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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ritt auf dem Sündenbock
Eingestellt am 18. 11. 2008 22:14


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moehrle
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Ritt auf dem Sündenbock

Wir treffen uns jeden Abend unten am See, auf der anderen Seite der Stadt. Die Verstoßenen, die Verlorenen, die Verrückten. Dort sind wir unter uns und dort haben wir alles was wir brauchen. Wir können uns am noch härteren Schicksal der anderen laben und müssen nicht mehr völlig neben uns stehen, nur damit wir nicht alleine sind.
Irgendjemand ist immer betrunken genug, dass man ihm den Schnaps, den Wein oder das Bier klauen kann. Manche teilen auch freiwillig, doch das sind nicht viele. Die Schwachen teilen hin und wieder, aber was bleibt ihnen auch anderes übrig? Sie wissen, dass man es ihnen sonst mit Gewalt entreißen würde. So hoffen sie wenigstens darauf eine Gegenleistung zu erhalten, doch die Hoffnung ist meist das einzige was sie bekommen. Man sollte die Hoffnung jedoch nicht unterschätzen, für viele ist sie alles was sie noch haben. Andere haben etwas Besseres als Hoffnung.

Sex bekommt man hier immer. Für viele Normalos ist es vielleicht etwas Besonderes. Ein Ziel, das man nach einer aufregenden Jagd erreicht. Für uns hier ist es keine große Sache. Man nimmt es sich, wenn man Lust darauf hat. Die Frauen hier merken es kaum noch wenn man sie nimmt. Es wird nicht gejagt und schon gar nicht gefragt. Wir ficken wenn wir möchten, wir trinken wenn wir etwas zu Trinken haben, laufen bis wir müde werden und schlafen bis wir erwachen.
Fast niemand hier isst viel. Wir klauben uns hin und wieder etwas aus den Mülltonnen der Anderen, manchmal kauft einer ein Brot und ein bisschen Wurst, aber das war´s. Warum sollten wir essen? Was hätte das für einen Sinn?

Manchmal machen wir ein Lagerfeuer, aber niemand hier würde auf die Idee kommen, sich wie ein Pfadfinder zu aufzuführen. Unsere Feuer geraten oft außer Kontrolle und es kommt vor, dass einer von uns hinein fällt (oder hineingestoßen wird) und zur Belustigung der anderen in Flammen aufgeht. Wen kümmert es? Wir zerstören uns, so wie sie uns zerstören. Niemanden interessiert es und irgendwie sind wir ja auch auf ihrer Seite. Wir können uns auch nicht ausstehen, aber man sollte sich trotzdem besser nicht mit uns anlegen. Wir haben keinen Stolz, aber wir haben Wut, die wir hin und wieder rauslassen. Man muss uns nur einen Grund liefern.
Sie liefern uns regelmäßig Gründe, so wie wir ihnen Gründe liefern uns Gründe zu liefern. Eine komplizierte Sache, wenn man so darüber nachdenkt, doch das tut hier kaum jemand. Nachdenken kostet Zeit und Energie, von beidem haben wir zwar genug, doch nicht dafür. Warum wir das alles tun? Keine Ahnung, ich bin kein Psychologe, ich bin selber schwierig.

Sie kommen angerückt in ihren blau-weißen Karren, mindestens zweimal die Woche, meistens öfter. Wir werfen immer ein paar von den Schwächeren ins Feuer wenn sie kommen, damit sie schon mal wissen wo sie mit uns dran sind und damit es schön hell ist, wenn sie uns zu Boden knüppeln. Wir spucken Gift und Galle, sofern wir davon noch etwas übrig haben. Wir wissen, dass wir keine Chance haben, wir wollen ihnen bloß eine gute Show liefern und ein paar von uns sind wohl geborene Masochisten. Ihnen geht eine ab dabei, wenn sie am Boden liegen und die Arme auf den Rücken gedreht bekommen. Glaube ich zumindest. Ob wir den Polizisten leid tun? Ein paar empfinden vielleicht Mitleid, aber daran verschlucken sie sich schnell, denn Mitleid ist etwas für wundgefickte Pussys.
Sie wissen, dass wir immer wiederkommen und irgendwann werden sie deshalb vielleicht das Gebiet um den See herum einzäunen. Sie warten nur darauf, dass einer von uns dort ertrinkt, dann hätten sie endlich einen Grund. Niemand von uns hat Interesse daran im See abzusaufen und das wird wahrscheinlich auch niemand.
Wir werden alle früher oder später ertrinken, nur langsamer.

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Walther
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2004

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W.
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Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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