeitraffer vorgefĂŒhrt wird, soll dessen relative Bedeutungslosigkeit - das ist immer eine Frage der Perspektive, natĂŒrlich - demonstriert werden. Der Held der Geschichte verfolgt halbherzig ein eigenes erotisches Interesse und fragt sich danach: Womit habe ich bloß meine Zeit vertan? Damit, dass ihm Einblicke in die Mechanik der Beziehungen anderer Personen ermöglicht wurden.

2. Der schwule Friseur ist natĂŒrlich ein altbackenes Klischee, das ich mit der Formulierung war auch noch zu ironisieren versucht habe.

3. Das MC gab es in der Tat, nur lautete eine der Initialen anders. Und es war kein Bikertreff ...

4. Zur alten JĂŒdin: Der Kontext ist ja wohl nicht negativ? Und es ist nichts anderes als die Übernahme eines Details aus meinem eigenen Leben. Frl. S., die ich schĂ€tzte und gern mochte, war meine Zimmervermieterin. NĂ€here Bekanntschaft kann man mit ihr in meiner ErzĂ€hlung "Berlin damals" machen (2.Absatz). (Achtung, keine Eigenwerbung, nur Versuch der Selbstrechtfertigung.)

Danke auch fĂŒr die fĂŒr mich erfreuliche Bewertung.

Schönen Morgengruß
Arno Abendschön

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Rehcambrok
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Hallo Arno,
>4. Zur alten JĂŒdin: Der Kontext ist ja wohl nicht negativ? Und es ist nichts anderes als die Übernahme eines Details aus meinem eigenen Leben. Frl. S., die ich schĂ€tzte und gern mochte, war meine Zimmervermieterin<
So geschildert bekommt es einen anderen Zusammenhang. Da der Leser aber nur einen Auszug des Werkes erhÀlt, muss er mit dem sich bietenden arbeiten. Und da man in dem Auszug eben keinerlei Bezug zu der Person bekommt, wirkt es wie das Nazi-Bild. Der Jude = Ausbeuter, schuld an allem usw.!
WĂŒrde vielleicht Sinn machen das Frl. S im Vorfeld zu erlĂ€utern.

LG Rehcambrok
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Arno Abendschön
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Aber, Rehcambrok, wie unschwer aus dem Text zu erkennen, handelt es sich um eine Zimmervermieterin, die einen Teil ihrer eigenen Wohnung untervermietet. Selbst der Àrgste Antisemit kann aus diesem Faktum keinen Honig saugen. Ich habe also mit dem Detail nichts Angreifbares bedient, schon gar nicht das Ausbeuterklischee.

Noch zum Hintergrund, falls von Interesse: Wie aus dem Fassbinder-Zitat zu entnehmen, spielt die Geschichte um 1970. Die ErwĂ€hnung einer jĂŒdischen Zimmerwirtin im damaligen West-Berlin kann als, wenn auch schwacher, Farbtupfer fĂŒr das Lokalkolorit gelten. Diese Viertel, speziell in Charlottenburg, hatten bis 1933 einen zahlenmĂ€ĂŸig hohen jĂŒdischen Bevölkerungsanteil. Er wurde infolge Auswanderung und Holocaust so gut wie ausgelöscht. Doch kamen nach dem Krieg einzelne Juden zurĂŒck in ihre Stadt, darunter diese Zimmerwirtin. Sie war SekretĂ€rin bei einem vormals jĂŒdischen Warenhauskonzern gewesen, dem auch das Haus in der Uhlandstraße gehörte. Da die Wohnung z.T. Möbel von der Jahrhundertwende aufwies, kann ich mir vorstellen, dass Frl. S. nach 1945 in die angestammte Familienwohnung zurĂŒckgekehrt war. Um sie behalten zu können, war sie auf Zimmervermietung angewiesen. Als das nicht mehr ausreichte, gab sie die Wohnung auf.

Ich bin ein bisschen perplex: Reicht schon das Stichwort "jĂŒdisch", um den Antirassismusreflex auszulösen? Gerade bei diesem Stoff hier hĂ€tte doch eine andere Assoziation nĂ€her gelegen, bedenkt man, dass die erwĂ€hnten CafĂ©hausgĂ€ste von schrĂ€g gegenĂŒber unter Hitler auch damit hĂ€tten rechnen mĂŒssen, im KZ zu landen.

Ansonsten nichts fĂŒr ungut.

Arno Abendschön

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